Zwischen Mythos und Wirklichkeit. Friedrich II. von Hohenstaufen (1194-1250)


Magisterarbeit, 2013

66 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Kind von Pülle und sein Weg bis hin zum römischen Kaisertum
2.1 Das Leben Friedrichs bis zu seiner Volljährigkeit
2.2 Friedrich‘s Politik als König des römisch-deutschen Reiches

3. Der Hof Kaiser Friedrichs II. und dessen Wissbegier
3.1 Die Hofgesellschaft Kaiser Friedrichs II.
3.2 Der Kaiser als Literat und Dichter
3.3 Die Medizin und die Naturwissenschaften
3.4 Der Kaiser als Förderer, Forscher und Schriftsteller
3.5 Das Falkenbuch Friedrichs II.

4. Gründe für die Entstehung des Mythos um Kaiser Friedrich II. zu seinen Lebzeiten
4.1 Die Kaiseridee Friedrichs II.
4.2 Die eschatologische Rolle Friedrichs II. vor dem Hintergrund der Endzeiterwartung
4.3 Die Auseinandersetzung mit dem Papsttum
4.4 Ein Kampf ohne Aussöhnung
4.5 Die Absetzung des Kaisers auf dem Konzil von Lyon durch Papst Innozenz IV.

5. Zwischen Vorstellung und Wirklichkeit - Die Rezeption Friedrichs II. nach seinem Tod
5.1 Der Tod des Kaisers wird unterschiedlich interpretiert
5.2 Die Hoffnung auf Wiederkehr
5.3 Die Entwicklung der Kyffhäusersage
5.4 Die Kritik an der Moderne im Zeichen eines neuen Mittelalters
5.5 Friedrich II. bei Kantorowicz

6. Didaktische Überlegungen
6.1 Die Einordnung in den Bildungsplan
6.2 Die Relevanz der Geschichtskultur
6.3 Die Rezeption Friedrichs II. als Unterrichtsgegenstand auf dem Weg zu einem reflektierten Geschichtsbewusstsein

7. Schluss

8. Anhang
8.1 Literaturverzeichnis
8.2 Verbindliche Versicherung

Im n ä chsten Fr ü hjahr wanderte ein alter Mann durch Flandern. » Ich bin Friedrich, der Kaiser. Auferstanden aus dem kleinen Knochen, der vor Wetzlar nicht verbrannte. « Aus Stadt und Land lief das Volk der Erscheinung nach. Die M ä chtigen fingen den Greis. Bei Utrecht h ä ngten sie ihn an den Galgen.

Die Weissagung der Sibylle aber weht mit dem Wind weiter: » Er lebt, und er lebt nicht, und er lebt …«

(Röhrig 1998, S.820)

1. Einleitung

Mein erster Kontakt mit der historischen Persönlichkeit Friedrichs II. kam durch den historischen Roman von Tilman Röhrig Wie ein Lamm unter L ö wen zustande. Der Weg des Knaben aus Apulien von seiner Geburt bis zu seinem Tod 1250 wird hier ausführlich beschrieben. Die in diesem Roman schillernde Herrschergestalt Friedrichs II. mit all ihren beschriebenen Eigenheiten, veranlassten mich zu einer intensiveren Beschäftigung mit der historischen Persönlichkeit Friedrichs. Dabei reizte mich vornehmlich die Frage, inwieweit die Darstellung der von Röhrig beschriebenen Person der historischen Wahrheit tatsächlich nahe kommt. Trotz der ausführlichen Schilderung des Wesens Friedrichs und seiner Taten handelt es sich dennoch um einen epischen Roman, der das Vorrecht eines jeden Schriftstellers bedient, durch Quellen belegte historische Tatsachen mit fiktiven Elementen zu verbinden. Somit möchte ich kurz auf den Titel dieser Arbeit hinweisen, der eventuell die Frage aufwirft, inwiefern die Ambition eine historische Wirklichkeit finden zu wollen vor dem Hintergrund der aktuellen geschichtswissenschaftlichen Forschung erhoben werden kann. Der Begriff Wirklichkeit beschreibt keinesfalls meinen Anspruch, eine historische Wahrheit aufzuzeigen, zumal es eine wahre historische Wirklichkeit nicht geben kann. Geschichte bezieht sich zwar auf etwas Vergangenes, dennoch findet unser historisches Denken in der Gegenwart statt und gehört somit auch zu dieser. Anhand von Quellen können sich Historiker1 ein Bild des historischen Gegenstandes machen, um den Wirklichkeitsgehalt ihrer Aussagen zu belegen. Dabei ist zu beachten, dass Menschen aus ihrer Gegenwart heraus immer einen bestimmten Wertehorizont entwerfen, der an sich subjektiv ist, bedingt durch ausgewählte Quellen, die von verschiedenen Ereignissen oder Persönlichkeiten zeugen. Die im Zuge des Historismus des 19. Jahrhunderts aufgekommene Idee der Verbindung historischer Forschung unter dem Gesichtspunkt des Ideals historischer Objektivität und des subjektiven Erkenntnisprozesses, stellt einen wichtigen Aspekt der modernen Geschichtswissenschaft dar. Somit ist die Grundvoraussetzung einer Diskussion gegeben, im Zuge derer die Bilder, die sich aus den ausgesuchten Quellen ergeben, nicht als historisch wahr betrachtet, sondern kritisch hinterfragt werden müssen. Dadurch wird deutlich, dass es nicht möglich ist, festzustellen, wie die Vergangenheit tatsächlich war, sondern dass lediglich eine Vorstellung darüber entwickelt werden kann (vgl. Jordan 2009, S.17ff. u. S.48ff.). Wie die Welt Friedrich II. zu seinen Lebzeiten sah und was die Nachwelt aus ihm machte, spielt dabei eine große Rolle. Anhand der Rezeptionsgeschichte zeigt sich, in welchem Maße das Mittelalter oder in unserem Fall die darin verankerte historische Persönlichkeit Friedrichs II. in der Moderne funktionalisiert und instrumentalisiert wurde bzw. immer noch wird. Es kann demnach höchstens von einer Annäherung an den historischen Friedrich II. die Rede sein, zumal bereits zeitgenössische Geschichtsschreiber das Bild des Herrschers konstruierten und manipulierten. Was Buck auf das Mittelalter bezieht, ist meiner Ansicht nach ebenso auf die dem Mittelalter zugeordnete Person Friedrichs II. zu übertragen. Um Friedrich II. verstehen und fassen zu können, muss der Weg über die Rezeptionsgeschichte gehen, da wir uns durch die kritische Reflexion der im Laufe der Moderne immer neu gedeuteten Bilder Friedrichs II. seiner historischen Persönlichkeit annähern und so den Mythos2 um diesen dekonstruieren können (vgl. Buck 2011, S.71). Quellen, ob bereits interpretiert oder nicht, sind der Schlüssel zu dieser Annäherung, wenngleich das entstandene Bild weiterhin fragmentarisch und widersprüchlich bleiben wird. Houben spricht hierbei von einer utopischen Kenntnis des historischen Individuums (vgl. Houben 2008, S.13).

Im Folgenden möchte ich erläutern, wie die vorliegende wissenschaftliche Hausarbeit aufgebaut ist. Zuerst wird der biographische Werdegang Friedrichs II. bis hin zu seiner Kaiserkrönung in Rom beschrieben. In diesem Kapitel wird deutlich gemacht, wie prägend die Kindheit Friedrichs für seine spätere Kaiserherrschaft war. In dieser Zeit musste Friedrich zwangsläufig einen starken Willen entwickeln, was Schaller belegt, indem er davon ausgeht, dass Friedrich nicht verborgen geblieben sein kann, dass er väterlicherseits von der vornehmsten Familie Europas abstammte. Daher rührte wohl auch das große Selbstbewusstsein Friedrichs II. (vgl. Schaller 1993, S.114).

Obwohl mittlerweile eine große und unübersichtliche Vielzahl von Friedrich-Biographien existiert, habe ich mich vornehmlich an Houben und Stürner orientiert. Stürner’s 2012 veröffentlichte Lebensgeschichte über Friedrich II. stellt die aktuellste und bislang umfangreichste Biographie des Herrschers dar. Die Beschreibung der Person Friedrich wird in der heutigen Forschung kaum eigens mehr thematisiert, vor allem weil aus dieser Zeit kaum Zeugnisse vorliegen, die einen Einblick in den Charakter erlauben. Mittelalterliche Quellen teilen in der Regel keine individuellen Aspekte einer Person mit (vgl. Houben 2008, S.11). Speziell Houben widmet diesem Aspekt in seiner Biographie über Friedrich II. als Herrscher, Mensch und Mythos viel Aufmerksamkeit. In Kapitel drei der vorliegenden Arbeit geht es daher vornehmlich um Friedrich’s Hof und um seine unmittelbare menschliche Umgebung. Seine Kenntnisse und Interessen werden ebenfalls näher beleuchtet, da diese zu einem umstrittenen Bild des Kaisers unter seinen Zeitgenossen führte.

Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich mit jenen Aspekten, die meiner Ansicht nach ausschlaggebend für die Entwicklung eines Mythos um Friedrich II. zu dessen Lebzeiten waren. Dabei wird die Kaiseridee Friedrichs II. näher beleuchtet sowie seine eschatologische3 Rolle vor dem Hintergrund der Endzeiterwartung des 13. Jahrhunderts. In diesem Zusammenhang ist es meiner Meinung nach sinnvoll, die Auseinandersetzung mit dem Papsttum zu thematisieren, da Friedrich II. im Zuge dieses Konflikts sowohl von Anhängern, als auch von Gegnern in übermenschliche Sphären gehoben wurde. Desweiteren möchte ich auf die Rezeption Friedrichs II. nach seinem Tod eingehen. Anhand der von Rader unterschiedlich beschriebenen Todesarten, denen der Kaiser angeblich erlegen sein soll (vgl. Rader 2010, S.490ff.), wird der Hass, aber ebenso die Sympathie der Zeitgenossen Friedrichs für den verstorbenen Kaiser deutlich. Thomsen thematisiert das Phänomen der Hoffnung auf Wiederkehr des Herrschers innerhalb der deutschen Bevölkerung, das sich anhand zahlreicher Auftritte von Friedrich-Imitatoren gegen Ende des 13. Jahrhunderts manifestierte (vgl. Thomsen 2005, S.48ff.). Die Kyffhäusersage wird ebenfalls als exemplarisches Beispiel für die Entwicklung des Friedrich-Mythos beschrieben. Hierbei wird deutlich, wie wandelbar Mythen sind, insofern sie den jeweiligen aktuellen Bedürfnissen entsprechen. An dieser Stelle möchte ich überleiten auf die Rezeption Friedrichs II. nach 1918. Hauptsächlich wird das Friedrich- Bild innerhalb des Gelehrtenkreises um Stefan George beleuchtet und auf die bis dahin wohl ausführlichste Biographie Friedrichs II. von Kantorowicz eingegangen. Hierbei wird geklärt, ob diese Biographie als ein gutes Beispiel für moderne Historiographie gelten kann. Dabei wird es mir in diesem Rahmen nicht möglich sein, in aller Ausführlichkeit auf die Biographie Friedrichs II. und dessen vollständige Rezeptionsgeschichte einzugehen. Ich habe mich daher bewusst für einzelne Aspekte der Rezeption entschieden, welche exemplarisch sind für die Instrumentalisierung und Funktionalisierung seiner historischen Persönlichkeit.

In einer darauffolgenden didaktischen Überlegung möchte ich einen kleinen Einblick darüber geben, in welcher Art und Weise Friedrich II. für den modernen Geschichtsunterricht dienlich sein kann. Exemplarisch wird dabei auf den Mittelalterunterricht in der Schule eingegangen, in welchem die historische Persönlichkeit Friedrichs II. verankert ist. Meiner Ansicht nach eignet sich Friedrich II. gut dafür, den Schülern4 aufzuzeigen, wie Geschichte immer wieder neu gedeutet und instrumentalisiert wird. Es handelt sich hierbei um einen neueren didaktischen Ansatz des Geschichtsunterrichts, den Buck als „rezeptions- bzw. wirkungsgeschichtlichen Ansatzpunkt“ (Buck 2008, S.151) bezeichnet. Ich werde eine kurze Einordnung in den Bildungsplan vornehmen und im Anschluss erläutern, welche Relevanz Friedrich II. als Unterrichtsgegenstand auf dem Weg zu einem reflektierten Geschichtsbewusstsein innerhalb unserer Geschichtskultur hat.

2. Das Kind von Pülle und sein Weg bis hin zum römischen Kaisertum

Im folgenden Kapitel werden die wichtigsten Aspekte des Werdegang Friedrichs II. von seiner Geburt bis zur Kaiserkrönung in Rom beschrieben. Hierbei wird seine Biographie nicht in aller Ausführlichkeit beleuchtet, vielmehr möchte ich aufzeigen, in welcher Weise die Kindheit und Jugend des Königs prägend für dessen Persönlichkeit und Herrschaftsausübung war.

2.1 Das Leben Friedrichs bis zu seiner Volljährigkeit

Um die Geburt von Friedrich existieren bis heute viele Gerüchte, wie etwa die Vorstellung, dass diese öffentlich stattfand oder Friedrich nicht der Sohn des Kaiserpaares, sondern das Kind eines Arztes, Müllers oder Falkners war. Sogar von einem Metzgerssohn ist bei Salimbene de Adam, einem aus Parma stammenden Franziskaner, die Rede (vgl. Stürner 2009, S.44f.). Die Entstehung dieser Gerüchte, die Gegner der Staufer besonders ab den vierziger Jahren des 13. Jahrhunderts ausschmückten und das Thema mit Übertreibungen ausreizten, könnte daher rühren, dass Konstanze, die Mutter Friedrichs, bei dessen Geburt schon vierzig Jahre alt und bis zu diesem Zeitpunkt kinderlos war. Den Quellen zufolge wurde Friedrich am 26. Dezember 1194 in Jesi geboren. Gerüchte darüber, dass Konstanze, um alle Zweifel schon im Voraus auszuräumen, öffentlich gebar, wie es in der Florentiner Geschichte des Ricordano Malispini zu lesen ist, können nicht widerlegt werden. Dennoch ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich eine Königstochter und römische Kaiserin, schon allein durch ihre Erziehung geprägt, auf diese Weise erniedrigen hätte lassen (vgl. Stürner 2009, S.45f.). Friedrich‘s Taufe fand erst relativ spät, Ende 1196 oder Anfang 1197 statt, bei der er den Quellen zufolge auf den Namen Fridericus getauft wurde. Schon ein Jahr nach seiner Geburt wurde Friedrich in die Obhut Konrads von Urslingen gegeben, der von Friedrich Barbarossa zum Herzog von Spoleto erhoben wurde. Dessen Frau, über die sich nichts Verlässliches sagen lässt, war verantwortlich für Friedrich‘s Erziehung. In Foligno, wo sich der herzogliche Hof hauptsächlich aufhielt, verbrachte Friedrich seine Kindheit und Jugend, erfuhr Erziehung und sprach seine ersten Worte (vgl. Stürner 2009, S.41ff.).

Nachdem Friedrich’s Vater, Kaiser Heinrich VI., schon am 28. September 1197 starb (vgl. Houben 2008, S.107), versuchte seine Mutter Konstanze mit aller Macht, für sich und ihren Sohn, das sizilische Reich als Machtgrundlage zu erhalten und stellte durch diverse Maßnahmen ihre Selbstständigkeit als Herrscherin sicher. Die engsten Vertrauten des verstorbenen Kaisers, wie beispielsweise Kanzler Walter von Pagliara, dem sie unterstellte, seine Stellung zum Schaden der Krone missbraucht zu haben, ließ sie vom Hof entfernen. Schnellstmöglich leitete sie in die Wege, dass ihr schmerzlich vermisster Sohn Friedrich von Spoleto nach Sizilien gebracht wurde, um am 17. Mai 1198, im Alter von nur vier Jahren, in Palermo zum König von Sizilien gekrönt zu werden. Neben der Anerkennung ihrer ererbten Herrscherwürde kämpfte Konstanze um die traditionellen Sonderrechte der sizilischen Könige gegenüber der Kirche ihres Reiches. Papst Innozenz III., der Nachfolger von Coelestin III., verweigerte ihr diese und nutzte die derzeitige politische Lage des Königreiches, um seine eigenen Vorstellungen einer inneren Ordnung der Kirche durchzusetzen (vgl. Stürner 2009, S.80ff.).

Als die Kaiserin im Alter von 44 Jahren, Ende November 1198 verstarb (vgl. Houben 2008, S.107), übernahm Papst Innozenz III. die Vormundschaft für Friedrich. Das vierjährige Waisenkind geriet in einen politischen Strudel, in dem verschiedene Gruppierungen und Persönlichkeiten versuchten, den kleinen Thronfolger zu beeinflussen oder die Macht an sich zu reißen. Der Papst verteidigte die Rechte des minderjährigen Königs, da er dadurch auf Dauer eine sichere Stütze der römischen Kirche für die Zukunft anstrebte (vgl. Stürner 2009, S.84ff.).

Nach der Ermordung von Friedrich‘s Onkel Philipp von Schwaben, der nach dem Tod von Kaiser Heinrich VI. zum römisch-deutschen König erhoben worden war, konnte sich dessen welfischer Gegenspieler Otto IV. mit dem Segen des Papstes vollständig im römisch-deutschen Reich durchsetzen. Doch bald endete das Einvernehmen zwischen Papst Innozenz III. und dem Welfen, der im Oktober 1209 zum Kaiser gekrönt wurde. Otto IV. betrieb nun eine ambitionierte und aktive Kaiserherrschaft, die nicht im Sinne des Papstes war. Der welfische Kaiser erkannte Friedrich‘s Königreich Sizilien und somit auch die Lehnshoheit des Papstes nicht an und stieß nach Süditalien vor. In diesem Augenblick der höchsten Gefährdung für Friedrich’s Königreich exkommunizierte der Papst Otto IV., der daraufhin unter päpstlichem Drängen von den Fürsten des römisch-deutschen Reiches in Nürnberg abgesetzt wurde. Friedrich hingegen wurde als Nachfolger Ottos IV. bestimmt. Als dieser davon erfuhr, eilte er auf schnellstem Weg in den Norden zurück, womit Sizilien zunächst vor einem welfischen Übergriff sicher war. Dennoch wusste Friedrich, dass die welfische Gefährdung nur vorübergehend gebannt war. Er erhörte den Ruf seiner fürstlichen und geistlichen Wähler aus dem römisch-deutschen Reich, die ihn aufforderten, die Königswürde anzunehmen (vgl. Rader 2010, S.73f.). Friedrich plante seine Reise ins römisch-deutsche Reich in genauer Absprache mit Papst Innozenz III., der von Friedrich verlangte, dessen erstgeborenen Sohn Heinrich zum sizilischen König krönen zu lassen, sozusagen als zukünftigen Garant der sizilischen Unabhängigkeit. Somit versuchte der Papst eine dauerhafte Verbindung von Regnum Siciliae und Imperium zu verhindern, denn eine Begünstigung Friedrichs im römisch-deutschen Reich hätte unweigerlich eine Umklammerung des Kirchenstaates zur Folge gehabt, wäre Friedrich weiterhin sizilischer König geblieben. Friedrich brach im März 1212 mit wenigen Begleitern nach Rom auf, um Papst Innozenz III. den verpflichtenden Mannschaftseid für das Regnum Siciliae zu leisten (vgl. Stürner 2007, S.184f.). Danach machte er sich auf den Weg nach Genua, um sich von dort auf den Marsch durch die von Anhängern Ottos IV. beherrschte Lombardei vorzubereiten. Otto IV. setzte alles daran, dem Staufer den Zutritt zu seinem Stammland zu verwehren. Nachdem Friedrich nur knapp einem Überfall der Mailänder entkommen konnte, gelangte er Ende August sicher nach Verona. Als er im September nach Konstanz kam, musste Friedrich feststellen, dass am Nordufer des Bodensees in Überlingen der Welfe Otto IV. wartete, für dessen Ankunft in Konstanz bereits alles vorbereitet worden war. Nur mit Hilfe prominenter Fürsprecher in Friedrich‘s Gefolge, wie dem Erzbischof von Bari, konnte Konrad, der Bischof von Konstanz, überzeugt werden, Friedrich die Stadttore zu öffnen, nachdem er von dem Kirchenbann gegen Otto IV. erfahren hatte. Dem Welfen hingegen wurde der Zutritt in die Stadt Konstanz verwehrt (vgl. Stürner 2007, S.185ff.).

In den kommenden Monaten gelang es Friedrich fast ohne Gegenwehr, den Süden des römisch-deutschen Reiches für sich zu gewinnen. Er ließ sich von einigen geistlichen und weltlichen Fürsten am 5. Dezember 1212 nochmals zum König wählen und vier Tage später in Mainz krönen (vgl. Stürner 2007, S.185ff.). Halb mitleidig, halb liebevoll, wie Rader schreibt, hatten die Menschen zu dieser Zeit einen Kosenamen für den jugendlichen Friedrich erfunden. Der Name Puer Apulia e wurde erst nach Friedrich‘s Tod in der Regensburger Kaiserchronik vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt. Der spätere Kaiser wird das chint von P ü lle (Kind von Pülle) genannt, was belegt, dass die Menschen nördlich der Alpen in Friedrich eigentlich einen Apulier sahen (vgl. Rader 2010, S.84). Im übertragenen Sinne bedeutet diese Bezeichnung so viel wie Herrscher aus dem Süden oder Herrscher von weit her. Doch diese Verniedlichung spiegelt nicht das wahre Bild Friedrichs wider, denn der junge König hatte sich als stark und durchsetzungsfähig erwiesen, was er bei der Gewinnung seiner neuen Herrschaft im Norden unter Beweis stellte (vgl. Rader 2010, S.83f.).

Otto IV. bäumte sich nach mehreren Rückschlägen ein letztes Mal auf und versuchte mit seinem Onkel Johann von England, den französischen König Philipp zu beseitigen, der Friedrich’s wichtigster Bundesgenosse war. Doch Otto IV. und Johann von England verloren die Schlacht von Bouvines, bei der die gegnerischen Armeen aufeinander stießen. Otto IV. floh zunächst nach Köln und kehrte im April 1215 nach Sachsen zurück, wo sich sein Wirkungskreis auf den welfischen Besitz um Braunschweig beschränkte. Aller Macht beraubt, starb er am 19. Mai 1218 auf der Harzburg. Friedrich wurde 1215 vom Mainzer Erzbischof in Aachen nochmals zum römisch-deutschen König gekrönt (vgl. Stürner 2007, S.187ff.).

2.2 Friedrich‘s Politik als König des römisch-deutschen Reiches

Friedrich II. verfolgte als römisch-deutscher König ausdauernd und zielstrebig eine Territorialpolitik, was zur Folge hatte, dass er einen politischen Balanceakt betreiben musste. Zum einen war er verpflichtet, sich großzügig gegenüber den Mächtigen des Reiches zu zeigen, zum anderen versuchte er, den Besitz und die Rechte seiner Vorgänger wiederzuerlangen, sie zu mehren und einer leistungsfähigen Verwaltung zu unterstellen (vgl. Stürner 2007, S.198). Schon vor seiner Ankunft im römisch-deutschen Reich setzte sich Friedrich II. zum Ziel, dort die staufische Königsgewalt zu sichern. Dabei war ihm wohl bewusst, dass er, wenn er dieses Ziel erreichen wollte, auf die Bedeutung der Fürsten im Reich Rücksicht nehmen musste, welche ihrerseits darauf erpicht waren, Stellung und Territorien abzusichern und auszubauen (vgl. Stürner 2007, S.205). Friedrich II. meisterte diesen politischen Balanceakt. Er schaffte es, den Respekt der deutschen Reichsfürsten zu gewinnen und seinen Anspruch auf übergeordnete Verantwortung für die innere Ordnung des Reiches geltend zu machen. Der Hof Friedrichs II. wurde als entscheidende Instanz in Fragen des Friedens und des Rechts akzeptiert und es gelang ihm, eine starke Position des Königtums im römisch-deutschen Reich zurückzugewinnen. Tatsächlich verbesserten sich dadurch auch die Lebensbedingungen der einfachen Bevölkerung, was vor allem durch die Sicherheit auf Wegen und Straßen zum Ausdruck kam (vgl. Stürner 2007, S.198ff.).

Um seinen Anspruch auf die staufische Königsgewalt zu sichern, musste Friedrich II. erreichen, dass sein Sohn Heinrich zur Wahl zum römisch-deutschen König gestellt wird. Dieses Vorhaben gestaltete sich schwierig, da die Fürsten einem solchen Schritt skeptisch gegenüber standen. Zudem wurde Friedrich II. von Papst Honorius III., dem Nachfolger des verstorbenen Papstes Innozenz III., gedrängt, sich in Rom zum Kaiser krönen zu lassen. Honorius III. versprach sich davon die Einlösung des bei der Königskrönung in Aachen versprochenen Kreuzzuggelübdes (vgl. Stürner 2007, S.206f.). Friedrich II. erklärte sich hierzu bereit. Durch sein diplomatisches Geschick erreichte er es jedoch, seinen Aufbruch noch etwas hinauszuzögern. Er argumentierte dem Papst gegenüber, sein Königreich unmöglich verlassen zu können, solange die Regelung um seine Nachfolge im römisch-deutschen Reich noch nicht geklärt sei. Letztendlich wurde Heinrich nach langen Verhandlungen im April 1220 in Frankfurt zum König gewählt und somit die staufische Herrschaft im römisch-deutschen Reich gesichert (vgl. Stürner 2007, S.208).

Nicht nur glückliche Zufälle, sondern vor allem das diplomatische Geschick Friedrichs II. brachten ihn gegenüber den Mächtigen des Reiches in eine außergewöhnliche Machtposition. Bereits vor dem Tod von Papst Innozenz III. gab es Verhandlungen über die Krönung Friedrichs II. zum Kaiser. Sein Versprechen gegenüber dem Papst, seinem Sohn Heinrich das sizilische Königreich als päpstliches Lehen zu überlassen und selbst auf die Königswürde zu verzichten, war Rader nach unehrlich. Friedrich II. trug nachweislich zeitlebens die sizilische Krone und leitete bereits zum Zeitpunkt des Versprechens alles für die Krönung Heinrichs zum römisch-deutschen König in die Wege. Gegenüber dem Papst erklärte Friedrich II., dass die Fürsten einen Herrscher forderten, während er sich selbst in Rom befände. Friedrich II. war gegenüber den Fürsten bestrebt, seinen Sohn Heinrich als König bestätigen zu lassen. Um seinen Plan zu verwirklichen, musste er den deutschen Fürsten erhebliche Zugeständnisse machen. Sein strukturiertes und intrigantes Vorgehen zeigt, wie sehr es der junge König verstand, sich mühelos auf dem Feld der Politik zu bewegen. Anfangs noch angewiesen auf fremde Hilfe und dankbar über jede Unterstützung, hatte es das Kind von Pülle vom Spielball der Mächtigen bis hin zum römisch-deutschen König gebracht. Friedrich II. hat es verstanden, seine Herrschaft zu legitimieren und seine Nachfolge in seinem Sinne zu regeln. Der Weg stand nun offen für die höchste aller Würden, der römischen Kaiserkrone, welche er am 22. November 1220 in Rom von Papst Honorius III. empfing (vgl. Rader 2010, S.110ff.).

3. Der Hof Kaiser Friedrichs II. und dessen Wissbegier

Im Folgenden werden das Hofleben und die dort allgemein vorhandene Motivation des kulturellen und wissenschaftlichen Austausches thematisiert. Hierbei ist zu erwähnen, dass sich das höfische Umfeld an den Interessen und Neigungen des Herrschers orientierte (vgl. Houben 2008, S.133).

3.1 Die Hofgesellschaft Kaiser Friedrichs II.

In den römisch-deutschen und norditalienischen Teilen des Kaiserreiches gehörte es zur Tradition, dass der Herrscher keine eigene Hauptstadt hatte. Besonders während seines Konflikts mit Papst Gregor IX. und den lombardischen Rebellen war Friedrich gezwungen, seinen Aufenthaltsort oft zu wechseln (vgl. Abulafia 1991, S.249). Überhaupt zwang der riesige Machtbereich den Kaiser dazu, dauerhaft unterwegs zu sein, um überall Präsenz zu zeigen und seine Herrschaft ausüben zu können (vgl. Houben 2008, S.127).

Es lässt sich kaum bestimmen, wer zur unmittelbaren Entourage des Kaisers gehörte, da genaue Informationen fehlen. Doch es wird davon ausgegangen, dass etwa 200 Personen den Herrscher regelmäßig umgeben haben (vgl. Stürner 2009, S.345f.). Insbesondere im Fall Kaiser Friedrichs II. betonte dessen Hofhaltung seine Einzigartigkeit und Sonderstellung. Neben den Bediensteten, die für das allgemeine Wohl der kaiserlichen Familie sorgten, gehörten unter anderem Vertraute des Herrschers, Mitglieder Kanzlei, des Gerichts und Edelknappen zur Umgebung des Herrschers. Ebenso gab es Verantwortliche für den kaiserlichen Tierpark sowie Tänzer und Tänzerinnen, die aufgrund ihrer exotischen Herkunft für Erstaunen gesorgt haben (vgl. Stürner 2009, S.346ff.). Vor allem der Tierpark, welcher zahlreiche exotische Tierarten beherbergte, die von arabischen und äthiopischen Wärtern versorgt wurden, war in Europa einzigartig (vgl. Houben 2008, S.130). Weitere Personengruppen, die sich ständig in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers aufhielten, waren Literaten, Wissenschaftler und Übersetzer. Es ist leicht vorstellbar, welch imposantes und unübersichtliches Gedränge am Hof herrschte. Bezüglich der Verpflegung und der standesgemäßen Unterkunft war es wohl eine logistische Herausforderung, einen Hoftag abzuhalten (vgl. Stürner 2009, S.346ff.). Die persönliche Bedienung von Gästen und der kaiserlichen Familie übernahmen meist unfreie Sarazenen und dunkelhäutige Sklaven, die oft Gegenstand wilder Gerüchte waren, die von Gegnern des Staufers in Umlauf gebracht wurden, um das Ansehen Friedrichs II. zu schmälern. Der Vorwurf, Friedrich II. halte sich die von Eunuchen bewachten Haremsmädchen als Lustdamen, kann laut Stürner jedoch nicht belegt werden, da es keinen begründeten Verdacht für eine solche Behauptung gibt (vgl. Stürner 2009, S.346ff.).

3.2 Der Kaiser als Literat und Dichter

Es gilt festzuhalten, dass das Hofleben stark auf den Herrscher zentriert und von dessen persönlichen Interessen und Neigungen abhängig war. Zur Zeit Friedrichs II. war der Hof nicht nur ein politisches, sondern vor allem ein kulturelles Zentrum (vgl. Houben 2008, S.133). Dies wird deutlich an dem intellektuellen Umfeld des Kaisers, welcher häufig umgeben war von Wissenschaftlern, Literaten und Dichtern. Friedrich II. wird eine besondere Sprachbegabung nachgesagt und Stürner behauptet, dass dieser ungefähr sechs Sprachen beherrschte (Stürner 2009, S.361f.). Es ist nicht eindeutig belegbar, ob Friedrich II. seine ersten Worte auf Deutsch oder Italienisch sprach, da die Quellenlage bezüglich seines Spracherwerbs sehr spärlich ausfällt. Dennoch ist Houben der Auffassung, dass das Volgare, die sizilianische Volkssprache, die Erstsprache Friedrichs II. gewesen sein muss. Deutsch lernte er vermutlich während der acht Jahre im römisch-deutschen Reich von 1212-1220. Seine geistlichen Erzieher brachten dem späteren Kaiser zudem die lateinische Sprache bei. Desweiteren wird vermutet, dass er ebenso über Kenntnisse der französischen Sprache verfügt habe (vgl. Houben 2008, S.112). Die Fähigkeiten Friedrichs II. in der arabischen und griechischen Sprache haben sich laut Stürner in Grenzen gehalten (vgl. Stürner 2009, S.361f.), zumal Quellen, die behaupten, Friedrich II. habe arabisch gesprochen, erst nach seinem Tod entstanden sind (vgl. Houben 2008, S.112). Vermutlich war sein sprachliches Geschick ausschlaggebend für sein Interesse an der Dichtkunst. Friedrich‘s Liebe zur Dichtung kommt vor allem in der Gründung der Sizilianischen Dichterschule zum Ausdruck, deren Mitglieder es sich zur Aufgabe gemacht haben, die sizilisch-apulische Volkssprache zur Literatursprache zu entwickeln und zu gestalten. Das führende Mitglied war laut Houben Jakob von Lentini, der eine neue Gedichtform erschuf, welches in der späteren europäischen Literatur als Sonett bekannt wurde (vgl. Houben 2008, S.149). Stürner nimmt anknüpfend an die Leistungen der Mitglieder der Sizilianischen Dichterschule an, dass schon von einem ersten Schritt zur einheitlichen italienischen Schriftsprache gesprochen werden kann (vgl. Stürner 2009, S.366f.). Die Beziehung des Kaisers zur mittelhochdeutschen Dichtung ist nicht bekannt, aber es wird angenommen, dass er damit in Berührung gekommen ist, da Quellen zufolge ein eventueller Kontakt zu Walther von der Vogelweide bestand, der seine Politik unterstützte. Ebenso machten andere zeitgenössische Dichter auf Missstände im Reich aufmerksam, wodurch es zu einem Kontakt Friedrichs II. mit der mittelhochdeutschen Dichtung gekommen sein könnte (vgl. Stürner 2009, S.369f.).

3.3 Die Medizin und die Naturwissenschaften

Aus der Gesetzgebung Friedrichs II. lässt sich schließen, dass ihm die Medizin und das Ansehen der in seinem Königreich tätigen Mediziner und deren Ausbildung am Herzen lagen. Er nahm diesbezüglich Bestimmungen seines Großvaters Roger II., der zu Lebzeiten großes Interesse an wissenschaftlichen Fragen bekundet hatte, in seinen Konstitutionenkorpus von Melfi auf. Dabei handelte es sich um Bedingungen und Voraussetzungen für das Ärztestudium. Friedrich II. legte den Aufbau des Studiums genau fest. Die Ausübung des Berufes setzte ein Examen voraus, gegen Zuwiderhandelnde wurden Sanktionen erhoben. Seiner Vorstellung entsprechend bestand das Medizinstudium aus drei Teilen. Nach dreijährigem Studium der Logik, folgten fünf weitere Jahre, die dem Studium der Medizin gewidmet wurden. Erst danach folgte ein praktisches Jahr unter Aufsicht eines ausgebildeten Arztes (vgl. Stürner 2009, S.379). Desweiteren erließ der Kaiser Gesetze gegen die Luft- und Wasserverschmutzung, was beweist, dass er aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen tatsächlich praktische Konsequenzen zog (vgl. Houben 2008, S.148). Was heutzutage selbstverständlich erscheint, hatte zu damaliger Zeit Reformcharakter. Zum ersten Mal war die Gesundheitsfürsorge für einen Herrscher ein Bereich, für den er Verantwortung trug. Friedrich II. erkannte, dass diese einer staatlichen Regelung bedurfte und dass sie zum Wohle der Untertanen beisteuerte (vgl. Stürner 2009, S.384f.).

3.4 Der Kaiser als Förderer, Forscher und Schriftsteller

Der Hof Friedrichs II. war für berühmte Wissenschaftler anziehend. Friedrich II. umgab sich mit Personen, die neuen Innovationen und Strömungen gegenüber äußerst aufgeschlossen waren. Dabei konnten sie sich der Unterstützung und des Interesses ihres Kaisers sicher sein (vgl. Stürner 2009, S.389). So durfte der Mathematiker Leonardo Fibonacci, der versuchte, die arabischen Ziffern im christlichen Abendland einzuführen, beim Kaiser vorstellig werden (vgl. Houben 2008, S.145). Weitere berühmte Persönlichkeiten, die am Hof Friedrichs II. verkehrten, waren beispielsweise der Mathematiker Johannes von Palermo und der Arzt und Übersetzer Theodor von Antiochia. Michael Scotus war vermutlich einer der berühmtesten Wissenschaftler, die Friedrich II. dauerhaft umgaben und zu welchem er ein gutes Verhältnis hatte. Der Geistliche schottischer Herkunft, der neben seiner Funktion als Übersetzer vor allem Astronom war, genoss einen hervorragenden Ruf als Gelehrter in den zwanziger Jahren des 13. Jahrhunderts und war bekannt in führenden Kreisen, bis hin zu den Päpsten. Honorius III. veranlasste vermutlich den Erzbischof von Canterbury, Michael Scotus als Anerkennung für seine außergewöhnlichen Fähigkeiten und Leistungen als Wissenschaftler eine angemessene Bezahlung zukommen zu lassen (vgl. Stürner 2009, S.402f.).

Obwohl Friedrich II. trotz seines intellektuellen Interesses nicht immer über die nötige Fachkompetenz zu verfügen schien, ist seine Aufmerksamkeit für naturwissenschaftliche Probleme bemerkenswert (vgl. Houben 2008, S.145f.). Michael Scotus‘ Werk, das Liber introductorius widmet sich hauptsächlich astronomischen Fragen. Auf Wunsch Friedrichs II. sollte es Laien der Wissenschaft in die Astronomie einführen. Daraus lassen sich der große Wissenshorizont und das wissenschaftliche Interesse des Kaisers und seiner Hofgesellschaft ableiten (vgl. Stürner 2009, S.411ff.). Der Wissensdurst Friedrichs II. ist durch Fragen belegt, die er Michael Scotus sowie anderen Fachleuten am Hof stellte (vgl. Stürner 2009, S.389). Friedrich II. konsultierte Fachleute und Spezialisten aus anderen Ländern, um seinen Wissenshorizont zu erweitern und neue Thesen und Forschungsansätze kennenzulernen. Der Kaiser schickte beispielsweise muslimischen Gelehrten einen Fragekatalog, in dem er unter anderem zu wissen suchte, warum Gegenstände wie ein Ruder oder eine Lanze gekrümmt erscheinen, sobald man sie teilweise ins Wasser taucht. Friedrich‘s Sizilianische Fragen, die er an den arabischen Gele , suchten nach Antworten auf Fragen innerhalb der Wissenschaftstheorie und Philosophie sowie nach dem Zweck der Theologie und der Wissenschaft und nach Beweisen der Unsterblichkeit der Seele (vgl. Stürner 2009, S.391ff.). Dennoch dürfen laut Stürner anhand der Sizilianischen Fragen keineswegs Schlüsse auf Friedrich‘s Überzeugungen oder auf das Niveau der am Hof geführten wissenschaftlichen Diskussionen gezogen werden. Sie sind lediglich ein Beleg dafür, wie groß die Aufgeschlossenheit gegenüber wissenschaftlichen Fragen war (vgl. Stürner 2009, S.396).

Um sein Wissen zu erweitern, nutzte der Kaiser nicht nur seine Kontakte zur arabischen Welt, sondern bat auch jüdische Gelehrte, wie den Philosophen Jakob ben Atoli um Rat. Gelegentlich nahm er nach dessen Berichten sogar selbst an philosophisch-theologischen Diskussionen teil. Hierbei wurde über Verse aus dem jüdischen Talmud, dem Hauptwerk neben der hebräischen Bibel, debattiert. Zur selben Zeit, um 1240, wurden in Frankreich sämtliche Exemplare des Talmuds beschlagnahmt und als ketzerisch bezeichnet und verbrannt. Daraus ist zu schließen, dass ein sehr offengeistiges Klima am Hof Friedrichs II. herrschte (vgl. Houben 2008, S.146f.). Abulafia ist der Meinung, dass die Stilisierung Friedrichs II. zum großen Förderer der Künste und der Wissenschaft der Neigung entspringt, „ihn an die Spitze der geistigen Entwicklung seiner Zeit zu setzen“ (Abulafia 1991, S.250). Abulafia führt Beispiele an, die diese These widerlegen. Im Fall des bereits erwähnten Leonardo Fibonacci ist zu sagen, dass schon wenige Tage nach Erscheinen der ersten Abhandlung Fibonaccis ein Notar in Genua begonnen hatte, das arabische Zahlensystem zu benutzen. Das stellt für Abulafia den Beweis dar, dass sich der Gebrauch der arabischen Zahlen schon durchgesetzt hatte, während Friedrich II. das Werk Fibonaccis las (vgl. Abulafia 1991, S.250). Bezüglich der von Stürner und Houben beschriebenen höfischen Kultur unter Friedrich II., ist hinzuzufügen, dass die bedeutendsten Kulturleistungen des frühen 13. Jahrhunderts von Juden, Moslems und Christen erbracht wurden, die in Spanien in enger Zusammenarbeit griechische und arabische Texte übersetzten. Michael Scotus verbrachte einen großen Teil seines Arbeitslebens in Toledo und nahm seine Erfahrungen über die Fortschritte der stark arabisch beeinflussten kastilischen Wissenschaft mit an den kaiserlichen Hof. Abulafia sieht demnach den kastilischen Hof als den eigentlichen „Schmelztiegel der zeitgenössischen Ideen“ (Abulafia 1991, S.251). Er vertritt die Ansicht, dass sich Friedrich‘s Hof durchaus in kultureller Abhängigkeit von dem kastilischen befand. Somit steht für Abulafia fest, dass der Hof Friedrichs II. nicht der einzige europäische Hof war, an welchem ein reger, wissenschaftlich kultureller Austausch stattfand.

Die Methoden Friedrichs II., seinen ehrgeizigen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit einzulösen und Phänomenen in der Natur nachzugehen, entsprachen laut Stürner durchaus dem damaligen Stand der wissenschaftlichen Entwicklung. Dennoch gab sich Friedrich II. nicht nur mit dem Hinsehen und Beobachten der Natur zufrieden. Seinen Anspruch, Wissen und Wahrheit durchzusetzen, versuchte der Herrscher durch geplante Experimente zu erreichen. Er überprüfte beispielsweise, ob Geier das Aas mit dem Auge oder mit dem Geruchssinn wahrnehmen. Dafür ließ er Geiern die Augen zunähen, um zu beobachten, ob sie ihre Beute erkennen konnten. Zudem warf er hungrigen Geiern lebende Küken vor, um zu klären, ob die Geier tatsächlich nur tote Beute fressen. Diese Vorgehensweise, die durchaus als eine Vorstufe des heutigen wissenschaftlichen Experiments gesehen werden kann, war zur Zeit Friedrichs II. sehr ungewöhnlich und neuartig. Sie versprach jedoch einen verheißungsvollen Weg zukünftigen wissenschaftlichen Forschens (vgl. Stürner 2009, S.447ff.). Der Vorwurf des Franziskanermönches Salimbene, der Kaiser hätte in seinem Forscherdrang auch vor Experimenten mit Menschen keinen Halt gemacht, ist im Licht der aktuellen Forschung nicht belegt. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass Salimbene den Kaiser als einen grausamen und gottlosen Herrscher darzustellen versuchte. Die Behauptungen, der Kaiser habe einen Mann in ein Weinfass stecken lassen, um festzustellen, ob dessen Seele beim Sterben durch das Spundloch entweiche oder die vermeintliche Anordnung der völligen Isolation von Säuglingen, um die Ursprache der Menschen zu ergründen, sind grundlos erhoben. Dennoch sprechen sie für die ungewöhnlich wissenschaftliche Vorgehensweise Friedrichs II., die den meisten Zeitgenossen befremdlich und verdächtig erschien (vgl. Houben 2008, S.144f.). Aus diesen Behauptungen entstandene Gerüchte haben dazu beigetragen, dass Friedrich II. zu seiner Lebzeit und nach seinem Tod etwas Mythisches angehaftet wurde. Noch heute werden diese Geschichten in Romanen und Erzählungen verarbeitet und teilweise als wahr erachtet. Einseitige Ansichten, die ausschließlich von der Grausamkeit des Herrschers berichten, sollten laut Stürner demnach mit gebotener Skepsis betrachtet werden (vgl. Stürner 2009, S.449f.).

Die Naturauffassung Friedrichs II. nahm einen charakteristischen und bedeutsamen Grundzug des heutigen wissenschaftlichen Denkens vorweg, indem er durch geplante Experimente eine Ergänzung und Vertiefung des Wissens über die Natur anstrebte. Gleichzeitig hatte Friedrich II. das Anliegen, seine praktischen Erfahrungen theoretisch zu untermauern, was er in seinem Falkenbuch, dem liber de arte venandi cum avibus verwirklichte (vgl. Stürner 2009, S.456). Mit einer ausführlichen, allgemeinen Vogelkunde und einem speziellen Teil über Raubvögel, Falkenarten sowie den verschiedenen Methoden ihres Fangens, stellt das Falkenbuch ein bis dahin beispielloses, wissenschaftliches Werk eines abendländischen Herrschers dar (vgl. Houben 2008, S.142).

3.5 Das Falkenbuch Friedrichs II.

Die Jagd an sich erfreute sich während des ganzen Mittelalters großer Beliebtheit. Sie war gewissermaßen ein Ausdruck der herrscherlichen Repräsentation. Gleichzeitig galt sie als Übung für den Umgang mit Waffen (vgl. Houben 2008, S.140). So war es nicht ungewöhnlich, dass auch Friedrich II. häufig auf die Jagd ging. Dem Herrscher hatte es eine Sonderform der Beizjagd angetan, bei welcher mit Raubvögeln wie Falken, Habichten und Sperbern gejagt wurde. Diese Form war laut Stürner erst wieder seit dem 12. Jahrhundert in Mode gekommen. Trotz der hohen finanziellen Kosten sowie der zeitraubenden Mühe die Vögel abzurichten, fand diese Jagderscheinung unter Friedrich‘s Zeitgenossen immer größere Zustimmung. Für Friedrich II. stellte die Beizjagd mehr als ein Freizeitvergnügen oder ein Statussymbol dar. Für ihn stand dabei die Wissenschaft im Vordergrund (vgl. Stürner 2009, S.431ff.). Das Falkenbuch, welches uns in einer von Friedrich‘s Sohn Manfred redigierten Fassung vorliegt, verbindet die Praxis mit der Theorie. Praktische Erfahrungen und meist unzureichende und widersprüchliche Literatur, versuchte der Kaiser in einen schriftlich sinnvollen und logischen Zusammenhang zu bringen. Dafür scheute er weder Mühen noch Kosten und ließ Experten aus dem Orient an den Hof kommen, um von deren Wissen zu profitieren. Während des Kreuzzuges ließ Friedrich II. sich von Falknern der islamischen Herrschern in Verfahren und Anwendungen einweihen und übernahm neugewonnene Kenntnisse (vgl. Stürner 2009, S.433f.).

[...]


1 Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf geschlechterneutrale Bezeichnungen verzichtet; mit männlichen Bezeichnungen wie „Historiker“ sind immer auch Frauen gemeint.

2 Mythos = Person, Sache, Begebenheit, die (aus meist verschwommenen, irrationalen Vorstellungen heraus) glorifiziert wird, legendären Charakter hat (Duden Online Wörterbuch; Klammer im Original)

3 Eschatologie = Lehre bzw. Gesamtheit religiöser Vorstellungen von den Letzten Dingen, d.h. vom Endschicksal des einzelnen Menschen und der Welt (Duden Online Wörterbuch)

4 Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf geschlechterneutrale Bezeichnungen verzichtet; mit männlichen Bezeichnungen wie „Schüler“ sind immer auch Frauen gemeint.

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Zwischen Mythos und Wirklichkeit. Friedrich II. von Hohenstaufen (1194-1250)
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
66
Katalognummer
V426797
ISBN (eBook)
9783668708945
ISBN (Buch)
9783668708952
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischen, mythos, wirklichkeit, friedrich, hohenstaufen
Arbeit zitieren
Tobias Wolf (Autor:in), 2013, Zwischen Mythos und Wirklichkeit. Friedrich II. von Hohenstaufen (1194-1250), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426797

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