„Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ 1 - mit dieser Metapher bedachte der amerikanische Diplomat und Historiker George Frost Kennan den Ersten Weltkrieg. Wie treffend dieser Ausdruck im Laufe des 20. Jahrhunderts war, zeigte sich in seinen Konsequenzen. Der Zweite Weltkrieg war eine unmittelbare Folge dieses ersten. Die schwierige wirtschaftliche Lage, hervorgerufen durch die Reparationszahlungen und die große Depression in den USA am Ende der 1920er Jahre, und die zum Teil mißglückte Weimarer Verfassung, lieferte den Nationalsozialisten den Nährboden für ihre verheerende Propaganda. Am Ende des Zweiten Weltkrieges erwuchs der Interessen - und Ideologieenkonflikt zwischen den USA und der Sowjetunion zum Kalten Krieg, der die Welt mehr als vierzig Jahre lang in zwei Lager spaltete. Dieser drohte einige Male zu einem noch verheerenderem Krieg als beide Weltkriege zuvor zu eskalieren. Der Erste Weltkrieg wurde in Deutschland laut Niall Ferguson lange Zeit als ein unterschätztes Phänomen im 20. Jahrhundert gesehen: „In Deutschland erscheint er als Ereignis, das von seinen eigenen Konsequenzen überschattet wird, und es hat daher seine historische Identität fast vollständig verloren.“ Die Literaturlage zu diesem Thema ist exzellent. Nur wenige zeithistorische Ereignisse können als so umfangreich erforscht gelten wie der Erste Weltkrieg. „Schuld“ daran trägt nicht zuletzt eine bereits seit dem Ende des Krieges währende Historikerdebatte über die Kriegsschuld. Als Träger dieser Debatte sind Fritz Fischer, der mit seinem Werk „Griff nach der Weltmacht“ 1961 den Streit entemotionalisierte, sowie Wolfgang J. Mommsen, Karl -Dietrich Erdmann, Heinrich - August Winkler und Imanuel Geiss zu nennen, um nur einige wenige wichtige Historiker vorzustellen, die bedeutende Publikationen zu diesem Thema veröffentlichten. Diese Hausarbeit setzt sich zum Ziel, die unmittelbaren Ursachen des Ersten Weltkrieges darzustellen, nicht die Kriegsschuld zu ermitteln. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Betrachtung der deutschen Außenpolitik und den internationalen Beziehungen ab dem Jahr 1871. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Bismarcks Politik des Gleichgewichts der Kräfte
2.1.1 Die „Krieg – in – Sicht“ – Krise
2.1.2 Zweibund / Dreibund / Rückversicherungsvertrag
2.1.3 Die Drei – Kaiser – Allianz
2.2 Politikwende nach dem Ausscheiden Bismarcks
2.2.1 Die Reaktionen des Auslandes auf die aggressive Außenpolitik
2.2.1.1 Das russisch – französische Bündnis als Gegenpol zum Dreibund
2.2.1.2 Die Entente cordiale
2.3 Das Zeitalter des Imperialismus
2.4 Unmittelbare Vorkriegskrisen
2.4.1 Die erste Marokkokrise
2.4.2 Die Bosnische Annexionskrise
2.4.3 Die zweite Marokkokrise
2.4.4 Die Balkankriege
2.4.5 Die Liman von Sanders – Krise
2.4.6 Die Julikrise
3. Schlußbetrachtung
4. Literaturverzeichnis / Anhang
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Hausarbeit analysiert die unmittelbaren Ursachen des Ersten Weltkriegs, wobei der Fokus gezielt auf der deutschen Außenpolitik und den internationalen Beziehungen ab 1871 liegt, ohne dabei eine pauschale Kriegsschuldzuweisung vorzunehmen.
- Bismarcks System des Gleichgewichts der Kräfte und dessen Wandel.
- Die Auswirkungen der deutschen „Weltpolitik“ auf die internationale Mächtekonstellation.
- Die Entstehung der Bündnisblöcke und die Isolierung des Deutschen Reiches.
- Analyse der zentralen Vorkriegskrisen (Marokko, Bosnien, Balkan).
Auszug aus dem Buch
2.1 Bismarcks Politik des Gleichgewichts der Kräfte
Bismarcks Bemühungen als Reichskanzler zielten schon seit der Reichsgründung 1871 darauf ab, Frankreich außenpolitisch zu isolieren und den jungen deutschen Nationalstaat in ein wirksames Bündnissystem zu integrieren.
Anlaß für einen ersten Erfolg Bismarcks gab die Bedrohung der großen konservativen europäischen Monarchien Rußland, Deutsches Reich und Österreich – Ungarn durch die sozialistische Bewegung, obwohl er diese nur als Vorwand benutzt haben soll, um die zum Teil von entgegengesetzten Interessen geleiteten Staaten einander näher zu bringen:
„Man wird schwerlich davon ausgehen dürfen, daß Bismarck die Gefahr der sozialistischen Bewegung [...]wirklich in vollem Maße ernst genommen hat; aber der Aufstand der Commune und die Solidaritätserklärungen der internationalen sozialistischen Gruppen [...] kamen ihm gerade recht, um die beiden östlichen Monarchien trotz ihrer Interessengegensätze in den Fragen der großen Politik auf einen gemeinsamen Kurs zu bringen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die historische Bedeutung des Ersten Weltkriegs als „Urkatastrophe“ und Darlegung der Zielsetzung, die deutsche Außenpolitik ab 1871 zu untersuchen.
2. Hauptteil: Detaillierte Betrachtung der diplomatischen Entwicklungen, von Bismarcks Bündnispolitik über die außenpolitische Wende nach seinem Ausscheiden bis hin zu den eskalierenden Vorkriegskrisen.
3. Schlußbetrachtung: Reflektion über die Komplexität der Kriegsschuldfrage und Einordnung der Ergebnisse unter Einbeziehung zeitgenössischer Prophezeiungen.
4. Literaturverzeichnis / Anhang: Auflistung der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Literatur.
Schlüsselwörter
Erster Weltkrieg, Deutsche Außenpolitik, Bismarck, Bündnissystem, Imperialismus, Weltpolitik, Triple Entente, Dreibund, Marokkokrise, Bosnische Annexionskrise, Julikrise, Bündnispolitik, Europäisches Gleichgewicht, Kriegsschuld, Diplomatie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Ursachen des Ersten Weltkriegs unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Außenpolitik und der internationalen Beziehungen nach der Reichsgründung 1871.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Veränderung des europäischen Bündnissystems, das Zeitalter des Imperialismus sowie die Abfolge von internationalen Krisen, die zum Ausbruch des Krieges 1914 führten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine Darstellung der unmittelbaren Kriegsursachen aus der Perspektive der deutschen Außenpolitik, anstatt eine abschließende Bewertung der Kriegsschuld vorzunehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer Auswertung renommierter Fachliteratur und historischer Quellen basiert.
Was wird im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Bismarcks Politik des Gleichgewichts, die darauffolgende Politikwende, die imperialistischen Ambitionen und die chronologische Aufarbeitung der Vorkriegskrisen wie die Marokko- und Balkankrisen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem das Bündnissystem, Weltpolitik, Einkreisung, Diplomatie und die spezifischen Krisenherde der Vorkriegszeit.
Warum wird Bismarcks Außenpolitik als "Gleichgewicht der Kräfte" bezeichnet?
Der Begriff bezieht sich auf Bismarcks Bestreben, das Deutsche Reich in ein stabiles Netz aus Bündnissen einzubinden, um Frankreich zu isolieren und gleichzeitig die Großmächte durch einander entgegenwirkende Interessen an der Stabilität zu halten.
Welche Rolle spielte die "Blankovollmacht" für den Kriegsausbruch?
Die uneingeschränkte Bündnistreue, die Deutschland seinem Partner Österreich-Ungarn zusicherte, wurde als „Blankovollmacht“ bekannt und wird in der Arbeit als provozierender Faktor für den Kriegsausbruch am 1. August 1914 gewertet.
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- Thorsten Mohr (Author), 2001, Der Erste Weltkrieg und seine Ursachen. Ein Darstellungsversuch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42612