Die Spaltung der deutschen Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg. Vom 4. August 1914 bis zum Gründungsparteitag der USPD im April 1917


Seminararbeit, 2002
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Entstehungsgeschichte der Abstimmung am vierten August
2.2 Profilierung der innerparteilichen Opposition
2.3 Öffentliche Aktionen der Opposition
2.4 Die endgültige Spaltung der Fraktion und die Gründung der USPD

3. Schlußbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“[1] Dieser häufig zitierte Satz Kaiser Wilhelms II steht augenscheinlich für die Besiegelung des „Burgfriedens“ zwischen der Reichsregierung und den Parteien des deutschen Reichstages, insbesondere der Sozialdemokraten. Doch was sind die eigentlichen Gründe für den scheinbar so plötzlichen Kurswechsel der pazifistisch gesonnenen Sozialisten? Wie vollzog sich der innerparteiliche Streit, der diesem Tag folgte und in der Spaltung der Sozialdemokratie seinen Ausgang fand?

Der vierte August 1914 war das entscheidende Datum in der Geschichte der Sozialdemokratie des zwanzigsten Jahrhunderts. Denn der Tag, an dem die sozialdemokratische Fraktion des Reichstages den Kriegskrediten einstimmig zustimmte, führte „(...) von einer Fundamentalopposition gegen Kapital und Staat zur Kooperation mit den herrschenden Klassen (...)“ und somit „zur offenen Spaltung der Arbeiterparteien mit unterschiedlichen Konzeptionen (...), die bis heute die Entwicklung der Arbeiterbewegung prägen.“[2]

Die Geschichte diskutiert dieses Ereignis äußerst kontrovers: Die Meinungen der Autoren, die dieses Thema bearbeiten, schwanken zwischen „‘Verrat‘ der Parteiführung“, die die Ideale der sozialistischen Internationale fallengelassen habe, bis hin zu der These, die Bewilligung der Kriegskredite „habe ‚der marxistischen, sozialistischen Tradition‘ entsprochen.“[3] Beachtet werden muß dabei selbstverständlich die politische Gesinnung der Autoren selbst. Ein sozialistischer Autor betrachtet diesen Tag sicherlich aus einem anderen Blickwinkel als ein liberaler oder konservativer Autor.[4] Trotz dieser Diskussionen kann man das Thema durchaus als hervorragend erforscht ansehen.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, einen möglichst objektiven Überblick über das Geschehen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie zwischen dem vierten August 1914 und der Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im April 1917 zu geben. Dabei werden die Streitpunkte innerhalb der Partei und besonders innerhalb der Reichstagsfraktion erörtert. Auf einen Ausblick auf die Ereignisse der Novemberrevolution und die Politik in der jungen Weimarer Republik wird auf Grund des knapp bemessenen Rahmens dieser Proseminararbeit verzichtet. Allein die Ereignisse der knapp drei Jahre bis zur organisatorischen Trennung der Partei reichen aus, um weit mehr als eine solche Arbeit zu erstellen.

Die Literaturlage zum Thema Arbeiterbewegung ist exzellent, oder um es in Detlef Lehnerts Worten zu sagen: „Die Literatur (...) [zu diesem Thema] ist mittlerweile dermaßen angewachsen, daß exemplarische Hinweise keine (...) Orientierung mehr bieten können (...).“[5]

2. Hauptteil

2.1 Die Entstehungsgeschichte der Abstimmung am vierten August

Die Sozialdemokraten unterschätzten die Explosivität der Lage im Juli 1914 bei weitem. Viele verharrten seit der Bewältigung der zweiten Marokkokrise 1911 in einem „Optimismus“, der auf „Vertrauen in die Diplomatie“ basierte.[6] Man lehnte sich, salopp formuliert, zurück und hoffte darauf, daß es schon gutgehen werde.

Zwar war das wihelminische Reich ein Obrigkeitsstaat, in dem der Reichstag nur beschränkte Mitwirkungskompetenzen hatte, immerhin hatte er aber das Haushaltsrecht inne. Somit war die Stellung der Sozialdemokraten in der Frage der Kriegskreditbewilligung einer der entscheidenden Faktoren, die zum Krieg führen oder ihn abwenden, bzw. ihn zumindest erheblich erschweren konnten, zumal die SPD 1914 mit Abstand die stärkste Fraktion im Reichstag stellte.

Aus der historischen Tradition der sozialistischen Internationale heraus mußten die Sozialdemokraten den Krieg eigentlich bekämpfen oder zumindest zu verhindern versuchen.[7] Taktiken, wie im Falle eines drohenden Krieges konkret gehandelt werden sollte (Massenstreiks, parlamentarische Intervention, öffentliche Agitation, Aufstand), sind in dieser Resolution, auf Druck der deutschen Delegierten, allerdings nicht festgeschrieben worden.[8]

Mit Bekanntwerden des österreichischen Ultimatums gegen Serbien am 23. Juli 1914 kam es in den folgenden Tagen auch tatsächlich zu Massenkundgebungen mit über 500.000 Demonstranten gegen den Krieg in vielen deutschen Städten, die von der SPD getragen wurden: Die „Führer [der Arbeiterschaft] wandten sich gegen die Kriegsgefahr, ihre Presse verurteilte die österreichische Kriegspolitik, ihre Mitglieder demonstrierten in Massen für den Frieden.“[9] Diese etwas pathetisch anmutende Formulierung Robert F. Wheelers ist im Kern richtig, jedoch zeigte sich schon bald ein Wandel des sozialdemokratischen Handelns: Am 29. Juli versicherte der Sozialdemokrat Albert Südekum Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg den Verzicht weiterer Maßnahmen gegen den Krieg seitens der Sozialdemokraten. Dieses Zugeständnis der „rechten“ Sozialdemokraten fußte auf der Hoffnung, daß durch diesen Vertrauensbeweis ihrerseits die Diskriminierung der Arbeiterbewegung durch den Obrigkeitsstaat[10] ein Ende findet. Man erhoffte sich eine gute Verhandlungsgrundlage für Reformen, die die Lage der Arbeiterschaft und der Sozialdemokratie verbessern sollten.[11] Auch der Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts in Preußen erhoffte man sich nach einer Zusammenarbeit mit der Regierung näher zu sein.[12] Doch auch nach diesem Zugeständnis war man sich innerhalb der SPD noch keineswegs sicher, ob man die Kredite in der am vierten August anstehenden Reichstagssitzung bewilligen sollte oder nicht.

Ein weiterer Schritt in Richtung Zustimmung wurde am 31. Juli vollzogen. Mit der russischen Generalmobilmachung ging die Angst vor dem „Blutzarentum“[13] um. Durch die Furcht, die die Vorstellung einer russischen Invasion in Deutschland bei den Sozialdemokraten auslöste, wurden viele dazu getrieben, sich auf die Seite der Regierung und somit auf die Seite der „Landesverteidiger“ zu stellen, denn „(...) das Wilhelminische Reich [war] (...) der Boden ihrer [der deutschen Arbeiterbewegung] Existenz und ihres Wirkens (...), den sie sich erhalten wollte.“[14] Durch eine Invasion der Truppen des despotischen Rußlands sahen die Sozialdemokraten eine Gefahr für alle „sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen ‚Errungenschaften‘“.[15]

Wie stark die Furcht vor Rußland war, zeigt ein Tagebucheintrag Otto Brauns vom fünften August 1914: „Er sah die ‚halbasiatischen, schnapsgefüllten russischen Kosakenhorden die deutschen Fluren zerstampfen, deutsche Frauen und Kinder martern, die deutsche Kultur zertreten.‘“[16]

Die Angst vor Rußland und der drohenden Invasion war aber immer noch nicht der ausschlaggebende Grund. Schwerer wog die Tatsache, daß die Sozialisten der anderen kriegführenden Länder, namentlich sei hier v.a. Frankreich genannt, in ihren Parlamenten ebenfalls gewillt waren, den Kriegskrediten aus Gründen der Landesverteidigung zuzustimmen. „Die Entschlossenheit der französischen Sozialisten (...) spielte eine wichtige Rolle.“[17]

Die Gewerkschaften schwenkten bereits am zweiten August „in die ‚nationale Front‘“[18], was die sozialdemokratische Fraktion weiter unter Entscheidungsdruck setzte.

In der Sitzung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion vom dritten August 1914 wurde schließlich die Haltung der Partei zu den Kriegskrediten festgelegt. Durch alle oben genannte Faktoren – Angst vor Rußland, Angst vor staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen, der Zerfall der internationalen Solidarität der Sozialisten – wurden die Kriegskredite schließlich mit 78 gegen 14 Stimmen von der Fraktion gebilligt.[19] Auf der selben Fraktionssitzung beschloß man zudem noch den Fraktionszwang, gegen den allerdings schon 24 Abgeordnete votierten, was schon auf gewisse Differenzen innerhalb der Partei schließen lassen kann.[20]

[...]


[1] Wilhelm II vor dem Reichstag am 04. August 1914. Zitiert nach: Treue, Wolfgang: Die deutschen Parteien. Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Frankfurt a.M., Berlin, Wien 1975. S. 102

[2] Butterwegge, Christoph; Hofschen, Heinz-Gerd: Sozialdemokratie, Krieg und Frieden. Die Stellung der SPD zur Friedensfrage von den Anfängen bis zur Gegenwart. Eine kommentierte Dokumentation. Heilbronn 1984. S. 91

[3] Miller, Susanne: Burgfrieden und Klassenkampf. Die deutsche Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg. Düsseldorf 1974. S. 31. S. dazu auch Butterwegge; Hofschen: Sozialdemokratie, Krieg und Frieden. S. 94

[4] s. dazu ebenfalls Butterwegge; Hofschen: Sozialdemokratie, Krieg und Frieden. S. 94

[5] Lehnert, Detlef: Sozialdemokratie und Novemberrevolution. Die Neuordnungsdebatte 1918/19 in der politischen Publizistik von SPD und USPD. Frankfurt a.M., New York 1983. S. 304

[6] Miller: Burgfrieden. S. 36. Vgl. auch: Lehnert: Sozialdemokratie. S. 23

[7] s. dazu die Friedensresolution des Internationalen Sozialistenkongresses in Stuttgart 1907. In: Krause, Hartfrid: USPD. Zur Geschichte der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Frankfurt a.M., Köln 1975. S. 48

[8] s. Miller: Burgfrieden. S. 34

[9] Wheeler, Robert F.: USPD und Internationale. Sozialistischer Internationalismus in der Zeit der Revolution. Frakfurt a.M., Berlin, Wien 1975. S. 9

[10] Krause: USPD. S 49

[11] Butterwegge; Hofschen: Sozialdemokratie, Krieg und Frieden. S. 92 ff.

[12] Nipperdey, Thomas: Machtstaat vor der Demokratie 1866-1918. (=Deutsche Geschichte, Bd. 2). München 1998. S. 780

[13] Miller: Burgfrieden. S. 55

[14] Miller, Susanne; Potthoff, Heinrich: Kleine Geschichte der SPD. Darstellung und Dokumentation 1848-1983. Bonn 51983. S. 75

[15] ebenda

[16] Tagebucheintragung Otto Brauns vom 5.8.1914. in: Brandt, Peter; Groh, Dieter: „Vaterlandslose Gesellen“. Sozialdemokratie und Nation 1860-1990. München 1992. S. 160

[17] Nipperdey: Deutsche Geschichte, Bd. 2. S. 781. Vgl. dazu Miller: Burgfrieden. S. 71

[18] Lehnert: Sozialdemokratie. S. 29

[19] s. dazu u.a. Butterwegge; Hofschen: Sozialdemokratie. S. 93. Das Ergebnis ist aber durchgängig in der Literatur zu finden.

[20] S. dazu Miller: Burgfrieden. S. 62

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Spaltung der deutschen Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg. Vom 4. August 1914 bis zum Gründungsparteitag der USPD im April 1917
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Neuere und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar Das Ende der Parteien. Krisenjahre der Weimarer Republik 1928-1933
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V42623
ISBN (eBook)
9783638406192
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spaltung, Sozialdemokratie, Ersten, Weltkrieg, August, Gründungsparteitag, USPD, April, Proseminar, Ende, Parteien, Krisenjahre, Weimarer, Republik
Arbeit zitieren
Thorsten Mohr (Autor), 2002, Die Spaltung der deutschen Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg. Vom 4. August 1914 bis zum Gründungsparteitag der USPD im April 1917, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42623

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