Adoleszenzromane in der DDR


Bachelorarbeit, 2016
48 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der moderne Adoleszenzroman

3. Adoleszenzroman in der DDR

4. Analysekriterien
4.1 Erzählsituation
4.2 Der Erzähler: Person
4.3 Fokalisierung
4.4 Zeit
4.5 Raum
4.6 Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit des Erzählers
4.7 Figurencharakterisierung

5. Uwe Johnson – Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953
5.1 Erzählsituation und Person
5.2 Fokalisierung
5.3 Zeit
5.4 Raum
5.5 Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit des Erzählers
5.6 Figurencharakterisierung
5.7 Ein moderner Adoleszenzroman?

6. Ulrich Plenzdorf – Die neuen Leiden des jungen W.
6.1 Erzählsituation und Person
6.2 Fokalisierung
6.3 Zeit
6.4 Raum
6.5 Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit des Erzählers
6.6 Figurencharakterisierung
6.7 Ein moderner Adoleszenzroman?

7. Thomas Brussig – Wasserfarben
7.1 Erzählsituation und Person
7.2 Fokalisierung
7.3 Zeit
7.4 Raum
7.5 Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit des Erzählers
7.6 Figurencharakterisierung
7.7 Ein moderner Adoleszenzroman?

8. Vergleich

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Adoleszenz gilt im Allgemeinen als die Phase, „die den ‚Abschied von der Kindheit‘ und den Eintritt in das Erwachsenenalter bezeichnet“[1]. So besteht diese lebensgeschichtliche Phase aus körperlichen, psychischen und sozialen Prozessen. Eingebettet in einem kulturhistorischen Rahmen wird die Adoleszenz als eigenständige Phase erfasst. Die Adoleszenz ist in einer (post)modernen Gesellschaft weder als eine einfache Verlängerung der Kindheitsphase noch als eine einfache Durchgangsphase zum Erwachsenenalter zu verstehen.[2] Die Rolle der Jugend hat sich im Laufe der Geschichte verändert, wodurch die Adoleszenz verstärkt Gegenstand literarischer Werke wurde.[3] In den Adoleszenzromanen stehen jugendliche Figuren daher im Zentrum der Darstellung.[4] Diese Figuren werden in den verschiedenen Adoleszenzromanen sehr unterschiedlich dargestellt. So sind auch Unterschiede bei der Darstellung der Figuren zwischen den Adoleszenzromanen von der DDR und von der BRD zu verzeichnen. Während die BRD bereits im Kapitalismus gelebt hat, herrschte in der DDR noch der Kommunismus. Das Prinzip des Sozialismus galt.[5] Auch die Jugend unterlag diesem Prinzip. Die Adoleszenzromane sollten diese sozialistischen Werte teilen.[6] Daher stellt sich die Frage, wie DDR-Autoren die Adoleszenz in ihren Adoleszenzromanen darstellen, die auch Gegenstand der folgenden Arbeit ist Diese Adoleszenzromane zur Zeit der deutschen Teilung entstanden literaturgeschichtlich in der Epoche der Moderne. Daher können diese Romane als moderne Adoleszenzromane betrachtet werden. Grundsätzlich gilt für den modernen Adoleszenzroman, dass es sich um „das Spannungsverhältnis zwischen Individuation und sozialer Integration in einer eigenständigen Lebensphase mit eigener selbsterlebbarer Qualität“[7] handelt. In der DDR hingegen legte die Politik einen Fokus darauf, dass Jugendliche in die sozialistische Gemeinschaft integriert werden, weshalb die Individualität der Jugendlichen in den Hintergrund rückte.[8] Es stellt sich daher die Fragen, inwiefern es sich bei den Adoleszenzromanen der DDR um moderne Adoleszenzromane handelt, da die Entwicklung einer eigenen Individualität hinter der Entwicklung sozialistischer Werte und Normen liegt.

Die vorliegende Arbeit widmet sich den Adoleszenzromanen in der DDR. Anhand von drei beispielhaften Adoleszenzromanen soll analysiert werden, wie die Autoren die Adoleszenz darstellen und inwiefern es sich dabei um moderne Adoleszenzromane handelt. Die drei Adoleszenzromane, anhand die Analyse erfolgen soll, sind Uwe Johnsons Roman „Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953“, Ulrich Plenzdorfs Roman „Die neuen Leiden des jungen W.“ und Thomas Brussigs Roman „Wasserfarben“. Sie wurden alle zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben und herausgebracht. So hat Johnson seinen Roman in den 50er Jahren geschrieben, jedoch wurde dieser erst im Jahr 1985 veröffentlicht, da dieser in der DDR aufgrund seines systemkritischen Inhalts keine Druckgenehmigung erhielt. Plenzdorfs Roman erschien 1973 und gilt als Durchbruch der deutschsprachigen Adoleszenzromane[9]. Brussig schrieb seinen Roman zum Ende der DDR unter der Annahme, dass er aufgrund der Zensur nicht veröffentlich wird.[10] Jedoch kam der Zusammenbruch der DDR des Staates zuvor.

In der folgenden Arbeit werden zunächst die Merkmale und Kriterien des modernen Adoleszenzromans erläutert und anschließend wird auf den Adoleszenzroman in der DDR eingegangen. Dabei werden die wesentlichen Merkmale aufgezeigt. Im Anschluss werden die erzähltheoretischen Analysekriterien erläutert. Anhand dieser Analysekriterien werden die drei Adoleszenzromane nachfolgend analysiert. Nach der Analyse der einzelnen Romane wird erläutert, inwiefern es sich bei den jeweiligen Romanen um moderne Adoleszenzromane handelt. Daraufhin soll ein Vergleich der drei Romane folgen. Ziel ist es herauszufinden, ob die Autoren bei der Darstellung der Adoleszenz Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufweisen und ob es sich bei allen drei Romanen um moderne Adoleszenzromane handelt. Abschließend wird im Fazit auf die Ausgangsfragen eingegangen, um so ein Bild der Adoleszenz im Wandel der Zeit in der DDR darzustellen.

2. Der moderne Adoleszenzroman

Wird die die Geschichte des Adoleszenzromans näher betrachtet, so lässt sich feststellen, dass der Begriff Adoleszenzroman erst ab Ende der 1980er Jahre im Literatursystem zu finden ist.[11] Der Übergang vom traditionellen bzw. klassischen Adoleszenzroman zum modernen Adoleszenzroman findet in den 1950er Jahren statt. Jerome D. Salingers Roman „Der Fänger im Roggen“ (1951 dt.1956) war prägend für diese Entwicklung des Adoleszenzromans. Der Roman verlieh dem Lebensgefühl einer jungen Generation Ausdruck, „einer Generation, die zunehmend gegen die etablierten gesellschaftlichen Instanzen revoltierte, überkommene Rollenbilder angriff und vermehrt auf der Suche nach sich selbst war“[12]. Da zunächst auf dem deutschen Markt amerikanische Übersetzungen dominierten, „brachte der Erfolg von Ulrich Plenzdorfs ‚Die neuen Leiden des jungen W.‘ (1973) im deutschen Sprachraum einen Durchbruch und führte in Folge zu seiner ‚Eingemeindung‘“[13]. Weitere deutsche Adoleszenzromane waren u.a. Leonie Ossowskis „Die große Flatter“ (1977), Otto F. Walters „Wie wird Beton zu Gras“ (1979) und Rudolf Herfurtners „Rita, Rita“ (1984). Auf internationaler Ebene waren die aus dem Schwedischen übersetzten Romane von Inger Edelfeldt von großer Bedeutung. Mit diesen Texten wurde ein bis dato für die Allgemeinliteratur typisches Erzählmuster für die spezifische Jugendliteratur gattungsprägend. Das Wechselspiel von Außen- und Innenwelt trat in den Vordergrund der Narration, sodass die jugendlichen Helden als Eigenpersönlichkeiten dargestellt wurden, die ihre widersprüchliche Rolle, ihre krisenhafte Entwicklung und ihre innere Zerrissenheit selbstreflexiv bedenken.[14] Mit dem Einsatz von „modernen Techniken psychologischen Erzählens wie der Ich-Erzählform, des personalen Erzählverhaltens, innerer Monolog, Bewusstseinsstrom, erlebte Rede, Traumsequenzen“[15] versucht der moderne Adoleszenzroman, diese innere Widersprüchlichkeit der jugendlichen Helden literarisch darzustellen. Weitere moderne Erzähltechniken sind die Collagetechnik, die Montagetechnik und der Wechsel der Erzählperspektiven.[16]

Zum modernen Adoleszenzroman lässt sich sagen, dass es sich um Texte handelt, „in denen ‚die unruhige Suche nach einem tieferen Persönlichkeitszentrum und das Bemühen um dessen Bewahrung und Entfaltung‘ zum Ausdruck komm[t]“[17]. Ferner geht es um die beiden Pole der Jugend- und Erwachsenenwelt. Dabei lehnen sich die jugendlichen Protagonisten gegen die Normen, Werte, die einseitigen Leistungsanforderungen der Erwachsenen auf. Kennzeichen des modernen Adoleszenzromans der frühen 70er Jahre waren beispielsweise eine auch äußerlich festzumachenden Abgrenzung von der Erwachsenenwelt. Die Geste der Verweigerung fand dabei ihren Ausdruck. Dazu zählten lange Haare und die Jeans. Die Jeans stand dabei für einen Lebensstil junger Leute, die Popfestivals besuchten, spezielle Musik hörten und sich mit ihrer Kleidung von anderen abheben wollten. Der moderne Adoleszenzroman hat in den jugendlichen Kulturen der verschiedenen Jahrzehnte[18] eine Grundlage und gibt ihnen in seinen figürlichen Darstellungen, Handlungsstrukturen und Weltbildern literarischen Ausdruck.[19] Der Unterschied zum postmodernen Adoleszenzroman liegt darin, dass es beim modernen Adoleszenzroman um die Suche der Figuren nach einer eigenen Identität, Handlungsautonomie und sozialer Verantwortung geht, während der postmoderne Adoleszenzroman von der Suche nach Erlebnissen handelt.[20]

Da es sich bei der Gattung des Adoleszenzromans um eine Typenbildung auf der Grundlage von inhalts- bzw. stoffbezogenen Merkmalen handelt[21], soll die folgende Liste nach Carsten Gansel (2002) einen Überblick über die typischen Merkmale des modernen Adoleszenzromans verschaffen:

- Es stehen ein oder mehrere jugendliche Helden im Zentrum der Darstellung und die Darstellung konzentriert sich auf die Jugendphase.
- Es gibt im modernen und im postmodernen Adoleszenzroman sowohl männliche als auch weibliche Charaktere, die als jugendlicher Held bzw. jugendliche Heldin dargestellt werden. Im klassischen Adoleszenzroman war der jugendliche Held hingegen stets männlich. Die Übergänge zur emanzipatorischen Mädchenliteratur sind im modernen und postmodernen Adoleszenzroman fließend.
- Es gibt keine Beschränkung der erzählten Zeit auf die Pubertät. Die Erzählung umfasst den gesamten Prozess der Identitätssuche junger Leute; es kann sich also auch von der Vorpubertät bis in die Postadoleszenz erstrecken.
- Die Figuren sind ganzheitlich dargestellt, d.h. sie sind weder als Personifikation noch als Typ zu begreifen, sondern als Individuum (einmalig und unwiederholbar). Neben der Darstellung der Außenwelt spielt vor allem die Darstellung die Innenwelt (psychische Prozesse) eine wichtige Rolle. Dabei kommen Darstellungsweisen des modernen Adoleszenzromans zum Einsatz.
- Die jugendliche Hauptfigur befindet sich nicht nur in einer „‘existenziellen Erschütterung‘“ und „‘tiefgreifende Identitätskrise‘“[22], sondern sie kann die Phase des Heranwachsens auch als lustvoll und offen erleben, als Gelegenheit sich auszuprobieren, als Gewinn bei der Sinn- und Identitätssuche.
- In Adoleszenzromanen gilt ein typisches Handlungsmuster: a) die Ablösung von den Eltern; b) die Ausbildung eigener Wertvorstellungen; c) das Erleben erster sexueller Kontakte; d) das Entwickeln eigener Sozialbezeichnungen; e) das Hineinwachsen oder das Ablehnen einer eigenen sozialen Rolle.
- Meist gibt es ein offenes Ende. Die Protagonisten bleiben dabei auf der Suche. Eine Identitätsfindung im Sinne eines festen Wesenskerns muss dabei nicht erfolgen und sie muss auch nicht angestrebt werden.[23]

Anhand der beschriebenen Merkmale des modernen Adoleszenzromans soll bei den nachfolgenden Adoleszenzromanen analysiert werden, inwiefern diese Merkmale zutreffen. Zuvor muss allerdings noch erläutert werden, durch welche Merkmale die Adoleszenzromane in der DDR geprägt waren.

3. Adoleszenzroman in der DDR

„Adoleszenz im traditionellen wie modernen bürgerlichen Sinne gibt es in der DDR so nicht. […] Wenn ‚moderne bürgerliche‘ Adoleszenz den Prozess der Identitätssuche Jugendlicher zum Gegenstand hat und sie dabei als Phase der Erprobung, der Grenzüberschreitung, der Regelosigkeit, des Tabubruchs gilt, hatte diese Form im ‚geregelten‘ DDR-Alltag keinen Platz.“[24]

Während in Westdeutschland das Individuum in einen selbstreflexiven Diskurs über seine Ziele und Perspektiven eintreten konnte und damit einhergehend eine offene und ungeplante Verlängerung der Bildungszeit haben konnte, hatte die Bildungszeit in der DDR einen festgelegten Zeitplan, aus dem nicht auszubrechen war. Der Übergang in das Arbeitsleben war vorgeplant, weshalb es keinen Raum für eine „Jugendzeit“ gab, in der sich Heranwachsende der Identitätssuche und damit einhergehenden Krisen widmen konnte.[25] So unterlag die Jugend dem Ziel des Sozialismus und der Alltag war an den gesamtgesellschaftlichen Vorgängen gebunden. Auch die Jugendliteratur sollte die sozialistischen Werte teilen.[26]

Daher fällt es in der Tat schwer in der Gesamtheit der Literatur DDR-Romane zu finden, die alle von Gansel aufgeführten Merkmale des modernen Adoleszenzromans beinhalten. Während es im modernen Adoleszenzroman grundsätzlich um „das Spannungsverhältnis zwischen Individuation und sozialer Integration in einer eigenständigen Lebensphase mit eigener selbsterlebbarer Qualität“[27] geht, stand in der DDR die Jugendpolitik im Vordergrund, die ein Augenmerk auf die Integration der Jugendlichen in die Gemeinschaft legte. Die Literatur musste dabei den Anforderungen der DDR gerecht werden. Entsprach sie den Anforderungen nicht, erhielten sie oftmals keine Druckgenehmigung.[28] So hatte beispielsweise der Roman von Fritz Rudolf Fries „Der Weg nach Oobliadooh“ (1966)[29] in der DDR keine Veröffentlichungschance, da der Protagonist bereits eine „real-sozialistische“ Spezifik von Adoleszenz zeigte.[30] Dennoch gibt es auch Adoleszenzromane in der DDR, die die Verhältnisse kritisch erfassen und nicht einer gesellschaftlichen Wunschvorstellung entsprechen wollen. Die Darstellung von Beengung und der damit verbunden Ausbruchversuch sind daher typisch für diese Adoleszenzromane in der DDR.[31]

Nach Karin Richter (2002) lässt sich die Adoleszenzliteratur der DDR geschichtlich in vier Phasen aufteilen. Dabei werden die wesentlichen Merkmale der ostdeutschen Literatur beschrieben.

Die frühen Jahre der DDR – 1945 bis zum Beginn der fünfziger Jahre

Unmittelbar nach dem Kriegsende wurde diese kurze Zeitspanne von Übersetzungen aus der sowjetischen Literatur geprägt. Der Vorbildcharakter dieser Literatur wurde hervorgehoben und ihr Einfluss auf das Schaffen ostdeutscher Autoren wurde betont. Die in Deutschland geschaffene Literatur für Kinder und Jugendliche wurde zunächst mit Zurückhaltung begegnet. Ausnahmen sind die Kinderbücher der „proletarisch-revolutionären Literatur“ (Berta Lask, Auguste Lazar, Hermynia Zur Mühlen, Max Zimmering) und die „ersten Gegenwartsbücher für Kinder“ wie z.B. „Die Aufbau-Bande“ (1948) von Walter Pollatscheck.

Die fünfziger Jahre

Nach der Gründung der DDR kam es in der Literatur verstärkt zu Erzählungen im Gegenwartsstoff. Zudem waren die Romane bzw. generell die Literatur „eindeutig orientiert auf eine ideologische Erziehung der Heranwachsenden im Sinne der aufzubauenden sozialistischen Gesellschaft“[32]. Ein „aufklärerischer Gestus“[33] zeigte sich in einfachen Strukturen, dessen Ziel es war, den jungen Lesern den Charakter der neuen Ordnung verständlich zu machen und den ihnen zugewiesenen Platz und dessen Aufgabenfeld in dieser Ordnung aufzuzeigen. Es gab dabei zwei verschiedene Muster für die Gestaltung des Verhältnisses zwischen jugendlicher Hauptfigur und Kollektiv. Bei Fall eins ist die Hauptfigur bereits von den Idealen überzeugt, sie handelt im Sinne der Gemeinschaft und sie dient als Vorbildfunktion für den jungen Leser. Im zweiten Fall hingegen ist die Hauptfigur noch ein Außenseiter oder ein Zögernder, der aus verschiedenen Gründen zunächst noch außerhalb der Veränderungen in der Gesellschaft steht, jedoch am Ende zum Kollektiv findet. In der DDR begegnete man einer Literatur für junge Leser, in der Kinder und Jugendliche in die Gesellschaft der Erwachsenen integriert wurden. Grundlegende gesellschaftliche Prozesse wurden in der Literatur mit kindlichem und jugendlichem Leben verbunden. Literaturhistorisch fallen die Romane dieser Zeit in die sog. Aufbauliteratur, die den sozialistischen Aufbau des Staates zum Thema hatten.[34]

Die sechziger Jahre

In den sechziger Jahren hatte sich das Erzählinteresse bei einer Reihe von Autoren verändert. Die Individualität gewann zwar auch in der DDR mehr an Bedeutung. Jedoch blieb die Gemeinschaft weiterhin ein wichtiger Gegenstand der Betrachtung, „aber an ihr interessiert vornehmlich, wie sie sich gegenüber dem Einzelnen […] [verhielt], welche Möglichkeiten sie zu seiner individuellen Entwicklung […] [bereithielt]“[35]. Die Vorgänge im Inneren der Figuren gewannen an Tiefe und den jugendlichen Protagonisten wurden Freiräume für private Aktivitäten zugestanden, die nicht politisch motiviert waren. Es gab dennoch auch ein Weiterschreiben im Stil der fünfziger Jahre, z.B. Horst Bastian „Die Moral der Banditen“ (1964). Häufig wurden in der Literatur auch die deutsch-deutschen-Verhältnisse dargestellt, in denen die DDR als richtiger Weg beschrieben wurde und die Kindheit und Jugend als glücklich garantiert wurden. Auch das Motiv, sich unter schwierigen Umständen zueinander finden, war nur auf dem Boden der DDR vorstellbar.

Die siebziger und achtziger Jahre

An der Wende von den sechziger zu den siebziger Jahren begannen in der Kinder- und Jugendliteratur Wandlungen, die ihre volle Ausprägung in den siebziger Jahren erfuhren. Die Adoleszenzromane zeigten eine „ungewöhnliche Schärfe in der Konfliktgestaltung“ und die Figuren erschienen als „gefährdete Weisen in einer Gemeinschaft, die gegen ihre einstigen Ideale […] [lebten]“[36]. Die Gesellschaft der Erwachsenen wurde zunehmend als fehlgeleitet beschrieben. Ein glückliches kindliches und jugendliches Leben war in vielen Texten nur dann möglich, wenn sich Grundlegendes in der Gesellschaft veränderte. Oftmals waren Kinder und Jugendliche als „Opfer oder Erlöser (nicht zuletzt für die Erwachsenen) in dem Sinne angelegt, dass [ihre] Vorstellungen vom Leben den humanistischen Idealen […] [entsprachen] und einen Gegenentwurf zur gefährdeten ‚Erwachsenenwelt’ […] [bildeten]“[37]. Ebenfalls hatten sich der Adressatenbezug und die Offenheit der Texte verändert. Adressat der Bücher waren dabei nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern in einigen Texten war der Erwachsene als Leserrolle favorisiert. Dieser doppelte Adressatenbezug sollte sich nicht einfach an den privaten Leser wenden, sondern er zielte vielmehr auf eine Öffentlichkeit ab, sodass nicht nur individuelles Nachdenken ausgelöst werden sollte, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen bewirkt werden sollten. In der DDR sahen die Schriftsteller die Funktion ihrer Texte darin, gesellschaftliche Probleme öffentlich zu machen. Mit ihr veränderten sich auch die Darstellungstechniken. Sie wurden moderner und näherten sich der Literatur für Erwachsene an (z.B. Mittel zur Spiegelung der Innenwelt der Figuren). Durch diese Offenheit der Erzählstrukturen rückten „Geschehnisse in den Mittelpunkt, für die der Erzähler keine schnelle Lösung mehr kennt“[38]. Der personale Erzähler und der Ich-Erzähler wurden auch häufiger verwendet. In den fünfziger und sechziger Jahren dominierten hingegen abgeschlossene literarische Vorgänge, in der meist ein auktorialer Erzähler schon eine optische Lösung im Blick hatte.[39]

Für alle Phasen der Kinder- und Jugendliteratur in der DDR gilt, dass Kindheit und Jugend in der Literatur „zu keiner Zeit als ein von der ‚Erwachsenwelt‘ abgetrennter, separater Raum“[40] erschien. Kindliches und jugendliches Handeln stand immer „im Kontext mit den dominanten gesellschaftlichen Bewegungen. Verschiebungen existierten nur in der Gestaltung des Verhältnisses zur ‚Welt der Erwachsenen‘. Selbst bei der Zunahme des kritischen Blicks auf gesellschaftlichen Strukturen ziehen sich die literarischen […] [Romanfiguren] nicht aus Enttäuschung in gesellschaftliche Räume zurück, denn sie wollen Veränderungen bewirken.“[41]

4. Analysekriterien

Dieses Kapitel widmet sich der Erzähltheorie, dessen Ziel grundsätzlich in der „systematischen ‚Darstellung der wesentlichsten Elemente des Erzählens und ihrer strukturellen Zusammenhänge‘“[42] besteht. Für die Romane gilt im Wesentlichen, dass die Erzähltexte einen realen Autor besitzen, welcher über einen fiktiven Erzähler eine fiktive Geschichte erzählen lässt, in der die Figuren handeln, sprechen und denken. Möglicherweise wird diese fiktive Geschichte auch von fiktiven Hörern aufgenommen. Zu guter Letzt wird die gesamte Geschichte von einem realen Leser gelesen.[43]

Sowohl bei Kinder- und Jugendromanen als auch in anderen Romanen lassen sich zwei narrative Ebenen unterscheiden. Diese sind: das „Was“ und das „Wie“ des Erzählens. Das „Was“ des Erzählens meint die Ebene der Geschichte (das Erzählte), worunter auch die Handlung und der Raum (setting) fallen. Das „Wie“ des Erzählens ist die Art und Weise der Darstellung der Geschichte. Dazu gehören die Struktur und das Medium der Umsetzung.[44]

Im Folgenden werden ausgewählte Analysekriterien, die exemplarisch für die Erzähltheorie sind, erklärt. Diese Kriterien sind in modernen Adoleszenzromanen vorzufinden, jedoch unterscheiden sie sich in ihrer Umsetzung. So auch bei den Autoren in der DDR. Anhand der Kriterien soll auch dem Thema dieser Arbeit nachgegangen werden, indem analysiert wird, wie die Autoren die jugendlichen Protagonisten in den Romanen darstellen.

4.1 Erzählsituation

In Romanen werden laut Franz K. Stanzel verschiedene Erzählsituation verwendet. Zum einen gibt es den auktorialen Erzähler. Dieser Erzähler ist allwissend und er hat Einblick in die Gedanken aller Figuren. Der Erzähler ist dabei außerhalb der Welt der Charaktere. Die Vermittlung der Geschichte erfolgt aus der Position der Außenperspektive. Beim Ich-Erzähler werden die Geschehnisse aus dem Blickwinkel einer Figur erzählt. Diese Figur ist Teil der Geschichte. Der Leser hat dabei nur Einblick in die Gedanken- und Gefühlsebene, also der Innenwelt, dieser Figur und das Geschehene wird aus der Ich-Perspektive erzählt. Eine weitere Erzählsituation ist der personale Erzähler. Beim personalen Erzähler wird aus der dritten Person (Er/Sie/Es) heraus erzählt. Die Geschehnisse werden aus der Perspektive einer Figur, die Teil der Handlung ist, gesehen. Auch hierbei hat man nur Einblicke in die Innenwelt dieser Figur.[45] Die letzte Erzählsituation ist die Erzählerlose Erzählung. Der Erzähler ist dabei kaum noch spürbar. Im Extremfall verschwindet der Erzähler ganz. Dieser Fall tritt ein, wenn z.B. der gesamte Erzählstoff aus Dialogen besteht.[46]

4.2 Der Erzähler: Person

In der Erzähltheorie wird der Terminus „Person“ verwendet, um das Verhältnis von Erzählern zu den von ihnen erzählten Personen darzustellen.[47] Es gibt dabei drei verschiedene Typen von Erzählungen. Bei einer Ich-Erzählung handelt es sich um einen homodiegetischen Erzähler, da der Erzähler selber in den Ereignissen vorkommt. Schildert er dabei seine selbst erlebten Abenteuer, spricht man von einem autodiegetischen Erzähler. Wenn der Erzähler in der Geschichte jedoch nicht vorkommt bzw. nicht anwesend ist, spricht man von einem heterodiegetischen Erzähler.[48]

Es gibt jedoch auch weitere mögliche Variationen. In der mündlichen Erzählung wird die Variante der Wir-Erzählung am häufigsten verwendet. Eine Gruppe an Personen erleben dabei gemeinsam etwas Brisantes und berichten davon in der ersten Person Plural. Seltener ist dies in der Narratologie. Die Variante der Du-Erzählung wird im Deutschen vergleichsweise selten verwendet. Dabei wird die Geschichte einer Leserfigur geschildert.[49]

4.3 Fokalisierung

Den Terminus „Fokalisierung“ hat Gérard Genette eingeführt und somit den Begriff „point of view“ umstrukturiert. Dem Modell liegt zugrunde, dass die Begriffe Stimme (wer spricht) und Perspektive (wer sieht) grundlegend getrennt werden. Es wird zwischen der Nullfokaliesierung (focalisation zero) und dem Paar limitierte Sicht (focalisation interne und focalisation externe) unterschieden.[50] Die Nullfokalisierung wird laut Genette allgemein von der klassischen Erzählung repräsentiert[51] und entspricht Stanzels auktorialer Erzählsituation. Der auktorialer Erzähler ist wie zuvor beschrieben allwissend, d.h. der auktoriale Erzähler steht über die Welt der Handlung, er blickt auf diese herab, er kann in die Herzen der Figuren hineinsehen und er kann verschiedene Schauplätze besuchen. Diese Perspektive ist im Gegensatz zur internen und externen Fokalisierung nicht eingeschränkt. Bei der externen Fokalisierung gibt es eine externe Sicht auf die Welt und andere Personen. Dabei ist keine Innenansicht der Personen möglich und die Figuren werden von außen heraus beschrieben. Bei der internen Fokalisierung handelt es sich um eine Perspektive einer handelnden Person. Es sind dabei aber nur Innenansichten der jeweiligen handelnden Person möglich.[52] Die interne Fokalisierung ist entweder fest, variabel oder multipel. Multipel ist sie dann, wenn ein Geschehen aus mehreren Perspektiven geschildert wird, d.h. es kann dadurch auch mehrere Interpretationen eines Geschehens geben. Ist die interne Fokalisierung variabel, so wechselt die Perspektive in einem Roman hin und her. Dabei wird in jeweiligen Passagen nur aus einer Perspektive heraus erzählt. Wird während des gesamten Romans nur aus einer Perspektive heraus erzählt, so ist die interne Fokalisierung fest, d.h. es gibt keinen Wechsel der Perspektiven.[53] Die Fokalisierung kann sich auch im Laufe eines Romans ändern, d.h. es kann auch Passagen geben, indem eine andere Art der Fokalisierung als üblichem Roman verwendet wird.[54]

4.4 Zeit

Beim Kriterium der Zeit muss man zunächst zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit unterscheiden. Die erzählte Zeit entspricht dem zeitlichen Umfang der Ereignisse, welche in der Erzählung bzw. im Roman geschildert werden. Die Erzählzeit entspricht aus dem textlichen Umfang und der damit beanspruchten Lesezeit. Aus dem Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit entsteht das Erzähltempo. Da Erzählzeit und erzählte Zeit selten isochron sind, lassen sich Anisochronien beobachten. Man unterscheidet fünf grundsätzliche Möglichkeiten. Je nach Verhältnis zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit entstehen diese Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit ist die Raffung. Dabei ist die Erzählzeit gegenüber der Geschichte stark gerafft, d.h. ein langer Abschnitt der erzählten Zeit wird auf wenige Seite oder auf wenigen Sätzen abgehandelt. Die zweite Möglichkeit ist die Dehnung. Bei Dehnungen wird ein verhältnismäßig kurzes Ereignis in die Länge gezogen. Dies erfolgt bei akribischen Beschreibungen des Ereignisses. Die dritte Möglichkeit ist die Ellipse. Hierbei kommt es zu erzählerischen Auslassungen, d.h. Geschehnisse der erzählten Zeit werden nicht erzählt. Eine weitere Möglichkeit ist die Pause. Bei der Pause kommt es zu keinem Geschehen auf der Ebene der dargestellten Welt. Dies dient der Funktion der Beschreibung von Landschaften, von Bewusstsein oder von soziohistorischen Hintergründen. Die fünfte und letzte Möglichkeit ist das zeitdeckende Erzählen. Dabei dauert die Erzählung genauso lang wie die Ereignisse. Dieser Fall tritt eigentlich nur in der wörtlichen Wiedergabe von Figurenrede ein.[55]

Zu dem Kriterium Zeit gehört auch der Aspekt der Chronologie. Dabei geht es um „die Anordnung bzw. Reihenfolge von Ereignissen zwischen der dargestellten Welt und dem narrativen Diskurs“[56]. Die meisten Romane weisen eine chronologische Struktur auf, jedoch werden auch innerhalb Romanen ins Geschehen mittels gerafften Vorgeschichten eingegriffen. Daher gibt es sogenannte Anachronien, die sogenannten Abweichungen von der Chronologie des Geschehens. Dabei wird die Rückblende am häufigsten verwendet. Im Roman werden sie traditionell mit dem Wechsel des Erzähltempus signalisiert; meist ist ein Wechsel ins Plusquamperfekt.[57] Der umgekehrte Typus ist die Prophezeiung oder Prolepse. Dieser Typus ist ein eher seltener Fall. Für postmoderne experimentelle Texte ist die Achronie typisch. Dabei lässt sich nicht feststellen, in welcher Reihenfolge die Geschehnisse stattfinden.[58]

[...]


[1] Gansel 2002, S.359

[2] Vgl. Gansel 2002, S.360f.

[3] Vgl. Gansel 2002, S.365.

[4] Vgl. Gansel 2002, S.370.

[5] Vgl. Ziegler 2016.

[6] Vgl. Gansel 2014, S.99.

[7] Gansel 2002, S.371.

[8] Vgl. Gesetz über die Teilnahme der Jugend der Deutschen Demokratischen Republik an der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft und über ihre allseitige Förderung in der Deutschen Demokratischen Republik – Jugendgesetz der DDR – vom 28. Januar 1974. In: Gesetzblatt der Deutschen Demokratischen Republik 1974 Teil I. S. 45.

[9] Vgl. Gansel 2002, S.369.

[10] Vgl. Sánchez Santolino 2009, S.98.

[11] Vgl. Gansel 2002, S.365.

[12] Gansel 2002, S.368.

[13] Gansel 2002, S.369.

[14] Vgl. Gansel 2002, S.369.

[15] Gansel 2002, S.369.

[16] Vgl. BR-Informationen 2013.

[17] Gansel 2002, S.375 zit.n. Heller 1973, S.15.

[18] Dazu gehören u.a. die Peergroups der 50er Jahre, die stärker gesellschaftliche Werte in Frage stellenden Jugendszenen der 60er Jahre, die Ausdrucksformen der radikalen Verweigerung in den 70er Jahren. Vgl. Gansel 2002, S.376.

[19] Vgl. Gansel 2002, S.375ff.

[20] Vgl. Gansel 2002, S.380.

[21] Vgl. Gansel 2002, S.371.

[22] Gansel 2002, S.371 zit.n. Ewers 1989, S.11.

[23] Gansel 2002, S.370f.

[24] Gansel 2014, S.192.

[25] Vgl. Gansel 2002, S.386.

[26] Vgl. Gansel 2014, S.99.

[27] Gansel 2002, S.371.

[28] Vgl. Bernhardt 2013, S.32.

[29] Der Roman wurde im Jahr 1966 vom Suhrkamp Verlag veröffentlicht. Vgl. Hammelehle 2012.

[30] Vgl. Gansel, 2002, S.386.

[31] Vgl. Gansel 2002, S.391.

[32] Richter 2002, S.139.

[33] Richter 2002, S.139.

[34] Vgl. Emmerich 1989, S.116ff.

[35] Richter 2002, S.144.

[36] Richter 2002, S.147.

[37] Richter 2002, S.147.

[38] Richter 2002, S.148.

[39] Vgl. Richter 2002, S.138ff.

[40] Richter 2002, S.153.

[41] Richter 2002, S.153.

[42] Gansel 2014, S.50f. zit.n. Stanzel 1979, S.14.

[43] Vgl. Gansel 2014, S.51f.

[44] Vgl. Gansel 2014, S.52f.

[45] Vgl. Stanzel 1991, S.15f.

[46] Vgl. Gelfert 1993, S.16.

[47] Vgl. Fludernik 2006, S.42.

[48] Vgl. Genette 2010, S.159.

[49] Vgl. Fludernik 2006, S.42f.

[50] Vgl. Fludernik 2006, S.49.

[51] Vgl. Genette 2010, S.212.

[52] Vgl. Fludernik 2006, S.49.

[53] Vgl. Genette 2010, S.121.

[54] Vgl. Genette 2010, S.122 ff.

[55] Vgl. Fludernik 2006, S.44f.

[56] Fludernik 2006, S.46.

[57] Vgl. Fludernik 2006, S.46.

[58] Vgl. Fludernik 2006, S.46.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Adoleszenzromane in der DDR
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
48
Katalognummer
V426413
ISBN (eBook)
9783668721432
ISBN (Buch)
9783668721449
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR, Adoleszenzromane, Literaturvergleich, Moderne
Arbeit zitieren
Özge Taylan (Autor), 2016, Adoleszenzromane in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426413

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