Der Genuserwerb bei erwachsenen Lernern der deutschen Sprache


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Theoretische Grundlagen
1.1 Alter und Spracherwerb
1.2 Alter beim Erwerbsbeginn und erreichter Endzustand

2 Der Lerngegenstand: das Genus im Deutschen
2.1 Semantische Motivation der Genuszuordnung
2.2 Formale Regeln
2.2.1 Regeln nach Derivationssuffixen
2.2.2 Regeln nach Pseudosuffixen
2.2.3 Die einsilbigen Substantive

3 Empirische Untersuchung
3.1 Die Untersuchungsteilnehmer
3.2 Die Untersuchungswörter
3.3 Untersuchungsverlauf und Ergebnisse

Bewertung der Ergebnisse und Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Kinder erwerben ihre Muttersprache schnell und reibungslos. Genauso einwandfrei verläuft der doppelte Erstspracherwerb. Wann und wie schnell ein Kind sprechen lernt, kann individuell unterschiedlich sein. Dies hat jedoch keinen Einfluss darauf, wie die Sprache zu den späteren Zeitpunkten bei ihm aussieht. Anders ist es bei den Erwachsenen, denn je weiter das Alter vom Erwerbsbeginn entfernt ist, desto mangelhafter ist die Sprache zu bezeichnen und desto mehr Hindernisse beim Erwerb kommen vor (vgl. Czinglar 2014: 6ff.). Eins dieser Hindernisse für gute Sprachbeherrschung des Deutschen stellt der angemessene, richtige Gebrauch des grammatischen Aspekt des Genus dar (vgl. Wegener 1995a: 1). Erkennbar ist Genuszugehörigkeit an Nominalphrasen, durch Wortarten wie Artikel, Adjektive, Pronomina usw. In dem Fall entsteht Kongruenz innerhalb der Nominalphrase, die ihrerseits noch mit den anderen Satzteilen außerhalb der Nominalphrase kongruiert (vgl. Gregor 1983: 11f.). Damit erfüllt das Genus seine „formal-grammatische“ (Fischer 2005: 52) oder „syntaktische“ (Wegener 1995b: 65) Funktion. Darüber hinaus ist die Genuszugehörigkeit einiger lexikalischer Einheiten selbst am Lexem erkennbar, semantisch aber auch formal, aufgrund ihres lautlichen und morphologischen Aufbaus (vgl. Dieser 2009: 49).

So beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Frage des Erwerbs und der Beherrschung grammatischen Aspekts Genus im Deutschen und betrachtet genustragende Lexeme als isolierte, abgetrennte Einheiten. Sie bewegt sich dabei im Bereich des späten Spracherwerbs des Deutschen und beruht auf einer kleinen empirischen Studie. Das Ziel der Arbeit ist es, aufgrund der Ergebnisse und der Verlaufsbesonderheiten dieser Studie didaktische Überlegungen zu machen und entsprechende Schlüsse zu ziehen.[1] Die Umfrage, die erst im dritten Abschnitt dieser Arbeit dargestellt wird, bedarf zunächst einer theoretischen Abhandlung. Dieser Abhandlung wird das zweite Kapitel gewidmet. So wird hier nach einer einleitenden kurzen Beschreibung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Erst- und Zweitspracherwerb auf die Altersabhängigkeit der Sprachfähigkeitsveränderungen eingegangen. Es werden dabei neurobiologische, sozial-psychologische, antriebs- und inputbasierte Erklärungsansätze über den Zusammenhang zwischen Alter beim Spracherwerbsbeginn und Endzustand dargestellt, die ihrerseits als Anreiz für folgende Fragestellungen gedient haben:

1. Inwieweit korreliert das Alter beim Beginn des Spracherwerbs mit dem Endzustand der Sprachbeherrschung hinsichtlich der richtigen Genuszuweisung und welche Besonderheiten hat der Genuserwerb bei den Erwachsenen?
2. Ob, und wenn ja welche Regularitäten der Genuszuweisung werden bei Erwachsenen im Rahmen des L2-Erwerbs benutzt und dominiert.[2]

Um sich mit der zweiten Fragestellung sinngemäß auseinanderzusetzen, werden in dem zweiten Unterkapitel des theoretischen Teils dieser Arbeit semantische und formale Genusregularitäten des Deutschen dargestellt, die die Substantive in drei Genusklassen unterteilen lassen. Anhand dieser Regularitäten werden auch die Kunstwörter, die als Grundlage für empirische Studie dienen, unterteilt in entsprechende drei Gruppen zusammengestellt.

1 Theoretische Grundlagen

1.1 Alter und Spracherwerb

Mit Alter wird ein allgemeines Phänomen bezeichnet, das als Träger der Veränderungen von gewissen Fähigkeiten eines Menschen, in physischer, psychischer und sozialer Hinsicht auftritt. Diese Fähigkeiten entwickeln sich im Laufe der Zeit, durch äußerlichen Einflussfaktoren, aber auch von selbst. In diesem Zusammenhang ist auch das Sprachvermögen als eine Fähigkeit zu betrachten, die sowohl eine physische als auch psychische und soziale Ausstattung besitzt und entsprechenden Veränderungen unterliegt (vgl. Pagonis 2009: 38).

Um ein besseres Verständnis von altersabhängigen Sprachfähigkeitsveränderungen zu bekommen, ist es sinnvoll, einen Relationspunkt als Nullgröße für den Vergleich zwischen verschiedenen Änderungsphasen festzulegen. Wählt man den monolingualen Erstspracherwerb als Bezugsgröße, muss man einige Aussagen bezüglich dessen charakteristischer Eigenschaften treffen. So weist der Erstspracherwerb im Vergleich mit dem L2-Erwerb wesentlich mehr Universalien und eine Menge von Besonderheiten auf, wie allgemeiner Erwerbserfolg, unabhängig von persönlichen, individuellen Eigenschaften und sozialem Umfeld und die chronologische Unveränderlichkeit von bestimmten Erwerbssequenzen, die für alle Sprecher gemeinsam sind. Letzteres betrifft besonders den Grammatikerwerb und erklärt sich durch die Prinzipien der Universalgrammatik[3] (vgl. Meisel 2007: 95). Jedoch lassen sich je nach Grammatikbereich auch Überlappungen zwischen L1- und L2-Erwerb, besonders zwischen L1- und frühkindlichem L2-Erwerb feststellen, sodass auch L2 Merkmale des L1-Sprachregisters aufweist (vgl. ebd.: 103). Dagegen zeigt der Zweitspracherwerb wesentliche Unterschiede, die sich zum einen im allgemeinen Sprachwissen und in der Länge und Komplexität von Sprachäußerungen in L2 beim Erwerbsbeginn, sowie im Tempo des Erwerbsverlaufs niederschlagen (vgl. ebd.: 99). Darüber hinaus spielt das Alter beim Spracherwerbsbeginn eine bedeutende Rolle und hat dementsprechend auch seine besondere Stelle bei der Spracherwerbsforschung gefunden. Inwieweit der Endzustand vom Alter beim Erwerbsbeginn abhängig ist, wird im folgenden Kapitel dargestellt.

1.2 Alter beim Erwerbsbeginn und erreichter Endzustand

Die Korrelation zwischen dem Alter beim Beginn des Spracherwerbs und dem erreichten Endzustand[4] ist bis jetzt durch zahlreiche Studien bewiesen. Es besteht eine allgemeine Evidenz dafür: je weiter der Zeitpunkt vom Beginn entfernt ist, desto mangelhafter tritt die Sprachbeherrschung auf. Dies ist nahezu der stärkste Faktor, der den Endzustand bei dem Zweitspracherwerb bestimmt (vgl. Czinglar 2014: 6ff.). Weiterhin wird versucht, bestimmte Zeitpunkte, die relevant für den Endzustand des Spracherwerbs sind, festzulegen. Diesbezüglich haben sich Theorien etabliert, die die Existenz einer sogenannten kritischen Periode behaupten. Als Grundlage für die Beschreibung der Sprachfähigkeit, die ab einem bestimmten Alter nicht mehr kindgerechten Spracherwerb zulässt, dienen neurobiologisch erklärbare Veränderungen im Gehirn. Die ursprüngliche Variante von Theorie über eine kritische Periode nimmt dabei die Existenz einer klar abgrenzbaren Periode an, nach deren Ende ein muttersprachliches Kompetenz schwer bis gar nicht zu erreichen wäre. Das Ende dieser Periode ist in dieser Version mit einer unvermittelten Unterbrechung charakterisierbar. Darauf aufbauend haben sich andere Versionen der kritischen Periode im Laufe der Zeit etabliert, die entweder die Existenz eines abrupten Endes dieser Periode widersprechen und dafür auf einem kontinuierlichen Übergang zu darauf folgenden Erwerbsphasen bestehen, oder behaupten, dass jeder Sprachbereich eine eigene, sich zeitlich unterscheidende kritische Periode besitzt (vgl. Pagonis 2009: 49). Die letzte Version könnte als Erklärung für die bereichsspezifischen Unterschiede der Sprachbeherrschung bei den Zweitsprachlernern dienen, weil ganz selten eine muttersprachliche Kompetenz für ausnahmslos alle Bereiche der Sprache, um genauer zu sein, alle Bereiche der Grammatik, erreicht wird (vgl. Meisel 2007: 102)[5].

Bei der Annahme eines kontinuierlichen Übergangs zu folgenden Erwerbsphasen und zudem noch bei der Beachtung von individuumsabhängigen Eigenschaften wird es erschwert, ein genaueres Alter für die sensiblen Phasen anzugeben. Verallgemeinernd lässt es sich jedoch, trotz verschiedener studienbasierter Angaben in der Fachliteratur, das pubertäre Alter als Anfang der Phase bezeichnen, ab dem die auf den biologischen Reifungsprozessen basierende Sprachfähigkeit, sei es abrupt oder sprachbereichsspezifisch, kontinuierlich verloren geht (vgl. Meisel 2007: 103).

Auch aus der sozialpsychologischen Perspektive gesehen ist das Pubertätsalter eine der wichtigsten Zeitpunkte, entscheidend für den Zweitsprachausbildung. So meint Pagonis (2009: 92f.):

Das Kind ist auf Grund seiner ungefestigten Identität im Rahmen des Identitätsfindungsprozesses kontinuierlich mit der Assimilation an sein soziales Umfeld beschäftigt, indem es sich ihm, unter dem Druck des sozialen Umfelds, durch Assimilation (auch) sprachlich immer ähnlicher macht. Mit der Pubertät erfolgt die endgültige Festigung der Identität, das Individuum ´wird angepasst´.

Im Erwachsenenalter dagegen geht es eher um die Befriedigung von kommunikativen Bedürfnissen, aufgrund der gebildeten sprachbasierten Identität auf der Basis der Erstsprache. Auch hier sind zu erwerbende grammatische Sprachbereiche nach der Erwerbsart zu kategorisieren. Während in der präpubertären Phase eine relative Homogenität des bereichsspezifischen Erwerbs zu beobachten ist, weist die postpubertäre Phase eine starke Heterogenität auf. Diejenigen Bereiche der Grammatik, die keine besondere Relevanz für die Kommunikation haben, werden ganz oft beim Zweitspracherwerb ausgelassen (vgl. Czinglar 2014:19f.).

[...]


[1] Es muss hierbei betont werden, dass aufgrund der kleinen Anzahl der Probanden und anhand der verwendeten Daten die Erwartung, allgemeingültige und absolute Aussagen machen zu können fast unrealistisch wäre. Zum Teil sind deshalb nicht mehr als unsichere Annahmen und Vermutungen möglich.

[2] Hierbei wird von der Annahme, analog zu den bereichsspezifischen Erfolgsunterschieden beim Zweitspracherwerb (vgl. Meisel 2007: 102) ausgegangen, dass auch innerhalb von den genusszuweisenden Regelgruppen unterschiedlicher Erwerbserfolg erwartet werden könnte.

[3] Alle diese Eigenschaften sind charakteristisch auch für bilingualen Zweitspracherwerb (vgl. Meisel 2007: 97).

[4] Bei dem Begriff ‚Endzustand‘ geht es eher um einen idealisierten Begriff und wird eine relative „Vollständigkeit“ der Grammatikrepräsentation in der Zielsprache bezeichnet (vgl. Czinglar 2014: 7)

[5] Für die Arbeit zugrunde liegende Untersuchung ist es wichtig zu bemerken, dass lexikalisches Lernen von diesen Einflüssen nicht betroffen ist, dagegen aber die phonologische Variabel ihre Zugänglichkeit gegenüber entsprechenden Einflüssen ziemlich früh verliert (vgl. Meisel 2007: 103).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Genuserwerb bei erwachsenen Lernern der deutschen Sprache
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1.7
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V425806
ISBN (eBook)
9783668705258
ISBN (Buch)
9783668705265
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
genuserwerb, lernern, sprache
Arbeit zitieren
Ani Antonyan (Autor), 2016, Der Genuserwerb bei erwachsenen Lernern der deutschen Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/425806

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