Einleitung
Als sich die Frage stellte, womit sich meine Magisterarbeit auseinandersetzen sollte, kam ich unter der Prämisse „mit etwas was mir auf den Nägeln brennt“ in sekundenschnelle auf die Antwort: „Globalisierung“. Mir begegnete dieses Wort in verschiedenen Kontexten. Die Rationalisierung von Arbeitsplätzen, der Aufstieg der „New Economy“ oder die Finanzkrise in Asien, alles wurde in Verbindung gebracht mit der Globalisierung. Durch diese und vorherige Erfahrungen, zum Beispiel daß Kriege aus ökonomischen Interessen hervorgingen oder daß Kinder in Entwicklungsländern Markenschuhe für Hungerlöhne fertigen, kamen Vorannahmen und Vorurteile zustande, die meiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema zugrunde liegen. Dieses Immer-schon-vorhanden-sein von Vorurteilen, auch in wissenschaftlichen Theorien, thematisiert Gerold Ungeheuer in seinem Aufsatz „Vor- Urteile über Sprechen, Mitteilen, Verstehen“1. So soll am Anfang dieser Arbeit das hier verwendete Mittel zur Beschreibung des Globalisierungsprozesses, die Gesellschaftstheorie von Jürgen Habermas, aus der Ableitung von meinen Vorannahmen begründet werden. Nach Ungeheuer ist jegliche Erfahrung eine individuelle „...womit ich die Meinung verbinde, prinzipiell müsse angenommen werden, daß unter gleichen äußeren Erfahrungen die individuelle Erfahrungsinhalte verschieden sind.“2 Diese Erfahrungen konstituieren die individuelle Welttheorie, die als Interpretationsressource die Existenz von Vorurteilen und Vorannahmen beinhaltet. So fordert Ungeheuer bezüglich der Arbeitsweise des Wissenschaftlers: „Unausweichlich wird er dazu geführt, in einem ersten Arbeitsschritt die Erfahrungsinhalte, die theoretisch erklärt werden und die ihre Theorie begründen sollen, zu beschreiben, mit natürlicher Sprache oder nach künstlichen Notationssystem.“3 Die zugrundeliegenden Annahmen und Vermutungen dieser Arbeit sind die der Unterdrückung von bestimmten Formen der menschlichen Kommunikation, durch den der Globalisierungsprozeß gekennzeichnet ist. Das Vorurteil kann generell als Vermachtung zwischenmenschlicher Kommunikation durch systemische Zwänge charakterisiert werden.
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1 Ungeheuer, Gerold (1987): Kommunikationstheoretische Schriften 1: Sprechen, Mitteilen,
Verstehen. Aachen: Alano Verlag. S.290-339.
2 Ungeheuer, Gerold (1987), S.290.
3 Ungeheuer, Gerold (1987), S.291.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Aspekte der Gesellschaftstheorie von Habermas
1.1 Kommunikatives versus zweckrationales Handeln
1.2 Das System/Lebenswelt-Konzept
1.2.1 Die Lebenswelt
1.2.2 Das System
1.2.3 Die Entkopplung und Kolonisierungsthese
2. Der Globalisierungsdiskurs
2.1 Ökonomie
2.1.1 Historische Betrachtung
2.1.2 Status Quo
2.1.3 Der freie Markt
2.1.4 Internationale Finanzmärkte
2.1.5 Transnationale Konzerne
2.1.6 Wissenschaftliche Annäherung
2.2 Politik
2.2.1 Der Nationalstaat
2.2.2 Global governance
2.2.3 Wissenschaftliche Annäherung
2.3 Information und Kommunikation
2.3.1 Digitale Revolution
2.3.2 Wissenschaftliche Annäherung
2.4 Kultur
2.4.1 Homogenisierungsthese
2.4.2 Heterogenisierungsthese
2.4.3 Wissenschaftliche Annäherung
2.5 Ökologie
2.5.1 Globale Ökologieprobleme – Ökologieprobleme durch Globalisierung
2.5.2 Entwicklungstendenzen politischer Einflussnahme
2.5.3 Wissenschaftliche Annäherung
2.6 Zwischenbetrachtung
3. Öffentlichkeit als Gegenmacht
3.1 Öffentlichkeit nach Habermas
3.2 Öffentlichkeit im Anschluß an das System/Lebenswelt-Konzept
3.3 Autonome Öffentlichkeiten
3.4 Das Recht als Mittler zwischen System und Lebenswelt
4. Neue soziale Bewegungen: Ausdruck einer globalen Zivilgesellschaft
4.1 Globalisierungskritische Bewegungen
4.2 Historie
4.3 Attac
4.3.1 Entstehung
4.3.2 Selbstverständnis
4.3.2.1 Grundannahmen, Methoden, Ziele
4.3.2.2 Struktur
4.3.2.3 Zukunftsprognose
4.3.3 Fremddarstellung
4.4 Ist Attac eine autonome Öffentlichkeit?
5. Schlußbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Magisterarbeit untersucht die Auswirkungen des Globalisierungsprozesses auf den Aufbau von Öffentlichkeit aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive. Dabei wird untersucht, inwieweit moderne globalisierungskritische Bewegungen, exemplarisch dargestellt anhand der Organisation Attac, als autonome Öffentlichkeit fungieren können, um der systemischen Kolonisierung lebensweltlicher Bereiche entgegenzuwirken.
- Gesellschaftstheoretische Grundlagen nach Jürgen Habermas (System vs. Lebenswelt)
- Multidimensionale Analyse des Globalisierungsdiskurses (Ökonomie, Politik, Kultur, Ökologie)
- Rolle von Öffentlichkeiten als Gegenmacht in modernen Gesellschaften
- Strukturanalyse der globalisierungskritischen Bewegung Attac
- Überprüfung der Autonomie globalisierungskritischer Organisationen im Sinne der Habermas’schen Theorie
Auszug aus dem Buch
1. Aspekte der Gesellschaftstheorie von Habermas
Jürgen Habermas´ Interesse an Kommunikation ist ein mittelbares. Ihm geht es darum, gesellschaftstheoretische und philosophische Fragestellungen unter der Verwendung einer Strukturanalyse sprachlicher Kommunikation zu bearbeiten. Sein Verständnis von Kommunikation ist ein normatives, welches den Zweck der Verständigung beinhaltet. So wird die sprachliche Kommunikation als eine auf Konsens oder Verständigung strebende Kommunikation angelegt. Er untersucht Humankommunikation nicht an empirischer Realität, sondern markiert einen utopischen Fixpunkt, einen Originalmodus, in dem Sprache als herrschaftsfrei und auf Verständigung gerichtet gedacht ist. Im Zentrum steht das Gemeinsame von Sprecher und Hörer, das sich über Sprache finden lässt.
Ziel der Humankommunikation ist hier die Erlangung eines Einverständnisses zwischen Interaktionspartnern. Dieses Einverständnis muß aus dem besseren Argument folgern und kann weder erkauft noch erzwungen werden. Habermas entwirft nicht eine Norm, wie eine gute Gesellschaft auszusehen hat, sondern er gibt ein Kriterium, aus dem sich eine gerechte Gesellschaft formt. Aus dem herrschaftsfreien, auf Verständigung gezieltem Diskurs gleichberechtigter Bürger. Zu diesem Primat der freien, gleichberechtigten Bürger führt die „ideale Sprechsituation“, die durch folgende Regeln gekennzeichnet ist:
1. Jedes sprach – und handlungsfähige Subjekt darf am Diskurs teilnehmen
2. Jeder darf Thesen problematisieren
3. Jeder darf eine These in den Diskurs einführen
4. Jeder darf seine Einstellungen, Wünsche und Bedürfnisse äußern
5. Kein Sprecher darf durch innerhalb oder außerhalb des Diskurses herrschenden Zwang daran gehindert werden, seine in 1. und 2. festgelegten Rechte wahrzunehmen
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Arbeit erläutert das Erkenntnisinteresse an der kommunikationswissenschaftlichen Betrachtung der Globalisierung und führt die methodische Herangehensweise über die Theorie von Jürgen Habermas ein.
1. Aspekte der Gesellschaftstheorie von Habermas: Dieses Kapitel rekonstruiert das System/Lebenswelt-Konzept und die Unterscheidung zwischen kommunikativem und zweckrationalem Handeln als analytische Basis.
2. Der Globalisierungsdiskurs: Es werden fünf Dimensionen der Globalisierung (Ökonomie, Politik, Kommunikation, Kultur, Ökologie) auf ihre systemischen Einflüsse hin untersucht und wissenschaftlich eingeordnet.
3. Öffentlichkeit als Gegenmacht: Das Kapitel entwickelt das Konzept der autonomen Öffentlichkeit nach Habermas als Möglichkeit, systemische Kolonisierungsprozesse zu binden.
4. Neue soziale Bewegungen: Ausdruck einer globalen Zivilgesellschaft: Hier wird das Phänomen der globalisierungskritischen Bewegung beschrieben und die Organisation Attac kritisch auf ihre Eigenschaft als autonome Öffentlichkeit geprüft.
5. Schlußbemerkung: Die Arbeit resümiert das Potenzial der Theorie zur Analyse gegenwärtiger gesellschaftlicher Herausforderungen und betont die Notwendigkeit von Selbstreflexion und deliberativer Politik.
Schlüsselwörter
Globalisierung, Jürgen Habermas, Öffentlichkeit, System, Lebenswelt, Kommunikation, Kolonisierung, Attac, Zivilgesellschaft, Neoliberalismus, soziale Bewegungen, zweckrationales Handeln, kommunikatives Handeln, politische Partizipation, Deliberation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Globalisierungsdiskurs und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht, basierend auf der Gesellschaftstheorie von Jürgen Habermas.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit beleuchtet die ökonomische, politische, kulturelle, ökologische und kommunikationstechnologische Dimension der Globalisierung sowie die Rolle sozialer Bewegungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, ob globalisierungskritische Bewegungen wie Attac eine "autonome Öffentlichkeit" bilden können, die dem Einfluss systemischer Zwänge entgegenwirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Gesellschaftstheorie von Jürgen Habermas (System/Lebenswelt-Konzept) als theoretisches Instrumentarium zur Analyse des Globalisierungsphänomens.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Habermas), die Analyse globaler Dimensionen und die deskriptive Vorstellung der Organisation Attac inklusive einer Überprüfung ihrer Eigenschaften anhand theoretischer Kriterien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Globalisierung, Lebenswelt, System, Öffentlichkeit, Attac, Zivilgesellschaft und kommunikatives Handeln.
Warum ist Attac ein zentrales Fallbeispiel?
Attac dient als konkretes Beispiel für eine globalisierungskritische Bewegung, um an ihr zu prüfen, ob sie die theoretischen Anforderungen an eine "autonome Öffentlichkeit" erfüllt.
Inwiefern beeinflusst das Internet den Globalisierungsdiskurs laut Autor?
Der Autor sieht im Internet ein Instrument, das sowohl eine globale Vernetzung und Wissensverbreitung ermöglicht, aber auch eine starke Kommerzialisierung und Risiken der digitalen Kluft mit sich bringt.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Staates im Globalisierungsprozess?
Der Autor beschreibt einen zunehmenden Autonomieverlust der Politik gegenüber global agierenden ökonomischen Systemen und die Schwierigkeit für Nationalstaaten, transnationale Konzerne wirksam zu regulieren.
- Quote paper
- Jürgen Bilke (Author), 2003, Kommunikationswissenschaftliche Betrachtung des Globalisierungsdiskurses unter besonderer Berücksichtigung des Aufbaus von Öffentlichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42559