In wenigen anderen Bereichen der heutigen Alltagskultur ist der Einfluss der USamerikanischen ”Exportprodukte“ auf Europa – insbesondere freilich auf Deutschland – so augenfällig wie in der Musik: Ein Blick in beliebige Charts (ist nicht bereits dieser Anglizismus ein dezenter Hinweis auf die angloamerikanische Prägung des Ressorts?) macht schnell deutlich, dass diese von Künstlerinnen und Künstlern aus den USA dominiert werden. Ebenso auffällig ist, dass die Einflüsse praktisch ausschließlich auf alle Stile populärer Musik wie Rock, Pop, Hip Hop usw. (häufig unter den unglücklichmissverständlichen Terminus ”U-Musik“ subsumiert) ausgeübt werden, nicht jedoch auf das, was in der Umgangssprache landläufig als ”klassische Musik“ bezeichnet wird. Mit anderen Worten: Der Einfluss der amerikanischen Musik auf Europa erstreckt sich nur bis vor die Türen der Kammer- und Orchesterkonzertsäle, nicht jedoch in sie hinein. Amerikanische Komponisten sind mit wenigen Ausnahmen Exoten im hiesigen Konzertleben. Gibt es denn überhaupt so etwas wie einen amerikanischen ”Nationalstil“? Wenn ja, wollen wir hier den Versuch einer Definition wagen.
Zur induktiven Näherung betrachten wir exemplarisch ein Werk, das oft als amerikanische Musik schlechthin rezipiert wird: die Appalachian Spring Suite von Aaron Copland (1900-1990). Was waren die sozial- und kulturgeschichtlichen Hintergründe ihrer Entstehung und wie wurde das vom Komponisten angestrebte Ideal eines originär amerikanischen Stils umgesetzt? Schließlich werden wir der Rezeption des Werkes in seiner Auührungs- und Publikationsgeschichte nachgehen, mit besonderem Akzent auf medienrelevanten Aspekten, und dabei prüfen, inwieweit nicht nur die Musikrezensenten, sondern auch Film- und Fernsehregisseure, die Tonträgerindustrie und deren Designer die Botschaft des musikalischen Amerikanismus erkannt und weitertransportiert haben.
Inhaltsverzeichnis
1 Amerikanischer Nationalstil
2 Komponist und Werk im epochalen Kontext
2.1 Biografie und Schaffensperioden
2.2 Postkoloniale Selbstzweifel der amerikanischen Kultur
2.3 Positionierung Coplands im werdenden künstlerischen Selbstbewusstsein Amerikas
3 Appalachian Spring in Komposition und Rezeption
3.1 Aspekte der Komposition
3.1.1 Hintergründe der Entstehung
3.1.2 Inhalt und Verlaufsanalyse des Werks
3.1.3 Motiv- und Themenbildung in verschiedenen Topoi
3.2 Aspekte der Rezeption
3.2.1 Verwendung als Film- und TV-Musik
3.2.2 Besonderheiten der Diskografie
4 Was ist amerikanisch? – Mythen und Probleme im Gefolge dieser Kategorisierung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Aaron Coplands "Appalachian Spring" als exemplarisches Werk für die Entwicklung eines originär amerikanischen Musikstils und analysiert, wie das Werk durch psychologische und mentalitätsgeschichtliche Mythen als "amerikanisch" rezipiert wird.
- Analyse der Biografie und des Schaffens von Aaron Copland im epochalen Kontext.
- Untersuchung der Komposition von "Appalachian Spring" und seiner programmatischen Bezüge.
- Rezeptionsgeschichte des Werkes in Medien, Film und Diskografie.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Konstrukt des "amerikanischen Nationalstils".
- Diskussion der Bedeutung von US-amerikanischen Mythen wie der "Frontier" oder dem "American Dream" für die Musikrezeption.
Auszug aus dem Buch
3.1.3 Motiv- und Themenbildung in verschiedenen Topoi
Betrachten wir nun zwei exemplarische Ausschnitte des Werks, in denen die wohl evidentesten Topoi der Suite musikalisch umgesetzt sind: die Einleitung, die – analog zum Schluss – das Bild einer pastoralen Naturidylle kreiert, sowie den siebten Teil, die Variationen über die Shaker-Hymne „The Gift to be Simple“.
Als die Choreografin Martha Graham vor der Uraufführung im Oktober 1944 von Copland gefragt wurde, ob der von ihr applizierte Titel Appalachian Spring etwas mit dem Ballett zu tun habe, antwortete sie: „No, ... I just like the title.“ Dennoch hat sie mit dem Urheber des Titels, dem Naturlyriker Hart Crane, einen wichtigen Hinweis auf den Topos der Natur und Ursprünglichkeit gegeben, der sich in musikalischer Omnipräsenz durch die ganze Suite zieht. Deutlich erkennbar wird er gleich zu Beginn der Einleitung, die wir deshalb einer detaillierteren Analyse unterziehen wollen.
Das erste erkennbare Thema (A) setzt sich aus zwei Dreiklangsmotiven zusammen: Zunächst deklamiert die erste Klarinette in ruhigen Vierteln einen A-Dur-Akkord in der Grundstellung, auf der Quinte endend (T. 2-4), woraufhin die Flöte – unterstützt von den Bratschen – die Melodie mittels einer A-Dur-Dreiklangsbrechung in der Oktavlage wieder zum Grundton zurückführt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Amerikanischer Nationalstil: Einführung in die Problematik eines amerikanischen Musikstils und die exemplarische Wahl der "Appalachian Spring Suite".
2 Komponist und Werk im epochalen Kontext: Überblick über Coplands Biografie, den Einfluss der französischen Avantgarde und die kulturellen Hintergründe des amerikanischen Nationalgefühls.
3 Appalachian Spring in Komposition und Rezeption: Detaillierte Analyse der Entstehungsgeschichte, der musikalischen Struktur sowie der medialen und diskografischen Rezeption des Werkes.
4 Was ist amerikanisch? – Mythen und Probleme im Gefolge dieser Kategorisierung: Kritische Reflexion über die Schwierigkeit, einen "Nationalstil" jenseits von Mythen und Stereotypen wissenschaftlich zu definieren.
Schlüsselwörter
Aaron Copland, Appalachian Spring, Amerikanischer Nationalstil, Nationalmusik, Musikrezeption, Shaker-Hymne, The Gift to be Simple, Martha Graham, Filmmusik, American Dream, Frontier-Mythos, Kulturgeschichte, Moderne, USA, Musikwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Aaron Coplands "Appalachian Spring" als zentrales Werk der US-amerikanischen Musikgeschichte und hinterfragt die Definition eines nationalen Musikstils.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Neben der Werkanalyse stehen die Rolle des Komponisten in seinem historischen Umfeld, die Bedeutung kultureller Mythen und die Rezeption des Werks durch die Öffentlichkeit im Zentrum.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuvollziehen, warum und wie "Appalachian Spring" als "typisch amerikanisch" rezipiert wird und inwieweit diese Zuordnung auf musikalischen oder eher mentalitätsgeschichtlichen Faktoren basiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine induktive musikwissenschaftliche Werkanalyse durchgeführt, die mit kulturgeschichtlichen und rezeptionstheoretischen Ansätzen verknüpft wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Kontextualisierung von Komponist und Werk, eine detaillierte musikalische Analyse (Entstehung, Form, Topoi) sowie eine Untersuchung der Rezeption in den Medien und der Diskografie.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die wichtigsten Begriffe sind "Nationalstil", "Appalachian Spring", "Copland", "American Dream", "Naturtopos" und "kulturelles Kollektiv".
Inwiefern spielt der "Frontier"-Mythos eine Rolle für die Musik von Copland?
Der Mythos wird als zentrales psychologisches Argument herangezogen, um das Werk als Ausdruck von Mut, Glaube und Pioniergeist – und damit als Nationalmusik – zu legitimieren.
Wie interpretieren die Autoren die Verwendung des Werks im Film "He Got Game"?
Die Verwendung wird als Visualisierung des "American Dream" und als Beispiel für die gesellschaftliche Wirksamkeit der von Copland komponierten Mythen verstanden.
- Quote paper
- Christof Belka (Author), 2001, The Gift To Be Simple. Coplands "Appalachian Spring" und das Problem des amerikanischen Nationalstils in Komposition und Rezeption, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42593