Fragestellung
Die Frage nach den Wechselbeziehungen, insbesondere den Ursache- Wirkungszusammenhängen zwischen Arbeitslosigkeit und Kriminalität hat in Zeiten wirtschaftlichen Abschwunges und hoher Arbeitslosigkeit an Brisanz gewonnen. Dabei ist keineswegs geklärt, ob ein empirisch erfassbarer Zusammenhang überhaupt besteht1 und welche Drittvariablen ggf. in diesen hineinwirken. Ein skizzenhafter Aufriss über die Problematik von Albrecht offenbart die Mannigfaltigkeit der verschiedenen Herangehensweisen ebenso wie deren Unzulänglichkeiten2 und legt nahe, dass die Frage nach einem direkten Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Kriminalität im Grunde falsch gestellt ist. Die Herausforderung ist demnach eine Veränderung des Blickwinkels bei gleichzeitiger kontinuierlicher Reflektion der ursprünglichen Fragestellung.
Diese Arbeit ist ein Versuch, über die Frage nach der Natur der Arbeitsmoral einen neuen Zugang zu dem Fragenkomplex Arbeitslosigkeit – Kriminalität zu eröffnen. Dabei begegnet sie oben genannter Herausforderung auf zweierlei Weise: Zum einen gilt es, sich ein allgemeines Bild vom sozialwissenschaftlichen Gehalt des weiten Moralbegriffes zu machen und ein Problembewusstsein für den Begriff der Arbeitsmoral als Kernstück der Betrachtung zu entwickeln. Zum anderen ist auf die konkrete Rolle der Arbeitsmoral im gesellschaftlichen Zusammenhang abzustellen. Schließlich bedarf es eines Instrumentariums, um diese Trennung zwischen begrifflicher Abstrahierung und sachlicher Präzisierung aufrechtzuerhalten, ohne die Frage nach Arbeitslosigkeit und Kriminalität aus den Augen zu verlieren. Zu diesem Zweck scheint es angezeigt, die Betrachtungsebenen selbst zum Gegenstand kritischer Betrachtung zu machen.
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1 „consensus of doubt“, vgl. Chiricos.
2 Albrecht, S.138ff.
Inhaltsverzeichnis und Gliederungsübersicht
2 Einleitung
2.1 Fragestellung
2.2 Gang der Darstellung
2.3 Quellen
3 Hauptteil
3.1 Die Tücken der Betrachtungsebenen:
3.2 Vorüberlegungen zum Moralbegriff
3.2.1 Versuch einer Etymologie und Systematik der Moral
3.2.2 Moral als soziales Phänomen
3.2.3 Moral und Religion
3.2.4 Arbeitsmoral als Sub-Moral ?
3.3 Arbeitsmoral als Ziel der Berufsbildung
3.3.1 Ausgangspunkt:
3.3.2 Fragestellung und Vorgehen der Studie von Mariak/Kluge:
3.3.3 Anmerkungen zur Begrifflichkeit
3.3.4 Abweichendes Verhalten in Berufsschule und Betrieb
3.3.4.1 Berufsschule
3.3.4.2 Betriebliche Ausbildung
3.3.5 Bewertung
4 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselbeziehungen zwischen Arbeitslosigkeit und Kriminalität durch eine veränderte Perspektive, indem sie den Begriff der Arbeitsmoral als zentrales Instrument zur Analyse heranzieht. Ziel ist es, die soziologische Rolle der Arbeitsmoral innerhalb des dualen Ausbildungssystems kritisch zu beleuchten und deren Zusammenhang mit der Kriminalisierung abweichenden Verhaltens zu ergründen.
- Theoretische Fundierung des Moralbegriffs und dessen soziologische Relevanz.
- Analyse der Arbeitsmoral im Kontext der protestantischen Ethik nach Max Weber.
- Untersuchung der Konstruktion von Arbeitstugenden im dualen Ausbildungssystem.
- Erforschung von Mechanismen der sozialen Kontrolle und des Umgangs mit Devianz in Berufsschule und Betrieb.
- Kritische Bewertung der Auswirkungen von betriebswirtschaftlichen Interessen auf den moralischen Bildungsauftrag.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Tücken der Betrachtungsebenen:
Seit jeher treibt die Menschen und allen voran die Gelehrten ein Hang, Regelmäßigkeiten im scheinbar Unregelmäßigen zu entdecken, Unberechenbares berechenbar zu machen, sei es, um spontanen Widrigkeiten mit Abwehrstrategien begegnen zu können, sei es, um das kosmische Prinzip, den Weltsinn, zu erschließen. Wenn auch der erkenntnistheoretische Satz, die Erlangung objektiver Erkenntnis über das Wesen der Dinge sei unmöglich, als anerkannt zu gelten hat, ist doch die Akribie in der Suche nach Regelmäßigkeiten ungebrochen. So ist bei der folgenden Unterscheidung von Betrachtungsebenen stets zu berücksichtigen, dass es sich keineswegs um eine Differenzierung handelt, die im Wesen der Dinge selbst verankert ist, sondern vielmehr um eine theoretisch-positive Stütze von Denkerhand.
Bei der Betrachtung von Arbeitsmoral ebenso wie von Arbeitslosigkeit und Kriminalität scheint die grundsätzliche Unterscheidung einer Makroebene und einer Mikroebene sinnvoll, um die genannten Phänomene als gesellschaftliche und individuelle in den Blick zu nehmen. Es liegt auf der Hand, dass durch diese theoretische Trennung zwischen Individuum und Gesellschaft jene Dimensionen von Arbeitsmoral, Arbeitslosigkeit und Kriminalität, die weniger im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft begründet sind als viel mehr in gewissen Interdependenzketten zwischen Individuen oder Gruppen von Individuen, von vornherein vernachlässigt werden. Mehr noch: das gewählte System von Betrachtungsebenen hindert auch eine nachträgliche Integration „figurationistischer“ Blickwinkel (Elias). Die Zuweisung einer Art Mesoebene allein würde dem figurationistischen Ansatz jedenfalls nicht gerecht.
Fraglich ist in diesem Zusammenhang auch, ob jenseits der Makroebene eine weitere Meta- oder Diskursebene zu berücksichtigen ist, die gleichsam die Betrachtung selbst zum Gegenstand der Beobachtung macht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die problematische Korrelation zwischen Arbeitslosigkeit und Kriminalität und führt die Arbeitsmoral als neue Betrachtungsebene ein.
Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung des Moralbegriffs sowie eine empirisch gestützte Untersuchung der Arbeitsmoral im dualen Ausbildungssystem, wobei insbesondere der Umgang mit Devianz kritisch analysiert wird.
Schluss: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen, dass Arbeitsmoral im dualen System oft zur funktionalen Arbeitstugend degradiert wird, und diskutiert die Konsequenzen dieser Entwicklung für die Kriminalisierung.
Schlüsselwörter
Arbeitsmoral, Kriminalität, Arbeitslosigkeit, duales Ausbildungssystem, Arbeitstugenden, Devianz, soziale Kontrolle, protestantische Ethik, Moralbegriff, Berufsbildung, Sekundärtugenden, Kriminalisierung, Soziologie, Moral der Pflicht, Ausbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie der Begriff der Arbeitsmoral dazu beitragen kann, den komplexen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Kriminalität besser zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themenfelder umfassen die soziologische Theorie des Moralbegriffs, das Konzept der Arbeitsmoral nach Max Weber und die praktische Umsetzung von Arbeitstugenden im dualen Ausbildungssystem in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Blickwinkel auf das Verhältnis von Arbeitslosigkeit und Kriminalität zu verändern, um zu prüfen, ob Arbeitsmoral als ein Instrument zur kritischen Analyse dieser gesellschaftlichen Phänomene dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-soziologische Ausarbeitung, die auf der Analyse existierender philosophischer und soziologischer Schriften sowie der Auswertung einer spezifischen empirischen Studie über das duale System basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Unterscheidung verschiedener Betrachtungsebenen, die historische Herleitung der Moral aus der protestantischen Ethik sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Ausbildungspraxis und deren Umgang mit abweichendem Verhalten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Arbeitsmoral, Kriminalisierung, duales Ausbildungssystem, Devianz, Arbeitstugenden und soziale Kontrolle.
Welche Rolle spielt das duale System in der Argumentation des Autors?
Das duale System wird als ein Ort kritisiert, an dem ein moralischer Lehrauftrag zugunsten rein betriebswirtschaftlicher Interessen und der Vermittlung von Konformität (Tüchtigkeit) usurpiert wird.
Wie definiert der Autor das Verhältnis zwischen Arbeitsmoral und abweichendem Verhalten?
Abweichendes Verhalten wird als das Gegenbild zur definierten Arbeitsmoral gesehen. Die Arbeit zeigt auf, wie durch die strikte Normierung im Ausbildungsprozess jede Abweichung von diesen Arbeitstugenden schnell als Devianz markiert und kriminalisiert werden kann.
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- Alexander-Kenneth Nagel (Author), 2001, Arbeitsmoral und Kriminalisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42501