Unterrichtseinheit zu Dürrenmatts "Die Physiker" (10. Klasse Gymnasium)


Hausarbeit, 2017
31 Seiten, Note: 1,0
Ann Chef (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Überlegungen
2.2 Fachwissenschaftliche Einordnung des Werkes
2.3 Didaktische Einordnung

3. Übersicht der Unterrichtseinheit

4. Darstellung der Unterrichtsstunde
4.1 Sachanalyse
4.2 Didaktische Überlegungen
4.3 Methodische Überlegungen

5. Fazit

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Unterrichtseinheit behandelt Dürrenmatts Drama „Die Physiker“ und umfasst insgesamt zehn Module mit sechs Einzelstunden à 45 Minuten sowie vier Doppelstunden à 90 Minuten. Mit den Lernzielen der einzelnen Unterrichtsstunden[1] wird aufeinander aufbauend und erkenntnisorientiert auf das zentrale Lernziel der Einheit hingearbeitet: Die Schülerinnen und Schüler[2] können die inhaltlichen Zusammenhänge und die Wirkungsmittel des Dramas erläutern sowie interpretieren und erkennen das komplexe Gefüge von individuellem Handeln, das sich im Spannungsfeld von Verantwortung und Ohnmacht befindet, und der bedrohlichen Welt, die letztlich eine kollektive Gefährdung darstellt. Somit werden die SuS in der Unterrichtseinheit schwerpunktmäßig in ihrer Sachkompetenz bzgl. „Die Physiker“ gefördert. Zum Abschluss wird die Theateraufführung zu Dürrenmatts Drama gemeinsam besucht, was den SuS ermöglicht, ihre eigenen im Unterricht erarbeiteten szenischen Darstellungen sowie Interpretationen mit der Aufführung zu vergleichen. Zudem sollen die SuS „Die Physiker“ nicht nur lesen, sondern auch die szenische Gestaltung des Dramas von Schauspielern sehen und erleben.

Vertiefend vorgestellt wird in dieser Einheit Modul 7 „Verantwortung der Wissenschaft II: Möbius – mutig und heldenhaft?“, wofür eine Doppelstunde à 90 Minuten geplant ist. Die Lerngruppe der 10c am Gymnasium XXX besteht aus 16 Schülerinnen und 12 Schülern, die ca. 16-17 Jahre alt sind. Zu dem Leistungsspektrum der Lerngruppe lässt sich feststellen, dass es insgesamt überdurchschnittlich ist und es keine verhaltensauffälligen SuS gibt, die besonders leistungsschwach sind. Die SuS erledigen hierbei ihre Hausaufgaben überwiegend gewissenhaft und zuverlässig, sodass ein gutes sowie produktives Arbeitsklima in der Lerngruppe herrscht. Vor allem an kreativen Aufgaben, die Elemente des Darstellenden Spiels beinhalten, haben die SuS große Freude und zeigen Begeisterung für diese Abwechslung im Schulalltag. Aus diesem Grund beinhaltet die vorliegende Unterrichtseinheit kreativ gestaltete Aufgaben mit Elementen aus dem Darstellenden Spiel, welche es den SuS ermöglichen sollen, die Inhalte des Dramas spielerisch zu vertiefen.

1. Theoretische Überlegungen

2.2 Fachwissenschaftliche Einordnung des Werkes

Ein mit viel Ernst und Konfliktpotenzial behaftetes Thema greift Friedrich Dürrenmatt in den sechziger Jahren mit seinem Drama „Die Physiker“ auf: Die soziale und ethische Verantwortung der Wissenschaft im Hinblick auf ihre Folgen für die Menschheit – ein tragisches Thema, das zunächst auch eine Tragödie vermuten lässt. Doch wider Erwarten hat Dürrenmatt ein so brisantes Thema in Form einer grotesken Komödie dargestellt, denn eine Tragödie könnte dem Grotesken der heutigen Welt in ästhetischer Hinsicht nicht mehr gerecht werden.[3] Literarisch hebt Dürrenmatt damit das existenzielle Thema und dessen ästhetische Gestaltung auf eine neue Ebene, wodurch das Drama erst seine Wirkung entfalten kann und dessen paradoxe sowie groteske Elemente zum Tragen kommen. Unter diesen Umständen und angesichts der damaligen politischen Situation und dem nahezu unausweichlichen Atomkrieg zwischen den beiden Großmächten der Sowjetunion und den USA erhielt Dürrenmatts „Die Physiker“ eine ganz besondere Bedeutung.

Die Sprache der einzelnen Figuren ist einfach und modern, wobei die Ausdrucksweise je nach Situation durchaus variiert und daher situationsangepasst ist. Denn in der Diskussion der Physiker über ihren Verbleib als Wissenschaftler hat die Sprache nahezu bildungssprachliches Niveau und ist sachlich orientiert: „Die Entscheidung, die wir zu fällen haben, ist eine Entscheidung unter Physikern [...] Wir müssen versuchen, das Vernünftige zu finden“[4]. Zudem wird durch den Sprachgebrauch auch das Komische im Drama zum Ausdruck gebracht, wenn Einstein sagt „Es ist zum Wahnsinnigwerden“ (S.71) und Newton darauf antwortet „Offiziell sind wir es ja schon“ (S. 71). Solche Wortspiele unterstreichen die komische Wirkung des Dramas, wodurch es zunehmend zur Komödie wird. Auch die ständige Korrektur des Inspektors durch die Oberschwester wirkt komisch, da er den Begriff „Mörder“ für Einstein und Möbius in der Anstalt nicht verwenden darf und die Chefärztin ihn verbessert, sodass nur die Rede von einem „Täter“ erlaubt ist (vgl. S. 15, 16, 55) und das kriminaltechnische Vokabular des Inspektor somit eingeschränkt wird. Neben komischen Elementen, nimmt die Sprache der Physiker auch poetische Züge an, indem jeder von ihnen die Nacht nach seiner eigenen Wahrnehmung andächtig beschreibt, wie bspw. Einstein: „Eine glückliche Nacht. Tröstlich und gut. Die Rätsel schweigen, die Fragen sind verstummt.

Ich möchte geigen und nie mehr enden.“ (S.79), wodurch die Physiker nahezu wie Lyriker wirken. Die sprachliche Gestaltung der Regieanweisung im ersten Akt ist ironisch gefärbt: „Dazu beruhigt überflüssigerweise auch noch die Landschaft die Nerven“ (S. 11), was schon zu Beginn des Dramas auf die komische Wirkung hinweist, bzw. diese erahnen lässt.

Formal sowie inhaltlich lässt sich im Drama eine Zweiteilung feststellen, denn das Stück ist in zwei Akte aufgeteilt: Im ersten Akt stehen die Kriminalarbeiten und die erste Enthüllung des Möbius im Vordergrund und im zweiten Akt setzt das Groteske und Paradoxe mit der zweiten Enthüllung und der tragischen Wendung im Stück ein. Nach Dürrenmatt ist dieser formale Aufbau dem griechischen Theater nachempfunden: Sein Stück „Die Physiker“ wird gleicher-maßen durch Satyrspiel und Tragödie dargestellt. Der große Unterschied zum griechischen Vorbild besteht jedoch darin, dass ursprünglich erst die Tragödie und daraufhin das Satyrspiel einsetzt, um die tragische Wirkung bei den Zuschauern zu verringern. Doch Dürrenmatt verkehrt diesen formalen Aufbau, sodass am Ende des Stücks die tragische Wendung statt-findet.[5] Die drei Einheiten des klassischen Dramas, nämlich Zeit, Ort und Handlung, hält Dürrenmatt als formales Grundmuster ein. Denn die Handlung entspricht der Länge der Spielzeit und der Handlungsort geht nie über die Irrenanstalt und den Salon hinaus, wie es schon bereits in der Bühnenanweisung zu Beginn des Stücks genannt wird.

Doch das analytische Aufbauprinzip eines Dramas wird in „Die Physiker“ modifiziert: Die Vorgeschichte wird dem Publikum nicht genannt und auch die Figuren kennen die Zusammenhänge nur teilweise, sodass die wahren Umstände erst stückweise herausgestellt werden.[6] Denn erst im dritten Auftritt des zweiten Aktes offenbaren sich alle drei Physiker als geistig gesunde Menschen, was zunächst verwirrend und überraschend auf den Zuschauer wirkt. Daraus ergibt sich aber die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaftler, wobei Möbius die Entscheidung fällt, zugunsten der gesamten Menschheit sein Wissen nicht zu veröffentlichen und in der Anstalt zu bleiben. Dazu entschließen sich auch Newton und Einstein, wodurch der Verlauf der Handlung schon eine unerwartete Wendung nimmt. Dadurch parodiert Dürrenmatt schließlich die klassische Dramenform, denn der Entschluss Möbius‘ die Menschheit vor seinem Wissen und somit vor deren Untergang auf Kosten seines eigenen Lebens zu schützen, ist tragisch. Diese Entscheidung entspricht in der klassischen Tragödie dem Tod des Helden, wodurch der bestehende Konflikt letztlich gelöst wird.[7]

Doch die »schlimmstmögliche Wendung«[8] tritt erst mit der verrückten Chefärztin ein, die alle Manuskripte von Möbius kopiert hat und nun im Besitz der Weltformel ist, was die gesamte Menschheit gefährdet. Durch diesen Zufall, dass die Planmäßigkeit des Möbius und die Verrücktheit der Chefärztin aufeinandertreffen, wird das Publikum zusätzlich schockiert. Aus dieser Wendung ergibt sich also, dass alle drei Physiker ihr Leben vergeblich aufgegeben haben und das selbstlose Verantwortungsbewusstsein des Möbius somit in den Hintergrund tritt. Die Tragödie wandelt sich damit durch die »schlimmstmögliche Wendung« in eine Komödie, was für Dürrenmatt selbst die einzige Möglichkeit darstellt, die Welt als solches Chaos ästhetisch gerecht darzustellen.[9]

Zunächst folgt eine eigene Interpretation für die in der Unterrichtseinheit relevanten Aspekte. Der Ort der Handlung ist das Sanatorium „Les Cerisiers“ der Chefärztin Mathilde von Zahnd. Die Physiker sind allerdings von anderen Patienten getrennt, da diese im Neubau der Anstalt untergebracht sind (Vgl. S.11f.). Diese räumliche Distanz zu den anderen Patienten lässt schon zu Beginn des Dramas auf eine besondere Rolle jener schließen, denn zurückgeblieben in der ungepflegten Villa der Anstalt wirken die Physiker nahezu isoliert. Dieser Lebensraum der Physiker stellt eine Welt mit einer eigenen Regelhaftigkeit dar, die von Außenstehenden nicht nachvollziehbar ist: So versucht der Inspektor nähere Informationen des Mörders zu ermitteln und seiner kriminaltechnischen Arbeit nachzugehen, wobei er gegen die inner-gesetzmäßigen Regeln der Anstalt verstößt. Denn zunächst wird der Inspektor in seinem polizeilichen Sprachgebrauch von der Oberschwester korrigiert, sodass der Mörder aufgrund seiner geistigen Krankheit nur als Täter betitelt werden darf (Vgl. S. 15, 16), wofür der Inspektor allerdings mit seinem Ausdruck „Also gut“ (S.15) wenig Verständnis aufbringen kann. Auch als der Inspektor den Täter Einstein und die Chefärztin vernehmen will, um diese wegen des Mordes an der Krankenschwester Irene zu befragen, wird er von der Oberschwester abgewiesen. Denn wegen der prekären Umstände muss Einstein sich erst einmal durch das Geigen mit der Chefärztin beruhigen, bevor der Inspektor mit beiden sprechen kann, sehr zum Ärger des Inspektors: „Der Kerl hat schließlich eine Kranken-schwester erdrosselt!“ (S. 17). Als Außenstehender scheinen ihm die Grundsätze der Anstalt zu absurd, doch er wird dabei von der Oberschwester belehrt, dass „es sich nicht um einen Kerl, sondern um einen kranken Menschen [handelt], der sich beruhigen muß“ (S. 17). Das Sanatorium und seine eigensinnigen Regelhaftigkeiten wirken auf den Inspektor zunehmend verwirrend, sodass er schon selbst an seiner geistigen Gesundheit zweifelt und diese hinterfragt: „Bin ich eigentlich verrückt? [...] Man kommt ganz durcheinander.“ (S. 17) und auch körperlich macht sich die Wirkung der Anstalt auf den Inspektor bemerkbar, da ihm plötzlich heiß wird und er sich immer wieder den Schweiß abwischen muss (vgl. S. 17), was auf eine Überforderung des Inspektors schließen lässt. So sagt er zu seinem Kollegen. „Und mich macht man fertig.“ (S. 17), wodurch deutlich wird, dass er als Außenstehender der Dynamik und den Gesetzmäßigkeiten des Sanatoriums nicht gewachsen ist. Insgesamt kommt die Diskrepanz zwischen der Außenwelt und der internen Welt von „Les Cerisiers“ somit zum Ausdruck.

Dass Figuren aus der internen Welt der Anstalt und aus der Außenwelt sich voneinander emotional und mental entfernen, wird im Abschied von Möbius und seiner Familie deutlich. Möbius‘ Frau hat derweilen die Scheidung eingereicht und aus Liebe den Missionar Rose geheiratet (Vgl. S. 31f.). Für sie geht das Leben weiter, wenn auch schweren Herzens, da ihr beim Schwelgen in Erinnerungen an Möbius die Tränen kommen (Vgl. S. 33ff). Nun beim Abschied treffen die drei Söhne zum letzten Mal auf ihren Vater Möbius, dem sie ihre Berufswünsche mitteilen. Dabei rät Möbius seinem Sohn Jörg-Lukas davon ab, Physiker zu werden aus Angst, dass sein Sohn das gleiche Schicksal erleiden muss wie er selbst und sein Wissen ihm eines Tages zum Verhängnis wird (Vgl. S. 37). Als die Söhne Möbius mit ihrem Flötenspiel eine Freude machen wollen, bekommt dieser einen heftigen Anfall, der sich in der nächsten Szene als Simulation herausstellt. Nichtsahnend ist die Familie verwirrt von Möbius Verhalten und seinem emotionalen Ausbruch: „Packt euch nun nach den Marianen fort! [...] Schiebt ab! Für immer“ Nach dem Stillen Ozean!“ (S. 42). Der Abschied von Möbius und seiner Familie endet also mit einer zerrütteten Beziehungskonstellation, da die Söhne und Frau Rose sich emotional von Möbius durch seinen Anfall noch weiter entfernen und somit eine Entfremdung zwischen ihnen stattfindet.

Die Offenbarung der Ambivalenz von Möbius wird durch seinen Anfall deutlich, der sich im Gespräch mit Schwester Monika als simuliert herausstellt, sodass es in dieser Szene zur ersten Enthüllung des Dramas kommt. Schwester Monika erkennt, dass Möbius gar nicht verrückt ist und den Anfall seiner Familie nur vorgespielt hat (Vgl. S. 43f.) und will mit ihm gemeinsam die Anstalt verlassen und aus Liebe zu ihm ein neues Leben beginnen, (Vgl. S. 50f.). Beide gestehen sich ihre Liebe, doch Möbius erkennt, dass er mit Schwester Monika keine Zukunft haben kann: Sie hat ihn als intelligenten und vielversprechenden Wissenschaftler mit wert-vollen Manuskripten und dessen Genialität erkannt, sodass es für Möbius kein Zusammen-kommen beider geben kann.

So bleibt ihm nur noch der Mord als Ausweg aus dieser Situation, sodass er sich dazu entschließt, Schwester Monika zu erwürgen (Vgl. S. 53). Möbius scheint hier einen ambivalenten Charakter zu haben, da sich mit der ersten Enthüllung herausstellt, dass er gar nicht verrückt ist, seiner Familie jedoch Wahnsinn vorgespielt hat, und Schwester Monika liebt, diese jedoch letztlich umbringt. Für diesen Mord allerdings greift nicht die Rechtsordnung der Außenwelt, wie es durch die Feststellung des Inspektors deutlich wird: „Die Gerechtigkeit macht zum ersten Male Ferien“ (S. 60), denn Möbius kann aufgrund seiner offiziellen Geisteskrankheit nicht verhaftet werden. Dieser scheint aber von seinem schlechten Gewissen geplagt zu werden, da er den Inspektor darum bittet, verhaftet zu werden (Vgl. S. 60). Möglich wäre auch eine andere Intention hinter dieser Bitte: Aus Angst, dass er weiter als genialer Wissenschaftler und somit als geistig gesund anerkannt wird, will er dem Sanatorium entfliehen, um seine Identität als Verrückter und Mörder aufrechtzuerhalten und seine Manuskripte verbergen zu können. Die Rechtsordnung in der Anstalt wird also verkehrt, sodass es für Außenstehende zunächst ungerecht scheint, dass für einen Mord keine ordnungsgemäße Strafe verhängt wird, wobei der Inspektor allmählich Gefallen an den eigenen Gesetzmäßigkeiten der Anstalt findet. Denn er findet die Gerechtigkeit anstrengend und genießt es, dass er nicht in ihrer Pflicht Menschen verhaften muss, sodass er sich dadurch gesundheitlich und moralisch schonen kann (Vgl. S. 60f.).

Mit der anschließenden zweiten Enthüllung geben sich Newton als Alec Jesper Kiltion, Begründer der Entsprechungslehre, und Einstein als Joseph Eisler, Entdecker des Eisler- Effekts zu erkennen, die jeweils für einen Geheimdienst arbeiten und nun versuchen, Möbius als genialen Physiker für ihre Seite zu gewinnen (Vgl. S.62ff.). Dabei werden die unterschiedlichen Positionen Einsteins und Newtons deutlich, inwiefern die Wissenschaft Verantwortung für ihre Folgen trägt. Einstein ist sich der Macht der Entdeckungen von Möbius und ihren Folgen durchaus bewusst: „Wir liefern der Menschheit gewaltige Machtmittel.“ (S. 70), dennoch gibt er jede Verantwortung dafür an die Politik ab: „Meine Machtpolitik besteht gerade darin, daß ich zugunsten einer Partei auf meine Macht verzichtet habe.“ (S. 73). Somit ordnet Einstein sich den Politikern als Physiker unter und tritt seine Freiheit als Wissenschaftler an jene ab. Newton hingegen sieht die Aufgabe der Wissen-schaftler darin, den Fortschritt für die Menschheit anzustoßen: „Wir haben Pionierarbeit zu leisten und nichts außerdem. Ob die Menschheit den Weg zu gehen versteht, den wir ihr bahnen, ist ihre Sache, nicht die unsrige.“ (S. 70). Hier liegt für Newton die Freiheit der Wissenschaft begründet, wobei auch er jegliche Verantwortung für spätere Folgen von sich weist und diese allein bei der Menschheit sieht, nicht aber bei dem einzelnen Wissenschaftler.

Möbius aber, der sich durchaus den verheerenden Konsequenzen seiner wissenschaftlichen Entdeckungen bewusst ist, übernimmt für die Verantwortung dafür und möchte seine Forschung nicht veröffentlichen (Vgl. S. 73f.). Dafür ordnet Möbius sein eigenes Leben sowie seine Bedürfnisse der Verantwortung unter und opfert sogar seine Familie, sodass er als offiziell Verrückter sein Leben in der Anstalt verbringt. Dieses selbstlose Handeln macht Möbius zu einem mutigen Menschen, da er die Menschheit dadurch vor ihrem Untergang bewahren will.[10] Mit seiner vernünftigen Argumentation, durch den Verbleib aller Physiker in der Anstalt die Menschheit zu retten, überzeugt Möbius letztlich die beiden Geheimagenten, freiwillig unfrei in der Anstalt zu verbleiben (Vgl. S. 76). Daraufhin erfolgt die »schlimmstmögliche Wendung«, indem sich die Chefärztin selbst als Verrückte offenbart und mitteilt, dass sie alle Manuskripte von Möbius kopiert und an sich genommen hat, wodurch sie zur Weltmacht gelangen will (Vgl. S. 82f.). Das Konfliktpotenzial besteht darin, dass Möbius‘ Bemühungen und dessen Aufopferung belanglos sind und die Menschheit nun gefährdet ist, da eine Verrückte im Besitz der Weltformel ist. Die Chefärztin wirkt als Auslöser für diese dramatische Wendung grotesk, da sie eine alte und bucklige Jungfrau ist, die unfruchtbar sowie alleinstehend ist (Vgl. S. 85) und somit zunächst nicht den Eindruck erweckt, dass sie eine solche Macht anstrebt. Mit ihrem egoistischen und hinterhältigem Vorgehen verkörpert sie das, was Möbius vermeiden wollte: Den Untergang der Menschheit.

Die Schlussmonologe der Physiker verdeutlichen ihre Entpersonalisierung: Sie schlüpfen nun wieder bewusst in die ursprüngliche Rolle der Physiker Einstein und Newton, Möbius spielt Salomo (Vgl. S.85ff). Sie legen also ihre wahre Identität ab. Darin lässt sich ihre traurige Einsicht erkennen, dass das Aufopfern und ihr selbstloses Handeln belanglos sind und sie nun ihr Leben in dieser Anstalt fristen müssen, da sie als einzige Menschen die Wahrheit über die verrückte Chefärztin kennen, jedoch niemand ihnen glauben würde, da die Physiker offiziell Verrückte und Mörder sind. Ihnen bleibt im Grunde also keine Wahl, als sich dem teuflischen Plan der Ärztin zu beugen. Ihre vorige Entscheidung, freiwillig unfrei zu sein, hat sich nun verkehrt, da sie nun die Anstalt als Gefängnis ohne jeglichen Ausweg erkennen und somit unfreiwillig unfrei dort verweilen müssen. Die Ohnmacht des Individuums lässt sich dadurch in den Kontext des Dramas stellen, da das individuelle Handeln zwischen Verantwortung sowie Ohnmacht steht und durch äußere Faktoren der Welt bedroht wird, sodass eine kollektive Gefährdung unausweichlich scheint. Die Funktion der Schlussmonologe besteht darin, dies aufzuzeigen.

2.3 Didaktische Einordnung

Die Unterrichtseinheit bezieht sich auf die Kernprobleme, die im Lehrplan genannt werden, denn in Dürrenmatts Drama „Die Physiker“ wird deutlich, wie menschliches Zusammenleben aufgrund der unterschiedlichen Lebenswelten sich voneinander entfremden kann, sodass letztlich die Figuren in der Anstalt vom Leben der Außenwelt isoliert sind und es aufgrund der großen Diskrepanz schließlich nahezu keine Berührungspunkte mehr zwischen den Patienten und Außenstehenden der Anstalt gibt (Kernproblem 1: „Grundwerte“)[11]. Auch die Gefährdung der Lebensgrundlagen und der Menschheit wird in dieser Einheit thematisiert, denn die Chefärztin verkörpert mit ihrem Wahnsinn sowie ihrer Macht die Bedrohung der Welt, sodass das Kernproblem 2 „Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen“[12] aufgegriffen wird. Damit verbunden ist auch das Kernproblem 3 „Strukturwandel“[13], denn die Frage des wissenschaftlichen Fortschritts und dessen Konsequenzen für die Menschheit gehen mit dem Erhalt der Lebensgrundlagen einher. Das Bewusstsein für mögliche Risiken und Chancen der wissenschaftlichen Erkenntnisse und deren Verantwortung wird in dieser Einheit gefördert und erweitert.

Des Weiteren knüpft die Unterrichtseinheit an die in den Fachanforderungen für die Jahr-gangsstufe 10 (G9) genannten Themenbereiche der KMK-Bildungsstandards an: Die SuS sollen „szenisch spielen [und somit eine] szenische Darstellung und Gestaltung [von Texten vornehmen]“[14]. Dies umfasst u.a. Rollenspiele, Standbilder sowie szenische Inter-pretationen[15]. So gestalten die SuS in Modul 2 ein Rollenspiel in Form eines Interviews und eine szenische Darstellung der dramatischen Wendung erfolgt in Modul 8. Somit werden die SuS im „Kompetenzbereich I: Sprechen und Zuhören“[16] gefördert.

Zudem sollen die SuS „literarische Texte verstehen und nutzen [sowie] analysierendes, erörterndes und produktives Erschließen von literarischen Texten [lernen][17]. Hierfür ist bzgl. der dramatischen Texte Folgendes vorgesehen: „Akt/Szene, Dialog/Monolog, Grundzüge der Dialoganalyse − Kommunikationssituation: Gesprächsverhalten, Redeanteile, Haupt-/ Nebentext (Regieanweisungen), Aufführungsbezogene Aspekte: Inszenierung, Regie, Schauspieler; Sprechweise, Gestik, Mimik, Körpersprache, Masken-, Kostümgestaltung, Bühnengestaltung, Licht, Musik, Stellung und Bewegung auf der Bühne“[18]. Denn in der Einheit zu Dürrenmatts Drama „Die Physiker“ analysieren die SuS bspw. in Modul 3 die Kommunikationssituation von Möbius und seiner Familie und vertiefen diese durch ein Standbild, wodurch die SuS sich die inneren Vorgänge der Figuren produktiv erschließen können.

[...]


[1] Aufgeführt in der Übersicht der Einheit.

[2] Wird im Folgenden mit SuS abgekürzt.

[3] Vgl. Payrhuber, Franz-Josef: Friedrich Dürrenmatt. Die Physiker. Lektüreschlüssel. Stuttgart 2001, S.6.

[4] Dürrenmatt, Friedrich: Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten. Zürich 1998, S. 72. Wird im Folgenden im Fließtext zitiert.

[5] Vgl. Payrhuber, Franz-Josef: Friedrich Dürrenmatt. Die Physiker. Lektüreschlüssel. Stuttgart 200., S. 23.

[6] Vgl. ebd., S. 24.

[7] Vgl. ebd., S. 25.

[8] Ebd., S. 25.

[9] Vgl. ebd., S. 26.

[10] Dieser Aspekt wird in der Sachanalyse weiter vertieft.

[11] Ministerium für Bildung und Wissenschaft, Lehrplan für die Sekundarstufe I der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Gesamtschule. Deutsch, (WWW-Dokument, http://lehrplan.lernnetz.de/index.php?wahl=125), S. 5, abgerufen am: 17.03.2017.

[12] Ebd., S. 5, abgerufen am: 17.03.2017.

[13] Ebd., S. 5, abgerufen am: 17.03.2017.

[14] Ministerium für Bildung und Wissenschaft, Fachanforderungen Deutsch für Allgemein bildende Schulen. Sekundarstufe I, (WWW-Dokument, http://lehrplan.lernnetz.de/index.php?wahl=199), S. 18, abgerufen am: 17.03.2017.

[15] Vgl. ebd., S. 18, abgerufen am: 17.03.2017.

[16] Ebd., S. 16, abgerufen am: 17.03.2017.

[17] Ebd., S. 26, abgerufen am: 17.03.2017.

[18] Ebd., S. 26f, abgerufen am: 17.03.2017.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Unterrichtseinheit zu Dürrenmatts "Die Physiker" (10. Klasse Gymnasium)
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
31
Katalognummer
V424925
ISBN (eBook)
9783668701205
ISBN (Buch)
9783668701212
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
die psyiker unterrichtsentwurf unterrichtseinheit dürrenmatt
Arbeit zitieren
Ann Chef (Autor), 2017, Unterrichtseinheit zu Dürrenmatts "Die Physiker" (10. Klasse Gymnasium), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424925

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