Kinder erwerben ihre Muttersprache schnell und reibungslos. Genauso einwandfrei verläuft der doppelte Erstspracherwerb. Wann und wie schnell ein Kind sprechen lernt, kann individuell unterschiedlich sein. Dies hat jedoch keinen Einfluss darauf, wie die Sprache zu den späteren Zeitpunkten bei ihm aussieht. Anders ist es bei den Erwachsenen, denn je weiter das Alter vom Erwerbsbeginn entfernt ist, desto mangelhafter ist die Sprache zu bezeichnen und desto mehr Hindernisse beim Erwerb kommen vor.
So beschäftigt sich diese Arbeit mit der Frage des Erwerbs und der Beherrschung grammatischen Aspekts Genus im Deutschen und betrachtet genustragende Lexeme als isolierte, abgetrennte Einheiten. Sie bewegt sich dabei im Bereich des späten Spracherwerbs des Deutschen und beruht auf einer kleinen empirischen Studie. Das Ziel der Arbeit ist es, aufgrund der Ergebnisse und der Verlaufsbesonderheiten dieser Studie didaktische Überlegungen zu machen und entsprechende Schlüsse zu ziehen. Die Umfrage, die erst im dritten Abschnitt dieser Arbeit dargestellt wird, bedarf zunächst einer theoretischen Abhandlung. Dieser Abhandlung wird das zweite Kapitel gewidmet. So wird hier nach einer einleitenden kurzen Beschreibung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden Sprachfähigkeitsveränderungen eingegangen.
Es werden dabei neurobiologische, sozial-psychologische, antriebs- und inputbasierte Erklärungsansätze über den Zusammenhang zwischen Alter beim Spracherwerbsbeginn und Endzustand dargestellt, die ihrerseits als Anreiz für folgende Fragestellungen gedient haben: Inwieweit korreliert das Alter beim Beginn des Spracherwerbs mit dem Endzustand der Sprachbeherrschung hinsichtlich der richtigen Genuszuweisung und welche Besonderheiten hat der Genuserwerb bei den Erwachsenen? Und ob, und wenn ja welche Regularitäten der Genuszuweisung werden bei Erwachsenen im Rahmen des L2-Erwerbs benutzt und dominiert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Theoretische Grundlagen
1.1 Alter und Spracherwerb
1.2 Alter beim Erwerbsbeginn und erreichter Endzustand
2 Der Lerngegenstand: das Genus im Deutschen
2.1 Semantische Motivation der Genuszuordnung
2.2 Formale Regeln
2.2.1 Regeln nach Derivationssuffixen
2.2.2 Regeln nach Pseudosuffixen
2.2.3 Die einsilbigen Substantive
3 Empirische Untersuchung
3.1 Die Untersuchungsteilnehmer
3.2 Die Untersuchungswörter
3.3 Untersuchungsverlauf und Ergebnisse
Bewertung der Ergebnisse und Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Erwerb und die Beherrschung des grammatischen Genus im Deutschen bei erwachsenen Lernern, die erst nach der Pubertät mit dem Zweitspracherwerb begonnen haben. Basierend auf einer empirischen Studie mit fünf Probanden mit armenischem Migrationshintergrund wird analysiert, inwieweit unterschiedliche Genuszuweisungsregeln sowie das Alter beim Erwerbsbeginn und die Dauer des Sprachunterrichts den Lernerfolg beeinflussen.
- Altersabhängigkeit im Zweitspracherwerb
- Semantische und formale Genuszuweisungsregeln im Deutschen
- Empirische Analyse des Genuserwerbs durch Kunstwörter
- Einfluss von Sprachunterricht auf die korrekte Genuszuweisung
- Unterschiede in der Lernschwierigkeit verschiedener Substantivgruppen
Auszug aus dem Buch
2.2.3 Die einsilbigen Substantive
Besonderes Interesse an sich und auch für die Spracherwerbsforschung stellen im Deutschen einsilbige Substantive dar. In seiner Arbeit, die mehrmals in der Fachliteratur zitiert wurde, versucht Köpke (1982) anhand einer Untersuchung von 1466 Substantiven der Zufälligkeit der Genuszuweisung von Einsilbern zu widerlegen und einige Regeln und Regelmäßigkeiten ausgehend von der lautlichen Struktur der Substantive vorzustellen.
In der folgenden Tabelle wird ein Überblick über die Korrelation zwischen der Konsonantenstruktur der Einsilbiger und deren Anteil mit maskulinem Genus in einfachen sowie in Prozentzahlen dargestellt.
So ist aus der Tabelle abzuleiten, dass mit der Anzahl der Konsonanten am Wortanfang auch die Wahrscheinlichkeit der Maskulinität der Einsilber steigt. Dagegen bleibt die Abhängigkeit der Konsonantenanzahl am Wortauslaut mit Genuszugehörigkeit relativ stabil, und schwankt zwischen den Prozentwerten 63% und 66% (vgl. ebd.: 86ff.).
Die Einsilber mit drei Konsonanten im Wortanlaut und einem im Wortauslaut sind ausnahmslos maskulin. Auch Einsilber mit drei Konsonanten im An- und zweien im Auslaut tendieren stark zu Maskulinität, denn innerhalb der untersuchten 1466 Einsilber ist nur eine echte Ausnahme zu finden, die sich weder anhand morphologischer noch semantischer Regeln erklären lässt (vgl. ebd.: 84f.).
Ausgehend von der konkreten An- und Auslautbesetzung sind ebenfalls einige Regelmäßigkeiten festzustellen. So sind Einsilber mit /dr/,/tr/,/kn/,/š+kons./, /d/,/r/,/t/,/gr/,/kr/,/g/,/k/ Anlauten überwiegend maskulin (vgl. ebd.: 88ff.). Eine weitere Gruppe mit einem großen Anteil maskuliner Substantive haben ein gemeinsames Wortendmerkmal, nämlich den Nasallaut mit, aber auch ohne darauf folgende Konsonant (vgl. ebd.: 99).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema Genuserwerb und die Relevanz des Alters beim Zweitspracherwerb.
1 Theoretische Grundlagen: Erörterung der Zusammenhänge zwischen Alter, Spracherwerbsbeginn und Sprachbeherrschung sowie der kritischen Periode.
2 Der Lerngegenstand: das Genus im Deutschen: Darstellung der semantischen und formalen Regeln der deutschen Genuszuweisung.
3 Empirische Untersuchung: Vorstellung der Probanden, der verwendeten Testwörter und des Ablaufs der Untersuchung.
Bewertung der Ergebnisse und Schlussbemerkungen: Zusammenfassende Analyse der Ergebnisse und didaktische Schlussfolgerungen zum Genuserwerb bei Erwachsenen.
Schlüsselwörter
Genuserwerb, Zweitspracherwerb, Deutsch als Zweitsprache, grammatisches Genus, kritische Periode, Sprachunterricht, Altersfaktor, morphologische Regeln, phonologische Regeln, semantische Motivation, Empirische Untersuchung, Postpubertärer Erwerb, Nominalklassen, Genuszuweisung, Sprachbeherrschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Schwierigkeiten, die erwachsene Lerner beim Erwerb des grammatischen Genus der deutschen Sprache haben, insbesondere wenn sie erst nach der Pubertät mit dem Sprachenlernen begonnen haben.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft theoretische Aspekte der Spracherwerbsforschung (Altersfaktor, kritische Periode) mit einer praktischen Analyse der deutschen Genusregeln (semantisch, formal) und einer empirischen Untersuchung an Probanden.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Erwerbserfolg bei Erwachsenen zu analysieren, didaktische Schlüsse zu ziehen und zu prüfen, wie sich Alter und Unterrichtsdauer auf die Anwendung von Genusregeln auswirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wurde eine kleine empirische Studie durchgeführt, bei der fünf Probanden mit armenischem Migrationshintergrund mit künstlich erschaffenen Wörtern (Kunstwörtern) konfrontiert wurden, um ihre Fähigkeit zur Genuszuweisung zu testen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung der Genusregeln (semantisch, formal über Suffixe) sowie die detaillierte Darstellung und Auswertung der empirischen Umfrageergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Genuserwerb, Zweitspracherwerb, Altersabhängigkeit, grammatische Regeln und Postpubertärer Erwerb.
Wie schneiden die Probanden bei einsilbigen Substantiven ab?
Die Probanden zeigten bei den einsilbigen Nominalgruppen besonders niedrige Ergebnisse von 25 %, was unter dem Zufallswert liegt und verdeutlicht, wie schwer diese Wörter ohne klare morphologische Regeln zu erlernen sind.
Welchen Einfluss hat die Dauer des Deutschunterrichts auf den Genuserwerb?
Die Studie zeigt eine klare Korrelation: Probanden mit längerer Unterrichtsdauer erreichten signifikant höhere Anteile an richtigen Genuszuweisungen als diejenigen ohne oder mit sehr kurzem Unterricht.
- Quote paper
- Ani Antonyan (Author), 2016, Der Genuserwerb bei erwachsenen Lernern der deutschen Sprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/425806