Die Wunder Jesu im evangelischen Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen. Betrachtung der Probleme und Möglichkeiten anhand Mk 2, 1-12


Hausarbeit, 2017
30 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff des Wunders
2.1 Die Bedeutung im Allgemeinen
2.2 Die Problematik der neutestamentlichen Wunder für Theologie und Kirche

3. Die Behandlung von Wundern im Religionsunterricht
3.1 Altersspezifische Rezeption der Wundergeschichten
3.2 Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler
3.3 Richtlinien

4. Exegese von „Die Heilung eines Gelähmten“ (Mk 2, 1-12)
4.1 Vorüberlegungen und Textsicherung
4.1.1 Zugang zum Text
4.1.2 Wirkungsgeschichtliche Reflexion
4.1.3 Abgrenzung der Perikope
4.2 Sprachlich-sachliche Analyse
4.2.1 Sozialgeschichtliche und historische Fragen
4.2.2 Textlinguistische Fragestellungen
4.3 Aussageabsicht des Autors
4.3.1 Formkritik
4.3.2 Textpragmatische Analyse
4.4 Fazit der Exegetischen Schritte

5. Möglichkeiten zum Einsatz im Unterricht

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Idee zur vorliegenden Arbeit ist im Rahmen des Seminars „Wunder-vom Text zum Unterricht“ entstanden. Aufgrund meines Berufswunsches des Lehramts am Berufskollegs erschien es mir interessant, die Wunderthematik im Hinblick auf einen möglichen Einsatz im Unterricht an einer berufsbildenden Schule zu betrachten. In diesem Zusammenhang schienen Heilungswunder eine sinnvolle Wahl zu sein. Ich habe mich für den Text Mk 2, 1-12 entschieden, weil in ihm auch ein Streitgespräch vorkommt, nicht nur ein Heilungswunder.

Zunächst einmal soll beleuchtet werden, was unter dem Begriff Wunder verstanden wird. Hierzu wird auf den Begriff im weiten Sinne, wie er uns oft im Alltag begegnet, aber auch auf den Begriff im engeren Sinne, wie man ihn auf die Wunder Jesu anwenden kann, eingegangen. In einem nächsten Schritt sollen einige theologische Positionen zu den Wundertaten Jesu vorgestellt sowie die Problematik der Wundergeschichten in der theologischen Diskussion angerissen werden. Daran schließt sich eine Betrachtung darüber an, inwieweit Wundergeschichten im Unterricht einsetzbar sind. Dazu werden Aspekte wie die Richtlinien für den evangelischen Religionsunterricht am Berufskolleg, duale Ausbildung und die besonderen Voraussetzungen der Schüler dieses Ausbildungszweiges herangezogen. Ein weiterer Gesichtspunkt ist in diesem Zusammenhang die altersspezifische Rezeption von Wundergeschichten. In einem nächsten Schritt wird der Text einer Exegese unterzogen, wobei diese daran orientiert ist, möglichst ergiebig für unterrichtliche Zwecke zu sein. Im Folgenden werde ich mich mit einigen didaktisch-methodischen Überlegungen verschiedener Autoren zu Wundergeschichten allgemein und Mk 2, 1-12 speziell auseinandersetzen. Den Abschluss bildet ein Fazit unter der Fragestellung, ob oder inwieweit mir der Einsatz des ausgewählten Textes in meiner späteren Berufspraxis möglich erscheint.

2. Der Begriff des Wunders

„Wunder faszinieren. Wunder polarisieren. Wunder provozieren.“[1]

2.1 Die Bedeutung im Allgemeinen

Will man den Inhalt des Begriffs genauer einordnen, so kann man zunächst einmal auf das Alltagsverständnis eingehen. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass der Begriff für sehr unterschiedliche Sachverhalte gebraucht wird.

Als Wunder werden im täglichen Leben oft solche Ereignisse bezeichnet, die als etwas Besonderes hervortreten. Dies bedeutet noch nicht, dass hier etwas gegen den gesunden Menschenverstand geschieht oder Naturgesetze außer Kraft gesetzt wurden. Auch für den modernen Menschen, der sich rational mit seiner Umwelt auseinandersetzt und für den die Naturwissenschaften als Grundlage seiner Einschätzungen gelten, ist dies akzeptabel, handelt es sich doch um „außerordentliche Ereignisse, die Aufsehen erregen oder unbegreiflich erscheinen, weil sie den gewohnten Ablauf der Dinge durchbrechen.“[2] Es wird so z.B. von einem Wunder gesprochen, wenn eine Krankheit wider jede Erwartung ohne ärztliches Zutun ausheilt, aber auch bei der unerwarteten Rettung von Passagieren bei einem Flugzeugunglück, wie es beim ,Wunder von Manhattan‘ der Fall war. Ein recht banal anmutendes Beispiel ist das ,Wunder von Bern‘, womit der überraschende, weil unerwartete Ausgang eines Fußballspiels gemeint ist. Bei den genannten Vorfällen handelt es sich um Ereignisse, die als besondere bewertet werden, weil mit ihnen nicht gerechnet wurde oder gerechnet werden konnte. Vielfach beschworen wird auch das ,Wunder der Liebe‘. Hat hier eine höhere Macht Einfluss genommen oder findet darin lediglich eine Besonderheit des psychischen Erlebens ihren Ausdruck?[3]

Nach Kollmann sind die aufgeführten Ereignisse „Wunder im uneigentlichen Sinne“[4]. Darunter versteht er etwas, das „gegen die uns bekannte Naturordnung geschieht und damit wissenschaftlich nicht erklärbar erscheint.“[5] Bei dieser Art von Geschehnissen haben Menschen heutzutage ein ungutes Gefühl, denn sie widersprechen unserem rationalen Denken. Im heutigen Alltag der Menschen haben ‚Wunder im eigentlichen Sinne‘ so gesehen keinen Raum mehr. Das gilt dann auch bezogen auf die Wundererzählungen der Bibel, denn sie sind, wie Erlemann schon in seinem Buchtitel zum Ausdruck bringt, vom Standpunkt des modernen Menschen aus „kaum zu glauben“. Sie sind nicht zu erklären, setzen Naturgesetze außer Kraft, sodass derjenige, der an sie glaubt, „als unvernünftig und rückständig“[6] angesehen wird.

2.2 Die Problematik der neutestamentlichen Wunder für Theologie und Kirche

Für den christlichen Glauben allerdings ist die Einschätzung von Wundergeschichten, wie sie in den Evangelien vorkommen, von großer Bedeutung, immerhin machen Wundererzählungen mehr als ein Drittel der Evangelien aus. „Insgesamt wird von 63 Wundern berichtet“.[7] „Wundererzählungen gehören zum Kernbestand biblischer Überlieferung, insbesondere der Evangelien. Sie sind aus der Verkündigung nicht wegzudenken.“[8]

Auch Lohse weist darauf hin, dass Wundergeschichten in den Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas breiten Raum einnehmen, woraus er schlussfolgert, „dass die frühe Christenheit diesen Erzählungen von Jesu Wundertaten große Bedeutung zugemessen hat“[9]. Dies steht für ihn in einem starken Gegensatz zum heutigen Stellenwert in der neutestamentlichen Theologie. Trotz vieler Untersuchungen über den Hintergrund und die Bedeutung der Wundertaten Jesu scheint man deren Bedeutung für Theologie und Kirche nur gering zu schätzen.[10] Lohse geht dem Begriff des Wunders in mehreren Schritten auf den Grund. Im neutestamentlichen Sprachgebrauch gibt es seinen Ausführungen zufolge verschiedene Bezeichnungen, die auf Wunder hindeuten, u.a. „Heilungen, […] Macht über Wind und Meer, […] wirksame Verfluchungen […]“[11]. Allerdings weisen „die Begriffe ‚Wunder und Zeichen‘ […], ‚Wundergeschehen‘ […] und ‚Zeichen‘ […]“[12] auf solche Begebenheiten hin, „die den Rahmen üblicher Erfahrungen sprengen und betroffene Aufnahme auslösen.“[13] „Unter einem Wunder wird mithin ein Handeln Gottes verstanden, das nicht aus der Lebenswelt der betroffenen Menschen hergeleitet werden kann, sondern sich ‚contra naturam‘ ereignet hat.“[14] Die damals lebenden Menschen hätten sicherlich nicht zu sagen vermocht, welche Naturgesetze ihre Welt bestimmten. Nach Lohse ist daher der Begriff ‚Wunder‘ „in möglichst weit gefasster Bedeutung zu verstehen“[15], als ein Geschehnis, welches sich von dem Normalen abhebt. In Anlehnung an Theißen führt Lohse aus, dass als Wunder „von Gott oder mit Gottes Kraft gewirkte menschliche Möglichkeiten übersteigende Geschehnisse“[16] angesehen werden können. Geschehnisse dieser Art lassen sich auch im Alten Testament finden, so sind als besondere Beispiele hier die Geschichten von den Propheten Elia und Elisa, in denen u.a. sowohl Speisewunder als auch Totenerweckungen vorkommen, zu nennen.[17]

An einer Vielzahl von Beispielen lässt sich erkennen, dass im nachbiblischen Judentum sowie in der spätantiken hellenistischen Welt Naturwunder, Heilungen aber auch Dämonenaustreibungen als Zeichen göttlichen Einflusses gedeutet wurden.[18] So wurde im antiken Judentum häufig von wundersamen Geschehnissen erzählt, die die damaligen Menschen „als von Gott gewirkt verstanden, ohne weiter nachzufragen und zweifelnde Überlegungen anzustellen.“[19]

Die Wundertaten Jesu ähneln nach Lohse zwar in manchen Aspekten „durchaus vergleichbaren antiken Begebenheiten“[20], um sie jedoch in ihrem Stellenwert richtig zu verstehen, muss man sie auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen, gegebenenfalls ihre Ausschmückung zum Zwecke der Verstärkung aufdecken, sie „gegenüber Missbrauch und trügerischer Zauberei“[21] abgrenzen. Dies hält Lohse für nötig, da auch die Evangelisten schon glaubten, dass wundersame Ereignisse auch von ‚Satan und seinen Knechten‘ verrichtet werden könnten, „um dadurch Menschen zu verführen“.[22]

Gleichwohl weist Lohse ausdrücklich darauf hin, dass sich die Taten Jesu klar davon abheben. „Auch lehnt er jedes Ansinnen entschieden ab, durch Wundertaten diese oder jene Legitimation für seine Stellung und sein Handeln vorzunehmen.“[23] Als Beleg dafür gilt für ihn, dass Jesus mit seinen Taten den Menschen jeweils Hilfe zukommen ließ, nie jedoch ein Wunder geschah, um jemanden zu strafen (sogenannte Strafwunder).[24]

Für Köhnlein sind „die Wunder und Zeichen Jesu […] die großen Liebesgeschichten seines Lebens.“[25] Allerdings sieht auch er in der heutigen Zeit Schwierigkeiten, sich mit diesen Wundertaten zu befassen, schließlich scheint „das Weltbild der Antike […] weit entfernt zu sein von unseren modernen naturwissenschaftlichen Vorstellungen und doch wiederum nahe genug, dass auch wir noch Träume haben von übernatürlichen Ereignissen, sensationellen Entdeckungen, überraschenden Schicksalswendungen.“[26]

Für Erlemann ist ein Überdenken der Bedeutung der Wunder für den christlichen Glauben von Bedeutung, denn die symbolische Auslegung der Wundergeschichten allein, wie sie aufgrund des modernen Wahrheitsbegriffs lange Zeit praktiziert wurde, „wird den Texten […] nicht gerecht.“[27] Der Sinn der Wundergeschichten besteht darin, „Gott als den Herrn über Natur, Leben und Tod bekannt zu machen“.[28]

Die neutestamentlichen Wunder Jesu sind im Laufe der Jahrhunderte auf vielfältige Art gedeutet worden, aber unterschiedliche Interpretationsansätze führen auch zu unterschiedlichen Ergebnissen und damit letztlich auch zu einer unterschiedlichen Bewertung ihres Wertes für den Unterricht und die Auseinandersetzung mit dem Glauben im Gottesdienst. Dies zeigt sich auch an den verschiedenen Darstellungen, die im Kompendium der der frühchristlichen Wundererzählungen aufgenommen wurden, über die Alkier ausführt, dass sehr viele verschiedene Ansätze und Verständnisse von Wunder hier ihren Raum finden und Pluralität verdeutlichen. „Es zeigt die Komplexität und Lebendigkeit wie auch die theoretische Disparatheit und theologische Ungeklärtheit auch des exegetischen Wunderdiskurses der Gegenwart an.“[29]

Nach Köhnlein wirken bestimmte exegetische Ansätze einer angemessenen Aufnahme der Botschaft der Wunder entgegen. Er sieht Schwierigkeiten, sich in der heutigen Zeit mit diesen Wundertaten zu befassen, schließlich scheint „das Weltbild der Antike […] weit entfernt zu sein von unseren modernen naturwissenschaftlichen Vorstellungen und doch wiederum nahe genug, dass auch wir noch Träume haben von übernatürlichen Ereignissen, sensationellen Entdeckungen, überraschenden Schicksalswendungen.“[30]

Es gibt verschiedene Ursachen, die uns daran hindern den Wundergeschichten gegenüber aufgeschlossen zu sein. „Geistige Blockaden“ ergeben sich beispielsweise durch das Ausgehen von „dogmatischen Voraussetzungen“, „die Hypothese der so genannten Ergänzung zur Natur“, aber auch „der so genannte religionsgeschichtliche Vergleich“ sowie „der innerbiblische synoptische Vergleich“ und die „so genannte formgeschichtliche Analyse der Wundergeschichten“ werden deren eigentlicher Bedeutung nicht gerecht.[31] Genauso wenig wie es einen “festen Wunderbegriff gibt“, müssen sie durchgängig „als Aufhebung der Kausalität oder als Offenbarung der göttlichen Allmacht verstanden werden“[32].

Wie genau sich ein Wunder äußert, an welchem Punkt der Geschichte, wo es beginnt usw. lässt sich nicht schematisch festlegen. Deshalb ist nach Köhnlein auch nicht nur von Bedeutung, wie sich Theologie und Naturwissenschaft hinsichtlich der Frage von „Wirklichkeit und Wahrheit der Wunder“ äußern, „vielmehr sind die Sozial- und Kommunikationswissenschaften bei der Interpretation der biblischen Wundergeschichten die eigentlichen Partner der Theologie.“[33] Denn „die ‚wahren‘ Wunder sind trotz aller Widerstände die Wunder gelungener Kommunikation“[34].

Köhnlein plädiert aus den oben genannten Gründen dafür, sich auf jede Wundergeschichte „neu einzulassen“ und zu erspüren, sensibel zu sein, um ihre Botschaft zu erfassen. Für ihn sind „Wundergeschichten […] Protest- und Hoffnungsgeschichten. Sie wenden sich gegen das Achselzucken, dass man ja doch nichts machen kann. Sie sind Fenster der Hoffnung mit dem Blick auf und in eine bessere Welt“[35].

Erlemann verfolgt einen ähnlichen Weg, wenn er den modernen Wahrheitsbegriff infrage stellt, weil hier nur einer von vielen möglichen Zugängen zur Wirklichkeit, nämlich der naturwissenschaftlich-rationale, favorisiert wird.[36] Er hält eine Weltbetrachtung für sinnvoll, die auf sich ergänzenden Wahrnehmungsbereichen beruht.[37] Auf diese Weise ist es möglich, Rudolf Bultmanns schon in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts getroffene Aussage „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“[38] zu widerlegen. Denn man kann Elektrizität als physikalisches Phänomen erklären, sie aber auch „zugleich als Teil der göttlichen Schöpfung verstehen“[39].

Man darf sich also wieder wundern und dies, um den eigenen Glauben zu stärken.

3. Die Behandlung von Wundern im Religionsunterricht

Die Ausführungen im vorhergehenden Kapitel machen deutlich, wie uneinig sich die Theologen und Religionsdidaktiker sind, wenn es um die Behandlung von Wundern im Unterricht geht. Dennoch sollten die Wunder nicht vernachlässigt werden, wenn es um die Bedeutung des Neuen Testaments geht, weil sie u.a. klare Beispiele für Jesu Nächstenliebe sind. „Ohne seine Wunder verliert Jesus von Nazareth weitgehend Fleisch und Blut.“[40]

Nach Erlemann können die Wunder „gleichsam [als] die Spitze des Eisbergs der biblischen Glaubenszeugnisse“[41] betrachtet werden. Er hält die Behandlung der Wundergeschichten für unverzichtbar, denn „Jesus löste so nachhaltig Glauben und Hoffnung aus, dass Menschen ihm nachfolgten, das Neue Testament entstand und die Christenheit nach zweitausend Jahren noch immer an das Evangelium glaubt“[42].

Dennoch ist die Behandlung von Wundergeschichten im Unterricht nicht unproblematisch, denn „unter der Maßgabe der kritischen Vernunft“ scheint es nicht möglich, „dass die Welt Schauplatz des Handelns übernatürlicher Mächte und Kräfte ist“[43]. Das rationalistische Weltbild durchdringt unseren Alltag und beeinflusst damit auch Religionspädagogen und deren Schüler.[44] Zwar waren Jesu Wundertaten „schon unter seinen Zeitgenossen besonders umstritten“[45]. „Nie also galten die Wunder als selbstverständlich. Immer schon waren sie eine Provokation.“[46] So hat sich also über zweitausend Jahre hinweg nicht viel geändert, wenn auch die Beweggründe der Zweifler heute andere sein mögen. Gab es zu Jesu Zeiten Zweifel, so waren diese eher bezogen auf die Frage, woher er seine Kraft bezog, ob von Gott oder dem Teufel. Heutzutage zweifelt man daran, ob es diese Wundertaten überhaupt gegeben hat, weil sie mit den Denkstrukturen des rationalistisch denkenden, an den Naturgesetzen orientierten heutigen Zeitgenossen nicht vereinbar, weil nicht erklärbar sind.[47]

Will man mit Schülern Wundergeschichten im Unterricht behandeln, so sind verschiedene Dinge zu bedenken, die im Folgenden orientiert an der Zielgruppe der Absolventen des Berufskollegs dargestellt werden sollen.

3.1 Altersspezifische Rezeption der Wundergeschichten

Sicherlich ist es zunächst einmal vom Entwicklungsstand der Schüler abhängig, welche Wunder man auswählt und welche Aspekte in den Vordergrund der Behandlung gerückt werden. „Das Verständnis der Wundergeschichten hängt von den kognitiven und religiösen Entwicklungsprozessen ab, die Schüler(innen) durchlaufen.“[48] Der Psychologe Jean Piaget (1896-1980) bereitete mit seiner Theorie der kognitiven Entwicklungsstufen die Grundlage für andere Autoren, die seine Erkenntnisse gezielt auf religiöse Aspekte bezogen, wie z.B. James W. Fowler, dem zufolge „der Mensch in seinem Leben mit fortschreitender Entwicklung unterschiedliche Stufen des Glaubens“[49] durchläuft. Den kognitiven Entwicklungsstufen sind also Entwicklungsstufen der Glaubens- und Religiösitätsentwicklung zugeordnet.

„So hängen wichtige Elemente der Wunderdeutung wie die Möglichkeit, Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden, historische Entstehungs- und Überlieferungsprozesse von Texten zu durchschauen und in ihren Konsequenzen abzuschätzen, Gattungen zu reflektieren oder übertragene Sinndimensionen zu entdecken, von kognitiven Fähigkeiten ab, die sich typischerweise im Laufe der Schulzeit in einer bestimmten Abfolge nach und nach erst entwickeln und deshalb nicht in allen Klassenstufen und bei allen Schülern gleichermaßen zur Verfügung stehen (Piaget).“[50]

Ohne an dieser Stelle auf die Entwicklung des Wunderverständnisses im Einzelnen eingehen zu können, lässt sich festhalten, dass sich die Einschätzung einer Wundergeschichte im Jugendalter ganz erheblich von der Einschätzung eines Grundschülers unterscheidet, da der Jugendliche eine Entwicklungsstufe erreicht hat, die nach Piaget „das formal-operationale Stadium“ genannt wird, welches nach Fowler mit dem „individuierend-reflektiven Glauben“ einhergeht, welcher sich erst im späten Jugendalter einstellt, und den Oser/Gmünder als „an der Selbstbestimmung des Menschen orientiertes religiöses Urteil“ ansehen.[51] Dies bedeutet ,dass ein Wunder kritisch betrachtet wird, mythologische Aspekte eher zurückgewiesen werden „oder bildhaft als Träger für etwas anderes mit sinnstiftender Kraft“[52] verstanden wird. Nach Oser/Gmünder zeigt sich im Jugendalter ein religiöses Urteil, das an der Selbstbestimmung des Menschen ausgerichtet ist. Der Mensch ist demnach autonom, gestaltet seine Welt eigenverantwortlich und lehnt vielfach religiöse und kirchliche Autorität ab. Die Existenz Gottes wird angezweifelt. „Dieser Entwicklungsstufe korrespondiert ein von kritischer Vernunft geleitetes Wunderverständnis, das in der Regel die Wunder wegen ihres Widerspruchs zur Naturgesetzlichkeit negiert und sie Gott angesichts des Leids in der Welt ohnehin nicht zutraut.“[53]

3.2 Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler

Im Folgenden soll auf die Besonderheiten der Zielgruppe eingegangen werden. Bei der Schülerschaft handelt es sich um junge Leute zwischen 16 und 25 Jahren, d. h. altershomogene Gruppen gibt es hier nicht. Da die Schüler die Berufsschule nur ein- bis zweimal wöchentlich besuchen, ist der Stellenwert ihrer sonstigen Lebensumstände deutlich höher. Im Berufsalltag sind „Leistung, Nutzen, Effizienz, Rationalität und Rentabilität dominierende Wertmaßstäbe“[54]. Diese Tatsache wird sich sicher auch auf ihre Motivation dem Fach und den Unterrichtsinhalten gegenüber auswirken. So kann es z. B. sein, dass der Sinn des Faches überhaupt nicht gesehen wird. Umso wichtiger scheint es, Inhalte auszuwählen, die motivationsfördernd sind. Auch der private Bereich der Absolventen kann sehr unterschiedlich sein, was ihre Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen in der Freizeit oder ihre familiäre Situation angeht. Man kann außerdem davon ausgehen, dass die religiöse Sozialisation der Schüler Lücken aufweist. Während Kindergarten und Grundschule Glaubensgrundlagen vermitteln, werden Religionsangebote im späteren Lebensalter, z. B. Konfirmandenunterricht und Religionsunterricht in der Sek. I, nicht immer angenommen.[55] Das bedeutet aber nicht, dass die jungen Leute nicht religiös sind. Sie haben sich unter Umständen lediglich von den traditionellen Werten der Kirche entfernt. Des Weiteren sollte man nicht außer Acht lassen, dass die digitalen Medien und sozialen Netzwerke im Alltag der meisten eine große Rolle spielen und die Lebenswelt erheblich beeinflussen.

[...]


[1] Zimmermann et al., Kompendium, 1.

[2] Kollmann, Wundergeschichten, 9.

[3] Vgl. ebd., 9-11.

[4] Ebd., 9.

[5] Ebd.

[6] Erlemann, Kaum zu glauben, 1.

[7] Köhnlein, Wunder Jesu, 12.

[8] Erlemann, Kaum zu glauben, 1.

[9] Lohse, Wundertaten Jesu, 9.

[10] Vgl. ebd.

[11] Ebd., 11.

[12] Ebd., 12.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] Vgl. Lohse, Wundertaten Jesu, 13f.

[18] Vgl. ebd., 14f.

[19] Ebd., 14f.

[20] Ebd., 17.

[21] Ebd.

[22] Ebd., 17f.

[23] Ebd., 18.

[24] Vgl. ebd.

[25] Köhnlein, Wunder Jesu, 11.

[26] Ebd.

[27] Erlemann, Kaum zu glauben, 163.

[28] Ebd.

[29] Alkier, Art. Kreuz mit den Wundern, 521.

[30] Köhnlein, Wunder Jesu, 11.

[31] Vgl. ebd., 16.

[32] Ebd., 16.

[33] Köhnlein, Wunder Jesu, 16.

[34] Ebd.

[35] Ebd., 17.

[36] Vgl. Erlemann, Kaum zu glauben, 163f.

[37] Vgl. ebd., 165f.

[38] Ritter, Zeichen und Wunder, 7.

[39] Erlemann, Kaum zu glauben, 169.

[40] Köhnlein, Wunder Jesu, 12f.

[41] Erlemann, Kaum zu glauben, 194.

[42] Ebd.

[43] Münch, Art. Wundererzählungen heute unterrichten, 141.

[44] Ebd.

[45] Köhnlein, Wunder Jesu, 13.

[46] Ebd.

[47] Vgl. ebd.

[48] Münch, Art. Wundererzählungen heute unterrichten, 144.

[49] Kollmann, Wundergeschichten, 183.

[50] Münch, Art. Wundererzählungen heute unterrichten, 144.

[51] Vgl. Kollmann, Wundergeschichten, 185-187.

[52] Ebd., 187.

[53] Ebd., 187f.

[54] Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen, 8.

[55] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Wunder Jesu im evangelischen Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen. Betrachtung der Probleme und Möglichkeiten anhand Mk 2, 1-12
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1
Autor
Jahr
2017
Seiten
30
Katalognummer
V426544
ISBN (eBook)
9783668708624
ISBN (Buch)
9783668708631
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wunder, jesu, religionsunterricht, schulen, betrachtung, probleme, möglichkeiten
Arbeit zitieren
Verena Ommerborn (Autor), 2017, Die Wunder Jesu im evangelischen Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen. Betrachtung der Probleme und Möglichkeiten anhand Mk 2, 1-12, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426544

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Wunder Jesu im evangelischen Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen. Betrachtung der Probleme und Möglichkeiten anhand  Mk 2, 1-12


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden