»Homo rationaliter religiosus?« Das Paradigma der Rationalen Wahl und seine Anwendung in der Religionswissenschaft


Skript, 2005

30 Seiten


Leseprobe

1 Inhaltsverzeichnis und Gliederungsübersicht

2 Einleitung
2.1 Problemstellung
2.2 Aufbau der Arbeit

3 Theoriebefund
3.1 Einordnung des RC-Paradigmas
3.1.1 RC, Mikroökonomie und Nutzentheorie
3.1.2 RC und Verhaltenstheorie
3.1.3 RC und Handlungstheorie
3.1.3.1 Rationales Handeln
3.1.3.2 Idealtypische Akteure
3.1.3.3 RC-Theorie als Handlungstheorie
3.2 RC sinnhaft: die Situationslogik von Hartmut Esser
3.2.1 Einordnung der Wert-Erwartungstheorie H. Essers
3.2.2 Situation und Handeln

4 RC in der Religionswissenschaft
4.1 Utilitaristische Religionsphilosophie
4.2 Die Amerikanische Relgionsökonomie
4.2.1 Stark, Iannaccone und Finke
4.2.1.1 Kritik an der klassischen Religionssoziologie
4.2.1.2 Allgemeines Erkenntnisinteresse
4.2.1.3 Wissenschaftstheoretischer Ausgangspunkt
4.2.1.4 Richtungen innerhalb der Religionsökonomie
4.2.2 ...Und Ihre Rezeption

5 Schlussfolgerungen
5.1 Zusammenfassung
5.2 Ausblick und Bewertung

6 Literaturverzeichnis

2 Einleitung

2.1 Problemstellung

In ihrer kurzen Geschichte bediente sich die Religionswissenschaft einer Fülle von Ansätzen, um Erkenntnisse über ihren Gegenstand zu erlangen: Religion wurde als vor aller Erfahrung vorhandenes Gefühl, eine Art platonischer Idee (Schleiermacher/Otto) verstanden, als historisch beobachtbarer und rekonstruierbarer Sachverhalt (religionsgeschichtliche Schule), als Ausdruck und Funktion von etwas anderem (Durkheim/Parsons), als kulturelles Symbolsystem (Mead/Berger/Luckmann/Geertz) und kommunikativer Akt (Habermas), oder als soziales Teilsystem zur Bewältigung des Kontingenzproblems (Luhmann).[1]

Indem sich die definitorischen Anstrengungen zunehmend als fruchtlos und unbefriedigend erwiesen, wandelte sich das religionswissenschaftliche Erkenntnisinteresse in Richtung einer „Diskursiven Religionswissenschaft“ (Kippenberg), welche die Verschriftung von und die Kommunikation über Religion in den Vordergrund rückt.[2] Einen weiteren Schritt in diese Richtung stellt schließlich die Betrachtung religiöser Verhaltensäußerungen unter der Prämisse rationalen Wahlverhaltens dar, wie sie für die amerikanische Religionsökonomie kennzeichnend ist. Die Diskussion um das Rational Choice – Paradigma zeigt die Polarisierung der Religionswissenschaft in ihrer ganzen Schärfe: während die Einen den Paradigmenwechsel beschwören, sehen die Anderen ihren Erkenntnisgegenstand in seiner Einzigartigkeit in Frage gestellt.

In dieser Arbeit soll der RC-Ansatz in die sozial- und religionswissenschaftliche Theoriebildung eingeordnet und mit Blick auf die beanspruchte Erklärungskompetenz anhand der aktuellen religionssoziologischen Debatten überprüft werden. Auf einer wissenschaftstheoretischen Ebene wird zu fragen sein, ob sich anhand der Religionsökonomie Aufschlüsse über die Wechselwirkungen zwischen einer wissenschaftlichen Disziplin und ihren Paradigmen gewinnen lassen.

2.2 Aufbau der Arbeit

In einem ersten Schritt ist das RC-Paradigma in die „theoretische Topographie“ soziologischer Theoriebildung einzuordnen und darin abzugrenzen. Eine solche Abgrenzung ist insofern erforderlich, als RC-Theoreme mit mikroökonomischen, behavioristischen, biologistischen und spieltheoretischen Implikationen aufgeladen werden können, ohne vollständig in diesen Ansätzen aufzugehen. Auf dieser Grundlage wird mit Esser dann der Versuch unternommen, RC als methodologischen Individualismus in der Riege soziologischer Schulen zu profilieren. Schließlich soll die Bedeutung der Situation auf (subjektiv) rationales Wahl-verhalten mit Essers Ansatz zur Situationslogik ergründet und einige seiner theoretischen Modelle dazu vorgestellt werden.

Der zweite Teil ist schließlich der aktuellen religionssoziologischen Diskussion in den USA gewidmet und wird ausgewählte Positionen und ihre Vertreter vor- und gegeneinander stellen. Diese Darstellung scheint sinnvoll, da sich die einzelnen Standpunkte noch nicht derart von ihren Urhebern emanzipiert haben, dass man sie getrennt von ihnen, bspw. als verfestigte Stellungnahmen ganzer Schulen behandeln könnte. Der „harte Kern“ der Amerikanischen Schule (Stark, Finke und Iannaccone) wird dabei im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Abschließend folgt eine Zusammenfassung und Bewertung mit einem Seitenblick auf die Reziprozität zwischen Disziplin und (neuem) Paradigma gemäß der Problemstellung.

3 Theoriebefund

3.1 Einordnung des RC-Paradigmas

3.1.1 RC, Mikroökonomie und Nutzentheorie

Die mikroökonomischen (oder neoklassischen) RC-Ansätze untersuchen ökonomisch relevantes Wahlverhalten unter der Prämisse der Rationalität. Rationalität meint in diesem Zusammenhang die Effizienz zwischen Mittel (die beobachtbare Verhaltensäußerung)[3] und angenommenem Ziel (Zweck/Nutzen). Handeln ist grundsätzlich dann effizient, wenn das Handlungsziel mit dem geringst möglichen Einsatz an Mitteln realisiert wurde oder wenn mit begrenztem Mitteleinsatz der größte Handlungsnutzen erzielt wurde.[4] Ziel oder Nutzen von Handlungen ist die Befriedigung von Bedürfnissen, positiv gewendet die Steigerung des persönlichen Wohlbefindens. Anhand dieser Messlatte können nun „Aktivitäten“ als (mehr oder weniger) „angenehm“ bzw. (mehr oder weniger) „unangenehm“ klassifiziert werden, jeweils abhängig von dem subjektiven System von Wertschätzungen (Präferenzstruktur).[5]

Den potentiell höchst unterschiedlichen Präferenzstrukturen der handelnden Subjekte steht also der übergreifende Nutzen der Wohlbefindenssteigerung gegenüber. Dabei ist eine Handlungsentscheidung grundsätzlich riskant, da sie auf Erwartungen hinsichtlich des Handlungserfolgs beruhen, die sich bewahrheiten können oder nicht. Falsche Erwartungen führen zu Misserfolgen und mithin zu Erfahrungssammlung (Lernprozesse). Gleichwohl gilt die Verringerung des Handlungsrisikos als zweite übergreifende Handlungsmaxime, „der Mensch agiert insgesamt mit dem Ziel, in einem von ihm überschauten Zeitraum ein maximales Ausmaß an Wohlbefinden zu erreichen.“.[6]

Weiterhin wird angenommen, dass die Präferenzstruktur ein verallgemeinerbares Bedürfnisspektrum abbildet:

- physiologische Bedürfnisse (Nahrung und Kleidung)
- Sicherheitsbedürfnisse (Schutz vor Naturkräften)
- Zuneigungsbedürfnisse: (Liebe, Freundschaft und Zugehörigkeit)
- Achtungsbedürfnisse: (Selbstachtung und Achtung durch andere)
- Selbstverwirklichungsbedürfnisse: (Entfaltung der individuellen künstlerischen, musischen oder philosophischen Fertigkeiten)

Bemerkenswerterweise beruft sich die Ökonomie bei der Gestaltung von Bedürfnishierarchien auf die Sozialwissenschaft,[7] die wiederum zahllose Modelle hervorgebracht hat. Esser, der die ökonomischen Grundideen von Handeln und Nutzenproduktion teilt, unterscheidet lediglich zwei allgemeine Bedürfnisse: soziale Wertschätzung und physisches Wohlbefinden.[8]

Jede Steigerung des Wohlbefindens ist ein konsumtiver Akt, d.h. es werden Güter (im weiteren Sinne) ge- und verbraucht.[9] Die Nutzenstiftung von Gütereinheiten ist jedoch gemäß den Gossenschen Gesetzen mit zunehmendem Konsum in der Zeit nicht konstant, sondern abnehmend, d.h. der Grenznutzen jeder weiteren Einheit unterschreitet den der vorangegangenen.[10]

Da Konsumakte in der Regel mit Beschaffungsvorgängen verbunden sind und die Anzahl der Handlungen in der Zeit endlich ist, bringt Konsum stets Kosten mit sich: Transaktionskosten sind die unmittelbar mit dem Konsum verbundenen Aufwände, also die Schadensstiftung der konsumtiven Handlung, die ihrerseits wohlbefindensmindernd wirkt. Opportunitätskosten entstehen, da jeder Konsum die Teilnahme an gleichzeitigen anderen Konsummöglichkeiten verhindert.

Im mikroökonomischen Verhaltensmodell werden also die jeweils aktuellen Grenznutzen und Grenzschaden aller Handlungsalternativen kalkuliert. Diese Kalkulation erfolgt aufgrund der subjektiven Präferenzen und Erwartungen über die wohlbefindenssteigernde Potenz der Handlungsalternativen.

3.1.2 RC und Verhaltenstheorie

Zum Verhaltensbegriff: Verhalten umfasse alle Positionseinnahmen (d.h. jede motorische, verbale, kognitive oder emotionale Aktivität) eines lebenden Organismus zu seiner Umgebung.[11] In der Literatur wird betont, dass Verhalten insbesondere die „automatischen und unreflektierten Reaktionen“ (Esser), bzw. „bio-physischen“ (Krause) Lebensäußerungen beinhalte. In jedem Falle sei auch Inaktivität eine Stellungnahme des Organismus im Sinne dieses Verhaltes-Begriffes, so dass ein lebender Organismus sich nicht nicht verhalten könne.[12]

Esser verweist in einem evolutionstheoretischen Exkurs darauf, dass Verhalten der Anknüpfungspunkt für Selektion sei. Lernen sei demnach die

„[...] Auslese von Selektions-Programmen durch Erfahrung oder durch Beobachtung und Nachahmung – also ohne Änderung der biogenetischen Struktur“[13].

Den verhaltenstheoretischen Ansatz kennzeichnet nach Krause „[...] der Verzicht auf die Angabe letzter inhaltlich bestimmter Verhaltensgründe“. Stattdessen werde aus dem beobachtbaren Verhalten auf das Vorliegen von Motiven oder Bedürfnissen geschlossen. Auf diese Weise kann angenommen werden, dass objektbezogenes Verhalten auf einer Deprivation hinsichtlich des Objekts beruht. Damit wird in der Verhaltenstheorie dem Vorgang des Er- und Verlernens von Verhalten Vorrang vor dem Erschließen der Verhaltensgründe eingeräumt.[14]

Dieses Lernverhalten ist auch der Schlüssel zu rationalem Wahlverhalten: indem eine Situation hypothetisch antizipiert wird, lässt sich Verhalten im Voraus selektieren. Die Antizipation der Situation ist nichts anderes als die Erwartung der Sich verhaltenden Einheit (SVE) hinsichtlich ihres Handelns und dessen Folgen.[15]

Verhaltenstheoretische Annahmen werden in der RC-Theorie also prominent im Konzept des erwarteten Nutzens: die Erwartung ist das Ergebnis von Lernprozessen (ob diese auf reaktivem Verhalten oder intentionalem Handeln beruhen, kann letztlich dahingestellt bleiben),[16] der Nutzen ist das Komplement der Bedürfnisse, mithin deren Befriedigung.

3.1.3 RC und Handlungstheorie

3.1.3.1 Rationales Handeln

„»Handeln« aber (mit Einschluß des gewollten Unterlassens und Duldens) heißt uns stets ein verständliches, und das heißt ein durch irgendeinen, sei es auch mehr oder minder unbemerkt »gehabten« oder »gemeinten« (subjektiven) Sinn spezifiziertes Verhalten zu »Objekten«“.[17]

Rational ist dabei ein Handeln im Bewusstsein seiner Zweckhaftigkeit:[18]

„Zweckrational handelt, wer sein Handeln nach Zweck, Mitteln und Nebenfolgen orientiert und dabei sowohl die Mittel gegen die Zwecke, wie die Zwecke gegen die Nebenfolgen, wie endlich die verschiedenen möglichen Zwecke gegeneinander rational abwägt“.[19]

Esser stellt die Frage, welche Handlungstheorie einem RC-Modell angemessen ist und referiert zunächst den Kernbereich soziologischer Handlungstheorie:

- Normative Handlungstheorie (Parsons)
- Theorie der symbolischen Interaktion (Mead)
- Theorie des Alltagshandelns (Schütz)
- Ethnomethodologische Theorie (Garfinkel)
- Dramaturgie- und Rollentheorien (Goffman)

Diesen Ansätzen hält Esser die Wert-Erwartungstheorie als Theorie rationalen Handelns entgegen, zuschreibt und deren Prämissen hier kurz zu klären sind:

(1) Jedes Handeln ist eine Selektion zwischen Handlungsalternativen.
(2) Jedes derart selektierte Handeln zieht gewisse Folgen nach sich.
(3) Diese Folgen werden von dem Akteur unterschiedlich bewertet.
(4) Diese Folgen treten mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten auf.
(5) Diese Folgen werden vom Akteur evaluiert (WE-Gewichtung).
(6) Selektion von Handlungsalternativen ist WE-Maximierung.

[...]


[1] Einen systematischen Überblick definitorischer Ansätze bietet Pollack 1995, S.167 ff.

[2] Kippenberg 1983, S. 11f.

[3] Hier ergibt sich ein empirisches Problem, da rc-theoretisch relevante Verhaltensäußerungen auch in einem „bewussten Unterlassen“ bestehen können. Ein solches „Nicht-Handeln“ lässt sich aber als Unterlassung nur dann beobachten, wenn der Beobachter die unterlassene/n Handlungsalternative/n aufgrund seiner eigenen Relevanzstruktur überhaupt in Betracht zieht.

[4] Vgl. die kurze Diskussion über „rational action“ bei Hechter, Hechter 1997, S. 147f.

[5] Ramb 1993, S. 1; S. 3.

[6] Derselbe, S. 5.

[7] Derselbe, S. 6.

[8] Esser 1999, S. 93f. Entsprechend der klassischen Bestimmung von Adam Smith, der die Erhaltung des Organismus und soziale Anerkennung als zentrale Präferenzen ausmacht.

[9] Ramb 1993, S. 7.

[10] Derselbe, S. 8ff. Analoge Darstellung bei Esser: Esser 1999, S. 86ff.

[11] Esser 1999, S. 178. Krause beschränkt dies unter Berufung auf den menschlichen Organismus: Krause 1989, S. 42.

[12] Esser 1999, S. 179.

[13] Derselbe, S. 180. Nota bene: hier geht es um die ontogenetische Entwicklung.

[14] Krause 1989, S. 42f.

[15] Esser 1999, S. 181.

[16] Derselbe, S. 183.

[17] Weber 1968, S. 99.

[18] Krause 1989, S. 47.

[19] Weber 1972, S. 13

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
»Homo rationaliter religiosus?« Das Paradigma der Rationalen Wahl und seine Anwendung in der Religionswissenschaft
Hochschule
Universität Bremen  (Religionswissenschaft/Religionspädagogik)
Veranstaltung
Grundlagen einer Religionsökonomie
Autor
Jahr
2005
Seiten
30
Katalognummer
V42550
ISBN (eBook)
9783638405577
ISBN (Buch)
9783638656689
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dieses Skript bietet eine ausführliche Einführung in das Paradigma der Rationalen Wahl und seine Anwendung in der Religionswissenschaft. Nach einer fachgeschichtlichen und propädeutischen Einleitung wird die aktuelle religionssoziologische Diskussion in den USA zusammengefasst und die prominentestes Vertreter dieser sog. Religionsökonomie vorgestellt. Abschließend wird der Theoriebefund auf seine Verwendbarkeit im Themenfeld Religion hin kritisch reflektiert.
Schlagworte
Paradigma, Rationalen, Wahl, Anwendung, Religionswissenschaft, Grundlagen, Religionsökonomie
Arbeit zitieren
Alexander-Kenneth Nagel (Autor), 2005, »Homo rationaliter religiosus?« Das Paradigma der Rationalen Wahl und seine Anwendung in der Religionswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42550

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