Die erste Vergasung in Auschwitz im September 1941


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Lage an der Ostfront im Spätsommer
2.1. Im Krieg mit der Sowjetunion – der Kommissarbefehl und seine Folgen
2.2. Das KL Auschwitz im Sommer 1941

3. Ablauf der ersten Vergasung
3.1. Selektion der Opfer
3.2. Die Prozedur des Tötens – ein Provisorium?
3.3. Beseitigung der Spuren: das Aufräumkommando

4. „Nun hatten wir das Gas und auch den Vorgang entdeckt.“ (Rudolf Höß)
4.1. Lernen aus der ersten Vergasung: die Perfektion des Tötens
4.2. Zyklon B als probates Tötungsinstrument
4.3. Der Ausbau des KL Auschwitz zum Vernichtungslager

5. Zusammenfassung

6. Literatur

1. Einleitung

„Nun hatten wir das Gas und auch den Vorgang entdeckt.“ – mit diesen Worten kommentierte Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz bis 1943, die Vergasung von etwa 900 sowjetischen Kriegsgefangenen in Auschwitz im September 1941.[1] Wenngleich dies nicht die erste dortige Vergasung in einem größeren Maßstab war, gelten diese Worte ebenso für das Szenario, das auf den folgenden Seiten mit seinem Vorlauf sowie seinen Auswirkungen auf das Lager und seine Struktur betrachtet werden soll: Die erste Vergasung von etwa 600 sowjetischen Kriegsgefangenen und 250 Häftlinge aus dem Krankenbau im Keller des Block 11 im September 1941.[2] Insbesondere die Entdeckung des tödlichen Gases Zyklon B und des Tötungsvorgangs besiegelte das Schicksal vieler Menschen und mündete schließlich in einen Genozid, der in der Geschichte unvergleichbar ist – und hoffentlich auch bleibt.

Die Frage, inwiefern diese erste Vergasung bereits auf die Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten zielte, soll einer der Hauptpunkte der folgenden Betrachtung sein. Doch zunächst werden Ort und Zeit des Geschehens in den Fokus gerückt: In einem ersten Teil steht die Lage an der Ostfront im Vordergrund: Der gerade erst begonnene Krieg mit der Sowjetunion dominierte die Ereignisse im Sommer 1941, mit der Erteilung des Kommissarbefehls am 6. Juni war der Grundstein für eine der barbarischsten Auseinandersetzungen zweier Völker gelegt. Das teilweise unerklärlich grausame Verhalten der deutschen Wehrmacht an der Ostfront lieferte genügend Materialien für eine entsprechende Ausstellung. Das erste Kapitel wird sich insofern auf die Situation der sowjetischen Kriegsgefangenen beschränken und auch die Rolle Auschwitz’, im „rückwärtigen Heeresgebiet“ gelegen, in dieser Frage beleuchten.

Der zweite Teil dieser Arbeit konzentriert sich im Wesentlichen auf eine sachliche Darstellung dieser ersten Vergasung, deren Opfer zu 70% sowjetische Kriegsgefangene waren. Die Selektion der Opfer und die Frage, ob dabei überhaupt eine Systematik zu Grunde lag, der genaue Ablauf der Vergasung, die aus mehreren Gründen von der späteren fabrikmäßigen Tötung noch weit entfernt war, und schließlich der auch schon hier erfolgende Einsatz eines aus Häftlingen bestehenden Sonderkommandos: All diese Schritte kennzeichneten auch später noch den Ablauf der Tötung von Menschenmassen. Diesen Schritt von der ersten zu weiteren Vergasungen liefert der dritte und abschließende Teil der Betrachtung. Die Perfektionierung des Tötungsvorgangs, die Konsequenzen, die man aus der ersten Vergasung zog, stehen dabei im Mittelpunkt. Dabei ist der Einsatz des Giftgases Zyklon B besonders erklärungsbedürftig, diesem Thema ist daher ein eigenes Unterkapitel gewidmet. Der Ausbau des Konzentrationslagers Auschwitz zum Vernichtungslager, in dem mehr als eine Million Menschen den Tod fanden, bildet den Abschluss dieser Arbeit.

Explizit mit der ersten Vergasung beschäftigt sich in erster Linie der Aufsatz von Klodzinski, der die Erinnerungen überlebender Auschwitz-Häftlinge zusammentrug. Das Problem der subjektiven Erinnerung an bestimmte Vorgänge wird auch deutlich, wenn man sich mit der Autobiographie von Rudolf Höß beschäftigt. In beiden Fällen sind die Angaben sorgfältig zu prüfen und mit anderen zu vergleichen. Dazu bietet sich in erster Linie das von Czech verfasste Kalendarium der Ereignisse in Auschwitz an, die sich vor allem auf das Bunkerbuch als Quelle verlässt. Die Beiträge von Piper berufen sich zwar zu einem Teil auch auf den Aufsatz von Klodzinski, reflektieren dessen Angaben aber bereits. Aus den Literaturangaben lässt sich des Weiteren leicht ersehen, dass die wesentlichen Schriften bereits in den 60er Jahren, im Anschluss an den Auschwitz-Prozess erschienen sind.

In jüngster Zeit wird vielmehr das „Phänomen Auschwitz“ diskutiert – die Frage nach dem Warum, nach der Motivation und ideologischen Rechtfertigung, im Zuge der „Endlösung“ das gesamte jüdische Volk auszurotten, beschäftigt die Historiker heute. Dabei ist die Trennung in Intentionalisten und Funktionalisten auch für diese Arbeit von Belang: Die Kernfrage, inwiefern diese erste Vergasung bereits eine Projektion auf die spätere Judenvernichtung ist, lässt sich auch mit einer Begründung, die deutlich einer der beiden Schulen entstammt, beantworten. In dieser Arbeit soll versucht werden einen Mittelweg, weitestgehend unabhängig von diesen Grundannahmen, zu finden – da auch aufgrund der stark differierenden Zeitangaben, die sich im Nachhinein wegen häufig fehlender Originaldokumente nur schwer rekonstruieren lassen, eine strenge Chronologie nicht durchgeführt werden kann. Kausale Zusammenhänge sollen temporale ersetzen. Und nicht zuletzt ist die NS-Ideologie maßgeblich für alle Verbrechen in dieser Zeit verantwortlich, die von Menschen an Menschen begangen wurden. Dazu zählt auch, sogar in hervorgehobener Stellung, die Vergasung – jene Tötungsmethode, die Höß und andere im September 1941 entdeckt haben.

2. Die Lage an der Ostfront im Spätsommer 1941

2.1. Im Krieg mit der Sowjetunion – der Kommissarbefehl und seine Folgen

Das Unternehmen „Barbarossa“, der Angriff auf die Sowjetunion, war keineswegs eine Reaktion auf die Furcht vor einem sowjetischen Angriff, sondern zuvor mindestens ein Jahr lang konkret und noch länger bereits gedanklich geplant worden. So reiht sich der Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 nahtlos in die nationalsozialistische Konzeption der Gewinnung von neuem „Lebensraum im Osten“ ein – doch nicht nur dies, „der russische Staat [und damit auch der Bolschewismus] müsse schwer zerschlagen werden“[3]. So erklärte Hitler etwa ab März 1941, dass der Krieg mit der Sowjetunion „mehr als nur ein Kampf der Waffen sei“, sondern vielmehr „ein Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen“[4]. Ähnlich formuliert es auch Keitel in einem Brief vom 23.09.41: Der Kampf mit der Sowjetunion sei kein „ritterlicher Krieg“, sondern die „Vernichtung einer Weltanschauung“[5].

Hiermit begründet sich auch die Erteilung des Kommissarbefehls vom 6. Juni 1941. Die bisherige Führungselite müsse zerschlagen werden, dies geschehe am effektivsten durch die Beseitigung, d.h. Tötung, der Funktionäre. Legitimiert wurde dies in den „Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare“ mit einer vermuteten sowjetischen Kriegsführung gegen die Grundsätze der Menschlichkeit oder des Völkerrechts, zudem sei der Truppenkommissar (Politruk) kein richtiger Soldat im Sinne der Landkriegsordnung. Dies stimmt de facto allerdings nicht, ein Politruk war als bewaffneter Uniformträger vollwertiges Mitglied der Truppe und nur an besonderen Abzeichen erkennbar.[6]

Nicht nur durch die Reaktion der Sowjettruppen, als der Erschießungsbefehl bekannt und die besonderen Abzeichen entfernt wurden, war ein Umdenken nötig geworden. Wenngleich auch über die genaue Umsetzung des Kommissarbefehls in den Truppenteilen nichts Genaues bekannt ist, so lässt sich aus einigen Schreiben von Generälen entnehmen, dass sie auch vom Standpunkt der psychologischen Kriegsführung aus nicht die direkte Erschießung bevorzugten. In ihren Augen trieb eine Gefangennahme, die die Kriegsgefangenen zunächst im Ungewissen über ihr weiteres Schicksal lässt, die beabsichtigte Zersetzung der Truppe weiter voran, als eine sofortige Exekution, die den Widerstand eher noch erhöht. Auf die Gefangenennahme folgte nach Befehl Heydrichs ein kompliziertes Aussonderungsverfahren, das es wiederum zum Ziel hatte, die politisch besonders Verdächtigen von der Truppe zu trennen und letztendlich zu töten. So wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen in Durchgangslager „entlassen“, zu denen im rückwärtigen Heeresgebiet auch Auschwitz gehörte.[7] Dabei waren sie bei ihrer Ankunft im Lager in relativ schlechter körperlicher Verfassung, wenngleich ein Häftling auch von „gut gebauten und körperlich kräftigen sowjetischen Kriegsgefangenen“[8] spricht. Doch erhielten insbesondere die sowjetischen Kriegsgefangenen kaum Nahrung, nach einem Erlass des Wirtschaftsstabes Ost dürfe Nahrung nicht an solche Gefangene verschwendet werden, die nicht für Deutschland arbeiteten – aufgrund der Überbelegung der Durchgangslager werden die sowjetischen Soldaten unter großem Hunger gelitten haben, sie werden also in mehrfacher Hinsicht dem Tode geweiht gewesen sein.[9]

2.2. Das KL Auschwitz im Sommer 1941

Im Sommer 1941 diente das Konzentrationslager Auschwitz, das zu diesem Zeitpunkt nur aus dem Stammlager bestand, ausschließlich als Straflager für polnische Häftlinge oder Kriegsgefangene. Mit Beginn des Feldzugs gegen die Sowjetunion wurden jedoch zunehmend Gruppen sowjetischer Kriegsgefangener in das Lager gebracht, um dort exekutiert zu werden. Dies geschah spätestens nach Erteilung eines entsprechenden Befehls vom Chef der Sicherheitspolizei und des SD vom 27. August 1941: Exekutionen seien ab sofort nur noch in den nächstgelegenen Konzentrationslagern durchzuführen. Insbesondere Personen, die man verdächtigte, politische Kommissare, in leitender Funktion oder überzeugte Kommunisten zu sein, wurden ausgesondert. An diesen Häftlingen wurden unterschiedliche Tötungsmethoden erprobt, wenngleich zunächst die Mehrzahl von ihnen erschossen wurde.[10] Der erste Transport sowjetischer Kriegsgefangener nach Auschwitz erfolgte bereits im Juli 1941 nach den ersten großen militärischen Erfolgen, nur wenige Tage später waren die Betroffenen bereits erschossen worden.[11]

Aus mehreren Gründen gestalteten sich die Erschießungen jedoch zunehmend als zu aufwändig. Zum einen wurden durch die Kriegserfolge der Armee diese Transporte immer größer – die handwerklichen Tötungsmethoden wurden zunehmend lästig, weil sie zu langsam, zu kostspielig und zu belastend für die Exekutoren waren.[12] Es galt also, eine Methode des annähernd fabrikmäßigen Tötens zu entwickeln. Dies wurde umso wichtiger, als – zeitlich etwa parallel – im Sommer 1941 der Kommandant des KL Auschwitz, Rudolf Höß, zu Himmler bestellt wurde. Dort wurde ihm sinngemäß eröffnet: „Der Führer hat die Endlösung der Judenfrage befohlen, wir – die SS – haben diesen Befehl durchzuführen. Die bestehenden Vernichtungsstellen im Osten sind nicht in der Lage, die beabsichtigten großen Aktionen durchzuführen. Ich habe daher Auschwitz dafür bestimmt, einmal wegen der günstigen verkehrstechnischen Lage und zweitens lässt sich das dafür dort zu bestimmende Gebiet leicht absperren und tarnen.“[13]

[...]


[1] Broszat, Kommandant, S. 190.

[2] Ob Höß auch bei dieser ersten Vergasung anwesend war, kann und wird im Rahmen dieser Arbeit nicht diskutiert werden, für den Ablauf der ersten Vergasung und die Konsequenzen ist dies irrelevant.

[3] Jacobsen, Kommissarbefehl, S. 165.

[4] Ebda, S. 166.

[5] Brandhuber, Kriegsgefangenen, S. 13.

[6] Vgl. ebda, S. 182.

[7] Vgl. Jacobsen, Kommissarbefehl, S. 187ff.

[8] So die (im Vergleich zu seiner Person zu sehende?) Aussage das Häftlings Wolny bei Klodzinski, Erste Vergasung, S. 269. Im Gegensatz dazu das Urteil von Broszat, Konzentrationslager, S. 115.

[9] Vgl. Reitlinger, Haus auf Sand, S. 118ff; Brandhuber, Kriegsgefangenen, S. 9: Das wenige Brot, das den Gefangenen zugeteilt wurde, war darüber hinaus noch von niedrigster Qualität.

[10] Vgl. Klodzinski, Erste Vergasung, S. 261f.

[11] Vgl. Brandhuber, Kriegsgefangenen, S. 15f.

[12] Vgl. Klodzinski, Erste Vergasung, S. 262.

[13] So Höß in seiner Biografie, das genaue Datum lässt sich jedoch nur schwer rekonstruieren. Broszat, Kommandant, S. 237.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die erste Vergasung in Auschwitz im September 1941
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Geschichte, Lehrstuhl für Zeitgeschichte)
Veranstaltung
Massenmord und Kriegsproduktion: Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V42600
ISBN (eBook)
9783638405973
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vollständiges Thema: 'Nun hatten wir das Gas und auch den Vorgang entdeckt.' (Rudolf Höß) - Die erste Vergasung in Auschwitz im September 1941 Die Hausarbeit behandelt zunächst die Lage an der Ostfront im Spätsommer 1941 und stellt anschließend den Ablauf der ersten Vergasung sachlich dar, ehe sie mit der Betrachtung der Konsequenzen dieser ersten Tötung durch Zyklon B endet.
Schlagworte
Vergasung, Auschwitz, September, Massenmord, Kriegsproduktion, Konzentrations-, Vernichtungslager
Arbeit zitieren
Sandra Holtermann (Autor), 2005, Die erste Vergasung in Auschwitz im September 1941, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42600

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