Der Szene „Kerker“ kommt in Goethes Faust eine zentrale Bedeutung zu. Betrachtet man das Gesamtwerk, so fungiert die Szene als Bindeglied zwischen den beiden Teilen der Tragödie. Auf Faust I bezogen, bildet die Szene den Abschluss eben jenes ersten Teiles. Innerhalb des ersten Teils wiederum stellt die Szene auf der Figurenebene das Finale der Gretchenhandlung dar.
Goethe konfrontiert uns in dieser Szene mit einer Kindsmörderin im Kerker, die auf ihre Hinrichtung wartet. Sie ist offensichtlich wahnsinnig und lässt sich von ihrem Liebhaber Faust nicht aus dem Kerker befreien, obwohl dieser dank seiner Verbindung zu Mephisto die Mittel dazu hat.
Goethe hat im 2.Teil des Faust I, der so genannten Gretchentragödie, Gretchens Abstieg nach der kurzen Zeit des Glücks mit Faust in einigen, aufeinander folgenden, paradigmatischen Szenen dargestellt, die uns ihren Leidensweg erahnen lassen, nachdem sie, die ein Kind erwartet, von ihrem Liebhaber verlassen worden ist. In der Szene „Am Brunnen“ erfährt der Zuschauer, wie schwer es eine ledige Schwangere in dieser Zeit hatte. In „Zwinger“ wendet Gretchen sich in ihrer Verzweiflung in einem Gebet an die Gottesmutter, in „Nacht“ steht sie bei ihrem sterbenden Bruder, der durch den von Mephisto gelenkten Faust, also mittelbar auch durch sie, getötet wird. (...) Valentin klagt sie nicht nur öffentlich an, die Familienehre beschmutzt zu haben, sondern vermittelt uns eine Vision über ihr weiteres Schicksal und das des Kindes. Der Zuschauer erkennt, dass Gretchen schon von diesem Moment an keinerlei Halt mehr in der Gesellschaft hat und völlig isoliert dasteht. In der Szene „Dom“ treten bei dem Requiem für die Mutter, die auch durch ihr Hinzutun, wenn auch ohne ihr Wissen und Wollen, zu Tode kam, die Gewissensqualen personifiziert als „böser Geist“ auf und sie bricht körperlich zusammen.
Man sieht, dass all diese Szenen ihre Leiden zeigen und insbesondere die Szenen „Dom“ und „Nacht“ die Schlussszene vorbereiten, in der sie wahnsinnig geworden zu sein scheint und ihr Kind umgebracht hat, wie Valentin es prophezeit hat.
In der vorliegenden Arbeit soll nun diese Schlussszene in Bezug auf die Phasen des Wahnsinns detailliert analysiert werden, um dann Aussagen über die verschiedenen Funktionen des Wahnsinns von Gretchen in dieser Szene, auch im Hinblick auf die verschiedenen Funktionen, die diese Szene für das Gesamtdrama hat, machen zu können. Erkenntnisgegenstand ist der Text von 1808.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gretchens Wahnsinn – wie kann er erkannt und analysiert werden?
3. Textanalyse
3.1 Gliederung der Szene
3.2 Zum ersten Teil
3.3 Zum zweiten Teil
3.4 Zum dritten Teil
4. Funktionen des Wahnsinns
4.1 Funktionen des Wahnsinns auf der Figurenebene
4.1.1 Selbstaussprache Gretchens über das Vergangene
4.1.2 Gretchens Entwicklung vom naiven zum erkennenden Subjekt
4.1.3 Aussprache über Faust und ihr Verhältnis zu Faust
4.1.4 Gretchens Abkehr von Mephisto
4.2 Funktionen des Wahnsinns auf dramenkonzeptioneller Ebene
4.2.1 Funktion des Wahns auf der Ebene der Szene
4.2.2 Funktion des Wahns für die Szene als Endpunkt von Faust I
4.2.3 Funktion des Wahns für die Szene als Schaltszene zwischen Faust I und II
5. Schlussbetrachtung im Vergleich zu den Funktionen von Ophelias Wahn in Shakespeares Hamlet
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologische und dramaturgische Funktion von Gretchens Wahnsinn in der Schlussszene „Kerker“ aus Goethes „Faust I“. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, wie durch die Darstellung des geistigen Zusammenbruchs Gretchens Identifikation mit dem toten Kind, ihre Schuldverarbeitung und ihre schließliche Emanzipation von Faust und Mephisto innerhalb des Gesamtdramas begründet und poetisch überhöht wird.
- Analyse der Wahnsinnsphasen und deren sprachliche Gestaltung
- Untersuchung der Identifikation Gretchens mit ihrem Kind durch volkstümliche Märchenmotive
- Die Kerkerszene als Endpunkt der Gretchentragödie und Bindeglied zu Faust II
- Vergleich der Wahnsinnsdarstellung mit der Ophelia-Figur aus Shakespeares Hamlet
Auszug aus dem Buch
3.2 Zum ersten Teil
Im ersten Teil erscheint Gretchen von ihrer Rede und von der Gestik her „wahnsinnig“ zu sein. Sie singt ein düsteres, wirres Lied, sie kann nicht mit Faust kommunizieren, da sie ihn nicht erkennt. Ihre Gestik ist die einer Kranken.
In diesem Szenenabschnitt, beschreiben sämtliche Regieanweisungen eine auf dem Boden kauernde Margarete. So lauten die folgenden drei Anweisungen: „sich auf dem Lager verbergend“, „Margarete sich vor ihn hinwälzend“ und „Margarete auf den Knien“. Hier wird der pathologische Fall einer Wahnsinnigen gezeigt, was den Zuschauer schockiert, aber nicht wundert, da er ja, wie oben gezeigt, durch die Szenenfolge auf ihren Zusammenbruch vorbereitet sein kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Szene „Kerker“ wird als zentrales Finale der Gretchenhandlung und Bindeglied zwischen Faust I und Faust II eingeführt.
2. Gretchens Wahnsinn – wie kann er erkannt und analysiert werden?: Erörterung der methodischen Ansätze, Wahnsinn im Drama durch Text, Regieanweisungen und Figurenrede zu deuten.
3. Textanalyse: Detaillierte Untersuchung des Szenenverlaufs, gegliedert in drei Phasen, die den Wandel Gretchens vom Wahnsinn zur religiösen Läuterung zeigen.
4. Funktionen des Wahnsinns: Kategorisierung der Wahnsinnsfunktionen auf Figurenebene (Rehabilitation, Selbstfindung) und dramenkonzeptioneller Ebene (Spannungsaufbau, Transzendierung).
5. Schlussbetrachtung im Vergleich zu den Funktionen von Ophelias Wahn in Shakespeares Hamlet: Zusammenfassender Vergleich der Wahnsinnsmotive und deren Wirkung auf die Architektur des Gesamtwerkes.
Schlüsselwörter
Goethe, Faust I, Kerkerszene, Gretchen, Wahnsinn, Kindsmörderin, Schuldverarbeitung, Märchensprache, Erlösung, Läuterung, religiöse Entrücktheit, Mephisto, Shakespeare, Ophelia, Dramenkonzeption
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Funktion des Wahnsinns von Gretchen in der Kerkerszene von Goethes Faust I.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die psychologische Darstellung des Wahnsinns, die Verarbeitung von Schuld durch bildhafte Sprache und die strukturelle Funktion der Szene für das Gesamtdrama.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Wahnsinn als Mittel zur Rehabilitation Gretchens und als Voraussetzung für ihre religiöse Läuterung und Rettung dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textanalytische Methode, die Regieanweisungen, sprachliche Motive und den Märchenkontext einbezieht sowie einen literaturhistorischen Vergleich zu Shakespeare zieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine phasenweise Textanalyse der Kerkerszene sowie eine systematische Kategorisierung der Funktionen des Wahnsinns auf Figurenebene und dramenkonzeptioneller Ebene.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Wahnsinn, Gretchentragödie, Schuld, Erlösung, Märchensprache, Transzendierung und literarische Architektur.
Wie unterscheidet sich Gretchens Wahnsinn von Ophelias Wahn?
Während Ophelia primär durch den Verlust von Vater und Geliebten wahnsinnig wird, ist Gretchens Wahn zusätzlich durch ihre schwere persönliche Schuld am Kindsmord sowie durch religiöse Läuterungsprozesse geprägt.
Welche Rolle spielt das Märchen vom „Machandelboom“?
Goethe nutzt Motive dieses Märchens, um Gretchens unbewusste Schuldgefühle und ihre verzweifelte Identifikation mit ihrem Kind durch eine symbolische und archaische Bildsprache für den Zuschauer erfahrbar zu machen.
Warum lehnt Gretchen Fausts Rettungsversuch ab?
Gretchen erkennt, dass sie eine gesellschaftliche Schuld auf sich geladen hat, die nicht durch Flucht, sondern nur durch Buße und die Übergabe an Gott gesühnt werden kann.
- Arbeit zitieren
- MA David Ortmann (Autor:in), 2009, Die Funktionen des Wahnsinns in der Szene "Kerker" in Goethes Faust I, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426682