Die Diagnosefähigkeit der Soziologie im Lichte der Wissenschaftstheorie Max Webers

Am Beispiel von Werteverfall und Wertewandel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1 Inhaltsverzeichnis und Gliederung

2 Problemstellung

3 Diagnose/Diagnostik – Vorüberlegung
3.1 Verstärkter Diagnosebedarf als Befund
3.2 Wissenschaftstheoretische Einordnung
3.2.1 Etymologie
3.2.2 Theorie

4 Wissenschaftstheorie zur Zeit Webers
4.1 Die Krise des Historismus
4.1.1 Die ältere historische Schule
4.1.2 Die jüngere historische Schule
4.1.2.1 Beobachtung und Beschreibung der Erscheinungen
4.1.2.2 System von Definitionen und Klassifikationen
4.1.2.3 Ursachenerklärung
4.2 Hiatus Irrationalis
4.3 Natur vs. Kultur
4.4 Werte und Wirklichkeit
4.5 Werturteilsfreiheit

5 Werteverfall als Beispieldiagnose
5.1 Wertbegriff
5.2 Diagnosebegriff
5.3 Soziologische Diagnosen
5.4 Die Diagnose vom Werteverfall und ihre Kritik
5.4.1 Konzeptionelle Kritik
5.4.2 Empirische Kritik
5.4.3 Theoretische Kritik
5.5 Zwischenergebnis

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

2 Problemstellung

Während die Soziologie auf die Gesellschaft als ihren Gegenstand in prinzipieller Weise angewiesen ist, stellt sich die Frage umgekehrt nicht mit gleicher Selbstverständlichkeit: bedarf die Gesellschaft der Soziologie ? – Während klassische Handlungswissenschaften wie die Ökonomie, die Pädagogik oder die Jurisprudenz ihre Praxisrelevanz gleichsam in sich tragen, sind Grundlagenwissenschaften darauf verwiesen, ihre diesbezüglichen Kompetenzen zu erkunden und zu vermarkten. Rasch fällt das Augenmerk hier auf die Diagnose- und Prognosefähigkeit dieser Disziplinen. Vermag etwa die Soziologie eine Gesellschaftsdiagnose zu stellen, die ihrerseits unmittelbar in Therapiemaßnahmen (etwa gesellschaftspolitischer Art) mündet ? Vermag sie es eigentlich nicht, ist aber im Wettbewerb mit anderen, weniger zauderhaften, sozialwissenschaftlichen Fächern aufgerufen, sich als diagnosefähig anzudienen ?

Diese Arbeit behandelt das Problem der Diagnosefähigkeit der Soziologie auf zwei Ebenen: auf einer allgemeineren Ebene wird zunächst die Frage nach den wissenschaftstheoretischen Implikationen von Diagnose bzw. Diagnostik zu klären sein. Fraglich ist ferner, ob und inwiefern der Diskurs über die diagnostische Kompetenz der Soziologie durch (u.U. problematische) Annahmen aus der Gründerzeit des Faches vorstrukturiert ist. diese Kontextualisierung der Diagnostik-Debatte soll anhand einer fachgeschichtlichen Betrachtung unternommen werden.

Vor dem Hintergrund dieser Grundlegung befasst sich der zweite Teil der Arbeit mit »angewandter Diagnostik« im Bereich der soziologischen Werteforschung. Hier wird es v.a. um die konkrete Diagnose des Werteverfalls gehen, verbunden mit der Frage nach ihrer Pragmatik und theoretischen Einbettung.

3 Diagnose/Diagnostik – Vorüberlegung

3.1 Verstärkter Diagnosebedarf als Befund

Meulemann versucht, anhand einer Recherche in der sozialwissenschaftlichen Fachdatenbank SOLIS zu erheben, inwieweit im Zeitraum von 1970 bis 1997 eine interessierte Öffentlichkeit Bedarf für soziologische Diagnosen zum Thema Wertewandel artikulierte und die Fachvertreter dem nachkamen. Er übernimmt dabei die Einordnung der Arbeiten als empirische, theoretische oder beschreibende. Während empirische und theoretische Arbeiten ein Indikator für die Reaktion der Wissenschaft seien,, stellten die deskriptiven Arbeiten einen Indikator für den Bedarf der Öffentlichkeit dar[1].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es bleibt indes zweifelhaft, ob ein starker Output überwiegend deskriptiver Studien innerhalb sozialwissenschaftlicher Publikationen, die sich ja in erster Linie an eine Fachöffentlichkeit richten, im Sinne von Meulemanns Vorstellung einer Konjunktur als Reaktion einer (akademischen) supply-side auf eine (nichtakademische) demand-side deuten lässt. Es ergibt sich folgender Befund:

Abbildung 1: Studien zu Wertewandel[2]

Abbildung 2: Anteil der Studien zu Wertewandel - Nach Inhalt[3]

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Meulemann stellt fest, dass die Konjunktur einer soziologischen Diagnostik des Wertewandels in den späteren 70er-Jahren als ein Epiphänomen der 68er-Unruhen angelaufen sei, um schließlich 1990 ihren Höhepunkt zu erreichen (vgl. Tabelle 1). Zur gleichen Zeit hat der Anteil der rein deskriptiven Studien (zu Beginn mehr als zwei Drittel aller Studien) abgenommen, während der Anteil der empirischen (und theoretischen) Studien (leicht) zunahm[4]. Als Erklärung für die Konsolidierung ab 1990 führt Meulemann an, dass die Wiedervereinigung wieder „härtere Themen“ auf die Tagesordnung gebracht habe. Insgesamt zeige der Befund, dass „[...] die Öffentlichkeit das Thema der Wissenschaft zugespielt [...]“ habe, in Erwartung einer Diagnose. In der Variation der inhaltlichen Schwerpunkte werde deutlich, dass zunächst der Bedarf der Öffentlichkeit (deskrpitiv), dann die Reaktion der Wissenschaft (empirisch) dominiere. Diese Deutung ist aus o.g. Gründen allerdings fraglich[5].

3.2 Wissenschaftstheoretische Einordnung

3.2.1 Etymologie

Der Begriff Diagnose leitet sich direkt vom griechischen diaginoskein (= »entscheiden«) ab. Damit wird einerseits deutlich, dass es sich um einen selektiven Vorgang handelt[6], andererseits setzen therapeutische Entscheidungen an Diagnosen an (qerapeuein = »behandeln, heilen, gesund machen«). Eine andere Dimension ergibt sich, wenn man das Verb auf seine Bestandteile zurückführt: dia ( = modales/kausales »durch«) + ginoskein ( = »erkennen«). Diagnose ist hier ein voraussetzungsreicher Erkenntnisprozess, bspw. auf der Grundlage von Gesetzeswissen.

Ein Alltagsverständnis von Diagnose wird zunächst auf den medizinischen Bereich abstellen. Diagnostiziert werden Krankheiten durch Mediziner als autorisierte und approbierte Spezialisten, die auch für die Behandlung verantwortlich sind. In direkter Analogie hätte soziologische Diagnostik also die Aufgabe, soziale Pathologien festzustellen (etwa: soziale Ungleichheit durch fehlende oder unwirksame Transferzahlungen) und eine geeignete Behandlung einzuleiten (hier: Erarbeitung und Institutionalisierung neuer Umverteilungsmechanismen)[7].

3.2.2 Theorie

Mit Friedrichs, Lepsius und Mayer lassen sich innerhalb der soziologischen Fachvertreter zunächst drei unterschiedliche Haltungen zu ihrer Diagnosefähigkeit ausmachen: während die sog. Protagonisten die Notwendigkeit soziologischer Diagnosen betonen und sich durch die „begierige Rezeption“ bestätigt sehen, drängen die konstruktiven Skeptiker auf eine Verbesserung der theoretischen und methodischen Instrumentarien des Faches als Voraussetzung erfolgreicher und redlicher Diagnostik. Die Puristen schließlich lehnen Gesellschaftsdiagnosen grundsätzlich ab und berufen sich dabei auf den besonderen Gegenstandsbereich der Soziologie, welcher sich einem derart positivistischen Zugang verschließe[8].

Innerhalb des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses werden Diagnosen als eine Art Zwischenglied eingeordnet: sie beruhen auf empirischen Messungen (Induktion), theoretischen Zuordnungen (Deduktion), die jedoch vorläufig sein können (Ausschlussdiagnostik)[9]. Insoweit handelt es sich um eine „Vorstufe zu einer deduktiven Erklärung“[10]. An anderer Stelle werden Diagnosen eher induktiv als „Zustandsbeschreibungen“ charakterisiert, verbunden mit dem Hinweis, dass viele der zeitgenössischen Gesellschaftsdiagnosen (etwa: Risikogesellschaft, Kommunikationsgesellschaft) auch diese Funktion nicht erfüllen, da es an theoretischer Fundierung fehle und die Analysen mithin unterdeterminiert seien[11].

[...]


[1] Meulemann, S. 257.

[2] Abbildung nach Daten von Meulemann, S. 258.

[3] Abbildung nach Daten von Meulemann, S. 258.

[4] Meulemann, S. 257f.

[5] Ebendort.

[6] Die Autoren der Einleitung zu dem Sonderheft Diagnosefähigkeit der Soziologie der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie sprechen in diesem Zusammenhang von selektiver Generalisierung als spezifischer Gefahr der Diagnose. Vgl. Friedrich u.a., S. 17f.

[7] zurückhaltend bis ablehnend gegen die Übertragung eines medizinischen Diagnosebegriffes in die Soziologie Friedrichs u.a., S. 18ff.

[8] Friedrichs u.a., S. 10.

[9] Dies ist m.E. noch eine andere Nuance von Vorläufigkeit als Popper sie meint, wenn er gegen nicht falsifizierbare Generalhypothesen plädiert, in die sich aufgrund ihres globalen Bezugsrahmens alles integrieren lasse. Vgl. Stark, S. 4.

[10] Friedrichs u.a., S. 19.

[11] Ebendort.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Diagnosefähigkeit der Soziologie im Lichte der Wissenschaftstheorie Max Webers
Untertitel
Am Beispiel von Werteverfall und Wertewandel
Hochschule
Universität Bremen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Wertewandel und Akzeptanz gesellschaftlicher Institutionen. Theorien, Methoden Analysen.
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V42503
ISBN (eBook)
9783638405201
ISBN (Buch)
9783638656634
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kann die Soziologie Gesellschaftsdiagnosen leisten? Beinhaltet nicht jede Diagnose bereits einen normativen Bezug und verstößt damit gegen das Werturteilsfreiheitspostulat? Die Arbeit erörtert diese Fragen anhand der wissenschaftstheoretischen und -politischen Debatte zur Zeit Max Webers, deren Stichworte z.T. noch heute aktuell sind: Nomothetik, Idiographie und Idealtypik. Abschließend wird der sog. "Werteverfall" als Beispieldiagnose vorgestellt.
Schlagworte
Diagnosefähigkeit, Soziologie, Lichte, Wissenschaftstheorie, Webers, Wertewandel, Akzeptanz, Institutionen, Theorien, Methoden, Analysen
Arbeit zitieren
Alexander-Kenneth Nagel (Autor), 2003, Die Diagnosefähigkeit der Soziologie im Lichte der Wissenschaftstheorie Max Webers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42503

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