Henri Bergsons Zeit und Freiheit - in Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

27 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. Emotionen und Bewusstsein bei Henri Bergson
1.1 Die Bergsonsche Zweiteilung Inneres Ich – Äußeres Ich

2. Freuds Theorie des Bewusstseins
2.1 Psychoanalytische Grundannahmen
- Die Annahme eines ubiquitären Unbewussten
- Die Annahme unbewusster psychischer Strukturen
- Die Annahme unbewusster biographischer Lebenszusammenhänge

3. Das Problem der Freiheit
3.1 Bergsons Determinismus-Kritik
3.2 Das Problem der Sprache
3.2.1 Das Unbewusste und die Sprache
3.2.2 Das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache
3.3 Abstufungen der Freiheit

4. Zeit und Freiheit
4.1 Freiheit als reine Dauer
4.2 Zum Zeitbegriff der Psychoanalyse

SCHLUSSBETRACHTUNGUNDAUSBLICK

LITERATURVERZEICHNIS

EINLEITUNG

In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit dem 1911 in deutscher Erstauflage erschienenen Bergsonschen Frühwerk „Zeit und Freiheit“ auseinandersetzen, indessen ich die Inhalte dieses Buches in den Grundlinien nachskizzieren und kritisch untersuchen möchte. Dies soll in Gegenüberstellung mit den Theorien der Psychoanalyse erfolgen.

Es geht hierbei also nicht um die psychoanalytische Deutung der Bergsonschen Denkansätze, sondern um die Gegenüberstellung und den Austausch verschiedener Theorien des Bewusstseins.

In diese Auseinandersetzung einsteigend erscheint es mir sinnvoll vorab einige Verweisungslinien zwischen Henri Bergson und Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, aufzuzeigen.

Henri Bergson (1859-1941) und Sigmund Freud (1856-1938) sind Zeitgenossen und ihr Denken findet statt in einer Zeit in der sich zugleich die Entwicklung des modernen naturwissenschaftlichen Bewusstseins ereignet, das schließlich zum Umsturz der mechanischen Physik beitrug. Nur genannt seien hier die von Albert Einstein (1869-1955) begründetet spezielle und allgemeine Relativitätstheorie und die von Max Planck (1856-1947) aufgestellte Quantenhypothese, die die herkömmlichen Vorstellungen von Makro- und Mikrokosmos in Frage stellten.[1]

Bergson, der nun wie kaum ein anderer Philosoph die Kritik an den „exakten Wissenschaften“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte und mit seiner Philosophie auf Dimensionen verweist, die sich der Erklärbarkeit der empirischen Wissenschaften entziehen, steht hier in gewisser Nähe zu Freud, der mit seiner Psychoanalyse ebenso eine Tiefendimension der Wirklichkeit erschließt und durch die Entdeckung der Bedeutung des Unbewussten die Möglichkeit und den Nutzen der allgemeinen Logik in ihre Grenzen verwies.

Die Psychoanalyse hat also zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Bedeutung des Unbewussten entdeckt. Damit widersprach sie der ganzen bisherigen Auffassung vom Menschen, die seit den griechischen Philosophen seine wesentliche Auszeichnung im selbstständigen, freien Vernunftgebrauch, in seinem Bewusstsein erblickte. Freud schätzte die Tragweite seiner Entdeckung gar so weit ein, dass er sich, neben Kopernikus und Darwin, in die Reihe derer stellte, die der Menschheit, durch die Dezentrierung des Menschseins, große Kränkungen zufügten.

Beide Denker, sowohl Bergson als auch Freud, stellen die Macht der Vernunft radikal in Frage. Ihr Denken ist geprägt durch ein Misstrauen gegenüber Aufklärung und Rationalismus. Dass diese Auseinandersetzung an Aktualität nichts eingebüßt hat, wird offensichtlich indem wir auf die Möglichkeiten und Erkenntnisse der modernen Gehirnforschung blicken, indes die Frage nach der naturwissenschaftlichen Erfassung des menschlichen Bewusstseins in unserer Zeit wieder besonders virulent geworden ist.

Die Auseinandersetzung mit genannter Thematik gliedert sich wie folgt:

Im ersten Kapitel werde ich die Bergsonschen Ausführungen zu den Empfindungen und Emotionen vorstellen, um so zu einer Vorstellung seiner Theorie des Bewusstseins zu gelangen. Im zweiten Kapitel werde ich den Bergsonschen Auffassungen psychoanalytische Grundannahmen des Bewusstseins gegenüberstellen. Die Arbeit mündet dann ein in das Problem der Freiheit des Bewusstseins. Auf diesem Wege setzen wir uns mit Bergsons Sicht des Determinismus auseinander. Die Bergsonsche Determinismus-Kritik gründet hierbei in der These, dass das wissenschaftliche System kausaler Zusammenhänge auf das Bewusstsein übertragen wird, dieses aber nicht hinreicht, das Bewusstsein in seiner ganzen Tiefe zu erfassen. In Verbindung bringt Bergson diesen Irrtum mit dem Problem der Sprache, die per se nicht dazu in der Lage sei Seeleninhalte und –Vorgänge adäquat wiederzugeben. Dem gegenüber stelle ich die Lacansche Deutung des Unbewussten, das sprachförmig strukturiert und als solches den Möglichkeiten linguistischer Analyse zugänglich sein soll. Im vierten und letzten Kapitel führt die Auseinadersetzungen um Bewusstsein, Sprache und Determinismus ein in das Verhältnis von Zeit und Freiheit. In einer Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse der Arbeit noch einmal zusammengeführt und kommentiert werden.

1. Emotionen und Bewusstsein bei Henri Bergson

Henri Bergson beginnt „Zeit und Freiheit“ mit einer Untersuchung der Emotionen. Er überprüft, inwieweit die Intensität von Emotionen und Wahrnehmungen quantifizierbar sind oder nicht. Unterdessen stellt er fest, dass wir Emotionen landläufig unterscheiden zwischen größer und kleiner, stärker und schwächer usw. D. h. wir benutzen räumliche Vorstellungen, um das innere Erleben von Emotionen mitzuteilen. Diesen Zugang nennt Bergson Quantifizierung. Für Quantifizierungen kommen aber nach Bergson allein extensive Größen in Frage. Emotionen hingegen sind intensiv und folglich durch diese Methode nicht zu begreifen. Trotzdem neigen Menschen dazu, ihre Emotionen zu Quantifizieren, eine Empfindung wird größer, stärker... als eine andere beschrieben.

Die Möglichkeit, dass unterschiedliche Intensitäten daher rühren, dass es sich um stärkere Reizzustände der Nerven handelt, lehnt Bergson als Lösung ab. „Denn es ist zwar möglich, daß die Intensität einer Empfindung auf eine mehr oder weniger bedeutende Leistung hinweist, die sich in unserem Organismus vollzogen hat; im Bewusstsein gegeben ist uns aber nur die Empfindung, nicht die mechanische Leistung. (...) die Intensität bleibt also, dem Anschein nach wenigstens, eine unmittelbare Eigenschaft der Empfindung.“[2]

Bergson stellt nun die Frage, weshalb wir von einer Intensität sagen sie sei größer, höher oder stärker, wir in diesem Zusammenhang also eine größere Quantität oder einen größeren Raum denken. Er geht davon aus, dass wir einer Täuschung unterliegen, nämlich jener, dass wir dazu geneigt sind, Emotionen in ein räumliches Modell zu bringen, um sie dort zu quantifizieren. Dieser Vorgang spielt sich an der Oberfläche des Bewusstseins ab und reicht nicht hin, den psychischen Erscheinungen gerecht zu werden. Denn: „Je weiter man eben in die Tiefen des Bewußtseins hinabdringt, desto weniger hat man das Recht, die psychologischen Tatsachen wie Dinge zu behandeln, die sich nebeneinander aufreihen ließen.“[3]

Es untereilt also Bergson in seinem Modell die Welt in zwei Bereiche. Auf der einen Seite spricht er von der Welt des Ausgedehnten, auf der anderen Seite von der Welt des Unausgedehnten. Ein Hauptmerkmal der Unterscheidung von Ausgedehntem und Unausgedehntem sieht er in den verschiedenen Auffassungen von Zeit. Zum einen gehen wir von einer teilbaren, äußeren, einer ontischen Zeit aus, die dem Raum entspricht. Diese äußere Zeit erscheint uns, so Bergson, wie im Raum aneinandergereihte Augenblicke; sie wird linear gedacht, „wir projizieren die Zeit in den Raum, wir drücken die Dauer durch Ausgedehntes aus. Und die Sukzession nimmt für uns die Form einer stetigen Linie oder einer Kette an, deren Teile sich berühren, ohne sich zu durchdringen.“[4]

Dem gegenüber entspricht die Auffassung der Zeit als Dauer der inneren Zeit. Es ist dies die Zeit des Bewusstseins, die sich nicht in getaktete Augenblicke trennen lässt. Bergson also davon ausgeht, dass im Bewusstsein eine andere Zeit gilt als wir sie in der physischen Welt unserer Erfahrungen feststellen. Dies nimmt er als Grund dafür, warum sich das Bewusstsein der Erkenntnis durch die Methoden der Naturwissenschaft entzieht, weil Es eben nicht in eine räumliche Vorstellung gebracht werden kann, indes quantifiziert und vermessen wird.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Bergson auf dem Weg seiner Untersuchung der Emotionen zu einer Unterscheidung von extensiven und intensiven Größen gelangt. Er differenziert zwischen Außenwelt und Bewusstsein. Diese Unterscheidung begründet sich, das werden wir später noch ausführlicher belegen, aus den unterschiedlichen Erlebnisweisen von Zeit. Hieraus folgt bei Bergson ein Bild vom menschlichen Bewusstsein, das eine Zweiteilung des Ichs vornimmt, der wir uns im folgenden zuwenden wollen.

1.1 Die Bergsonsche Zeiteilung: Inneres Ich –Äußeres Ich

Bergson differenziert zwischen äußerem und innerem Ich. Das oberflächliche „Ich“, hat den Kontakt zur Außenwelt und ist bestimmt durch die Gesetze der Außenwelt, hierin die Zustände sprachlich gefasst sind.

„Das Ich“, so schreibt Bergson, „berührt sich nämlich an der Oberfläche mit der äußeren Welt, und da diese Oberfläche den Abdruck der Dinge festhält, wird das Ich Termini durch Kontiguität assoziieren, die es als nebeneinandergeordnete perzipiert hatte.“[5]

D. h., das äußere Ich denkt in Assoziationsketten, in Verknüpfungen von Gedanken oder Emotionen mit einem Objekt oder einem andern Gedanken. Und da nun, so Bergson, die Sprache im Oberflächen-Ich beheimatet ist, die Empfindungen aber im inneren Ich, können Menschen diese auch nicht adäquat sprachlich vermitteln. Bergson hierzu:

„Je tiefer man aber unter diese Oberfläche gräbt, je mehr das Ich wieder es selbst wird, desto mehr hören auch seine Bewusstseinszustände auf, sich nebeneinanderzuordnen, um sich dafür gegenseitig zu durchdringen und ineinander zu verschmelzen, wobei die einzelnen die Färbung aller übrigen annehmen.“[6]

Vom äußern Ich behauptet Bergson, dass es nur einen Schatten des inneren Ich darstellt. Die Überwindung der Unfreiheit sieht er hingegen allein in der Äußerung innerer Zustände, die durch den Reflex sämtlicher psychischer Zustände das ganze Ich zum Ausdruck bringen und so in eine freie Handlung ausmünden. Wir sind dem gemäß also frei, wenn unsre Handlungen aus unserer ganzen Persönlichkeit hervorgehen, wenn sie sie ausdrücken, „wenn sie jene undefinierbare Ähnlichkeit mit ihr haben, wie man sie zuweilen zwischen dem Kunstwerk und seinem Schöpfer findet.“[7]

Die Untersuchung der Bergsonschen Theorie soll nun in Gegenüberstellung zu psychoanalytischen Grundannahmen weitergeführt werden. Das Thema der Freiheit bzw. Unfreiheit von Handlungen ist für die Psychoanalyse, sofern sie Psychotherapie sein will, freilich von großer Bedeutung. Insofern es mir als hilfreich erscheint Verweisungslinien zur Tiefenpsychologie hin zu ziehen und den Bedeutungshorizont der Bergsonschen Philosophie aus diesem Blickwinkel heraus zu betrachten.

Hierin soll sich zum einen der Versuch begründen den Bergsonschen Schlussfolgerungen alternative Deutungen gegenüberzustellen; zum andern möchte ich die Ansätze des einen Modells in das andere über-setzen, um so zu einem umfassenderen Verständnis der sich durchdringenden Themengebiete von Zeit, Freiheit, Sprache und Bewusstsein zu gelangen.

2. Freuds Theorie des Bewusstseins

Freud hat gewisse Vorgänge erkannt, die dafür sorge tragen, bestimmte Inhalte der Seele nicht an die Oberfläche des Bewusstseins durchdringen zu lassen, weil sie für das „Ich“ gefährlich sein könnten. So sah Freud das Seelenleben als ein konfliktreiches, dynamisches Geschehen, dessen Motor Sexualität im weiteren Sinn ist, also durch Streben, Begehren, Lust getrieben wird. Das „Ich“ ist das Grenzgebiet, wo die Macht der Triebe „Es“, mit dem vom Außen übernommenen moralischen Gewissen „Über-Ich“ sowie den Ansprüchen und Erfordernissen der Um- und Mitwelt in Konflikt gerät. Das „Ich“ im Konzept der Psychoanalyse ist nun gleichsam der bewusst organisierte Teil der Person und verfügt über Denken und Sprache.

Die Funktion des „Ich“ sieht Freud in einer Vermittlung zwischen den Ansprüchen des „Es“ und der Außenwelt, deren soziale Ordnung eine Verdrängung bestimmter Triebwünsche fordert. Die Zensurleistung des Ich wird dabei verstärkt durch die dritte Instanz des psychischen Apparats, das „Über-Ich“, das eine Internalisierung der elterlichen Ge- und Verbote darstellt.

Neben dem hier nur kurz skizzierten Modell des „psychischen Apparats“ hat sich Freud bestimmten Grundannahmen angenähert, die für das weitere tiefenpsychologische Denken und Arbeiten charakteristisch sind und in denen ich auch für die Auseinandersetzung mit der Bergsonschen Lebensphilosophie einen erhellenden Nutzen sehe. Drei Bündel solcher tiefenpsychologischer Grundannahme stelle ich im Folgenden kurz umrissen vor.[8]

[...]


[1] Näheres hierzu: Helferich: 1999, S. 375f.

[2] Bergson: Zeit und Freiheit. S.13.

[3] Bergson: S. 14.

[4] Zeit und Freiheit. S. 78.

[5] Zeit und Freiheit. S.123.

[6] Zeit und Freiheit. S.124.

[7] Zeit und Freiheit. S.129.

[8] Näheres hierzu siehe: Slunecko, Sonneck: Einführung in die Psychotherapie. S. 83ff.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Henri Bergsons Zeit und Freiheit - in Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philosophie)
Veranstaltung
Henri Begson. Zeit und Freiheit
Note
1.3
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V42487
ISBN (eBook)
9783638405072
ISBN (Buch)
9783640732401
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Henri, Bergsons, Zeit, Freiheit, Auseinandersetzung, Psychoanalyse, Henri, Begson, Zeit, Freiheit
Arbeit zitieren
Klaus Itta (Autor), 2005, Henri Bergsons Zeit und Freiheit - in Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42487

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