Indigenenpolitik in Kanada: Das Beispiel Nunavut


Seminararbeit, 2004

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Kanada - das „andere“ Amerika?

2. Die verschiedenen indigenen Gruppen Kanadas

3. Die traditionelle Lebensweise der Inuit

4. Die Inuit-Politik bis zum 2. Weltkrieg

5. Der Kampf um Selbstbestimmung
5.1. Als Minderheit in den Northwest Territories
5.2. Nunavut kommt ins Rollen
5.3. Die Arbeit des NFC

6. Nunavut – „unser Land“

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Kanada - das „andere“ Amerika?

Über das Schicksal der Indianer in den USA ist viel bekannt: dass sie einen Großteil ihres Landes verloren und auf vom Staat zugeteilten, vergleichsweise winzigen Reservaten leben; dass sie zeitweise regelrecht ausgerottet wurden; dass die indianische Kultur ihnen ausgetrieben werden sollte. Z.B. wurden Indianische Kinder

„zu Tausenden in Internate geschickt, wo sie manchmal für Jahre von zu Hause ferngehalten und für das Sprechen ihrer eigenen Sprache – oft brutal – bestraft wurden. Aus „Indianern“ sollten „Amerikaner“ werden [...].“[1]

Des weiteren weiß man auch, dass viele von ihnen heute arbeitslos und süchtig nach Alkohol und anderen Drogen sind; dass ihnen von der US-Regierung zu geringe finanzielle Mittel zu Verfügung gestellt werden; dass ihre Reservate Großbauprojekten und der Ausschöpfung von Rohstoffvorkommen zum Opfer fallen etc. etc.

Doch James Wilsons Buch, indem er diese und viele andere Faktoren der Geschichte der „indigenen Völker Nordamerikas“[2] beschreibt, bezieht sich nur auf das heutige Gebiet der USA. Zu Nordamerika gehört aber auch Kanada, wo auch Indigene leben, deren Traditionen und Kulturen durch das Eintreffen der Europäer und die Politik der heutigen Regierungen gefährdet waren und sind. Diese Arbeit soll sich mit der Indigenenpolitik in Kanada beschäftigen, vor allem mit den Inuit und ihrem Territorium Nunavut, und untersuchen, inwieweit sich diese Politik von der in Wilsons Buch beschriebenen US-amerikanischen unterscheidet und, im besten Fall, auch, ob sie für andere Länder ein Vorbild sein kann.

Schon auf den ersten Blick bietet Kanada ein anderes Bild als die USA: In den USA ist fast das gesamte Staatsgebiet besiedelt und „wilde“ Gegenden sind relativ klein und begrenzt. Kanada hingegen weist nur im äußersten Süden eine große Bevölkerungsdichte auf, in den übrigen Gebieten leben nur sehr wenige Menschen. Kanada als Staat ist jünger als die USA und gehört zum britischen Commonwealth mit der englischen Königin als Staatsoberhaupt. Auch politisch und verwaltungstechnisch gibt es große Unterschiede zu den USA. Die USA bestehen aus 50 Bundesstaaten, Kanada hingegen aus zehn Provinzen (weitestgehend mit den US-amerikanischen Staaten vergleichbar) und drei riesigen Territorien, die direkter von der Hauptstadt Ottawa abhängig sind. In diesen Territorien lebt ein Großteil der indigenen Bevölkerung.

Ein amerikanisches Leitbild war jahrelang der „Melting Pot“, also das Zusammenschmelzen der verschiedenen Einwohnerkulturen zu einer großen, homogenen, amerikanischen Kultur. In den letzten Jahren hat sich das ein wenig geändert (hin zu dem Bild einer „Salad Bowl“, in der die Kulturen nebeneinander existieren), aber Kanada geht in dieser Hinsicht einen Schritt weiter: Es bekennt sich in seiner Verfassung zu seinem multikulturellen Charakter („This Charter shall be interpreted in a manner consistent with the preservation and enhancement of the multicultural heritage of Canadians.”[3]) und lässt neben den offiziellen Sprachen Englisch und Französisch auch die indigenen Sprachen in den entsprechenden Provinzen und Territorien als Amtssprachen gelten. Soweit zu den offensichtlichen Unterschieden ­- die Situation der in Kanada lebenden indigenen Völker, oder „First Nations“, soll im folgenden Kapitel untersucht werden.

2. Die verschiedenen indigenen Gruppen Kanadas

Im Zensus von 1991 zählten sich über eine Million Kanadier (3,7 % der Gesamtbevölkerung) zur Urbevölkerung.[4] Nach der Ankunft der Europäer hatte sich die Zahl der Ureinwohner um ca. 95% verringert, seit 1920 steigt sie jedoch wieder an. Man unterscheidet zwischen acht Kulturkreisen und elf Sprachgruppen. Die regionale Verteilung der First Nations ist uneinheitlich, vor der Gründung des Territoriums Nunavut stellten sie den größten Bevölkerungsanteil in den Northwest Territories (NWT) (58%) und dem Yukon Territory (18%). Nur 35% der Indigenen lebt in städtischen Gebieten. Man unterscheidet zwischen vier Kategorien von Indigenen: Status-Indianer, statuslose Indianer, Métis und Inuit .[5]

Laut oben erwähntem Zensus gab es 1991 eine halbe Million Status-Indianer, 264.000 statuslose Indianer und 212.000 Métis.[6] Die Stellung der Status-Indianer ist durch den Indian Act 1876 geregelt. Ihnen stehen Reservate zur Verfügung, in denen sie ihrer traditionellen Lebensweise nachgehen können und die unter der Jurisdiktion der Provinzen stehen. Die Gebiete der Reservate gehören jedoch der Regierung in Ottawa.[7] Die Rechtslage ist nicht völlig geklärt, weswegen es immer wieder zu gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Stämmen und der Regierung kommt.

Statuslose Indianer sind Kanadier, die sich zu ihren indianischen Vorfahren bekennen, oder sich in ihrer Lebensweise indianischen Traditionen verpflichtet fühlen. Sie genießen jedoch keinen gesonderten rechtlichen Status und sind vom Staat nicht als Indianer anerkannt.

Métis sind kanadische Bürger mit gemischt indianisch-europäisch, bzw. inuit-europäischer Abstammung. Zuerst bezeichnete man so die Nachkommen von Cree-Frauen und französischen Pelzhändlern. In vielen Teilen Kanadas bildeten sich Métis-Gruppen, die als Mittelsmänner und Übersetzer auftraten.[8] Einige Métis leben heute ein typisch „weißes“ Leben, andere leben nach den Traditionen ihrer indigenen Vorfahren. In der Verfassung sind sie, wie auch Indianer und Inuit, als Ureinwohner aufgeführt, dadurch ergeben sich aber keine gesonderten Rechte, vor allem, da nicht genau definiert ist, wer nun Métis ist und wer nicht.

Da die Inuit das eigentliche Hauptthema dieser Arbeit sind, werden sie in den nächsten Kapiteln ausführlicher beleuchtet.

3. Die traditionelle Lebensweise der Inuit

Die kleinste Gruppe der First Nations Kanadas sind die Inuit, deren Zahl in besagtem Zensus nur 50.000 betrug, die jedoch im nördlichen Drittel Kanadas die Bevölkerungsmehrheit stellen.[9] Sie leben in Kanada entlang der Nordküste Labradors, am Ufer von Ungava Bay, Hudson Strait und Hudson Bay in Québec und an der Küste und auf den Inseln der NWT[10] (heute Nunavut). Sie leben seit Jahrtausenden an den Küsten oberhalb der Baumgrenze, nicht nur in Kanada, sondern in einem riesigen Gebiet, das von Ost-Sibirien bis Ost-Grönland reicht.

Alle diese Menschen, die früher „Eskimos“ genannt wurden, sind Teil derselben Kultur und sprechen Dialekte der selben Sprache. Doch vor dem Kontakt mit den „Weißen“ und deren Vorstellungen von Nationen und Staaten sahen sich die Inuit nicht als Angehörige eines Volkes, sondern verstanden sich als Teil einer Gruppe, die oft nur aus wenigen Familien bestand.[11] Eine traditionelle Inuitfamilie hatte fünf oder sechs Mitglieder und schloss sich mit anderen Familien zu Jagdgruppen aus sechs bis zehn Familien zusammen. Mehrere dieser Jagdgruppen mit gemeinsamen Vorfahren bildeten einen Stamm, bestehend aus ungefähr 500 Mitgliedern, die über Tausende Quadratkilometer verstreut lebten.[12]

Die Inuit lebten von Fischfang und Jagd und passten sich an die extremen Gegebenheiten des Nordens an (z.B. durch Iglus, Hundeschlitten, Kajaks, Fellanoraks etc.).[13] In den langfristigeren Siedlungen (außerhalb der Jagdzeiten) gab es einen Raum für Zeremonien, geselliges Beisammensein und Versammlungen. Alle Entscheidungen wurden durch Konsens getroffen, wobei die Ältesten die Autorität besaßen. Das Wohl der Gemeinschaft stand über dem Wohl der einzelnen Mitglieder, die notfalls aus der Gemeinschaft ausgeschlossen oder sogar getötet wurden, sofern sich keine andere Lösung (z.B. während eines Wettbewerbs im Singen, Tanzen oder Boxen) fand.[14]

[...]


[1] Wilson, James: Und die Erde wird weinen. Die Indianer Nordamerikas. Wien-München: Suhrkamp Taschenbuch, 1999., S. 27

[2] lat. „indigenus“ = eingeboren (Brockhaus Wissen 2004. Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 2004.)

[3] The Constitution Act, 1982 (http://www.solon.org/Constitutions/Canada/English/ca_1982.html, 6.9.2004)

[4] Department of Indian Affairs and Northern Development (DIAND), Information Sheet No. 37,1. in: Braun, Hans und Wolfgang Klooß (Hrsg.): Kanada. Eine interdisziplinäre Einführung. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 1994. S. 69

[5] Braun und Klooß, S. 69f

[6] ebenda

[7] ebenda, S. 70

[8] Brody, Hugh: Jäger des Nordens. Menschen in der kanadischen Arktis. Wuppertal: Hammer, 1998., S. 203

[9] Jull, Peter: An aboriginal northern territory: creating Canada’s Nunavut. North Australia Research Unit: Discussion Paper No. 9, September 1992, S. 2

[10] Jull, S. 2

[11] vgl. Crowe, Keith J.: A History of the original Peoples of Northern Canada. Revised Edition. Montreal & Kingston: McGill-Queen’s University Press, 1991. S. 19ff

[12] vgl. Purich, Donald: The Inuit and their Land. The story of Nunavut, Toronto: James Lorimer & Company, 1992. S. 27

[13] Crowe, S. 54

[14] Purich, S. 28

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Indigenenpolitik in Kanada: Das Beispiel Nunavut
Hochschule
Universität Rostock
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V42614
ISBN (eBook)
9783638406109
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Indigenenpolitik, Kanada, Beispiel, Nunavut
Arbeit zitieren
Susanne Opel (Autor), 2004, Indigenenpolitik in Kanada: Das Beispiel Nunavut, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42614

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