Die Rolle von Weltbank und IWF im kapitalistischen Weltsystem

Eine Untersuchung basierend auf der Weltsystemanalyse Immanuel Wallersteins


Hausarbeit, 2014

29 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Immanuel Wallersteins kapitalistische Weltsystemanalyse
2.1 „Der historische Kapitalismus“ Geschichte des kapitalistischen Weltsystems
2.2 Die Dreiteilung des kapitalistischen Weltsystems
2.3 Die Ausdehnung des kapitalistischen Weltsystems
2.4 Die Rolle des Staates im kapitalistischen Weltsystem
2.5 Die USA als Hegemonialstaat in einer kapitalistischen Weltordnung
2.6 Die politische Stabilität des Kapitalismus

3. Die Bretton-Woods Institutionen Weltbank und IWF
3.1. Die Gründungsgeschichte von Weltbank und IWF
3.2. Die Weltbankengruppe, Finanzierung, Kreditvergabe und die redistributive Aufgabe
3.3. Die Tätigkeitschwerpunkte der Weltbankengruppe
3.4. IWF Finanzierung und die ursprüngliche Aufgaben
3.5. Die „neuen Aufgaben“ des IWF

4. Untersuchung von Weltbank und IWF in Bezug auf Wallersteins Theorie des kapitalistischen Weltsystems
4.1. Die Ausdehnung des kapitalistischen Weltsystems durch IWF und Weltbank
4.2. Existiert Wallersteins Dreiteilung des Systems in Weltbank und IWF
4.3. Die Macht der Staaten in der Weltbank und im IWF
4.4. Weltbank und IWF als soziale Systeme durch Umverteilung
4.5. Proletarisierung in IWF und Weltbank
4.6. Die Stabilität von IWF und Weltbank im kapitalistischen Weltsystem

5 Schlussfolgerung

6 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, die beiden ds (IWF) und Weltbank auf der Basis von Immanuel Wallersteins kapitalistischer Weltsystemanalyse zu untersuchen. Die Untersuchung widmet sich der Frage, inwieweit der Aufbau von IWF und Weltbank, deren Finanzierung, ihre Programme und ihre Politiken mit der Theorie Wallersteins erklärbar sind.

Zu Beginn werden die wesentlichen Merkmale der kapitalistischen Weltsystemanalyse Wallersteins dargestellt, sie veranschaulichen die Entstehung, die Mechanismen und die Akteure, die ein funktionierendes kapitalistisches Weltsystem bilden und wie versucht wird dieses aufrecht zu erhalten. Um dies deutlich machen zu können erfolgt in einem ersten Schritt die Definition des kapitalistischen Weltsystems, worauf sich die Geschichte dessen anschließt. Darauf aufbauend werden die wesentlichen Elemente des kapitalistischen Weltsystems erklärt, hierzu zählen die Dreiteilung des kapitalistischen Weltsystems, die Ausdehnung des kapitalistischen Weltsystems und die Rolle des Staates im kapitalistischen Weltsystems, wobei hierbei der USA in einem Unterkapitel eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Der erste Teil der Arbeit endet abschließend mit der politischen Stabilität des Kapitalismus.

Im zweiten Kapitel werden der Internationale Währungsfons und die Weltbank durchleuchtet. Hierzu ist es notwendig in einem ersten Schritt die Entstehung der Institutionen zu betrachten, da der Entstehungsprozess und die Geschichte bereits wichtige Informationen für die vorliegende Arbeit liefern. Im weiteren Verlauf werden die Weltbank und der IWF gesondert voneinander betrachtet, um beide voneinander abgrenzen zu können. Hierbei geht es bei der Weltbank um Finanzierung, redistributive Aufgaben und Tätigkeitsschwerpunkte, während die Darstellung des IWF sich auf Finanzierung, ursprüngliche Aufgaben und neue Aufgaben fokussiert.

Anschließend wird die eigentliche Fragestellung dieser Arbeit behandelt, in der es darum geht, zu untersuchen, inwieweit sich die Weltbank und der IWF mithilfe der kapitalistischen Weltsystemanalyse Immanuel Wallersteins erklären und verorten lassen, oder ob keine der von Wallerstein vorgestellten Akteure und Mechanismen auf die Institutionen Weltbank und IWF angewendet werden kann. Hierbei werden die bereits in Kapitel zwei vorgestellten Akteure und Mechanismen berücksichtigt sowie auch neue Erkenntnisse miteingebracht, die als relevant zur weiteren Untersuchung erachtet wurden.

Um die Theorie Wallersteins untersuchen zu können, wurden insbesondere seine Werke „Der historische Kapitalismus“, Klassenanalyse und Weltsystemanalyse“, „Utopistik“ und das Gemeinschaftswerk von Etienne Balibar und Immanuel Wallerstein „Rasse, Klasse, Nation“ verwendet. Die Untersuchung der Strukturen und Programme von Weltbank und IWF fußt hauptsächlich auf dem Lehrwerk von Rittberger, Zangl und Kruck, wobei auch die eigene Berichterstattung der beiden Institutionen Weltbank und IWF in Form ihrer Homepages Verwendung gefunden haben. Diese geringe Auswahl, begründet sich darauf eine möglichst unkritische Darstellung von IWF und Weltbank erzielen zu können, da es lediglich um die untersuchten Merkmale geht.

Um dann aber im Anschluss hieran zu einer Auseinandersetzung zu kommen, wird im vierten Kapitel die Theorie Wallersteins auf realpolitische Ereignisse bezogen, die vorwiegend der ehemalige Chefökonom der Weltbank Joseph Stiglitz mit seinem Werk „Die Schatten der Globalisierung“ liefert. Dieser wurde ausgewählt, da er selbst in der Weltbank tätig war und vielerlei kapitalistische Machenschaften in erster Linie bei der Politik des IWF aufdecken konnte und diese kritisiert.

2. Immanuel Wallersteins kapitalistische Weltsystemanalyse

Der Begriff der Weltordnung und die dazugehörenden Modelle sind identisch mit einer Weltsystemanalyse. „Weltordnungskonzepte befassen sich damit, wie die Welt organisiert, oder strukturiert ist bzw. wie sie sein sollte “ (Krell/Schlotter 2014, 3). Das von Immanuel Wallerstein vorgestellte kapitalistische Weltsystem ist analytisch-deskriptiv, es präsentiert die „(welt)politische Realität“ aus einer systematischen Perspektive, die die „Motoren“ des Kapitalismus ins Zentrum rückt (vgl. Krell/Schlotter 2014, 3). Das Weltsystem ist nach Wallerstein ein soziales System und stellt eine Einheit dar. In diesem System herrscht nur eine einzige Arbeitsteilung unter vielen kulturellen Systemen. Daraus können sich aber zwei Weltsysteme ergeben, ein Weltsystem mit einem gemeinsamen politischen System und ein Weltsystem ohne dieses. Das Erstere wird als Weltreich bezeichnet und das Zweite als Weltökonomie/Weltökonomien (vgl. Wallerstein 1983, 305). Die ökonomische Vorherrschaft des Markthandels wird als Kapitalismus bezeichnet und der Ursprung liegt im 16. Jahrhundert. Bringt man nun Weltökonomie und Kapitalismus auf einen Nenner, so ergibt sich eine einzige Arbeitsteilung unter verschiedenen Kulturen und Staaten.

„Das moderne Weltsystem war und ist auch ein kapitalistisches System, d.h. ein System, das gemäß dem Primat endloser Kapitalakkumulation operiert, die durch eine letztlich universale Kommodifizierung erreicht wird“ (Wallerstein 2002, 17).

Ein entscheidendes Mittel hierzu ist die Verwandlung jeglicher Dinge in Waren. Wallerstein unterscheidet zwei Systeme Minisysteme und Weltsysteme, im 19. und auch im 20. Jahrhundert hat es jedoch nur die kapitalistische Weltwirtschaft gegeben, die das Weltsystem bestimmt hat (vgl. Wallerstein 1983, 304).

Die kapitalistische Weltökonomie besteht aus drei grundlegenden Elementen, sie besteht aus einem einzigen Markt der über das Prinzip der Gewinnmaximierung bestimmt wird, staatlichen Strukturen (sie bilden das zweite Grundelement), die eine unterschiedliche Stärke nach innen und auch nach außen vorweisen können und aus einem dritten Element, dass die „Aneignung von Mehrarbeit in einem Ausbeutungsverhältnis darstellt, welches drei Stufen umfasst“ (vgl. Wallerstein 1983, 306).

2.1 „Der historische Kapitalismus“ Geschichte des kapitalistischen Weltsystems

„Was mir dringend erscheint- eine Aufgabe, der in gewissem Sinne meine gesamte Forschung gewidmet ist- ist, den Kapitalismus als historisches System zu betrachten: in seiner gesamten Geschichte und in seiner konkreten einzigartigen Realität.“ (Wallerstein 1984, 7).

Das historische Sozialsystem, welches Wallerstein als historischen Kapitalismus bezeichnet, unterscheidet sich von anderen Systemen dadurch, wie das Kapital genutzt und investiert wird. Das höchste Ziel stellt hierbei die Vermehrung des Kapitals dar. Die Ansammlung von Kapital dient nur dazu, um mehr Kapital zu produzieren, es wird um sich zu vermehren immer wieder eingesetzt.Immer wenn die Anhäufung von Kapital als vordergründiges Ziel, vor allen anderen Zielen anvisiert wird kann man ein „funktionierendes kapitalistisches System“ beobachten (vgl. Wallerstein 1984, 9ff.).

Der historische Kapitalismus geht dem“Drang nach alle Dinge zu Waren zu machen “. Hierbei macht er auch nicht Halt vor sozialen Vorgängen des wirtschaftlichen Lebens. Viele Vorgänge wie Tauschgeschäfte, Produktions-, Verteilungs- und Investitionsvorgänge erhalten den Charakter von Waren und werden somit in das kapitalistische System in kooperiert. Kapitalismus richtet sich nur nach eigenen Bedürfnissen, deshalb ist auch kein sozialer Vorgang vor einer möglichen Vereinnahmung durch den Kapitalismus sicher (vgl. Wallerstein 1984, 11).

Nach Immanuel Wallerstein, hat sich das moderne Weltsystem zu einer kapitalistischen Weltwirtschaft entwickelt, die ihren Anfang im 16. Jahrhundert genommen hat und sich dann weiter entwickelte. Erst im 19. Jahrhundert wurde das kapitalistische Weltsystem jedoch global und begann sich über der Welt auszubreiten (vgl. Wallerstein 2002, 17 und Wallerstein 1984, 14).

In der frühen Phase der menschlichen Geschichte, nachdem der Mensch sesshaft wurde existierten neben vielfachen „Minisystemen“ zwei Formen von Weltsystemen: Weltimperien, die durch ein zentralisiertes politisches System unter Tributzahlungen gekennzeichnet waren und Weltwirtschaften, die keine gemeinsame politische Struktur aufzeigen können. Aufstrebende Weltökonomien wurden regelmäßig von Weltimperien unterworfen. Weltimperien hatten jedoch keine sehr lange Lebensdauer und waren wie uns die Geschichte gelehrt hat politisch instabil und brachen deshalb auch wieder zusammen. Durch eine wachsende Proletarisierung entstanden Vorteile für den Produzenten, die er zuvor nicht nutzen konnte. Die produktive Arbeit, die bezahlt wird, findet außerhalb des Haushaltes statt, während die unproduktive Arbeit (zumeist von Frauen und Kindern) innerhalb des Haushaltes verrichtet wird, die unproduktive Arbeit hat zumeist keinen Warencharakter oder einen sehr geringen. Die entlohnte Arbeit bildet aber nicht die einzige „nützliche“ Form von Arbeit im Kapitalismus. Es existieren auch andere Formen, die trotzdem in eine Warenkette eingegliedert sind, hierzu zählen, Sklaverei, Arbeit durch Leibeigene, Pächtersysteme und Subsistenzarbeit (vgl. Wallerstein 1984, 18f.).

Die zunehmende Proletarisierung der Arbeiterschaft treibt die Ausbreitung des kapitalistischen Weltsystems weiter voran, hat aber insgesamt keinen positiven Einfluss auf das kapitalistische Weltsystem sondern verringert sogar das Profitniveau. Dieser Verlust konnte aber durch den technologischen und mechanischen Fortschritt mehr als nur aufgefangen werden. Der technologische Wandel ist nach Wallerstein aber nicht der „Motor“ des historischen Kapitalismus sondern die Konsequenz dessolchen. Jede wichtige Innovation war zunächst mal ein knappes Gut, welches viel Gewinn einbrachte und an zweiter Stelle erst Arbeitskraft einsparte (vgl. Wallerstein 1984, 31ff).Durch die voranschreitende technische Entwicklung war es immer einfacher und kostengünstiger Regionen einzugliedern die weit weg vom Zentrum entfernt lagen.

2.2 Die Dreiteilung des kapitalistischen Weltsystems

„Die dreiteilige Schichtstruktur stellt den Normalzustand jeder Art von Weltsystemen dar. Sollte dies jedoch einmal nicht mehr der Fall sein, löst sich das Weltsystem auf (Wallerstein 1983, 310).

Dieses Zitat Wallersteins zeigt, dass das dreistufige Schichtmodell die Basis jeglicher Weltsysteme und nicht nur die des kapitalistischen Weltsystems darstellt. Ein wesentliches Element der kapitalistischen Weltökonomie besteht vor allem in einem dreistufigen Ausbeutungsverhältnis, dass die verschiedenen Schichten von oben nach unten besitzen (vgl. Wallerstein 1983, 306).

Wallerstein unterscheidet eine strukturelle Dreiteilung, die sich auf eine Klassenschichtung in der Weltbevölkerung bezieht und von einer dreiteiligen Struktur des zwischenstaatlichen Systems der Weltwirtschaft ausgeht (vgl. Wallerstein 1983, 306ff.).

Dieses dreiteilige System setzt sich aus den Staaten des Zentrums (Kern)[1], der Peripherie und der Semiperipherie zusammen. Die Namen dieser Zonen veranschaulichen hierbei die tatsächliche Struktur der wirtschaftlichen Ströme (vgl. Wallerstein 1984, 26). Das dreistufige Modell basiert auf der „Theorie des ungleichen Tauschs“ zwischen den drei Sektoren, dieser „ungleiche Tausch“ macht die Dreiteilung des Systems erst möglich (vgl. Wallerstein 1983, 309). Kapital konzentriert sich durch verschiedene Prozesse (z.B. durch vertikale Integration) immer im Kern. Der Kern verfügt im Gegensatz zu Semiperipherie und Peripherie dadurch, über überproportional hohe Geldmittel, welche es wieder einsetzen kann, was den Produzenten des Zentrums erleichtert noch mehr Wettbewerbsvorteile zu schaffen und „knappe Produkte“ zu generieren. Nach materiellen Kriterien betrachtet waren die Gewinne nicht nur groß für diejenigen, die die Ersten in einem bestimmten Sektor waren sondern auch für die, die sich an der Spitze befanden. Die materiellen Gewinne waren von der Basis bis zur Spitze sehr ertragreich und vermehrten sich mit der Zeit im gesamten Weltsystem immer weiter (vgl. Wallerstein 1984, 39).

Ein solches dreischichtiges Modell hat nach Wallerstein eine stabilisierende Wirkung während ein Zweistufenmodell weniger integrierend wirkt. Die „Oberen“ sind stets darauf bedacht, dieses dreistufige Modell aufrecht zu erhalten um sich selbst zu begünstigen, während die „Unteren“ ein zweistufiges Modell anstreben um die Vorteile der Oberen besser vernichten zu können. Es findet also ein stetiger Kampf um die Zerstörung der mittleren Schicht statt. Dabei bilden alle drei Schichten zusammen ein gemeinsames Wirtschaftssystem mit unterschiedlichen Sektoren, die unterschiedliche Funktionen liefern. Die Dreiteilung ist in allen Institutionen der kapitalistischen Weltökonomie anzutreffen (vgl. Wallerstein 1983, 306).

Das kapitalistische Weltsystem benötigt aber unbedingt den semiperipheren Sektor aus einem primär politischen und auch aus einem politökonomischen Grund. Die andauernde politische Rebellion aufgrund von ungleichen Erträgen in einem zweistufigen System führt zu „Klassen für sich“ und zu „akuten desintegrativen Kämpfen“, um diese erst gar nicht in einem großen Ausmaß entstehen zu lassen, ist es von größter Bedeutung „mittlere Sektoren“ zu bilden. Die mittleren Sektoren definieren sich als wohlhabender als die unteren Schichten und fühlen sich nicht in erster Linie benachteiligt durch die oberen Schichten. Dieses Phänomen lässt sich in allen sozialen Strukturen beobachten und nutzt ihre Funktion auch im Weltsystem (vgl. Wallerstein 1983, 308).

2.3 Die Ausdehnung des kapitalistischen Weltsystems

Weltsysteme sind nach Wallerstein durch eine große zeitliche und räumliche Ausdehnung gekennzeichnet, sie müssen sich aber trotzdem nicht über die gesamte Welt erstrecken (vgl. Wallerstein 1984, 27)[2]. Alle Warenketten, die an Bedeutung zunahmen, haben irgendwann die Staatsgrenzen hinter sich gelassen. Die „Vertikale Integration“ zweier oder mehrerer Glieder in einer Warenkette ermöglichte es dem Zentrum einen noch größeren Teil des gesamten Mehrwertes zu erlangen. Die Ausdehnung ging aber niemals „auf die Initiative der Inkorporierenden zurück“, sondern liegt im System der Weltwirtschaft begründet, für die eine Ausdehnung unabdingbar ist (vgl. Wallerstein 2004, 184).

Ein anderer Grund für die Ausbreitung des kapitalistischen Weltsystems liegt in der Proletarisierung der Haushalte. Haushalte erlangen durch eine zunehmende Proletarisierung eine Abhängigkeit zur Lohnarbeit. Haushalte die sich auch durch andere Quellen, als nur über bezahlte Arbeit ihr Überleben sichern konnten, waren dazu geneigt niedrigere Löhne anzunehmen (vgl. Wallerstein 1984, 18ff.). Deshalb war es im großen Interesse der Produzenten möglichst wenige proletarisierte Haushalte in ihrem Produktionsgebiet anzusiedeln. Somit breitete sich aber das kapitalistische Weltsystem auch in anderen Gebieten (Zonen) aus (vgl. Wallerstein 1984, 21ff.).

Der historische Kapitalismus schuf somit die historischen Lohnniveaus, die in den unterschiedlichen Weltzonen dramatisch divergieren (vgl. Wallerstein 1984, 27). Die Verlagerung der Produktionsstandorte war von frühester Zeit ein Merkmal des historischen Kapitalismus. Durch die Verlagerung der Produktionsstandorte entstand eine permanente geografische Umstrukturierung der kapitalistischen Weltwirtschaft. So konnten beispielsweise bestimmte Produkte als Produkte des Zentrums am Markt eingeführt werden und dann zu Peripherie- Produkten verkümmern (vgl. Wallerstein 1984, 30).

2.4 Die Rolle des Staates im kapitalistischen Weltsystem

Staaten werden als Institutionen innerhalb des Systems angesehen, sie stellen keine autonomen Einheiten dar sondern bewegen sich innerhalb des Weltsystems.[3] Sie reagieren lediglich auf den Impuls der ihnen durch die kapitalistische Vormachtstellung vorgegeben wird. Ihre Macht ist begrenzt und unterschiedlich aufgeteilt, manche Staaten verfügen über mehr Macht als andere. Auch Staaten die nicht unter einem kapitalistischen System regiert werden wie z.B. marxistisch-leninistische oder traditionelle Hierarchien, fügen sich dennoch in ein kapitalistisches Weltsystem ein und folgen dessen Antrieb (vgl. Wallerstein 2002, 17ff. und Wallerstein 1984, 48).

Nach Wallerstein können Staaten die dieser kapitalistischen Logik nicht folgen, auch keinen Einfluss auf das System nehmen. Staaten die innerhalb ihrer Grenzen als nicht-kapitalistisch klassifiziert werden können, sind aufgrund des kapitalistischen Weltsystems dazu gezwungen, sich anzupassen.

„Capitalism was from the beginning an affair of the world-economy and not of nation-states” (Wallerstein 1977, 19).

Die Trennung des kapitalistischen Weltsystems zwischen wirtschaftlicher Arena und politischer Arena verdeutlicht den geringen Einfluss von Einzelstaaten. In der wirtschaftlichen Arena geht es um die endlose Akkumulation von Kapital durch eine weltweite Arbeitsteilung mit integrierten Produktionsprozessen. Die politische Arena besteht wiederum aus eigenständigen Staaten, die selbst für politische Entscheidungen verantwortlich sind. Jegliche bedeutsame Warenketten haben die Staatsgrenzen, historisch gesehen allerdings irgendwann überschritten (vgl. Wallerstein 1984, 26).

Es gibt aber dennoch drei zentrale Elemente der Staatsmacht, die den Kapitalismus förden. “Erstens, die territorriale Rechtshoheit” (Wallerstein 1984, 40), zweitens “Das gesetzliche Recht der Staaten, die Regeln zu bestimmen, die die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse innerhalb ihrer territorialen Rechtshoheit beherrschen” (vgl. Wallerstein 1984, 43) und letzlich drittens “die Macht zu besteuern” (vgl. Wallerstein 1984, 44). Die Staatsstrukturen sind für die politische Anpassung an ein kapitalistisches Weltsystem zentral, so zählen die Kontrolle und die Eroberung der Staatsmacht als wichtigstes strategisches Ziel in der Geschichte des Kapitalismus.

Staaten können durch die Rechtshoheit an ihren Grenzen den Weltmarkt beeinflussen. Freihandel ist dann solange erwünscht, wie der Produzent auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig ist, ist er dies nicht mehr, wird der Staat Grenzbeschränkungen einführen und damit die Kosten für den rivalisierenden Produzenten anheben. Deshalb waren und sind viele Ökonomen daran interessiert, politische Ziele in sehr vielen Staaten gleichzeitig zu verfolgen (vgl. Wallerstein 1984, 40ff.). Staaten bauen eine soziale Infrastruktur auf, die letztendlich aber wiederum dazu dient Kapital erstmal anzuhäufen. Darnach erst kommt es zur Umverteilung nach den staatseigenen Kriterien (vgl. Wallerstein 1984, 47).

2.5 Die USA als Hegemonialstaat in einer kapitalistischen Weltordnung

Es existiert ein Gleichgewicht unter den Mächten, die starken und auch die mittelstarken Staaten richten sich so aus, indem sie Allianzen bilden, dass ein Mächtegleichgewicht besteht. Dadurch war es keinem Staat alleine möglich, alle übrigen zu erobern. Jedoch gab es in der Geschichte drei Fälle, in denen ein Staat eine „relative Dominanz“ gegenüber allen anderen Staaten einnehmen konnte. Diese Dominanz bezeichnet Wallerstein als Hegemonie. Die USA hatte ihre hegemoniale Phase in der Mitte des 20. Jahrhunderts, ihr vorausgegangen waren die Vereinigten Provinzen (Niederlande) und Großbritannien (Vgl. Wallerstein 1984, 49f.).

„If hegemony is defined as a situation in which a single core power has demonstrable advantages of efficiency simultaneously in production, commerce, and finance, its follows that a maximally free market would be likely to ensure maximal profit to the enterprises located in such hegemonic power” (Wallerstein 1984, 5).

Jede Hegemonialstellung eines Staates wurde durch einen Weltkrieg hervorgebracht, im Falle der USA war der Zweite Weltkrieg der Faktor, der ihnen die Auszeichnung eines “Hegemons” verlieh. Der Sieg hierbei wurde jedoch nicht militärisch, sondern ökonomisch durch geschickte Kapitalakkumulierende gewonnen, die ihre Konkurrenten auf mehreren wirtschaftlichen Ebenen schlagen konnten (vgl. Wallerstein 1984, 50). Alle Hegemonien waren jedoch immer nur von kurzer Dauer und endeten auch wieder aus ökonomischen Gründen.

[...]


[1] Die Bezeichnung Zentrum und Kern werden im weiteren Verlauf der Arbeit synonym für die gleiche Zone/Schicht verwendet.

[2] „Es ist ein Weltsystem, nicht weil es die ganze Welt umschließt, sondern weil es größer ist als jede juridisch definierte politische Einheit“ (Wallerstein 1984, 27).

[3] vgl. Louis Kriesberg 1979,342: „… they argue capitalism cannot be understood within the confines of a single country. Capitalism is a world system; the workings of the capitalist economy link and transcend the countries that make the world system.”

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Rolle von Weltbank und IWF im kapitalistischen Weltsystem
Untertitel
Eine Untersuchung basierend auf der Weltsystemanalyse Immanuel Wallersteins
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Politisches Seminar)
Veranstaltung
Konflikt und Kooperation in der internationalen Politik: Die Rolle internatio-naler Organisationen im Lichte der neueren „Soziologie der internationalen Beziehungen“
Note
2,0
Jahr
2014
Seiten
29
Katalognummer
V426370
ISBN (eBook)
9783668711464
ISBN (Buch)
9783668711471
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wallerstein, IWF, Weltbank, Kapitalismus
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Die Rolle von Weltbank und IWF im kapitalistischen Weltsystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426370

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