In seinem 1928 erschienenen Werk Die Stellung des Menschen im Kosmos widmet sich Max Scheler unter anderem dem Problemkreis der Wesensontologie des Menschen. Er stellt die anthropologische Frage, ob dem Menschen im Naturreich eine Sonderstellung zukommt und worin diese besteht. Im Zuge der Beantwortung dieser Frage entwickelt er ein Stufenmodell des Psychischen, in welches er alles Lebendige von den Pflanzen bis zu den Tieren und dem Menschen einordnet. Dabei stellt er die unterste Stufe dieses Modells, den Drang, einem völlig anderen Prinzip gegenüber – dem Geist, welcher die Sonderstellung des Menschen begründet. Drang und Geist stehen auf metaphysischer Ebene in einem besonderen Verhältnis zueinander. Der Mensch ist das Lebewesen, in welchem beide Prinzipien miteinander vermittelt werden. In der vorliegenden Arbeit soll das spezielle Verhältnis von Geist und Drang genauer untersucht und auf folgende Fragen eingegangen werden: Wie vollzieht sich die Vermittlung der beiden Prinzipien? Und welche physiologischen Prozesse liegen ihr zugrunde? Ist es möglich, im Menschen eine Struktur ausfindig zu machen, die den Drang auf organologischer Ebene repräsentiert? Dazu sollen in dem ersten Teil der Arbeit das schelersche Stufenmodell der psychischen Kräfte und insbesondere die Prinzipien Drang und Geist vorgestellt werden. In dem zweiten Teil soll auf das besondere Verhältnis von Drang und Geist und deren Vermittlung im Menschen durch den Prozess der Triebsublimierung eingegangen werden. Der dritte Teil widmet sich der Suche nach der organologischen Repräsentation des Dranges und erläutert die (neuro-)physiologischen Vorgänge, die, so nimmt die Verfasserin thesenhaft an, den Vermittlungsprozess von Geist und Drang im Menschen ausmachen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Stufenfolge des Psychischen
2.1 Drang, Instinkt, assoziatives Gedächtnis und organisch praktische Intelligenz
2.2 Der Geist als Sonderstellungsmerkmal des Menschen
3. Das Verhältnis von Geist und Drang – Triebsublimierung, Dionysische Ekstase und Askese
4. Das Belohnungssystem als organologischer Repräsentant des Dranges
4.1 Der Nucleus accumbens – das Belohnungssystem
4.2 Das Belohnungssystem und der Drang
4.3 Geist, Drang und das Belohnungssystem – Triebsublimierung, Ekstase und Askese
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Geist und Drang in Max Schelers anthropologischem Werk "Die Stellung des Menschen im Kosmos" und setzt dieses in Bezug zu neurophysiologischen Erkenntnissen über das menschliche Belohnungssystem, um eine organologische Entsprechung für den Drang aufzuzeigen.
- Max Schelers Stufenmodell der psychischen Kräfte
- Anthropologische Sonderstellung des Menschen durch den Geist
- Triebsublimierung als Vermittlungsprozess
- Die Rolle des Nucleus accumbens als biologischer Repräsentant des Dranges
- Funktionaler Ausgleich zwischen Ekstase und Askese
Auszug aus dem Buch
Das Belohnungssystem und der Drang
Sowohl den Drang bei Scheler als auch das Belohnungssystem bei Schymanski hatten wir als Motor des Lebens bezeichnet. Darin deutet sich bereits eine enge Verbindung beider Prinzipien an. Auf der Suche nach der Lokalisation des Dranges beim Menschen vermutet Scheler diese zudem im Gehirnstamm. Die bisherigen Überlegungen legen den Schluss nahe, dass es sich dabei genauer um den Nucleus accumbens handeln muss. Somit ist anzunehmen, dass sich der Drang auf physischer Ebene als Drang und Streben des Individuums nach Stimulation des Belohnungssystems äußert. Innerhalb des Triebsystems als spezialisierte Form des Dranges kommt dem Belohnungssystem damit eine Schlüsselposition zu. Die triebhafte Aufmerksamkeit des Dranges äußert sich auf physischer Ebene durch das ständige Suchen nach der nächsten Belohnung, dem nächsten Dopaminausstoß. Wie bei Schelers Stufenmodell des Psychischen sowohl Instinkt, assoziatives Gedächtnis als auch die höchste Stufe, die Intelligenz, triebhaft bestimmt sind, so erkennt auch Schymanski die determinierende Kraft des Belohnungssystems: „Wir sind größtenteils keine vernunftgesteuerten Wesen. Im Gegenteil: Unsere sogenannte Ratio ist viel eher nichts als die willfährige Dienerin unserer Gelüste.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in Max Schelers Wesensontologie und Formulierung der Forschungsfrage nach der organologischen Repräsentation des Dranges.
2. Die Stufenfolge des Psychischen: Vorstellung von Schelers Stufenmodell, das von der untersten Stufe des Dranges bis zur Sonderstellung des Menschen durch den Geist reicht.
3. Das Verhältnis von Geist und Drang – Triebsublimierung, Dionysische Ekstase und Askese: Analyse der Vermittlung zwischen Geist und Drang als funktionaler Gegensatz und Prozess der Triebsublimierung.
4. Das Belohnungssystem als organologischer Repräsentant des Dranges: Untersuchung des Nucleus accumbens als neurologischer Sitz des Dranges und dessen Rolle im Regelkreis der Lust.
5. Schluss: Zusammenfassung der Thesen zur Triebsublimierung im neurologischen Kontext und Ableitung einer lebenspraktischen Bedeutung des Maßhaltens.
Schlüsselwörter
Max Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos, Geist, Drang, Triebsublimierung, Nucleus accumbens, Belohnungssystem, Neurophysiologie, Anthropologie, Dionysische Ekstase, Askese, Regelkreis, Lustempfinden, GABA, Wesensontologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit verbindet die philosophische Anthropologie Max Schelers mit neurobiologischen Erkenntnissen über das Belohnungssystem im Gehirn.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Stufenmodell des Psychischen, der Rolle des menschlichen Geistes, der Triebsublimierung und der Lokalisierung des Dranges im Nucleus accumbens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu zeigen, dass sich das metaphysische Prinzip des Dranges organologisch als Belohnungssystem manifestiert und der Mensch über den Geist die Fähigkeit zur Regulierung dieses Systems besitzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-theoretische Analyse, die mit aktuellen neurobiologischen Erkenntnissen zur Suchtforschung und Neuropsychologie verknüpft wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst das Stufenmodell Schelers und die Rolle des Geistes erläutert, gefolgt von einer Analyse des Belohnungssystems und dessen Zusammenwirken mit Geist und Drang.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Geist, Drang, Triebsublimierung, Nucleus accumbens, Belohnungssystem, Ekstase und Askese.
Welche Bedeutung hat das Tierexperiment von Olds und Milner für die Argumentation?
Es verdeutlicht durch die ungebremste Selbststimulation der Ratten, dass das Belohnungssystem ohne die vermittelnde Kraft des Geistes zu einer zerstörerischen "Belohnungsfalle" führen kann.
Warum wird der Mensch als "Asket des Lebens" bezeichnet?
Weil der Mensch als einziges Lebewesen in der Lage ist, sich seinem Triebimpuls zu verweigern und durch bewussten Verzicht ein höheres geistiges Ziel zu verfolgen.
- Quote paper
- Kristin Zabel (Author), 2013, Das Verhältnis von Geist und Drang in Max Schelers "Die Stellung des Menschen im Kosmos" und das Belohnungssystem als organologischer Repräsentant des Dranges, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426567