Der Kaukasus ist ein in Eurasien gelegenes Hochgebirge, das sich zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer befindet. Die Tatsache, dass dem Kaukasus eine uralte Geschichte zu eigen ist, die bis in die Steinzeit reicht, und dass er über eine Vielzahl von unterschiedlichen Völkern verfügt, führte dazu, dass er ein großes Interesse erweckte. Zahlreiche Schriftsteller diverser Länder beschäftigten sich mit dem Kaukasus, nicht zuletzt Schriftsteller aus Russland, wie zum Beispiel Nikolaj Karamzin, Ivan Gončarov, Aleksandr Puškin, oder Lev Tolstoj1. Die ersten Eindrücke und die Erfahrungen, die sie während ihres Aufenthalts im Ausland sammelten, hielten sie meist in Form eines Reiseberichts fest, um sie den Lesern ebenfalls zugänglich zu machen. Einige dieser Reiseberichte bzw. Niederschriften sind Aleksandr Sergeevič Puškins „Der Gefangene im Kaukasus“ aus dem Jahre 1822, Viktor Borisovič Šklovskijs „Sentimentale Reise“, das zwischen den Jahren 1919-1922 entstand und die im Jahre 1912 posthum erschienene Novelle „Hadschi Murat“ des Schriftstellers Lev Nikolaevič Tolstoj. Durchaus interessant ist, wie unterschiedlich das angereiste Land und dessen Völker von den einzelnen Schriftstellern beschrieben werden. Diese Divergenz ist teils auf die negative oder positive Einstellung des Autors gegenüber dem Zielland und teils auf seinen ursprünglichen Reisegrund zurückzuführen. Doch inwiefern entsprechen die Beschreibungen der Reisenden über die Kaukasier der Wahrheit und sind sie auch wahrheitsgetreu?
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der oben angeführten Frage. Ihr Ziel ist es, anhand von zwei Werken, „Hadschi Murat“ und „Eine gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“, die charakteristischen Merkmale des kaukasischen Volkes herauszuarbeiten. Um zu einem nachvollziehbaren Ergebnis zu gelangen, wird zunächst kurz auf die Geschichte des Kaukasus eingegangen. Hierbei sollen die sozialen Umstände und die politische Lage des Kaukasus im 18. bzw. 19. Jahrhundert vorgeführt werden, um dem Leser bestimmte Hintergrundinformationen zu verschaffen. Danach wird auf die von Tolstoj geschriebene Novelle eingegangen und die Beschreibung des Volkes näher betrachtet. Daraufhin wird die Darstellung des Volkes in dem Reisebericht „Eine gefährliche Reise durch den Wilden Kaukasus“ aufgegriffen. Durch die Gegenüberstellung dieser Zwei Werke sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden, um zu guter Letzt ein Fazit ziehen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichtlicher Hintergrund
2.1 Die Eroberer
2.2 Nationalitäten im Kaukasus
2.3 Unabhängigkeitserklärungen
3. „Hadschi Murat“
3.1 Historischer Kontext
3.2 Die Darstellung des Volkes
4. „Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“
4.1 Alexandre Dumas
4.2 Die Darstellung des Volkes
5. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit untersucht die unterschiedliche Darstellung der kaukasischen Bevölkerung in Leo Tolstois Novelle „Hadschi Murat“ sowie Alexandre Dumas’ Reisebericht „Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Wahrnehmung der Völker durch die beiden Autoren herauszuarbeiten und die Einflüsse von historischem Kontext sowie der persönlichen Perspektive der Autoren auf die Charakterisierung der kaukasischen Kulturen zu analysieren.
- Historische und soziale Rahmenbedingungen des Kaukasus im 18./19. Jahrhundert
- Analyse der Darstellung der Tschetschenen und anderer kaukasischer Völker bei Tolstoi
- Untersuchung der Perspektive von Alexandre Dumas auf die kaukasische Bevölkerung
- Kontrastierung der positiven und negativen Zuschreibungen beider Werke
- Reflexion über die Objektivität von Reiseberichten und literarischen Zeugnissen
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Darstellung des Volkes
Die Kriege, Kämpfe und Aufstände im Kaukasus, die sich über viele Jahrhunderte ausdehnten, hatten tiefe Spuren hinterlassen. Die Städte waren zerstört, die Grünflächen verwüstet und die Lebensfreude der Menschen/Völker nahezu erloschen. „Tolstojs Werk ist die vielleicht farbigste und geglückteste Darstellung der Kaukasier vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse“ (Lerch 2000: 55). Das vom Krieg stark mitgerissene Volk sticht im ersten Kapitel der Novelle deutlich heraus. Die Kaukasier führen ein unruhiges Leben und tragen die Angst vor den Russen stets mit sich. Die Verhältnisse, in denen sie zu leben haben, lässt sich anhand des ersten Kapitels besonders gut herausarbeiten. In diesem Kapitel reitet Hadschi Murat zusammen mit seinem Muriden Eldar durch einen Dorf und hält vor einer Hütte an. Vorsicht weckt er den auf dem Dach der Hütte schlafenden Mann auf. Dieser hat einen abgetragenen Beschmet an. Aber nicht nur die Kleidung, sondern auch die Gesundheit und der Körperbau des alten Mannes befinden sich in einem dürftigen Zustand. So sind seine Augen rot, entzündet und leblos, seine Beine mager, sein Hals dünn und sein Mund zahnlos. Kurz darauf kommt eine hagere Frau in einem roten Beschmet zum Vorschein. Sie grüßt Hadschi Murat und gewährt ihm Zugang zur Hütte in dem sie „Приход твой к счастью“ (Толстой 1950: 8) sagt. Dieser Vorgang ist im Islam sehr wichtig und kann durch die folgende Sure verdeutlicht werden: „O ihr, die ihr glaubt, betretet keine anderen Wohnung als die eure, bevor ihr nicht um Erlaubnis gebeten und ihre Bewohner gegrüßt habt[...]“ (Abu-r-Rida 2012: 250). Im Verlauf des Kapitels stellt sich heraus, dass es den anderen Bewohnern der Hütte nicht besser ergeht als dem alten Mann. Sado, der Sohn des alten Mannes, der zugleich auch der Besitzer der kleinen Hütte ist, hat eine schäbige Lammfellmütze an und weist genauso wie sein Vater leblos Augen auf.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Faszination der Schriftsteller für den Kaukasus vor und definiert das Ziel der Arbeit, die Darstellung der kaukasischen Völker bei Tolstoi und Dumas zu vergleichen.
2. Geschichtlicher Hintergrund: Dieses Kapitel skizziert die wechselhafte Geschichte des Kaukasus, geprägt von fremden Eroberern, religiöser Vielfalt und dem Streben nach Unabhängigkeit.
3. „Hadschi Murat“: Hier wird der historische Kontext der Novelle beleuchtet und detailliert analysiert, wie Tolstoi die Lebensumstände und Eigenheiten des kaukasischen Volkes literarisch verarbeitet.
4. „Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“: Dieses Kapitel widmet sich dem Leben von Alexandre Dumas und beschreibt, wie dieser als Reisender die kaukasischen Völker in seinem Bericht wahrgenommen und charakterisiert hat.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Autoren unterschiedliche Perspektiven einnehmen und verdeutlicht, dass Reiseberichte stets subjektiv gefärbt sind.
Schlüsselwörter
Kaukasus, Hadschi Murat, Alexandre Dumas, Leo Tolstoi, Tschetschenen, Reisebericht, Literaturanalyse, Ethnologie, Islam, russische Literatur, interkulturelle Wahrnehmung, soziale Verhältnisse, Kulturgeschichte, Dagestan, Unabhängigkeitskampf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie das kaukasische Volk in zwei literarischen bzw. dokumentarischen Werken des 19. Jahrhunderts – Tolstois „Hadschi Murat“ und Dumas’ „Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“ – dargestellt wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit befasst sich mit historischen Hintergründen der Kaukasusregion, religiösen Einflüssen auf das Leben der Bevölkerung sowie den konträren Sichtweisen zweier bekannter Autoren auf eine fremde Kultur.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung der Kaukasier herauszuarbeiten und zu hinterfragen, wie stark die subjektive Wahrnehmung der Autoren das Bild der Völker geprägt hat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, bei der zwei spezifische Werke in Bezug auf ihre kulturellen Beschreibungen gegenübergestellt und in ihrem historischen Kontext interpretiert werden.
Was steht im Hauptteil der Untersuchung im Fokus?
Der Hauptteil analysiert jeweils den historischen Kontext und die konkrete Darstellung der Völker in den beiden ausgewählten Werken, um die jeweiligen Stile und Perspektiven der Autoren offenzulegen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Kaukasus, interkulturelle Wahrnehmung, literarische Analyse, russische Literatur und historische Ethnographie beschreiben.
Wie unterscheidet sich Tolstois Sichtweise von der Dumas’?
Tolstoi stellt die Kaukasier tendenziell aus einem positiveren, empathischeren Blickwinkel dar, während Dumas’ Reisebericht oft kritischer ist und die kaukasischen Völker eher negativ, etwa als „barbarisch“, bewertet.
Welche Rolle spielt die Religion in der Darstellung der Völker?
Die Religion, insbesondere der Islam, dient in beiden Werken zur Einordnung von Sitten und Gebräuchen, wobei sie bei Tolstoi als wesentlicher Bestandteil der kulturellen Identität und des Widerstands gegen die russischen Eroberer fungiert.
- Arbeit zitieren
- M.o.A. Fatma Betül Akcora (Autor:in), 2013, Die Darstellung der Völker in "Hadschi Murat" und "Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426464