Kann die Soziologie Gesellschaftsdiagnosen leisten? Beinhaltet nicht jede Diagnose bereits einen normativen Bezug und verstößt damit gegen das Werturteilsfreiheitspostulat? Die Arbeit erörtert diese Fragen anhand der wissenschaftstheoretischen und -politischen Debatte zur Zeit Max Webers, deren Stichworte z.T. noch heute aktuell sind: Nomothetik, Idiographie und Idealtypik. Abschließend wird der sog. "Werteverfall" als Beispieldiagnose vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis und Gliederung
2 Problemstellung
3 Diagnose/Diagnostik – Vorüberlegung
3.1 Verstärkter Diagnosebedarf als Befund
3.2 Wissenschaftstheoretische Einordnung
3.2.1 Etymologie
3.2.2 Theorie
4 Wissenschaftstheorie zur Zeit Webers
4.1 Die Krise des Historismus
4.1.1 Die ältere historische Schule
4.1.2 Die jüngere historische Schule
4.1.2.1 Beobachtung und Beschreibung der Erscheinungen
4.1.2.2 System von Definitionen und Klassifikationen
4.1.2.3 Ursachenerklärung
4.2 Hiatus Irrationalis
4.3 Natur vs. Kultur
4.4 Werte und Wirklichkeit
4.5 Werturteilsfreiheit
5 Werteverfall als Beispieldiagnose
5.1 Wertbegriff
5.2 Diagnosebegriff
5.3 Soziologische Diagnosen
5.4 Die Diagnose vom Werteverfall und ihre Kritik
5.4.1 Konzeptionelle Kritik
5.4.2 Empirische Kritik
5.4.3 Theoretische Kritik
5.5 Zwischenergebnis
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die wissenschaftstheoretische Diagnosefähigkeit der Soziologie. Dabei wird hinterfragt, ob die Soziologie – ähnlich wie klassische Handlungswissenschaften – in der Lage ist, valide gesellschaftliche Diagnosen zu stellen, und welche Rolle dabei fachgeschichtliche Annahmen sowie das Ideal der Werturteilsfreiheit nach Max Weber spielen.
- Wissenschaftstheoretische Grundlagen von Diagnosen in den Sozialwissenschaften.
- Die Krise des Historismus und Webers wissenschaftstheoretische Position.
- Analyse der soziologischen Diagnosefähigkeit am Beispiel des „Werteverfalls“.
- Verhältnis zwischen Praxisrelevanz und akademischer Forschung.
- Diskussion um Werturteilsfreiheit und die normative Aufladung von Theorien.
Auszug aus dem Buch
4.5 Werturteilsfreiheit
Werturteilsfreiheit bezeichnet die Forderung Webers, innerhalb wissenschaftlicher Aussagesysteme sollten deskriptive und normative Aussagen nicht miteinander vermischt werden.
„Aber es handelt sich doch ausschließlich um die an sich höchst triviale Forderung, daß der Forscher und der Darsteller die Feststellung empirischer Tatsachen [...] und seine praktisch wertende, d.h. diese Tatsachen [...] als erfreulich oder unerfreulich beurteilende, in diesem Sinne: »bewertende« Stellungnahme unbedingt auseinanderhalten solle, weil es sich nun mal um heterogene Probleme handelt.“
Insoweit Wertbezug den Gegenstandsbereich einer Wissenschaft der Kultur konstituiert (s.o.), hängen Werte mit der „Aussonderung“ eines Wirklichkeitsbereiches, etwa der Auswahl empirischer Zeugnisse oder bestimmter Problemstellungen, zusammen. Da diese Auswahl stets von der Interessenlage des Forschers bestimmt ist, fließen bereits auf dieser Ebene Werturteile in die Betrachtung ein. Eine Debatte muss daher nicht frei von Werturteilen sein, allerdings dürfen die enthaltenen Werturteile sich nicht in den Mantel der Objektivität hüllen. Eine objektive Analyse von Werturteilen ist dagegen durchaus möglich und nötig.
Zusammenfassung der Kapitel
2 Problemstellung: Einführung in die Frage der Diagnosefähigkeit der Soziologie im Vergleich zu anderen Handlungswissenschaften und Skizzierung des Untersuchungsaufbaus.
3 Diagnose/Diagnostik – Vorüberlegung: Analyse des Bedarfs an soziologischen Diagnosen und wissenschaftstheoretische Grundlegung des Diagnosebegriffs.
4 Wissenschaftstheorie zur Zeit Webers: Historischer Rückblick auf die wissenschaftstheoretischen Debatten (Historismus, Natur vs. Kultur) und Max Webers Postulat der Werturteilsfreiheit.
5 Werteverfall als Beispieldiagnose: Anwendung der erarbeiteten Grundlagen auf die soziologische Debatte um den „Werteverfall“, inklusive konzeptioneller und empirischer Kritik.
6 Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Frage nach der Diagnosefähigkeit unter Berücksichtigung forschungsethischer Aspekte und des utilitaristischen Mehrwerts.
Schlüsselwörter
Soziologie, Diagnosefähigkeit, Wertewandel, Werteverfall, Wissenschaftstheorie, Max Weber, Werturteilsfreiheit, Sozialwissenschaften, Historismus, Sozialintegration, Kultursphäre, Objektivität, Handlungswissenschaften.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, ob die Soziologie als Wissenschaft in der Lage ist, gesellschaftliche Diagnosen zu erstellen, ohne ihre wissenschaftliche Objektivität zu verlieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Thematische Schwerpunkte sind die Wissenschaftstheorie Max Webers, die methodologische Trennung von Natur- und Kulturwissenschaften sowie die praktische Anwendung soziologischer Diagnoseinstrumente am Beispiel des Wertewandels.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit fragt nach den wissenschaftstheoretischen Implikationen soziologischer Diagnosen und ob eine solche Diagnostik, angesichts der fachgeschichtlichen Vorgaben, überhaupt möglich und redlich durchführbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin oder der Autor?
Es wird ein fachgeschichtlicher Ansatz gewählt, der wissenschaftstheoretische Positionen (insb. Max Weber) mit einer kritischen Analyse der zeitgenössischen soziologischen Werteforschung (Meulemann) verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der wissenschaftlichen Diagnostik sowie eine Fallstudie zum „Werteverfall“, in der die methodischen Schwachstellen derartiger Diagnosen aufgezeigt werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Diagnosefähigkeit, Werturteilsfreiheit, Historismus, Kulturbedeutung und die Unterscheidung zwischen reiner Wissenschaft und professionsnahen Handlungswissenschaften.
Wie bewertet die Arbeit die „Werturteilsfreiheit“ nach Weber?
Die Arbeit stellt fest, dass Werturteilsfreiheit zwar ein methodisches Ideal Webers ist, aber in der forschungspraktischen Realität nur schwer einzuhalten, da bereits die Wahl des Untersuchungsgegenstandes von Interessen geleitet ist.
Welches Fazit zieht die Autorin oder der Autor zur Diagnosefähigkeit?
Das Fazit bleibt differenziert: Eine „exakte“ Diagnose im naturwissenschaftlichen Sinne ist bei der komplexen Kultursphäre unmöglich, doch sind soziologische Diagnosen als „Interface“ zwischen Wissenschaft und Gesellschaft für die Profilierung des Faches und die gesellschaftliche Selbstbeobachtung durchaus begrüßenswert.
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- Alexander-Kenneth Nagel (Author), 2003, Die Diagnosefähigkeit der Soziologie im Lichte der Wissenschaftstheorie Max Webers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42503