Franz Kafkas "Brief an den Vater" (1919) als autobiographisches Werk?


Seminararbeit, 2015
17 Seiten, Note: 1,3
Jacqueline Reinisch (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kriterien und Bestimmungsmöglichkeiten zur Kategorisierung einer Autobiografie

3. Entstehungsgeschichte und Inhalt des Briefes

4. Analyse des Werkes anhand der erarbeiteten Kriterien

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich.“1

Mit diesem Satz beschreibt Franz Kafka sich selbst und seine Werke. Er sah das Schreiben als eine ‚Existenzaufgabe‘ für sich und sein Leben. Sein Gesamtwerk ist bekannt für die Verarbeitung des problematischen Verhältnisses zu seinem Vater und somit immer wieder überschattet von den starken biografischen Zügen, die man im Vergleich zu seinem Lebenslauf und seinen Stimmungen wiederfindet.

Biografisch oder doch autobiographisch? Wie viel von Franz Kafka findet sich nun wirklich in seinen Werken wieder? Wie wird die Autobiographie in der Literaturwissenschaft definiert und inwieweit treffen diese Kriterien auf Kafkas Brief an den Vater zu? Die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes resultiert aus der Annahme, dass in diesem Werk die meisten Grenzen zwischen der Autobiographie und Biographie überschritten werden.

Um diesen Fragen nachzugehen, werden zu Beginn der Seminararbeit allgemeine Kriterien und Klassifikationsmöglichkeiten einer Autobiografie aufgeführt und miteinander verglichen. Einen Vergleich bieten in dieser Recherche drei Lexikonartikel, aus denen übereinstimmende Kriterien herausgefiltert werden sollen. Ebenso dienen die Kriterien Johann Wolfgang von Goethes aus dem Vorwort seiner eigenen Autobiographie Dichtung und Wahrheit und Philippe Lejeunes Abhandlung Der autobiografische Pakt als vergleichbare Größen.

Weiterhin sollen die Entstehungsgeschichte wie auch der Inhalt des Briefes näher betrachtet werden, um die Beweggründe, sowohl für das Schreiben selbst als auch für die Veröffentlichung durch Kafkas Freund Max Brod, besser nachvollziehen zu können. Zuletzt wird das Werk Brief an den Vater auf die zu Beginn genannten Kriterien hin analysiert werden.

2. Kriterien und Bestimmungsmöglichkeiten zur Kategorisierung einer Autobiografie

Die eindeutige Bestimmung der Gattung Autobiographie ist in der Literaturwissenschaft immer wieder umstritten. So besteht der Grundgedanke aus einem verschriftlichten Werk eines Autors über sein eigenes Leben. Dies resultiert aus der griechischen Wortherkunft des Begriffs.2 Jedoch stößt diese einfach wirkende Definition des Öfteren an ihre Grenzen. Um mit einem annähernd weit akzeptierten Arbeitsbegriff arbeiten zu können, wurden drei ausgewählte Lexikonartikel auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht.3

Die beiden Übereinstimmungen, die in allen Lexika zu finden sind, resultieren aus dem vorher genannten Grundgedanken – also der Erzählung des eigenen Lebens und der Geschichte der eigenen Person. Ein ebenso in allen Artikeln wiederkehrender Punkt ist das Fehlen von Fiktionalität4, beziehungsweise ein daraus resultierender Wahrheits- oder Aufrichtigkeitsanspruch seitens des Autors.5 Das Handbuch literarischer Gattungen akzeptiert diesbezüglich eine Fiktionalisierung der Geschichte, soweit es aus der Nähe von Erinnerung, Wahrnehmung und Darstellung hervorgehe.6

Auch die Narrativität oder die narrative Organisation des Textes ist in allen Artikeln entscheidend. Auffällig ist hier jedoch die unterschiedliche Interpretation der literarischen Gestaltung. Während das Metzler Literatur Lexikon von „allen Formen der Erzählungen“7 spricht, definiert das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft einen „narrativ organisierten Text im Umfang eines Buches“8 mit Differenzierungen zu beispielsweise Briefen und Tagebüchern. Ein weiteres größtenteils übereinstimmendes Merkmal der Autobiographie ist die Retrospektivität auf die persönliche Entwicklung und das eigene Handeln in der Vergangenheit. Auch Deutungen oder Wertungen der Geschehnisse können hier mit einspielen. Die letzte Übereinstimmung, die in zwei von drei Artikeln benannt wird, ist die eigene Entwicklung im Kontext des „historischen, sozialen oder kulturellen Umfeldes“9 und die damit verbundene Wirkung auf die eigene Entwicklung.

Dieser Punkt wird neben zwei weiteren auch in dem Vorwort zu Goethes Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ als eine zentrale Aufgabe der Biographie aufgeführt. So schreibt Goethe, es sei wichtig zu „[…] zeigen, in wiefern ihm das Ganze widerstrebt, in wiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet […]“10

Denn „[…] den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen, [...]"11 sei die Hauptaufgabe, die die Biographie zu erfüllen habe. Diese sollte dann unter den oben genannten Wirkungen „[…] wieder nach außen abgespiegelt“12, also in ein literarisches Konzept verpackt werden. Somit ist auch in Goethes Definition einer Autobiographie der narrative Charakter in einem literarischen Werk vorhanden. Ferner habe er versucht, sein Werk nach inneren Beziehungen zu ordnen und diese, inklusive von eigenen Stimmungs- und Lebensumständen, in chronologischer Reihenfolge zusammenzutragen.13 Auch wenn Goethe hier nur die Arbeit an seinem eigenen autobiographischen Werk beschreibt und keine explizite Aufgabe der Biographie benennt, erscheint der Punkt an dieser Stelle ebenfalls bedeutend.

Der französische Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune widmete sich in seiner Abhandlung Der autobiographische Pakt der Gattung der Autobiographie, weshalb diese auch hier genauer betrachtet werden soll. Als Definition der Autobiographie führt Lejeune an:

„Rückblickende Prosaerzählung einer tatsächlichen Person über ihre eigene Existenz, wenn sie den Nachdruck auf ihr persönliches Leben und insbesondere auf die Geschichte ihrer Persönlichkeit legt.“14

Diese Definition baut für Lejeune auf vier verschiedenen Kategorien15 auf, die die Autobiographie in Gänze zu erfüllen habe, um als solche zu gelten. Werke, die eine dieser Bedingungen nicht erfüllen, gelten laut Lejeune somit nur als Nachbargattung der Autobiographie. In einigen der Kategorien seien jedoch Abstufungen möglich. Beispielsweise solle der Großteil des Textes in Prosa geschrieben sein,16 was bedeutet, dass kleinere Abschnitte auch in lyrischen oder dialogischen Passagen zu finden sein könnten. Für Lejeune stellen sich allerdings zwei Bedingungen in den Vordergrund – die Identität zwischen Autor und Erzähler, wie auch die Identität zwischen Erzähler und Protagonisten.17 Das bedeutet, dass der Autor des Textes sowohl die Identität der erzählenden Instanz annimmt als auch die des Protagonisten. Aus diesen Zusammenhängen bestehe der autobiographische Pakt, den das Werk mit dem Leser einginge. Die Namensidentität zwischen Protagonist und Autor könne auf zwei verschiedene Weisen verdeutlicht werden – implizit oder offenkundig, indem der Name im Text selbst verwendet wird.18 Sollte die Identität jedoch nicht explizit genannt werden, wie es beispielsweise in einigen Werken Kafkas der Fall ist, sei der Leser in Versuchung Übereinstimmungen zwischen dem Protagonisten und dem Autor herzustellen.19

Um diese Übereinstimmung zu verdeutlichen arbeite die klassische Autobiographie daher oftmals mit der Verwendung der ersten Person, also einem autodiegetischen Erzählstils,20 wobei auch Verwendungen der zweiten

[...]


1 Kafka, Franz: Briefe an Felice und andere Korrespondenzen aus der Verlobungszeit, zit. nach: Kaul, Susanne: Einführung in das Werk Franz Kafkas. Darmstadt: WBG 2010, S. 32.

2 gr. autós = selbst; gr. bíos = Leben; gr. gráphein = schreiben; vgl. hierzu: Lehmann, Jürgen: Autobiographie. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hrsg. von Klaus Weimar, Harald Fricke u. Jan-Dirk Müller. Neubearb. Berlin [u.a.]: de Gruyter 2007, S. 169.

3 Um den Umfang des Vergleichs nicht zu groß werden zu lassen, wurde bewusst eine kleine Auswahl an Definitionen herangezogen.

4 Hier sei auf die Problematik der nicht eindeutigen Fiktionalitätsdefinition hingewiesen.

5 Vgl. Kraus, Esther : Autobiografie. In: Handbuch der literarischen Gattungen. Hrsg. von Lamping, Dieter u. Sandra Poppe. Stuttgart: Kröner 2009, S. 22.

6 Vgl. ebd.

7 Schwalm, Helga: Autobiographie. In: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Hrsg. von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender u. Burkhard Moennighoff. 3. völlig neu bearbeitete Aufl. Stuttgart: Metzler 2007, S. 58.

8 Lehmann, Autobiographie, S. 169. Hier stellt sich ebenfalls die Frage nach der Definition des Wortes „Buch“. Da der „Brief an den Vater“ ebenfalls in Form eines Buches abgedruckt ist, kommt es an dieser Stelle zu Unstimmigkeiten.

9 Schwalm, Autobiographie, S. 35.

10 Goethe, Johann Wolfgang von: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit; [Text und Kommentar]. Hrsg. von Klaus-Detlef Müller. Frankfurt, M.: Dt. Klassiker-Verl. 2007, S. 13.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Vgl. ebd.

14 Lejeune, Philippe: Der autobiografische Pakt. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, S. 14.

15 Lejeune spricht von den Kategorien: sprachlichen Form, behandeltes Thema, Situation des Autors, Position des Erzählers, vgl. ebd.

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. ebd., S. 28.

20 Martínez, Matías u. Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 9. aktualisierte und überarb. Aufl. München: Beck 2012, S. 86.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Franz Kafkas "Brief an den Vater" (1919) als autobiographisches Werk?
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V425275
ISBN (eBook)
9783668703605
ISBN (Buch)
9783668703612
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Autobiografie, Brief an den Vater, Lejeune, Literaturwissenschaft, Autobiographie, Analyse, Literarische Analyse, Dichtung und Wahrheit, Goethe, Germanistik, Textanalyse, Gattung, Literarische Gattung
Arbeit zitieren
Jacqueline Reinisch (Autor), 2015, Franz Kafkas "Brief an den Vater" (1919) als autobiographisches Werk?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/425275

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