Ausländische Direktinvestitionen und technologische Lernprozesse in Entwicklungsländern


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. ADI und technologische Lernprozesse in der Theorie
2.1 Evolutionsökonomik und technologische Lernprozesse
2.2 potentielle Effekte von ADI in Entwicklungsländern
2.3 Analyserahmen

3. Ergebnisse für technologische Lernprozesse in den Entwicklungsländern
3.1 Überblick über ADI in Entwicklungsländern
3.2 Technologietransfer, Lernprozesse und Wirtschaftswachstum durch ADI
3.3 Fallbeispiel Penang, Malaysia

4. Konsequenzen der Einflüsse von ADI
4.1 mögliche Handlungsempfehlungen für Entwicklungsländer
4.2 kritische Betrachtung der Ergebnisse

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit den 1980er Jahren werden die Märkte der Entwicklungsländer sukzessive für Ausländische Direktinvestitionen (ADI) geöffnet, um externe Finanzierungsengpässe zu überwinden, die aus schwankenden Auslandskreditmärkten, sich verändernden Weltmarktpreisen für Rohstoffe und stagnierender Entwicklungshilfe entstanden sind. ADI werden außerdem seit Jahren als eines der Hauptinstrumente propagiert, damit Entwicklungsländer wirtschaftlich zu den „entwickelten Ländern“ aufschließen können. Ein wichtiger Beitrag dazu sind technologische Lernprozesse aus ADI, die auftreten können und die heimischen Industrien potentiell wettbewerbsfähiger machen. In dieser Hausarbeit gehe ich der Frage nach, wie technologische Lernprozesse in Entwicklungsländern durch ADI geschehen können und wie groß die Effekte für die Empfängerländer sind.

Aus Gründen der Verfügbarkeit von Daten halte ich mich bei der Klassifikation der Entwicklungsländer, wenn nicht anders angegeben, an die Definition der Weltbank, nach der die Grenze zu den „entwickelten Ländern“ zwischen den Einkommensklassen „High Income“ und „Upper Middle Income“, 2003 bei einem jährlichen Bruttonationaleinkommen von 9385 US-$ / Kopf, gezogen wird, wohl wissend dass diese Gruppe sehr heterogen ist und ca.150 Länder enthält.

2. ADI und technologische Lernprozesse in der Theorie

2.1 Evolutionsökonomik und technologische Lernprozesse

Die Evolutionsökonomik, als Gegenentwurf zur Neoklassik entstanden und mit vielen Anleihen aus der Biologie versehen, baut auf verschiedenen Mechanismen auf. Ein zentraler Aspekt ist der Einfluss von Routinen, regelmäßige, mehr oder weniger vorhersehbare Muster des Verhaltens, die stark von der Vergangenheit beeinflusst sind und somit auch Entscheidungen in der Zukunft mitbestimmen, was zu einer Pfadabhängigkeit von wirtschaftlichen Akteuren führt. Diese wiederkehrenden Prozesse führen auch zu einer „bounded rationality“, suboptimalen Entscheidungen aufgrund nicht vollkommener Informationen und Abkehr vom rationalen Menschenbild des „homo oeconomicus“, da ADI nicht immer in denjenigen Ländern getätigt werden, die höchste Gewinne versprechen, sondern oft dort, wo Unternehmen ihren Routinen folgen können. (HAGEDORN, NARULA 2001)

Die wachsende Komplexität der Wirtschaft mit zunehmender Vielfalt in der ökonomischen Struktur sorgt dafür, dass sich neue Arten von Technologien (Innovationen) entwickeln, die durch Auswahl/Selektionsprozesse am Markt bestehen müssen. Effektive Auswahlmechanismen hängen von Faktormärkten sowie Institutionen, aber auch von Bräuchen, Zufall und Gelegenheiten ab, so dass die wirtschaftliche Entwicklung stark von lokalspezifischen Eigenschaften und Politiken determiniert wird. (BOSCHMA, LAMBOOY 2001)

In Bezug auf Lernprozesse wird zwischen kodifiziertem, leicht übertragbarem Wissen sowie nicht kodifiziertem Wissen („tacit knowledge“) unterschieden. Dieses ist nur schwer auf andere Akteure zu übertragen, da es an Personen und Lokalitäten und somit räumliche Nähe gebunden ist. Interaktionen zwischen Wirtschaftssubjekten sind also notwendig, um an das Wissen zu gelangen. Lernen ist damit immer kontextspezifisch, da es auf einzelnen Arrangements innerhalb eines Netzwerkes basiert und gleichzeitig von den jeweiligen Umfeldbedingungen, die territorial eine Grundlage für gemeinsames Handeln bilden, abhängig ist. (BATHELT, GLÜCKLER 2003)

Beim unternehmensübergreifendem Lernen kommt es zu Kommunikations- und Anpassungsprozessen zwischen Produzenten und Zulieferern/Abnehmern, so dass durch enge Kontakte und Abstimmung entweder neues Wissen für eine jeweilige Partei generiert oder aber bestehendes Wissen an eine Partei transferiert wird. Das produktionsbezogene Lernen handelt davon, dass durch alltägliche Produktionserfahrungen („learning by doing/using“) Verbesserungen entstehen, beispielsweise wenn eine gekaufte Maschine weiter modifiziert werden kann. Beim qualifikationsbezogenen Lernen werden für bestehende Technologien systematische Fortbildungsprozesse und gezielte Anwerbung von qualifizierten Arbeitskräften durchgeführt, die zu nachholendem technologischen Lernen führen können. Firmen mit einem Entwicklungsrückstand können Vorsprünge dadurch aufholen oder den Weg zur Imitation von Produkt- oder Prozesstechnologien beschreiten. (BATHELT, GLÜCKLER 2003)

Bei Entscheidungen von wirtschaftlichen Akteuren wird in der Evolutionsökonomik davon ausgegangen, dass Lernprozesse aufeinander aufbauen und möglichst wenige Experimente eingegangen werden. Radikale Veränderungen sind deshalb selten, da Routinen verändert werden müssen, dafür aber exploratorisches Lernen stattfindet, das neue Alternativen erschafft, die zukünftige Lebensfähigkeit der Firma zu sichern. Exploitatives Lernen, also eher graduelle Veränderungen und festhalten an einem Großteil der Prozesse dagegen ist weiter verbreitet, trägt aber nur bis zu einem gewissen Punkt dazu bei, die aktuelle Konkurrenz- und Lebensfähigkeit zu sichern. Firmen müssen die Balance zwischen den jeweiligen Lernprozessen finden, angepasst an die spezifischen Bedingungen und unter der Prämisse, dass sie wegen Informationsdefiziten nie optimal handeln können. (HAGEDORN, NARULA 2001)

2.2 Potentielle Effekte von ADI in Entwicklungsländern

Wenn ADI von ausländischen Multinationalen Unternehmen (MNU) in Entwicklungsländern getätigt werden, so entstehen in der Regel Produktionskapazitäten, so dass in diesen inkorporiert auch zumeist überlegenes Wissen in technischen, organisatorischen, sowie anderen Bereichen in das Empfängerland transferiert wird. Für heimische Unternehmen hat diese Investition verschiedene Konsequenzen, ob allerdings in positiver oder negativer Sicht, hängt von Faktoren wie der wirtschaftspolitischen Lage, den Branchenspezifika, der Wahl der Technologien hinsichtlich der Kapitalintensität, den Unternehmensphilosophien und Produktionsgefällen ab. In fünf verschiedenen Gebieten können die ADI nach DUNNING auf den heimischen Markt und deren Unternehmen Einfluss nehmen. (vgl. im Folgenden: DUNNING, nach ALTENBURG 2001, S.11-12)

1. Für Vorprodukte, Rohstoffe, Dienstleistungen und ähnliches erzeugen MNU Nachfrage nach Produkten lokaler Zulieferer im Gastland. Dabei entstehen häufig auch Zuliefernetzwerke, die von den MNU in einigen Bereichen mit Know-how unterstützt werden, um sich leistungsfähige Verflechtungen zu schaffen. Ob und wie weit lokal zugekauft und Wissen transferiert wird, hängt maßgeblich von der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Betriebe sowie von der Bereitschaft der MNU ab, Technologien weiterzugeben.
2. Die Bereitstellung von Produkten für lokale Kunden findet dadurch statt, dass Kundendienst- oder Distributionsnetzwerke oft an heimische Unternehmen ausgelagert werden, weil sich die MNU dann nicht selbst finanziell engagieren, sondern nur die Standards kontrollieren und dabei auch Informationen teilen müssen. Wissenstransfer findet ebenfalls statt, wenn überlegene Produkte, vor allem Investitionsgüter, an heimische Kunden verkauft werden und diese dadurch neue Verfahren und Technologien kennen lernen.
3. Da MNU in den meisten Fällen technologisch überlegen und produktiver sind, ergibt sich eine Veränderung der Wettbewerbsbedingungen für konkurrierende Unternehmen derselben Branche. Entweder wird auch deren Produktivität durch zusätzliche Investitionen und Lernprozesse gestärkt, oder sie werden verdrängt oder übernommen und damit die endogene technologische Entwicklung verhindert.
4. Technologische Allianzen sind in einigen Entwicklungsländern als Auflage festgeschrieben. MNU müssen hier Kooperationen mit einheimischen Betrieben eingehen, wodurch sich allerdings neben der Wissenspreisgabe auch Vorteile wie beispielsweise Marktzugang und evtl. Einflussmöglichkeiten auf die Politik ergeben. In einigen Ländern wie u.a. China nehmen die MNU Nachteile oft in Kauf, bzw. gehen auch freiwillig solche Allianzen als Risikoteilung ein.
5. Weitere spill-over-Effekte können auch andere heimische Firmen betreffen, die beispielsweise bisher unbekannte Marketingstrategien oder Produktionskonzepte einsetzen. Diese Demonstrationseffekte seitens der MNU werden durch Beobachten, Kopieren oder Adaptieren übernommen. Ausbildungseffekte ergeben sich daraus, dass Arbeitskräfte besser und zeitgemäßer ausgebildet werden durch die MNU und diese dann den heimischen Arbeitsmarkt bereichern oder sich selbständig machen mit dem technologischen Know-how aus der ausländischen Produktionsstätte. Negative Effekte sind jedoch zu befürchten, wenn MNU hochqualifizierte Arbeitskräfte von einheimischen Unternehmen abwerben und so das endogene Potential senken.

Der „catch-up“ mittels Diffusion von Technologien erfolgt also durch Imitation von neuen Technologien und Managementpraktiken seitens einheimischer Unternehmen, Interaktion zwischen den Firmen, Wettbewerb und Ausbildung auf den lokalen Märkten. (JOST 2003)

Problematisch ist jedoch, wenn dadurch eigene FuE-Anstrengungen ersetzt werden und damit eine Abhängigkeit von den MNU, die sowieso einen Großteil der weltweiten FuE-Aktivitäten durchführen, entsteht und eine Diffusion von deren Technologien immer wichtiger würde für Empfängerländer. Entwicklungsländer mit einer höheren Absorptionsfähigkeit profitieren tendenziell stärker von der Adaption fortschrittlicher ausländischer Technologien, die durch ADI vom Firmenhauptquartier zur Tochtergesellschaft transferiert wurde. Zudem gibt es anscheinend eine Untergrenze der Absorptionskapazität, unterhalb derer keine positiven Effekte von ADI mehr geschehen. (BLYDE 2003)

Nachdem Entwicklungsländer neue Technologien durch Lernprozesse übermittelt bekommen haben, müssen sie diese an die lokalen Bedingungen anpassen und mit der Zeit verbessern, um sie effektiv nutzen zu können. Hierfür müssen Kapazitäten erschaffen werden, da die Übermittlungs- und Implementierungskosten im Gegensatz zu Modellen der Neoklassik nicht vernachlässigbar sind. Beim externalisierten Technologietransfer an Firmen aus den Entwicklungsländern, also durch Lizenz- und Patentvergabe, OEM-Praktiken oder der Vergabe von Unterverträgen, obliegen dem Rezipienten größere Risiken und Anstrengungen, da eigene Vertriebskanäle und Exportmarketingfähigkeiten aufgebaut werden müssen, um die Produkte absetzen zu können. Außerdem können ineffiziente Managementfähigkeiten und mangelhafte Rahmenbedingungen zu Fehlschlägen von erlernten oder anderen übertragenen Fähigkeiten führen. Trotzdem ist dies oft die einzige Möglichkeit um Wettbewerbsfähigkeit zu erschaffen, da MNU oft die Diffusion der anspruchsvollsten Technologien verhindern wollen, aber in der internationalen Arbeitsteilung auf Unterstützung und Integration angewiesen sind. (LALL 2003)

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ausländische Direktinvestitionen und technologische Lernprozesse in Entwicklungsländern
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Geographisches Institut)
Veranstaltung
HS Regionalwirtschaftliche Bedeutung von ADI - ein internationaler Vergleich
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V42554
ISBN (eBook)
9783638405607
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Zeit der Globalisierung können viele Entwicklungsländer nicht mehr aus eigener Kraft die Lücke zu den Industrienationen schließen. Ausländische Direktinvestitionen werden deshalb oft als Möglichkeit zum Kapital- und Technologietransfer gesehen. Die Frage wird diskutiert, wie solche Prozesse stattfinden und ob die Strategie wirklich Vorteile bringt.
Schlagworte
Ausländische, Direktinvestitionen, Lernprozesse, Entwicklungsländern, Regionalwirtschaftliche, Bedeutung, Vergleich
Arbeit zitieren
Lars Schieber (Autor), 2005, Ausländische Direktinvestitionen und technologische Lernprozesse in Entwicklungsländern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42554

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