Im Rahmen dieser Facharbeit soll untersucht werden, wie Goethe den antiken Mythos von „Philemon und Baucis“ im zweiten Teil seines Schauspiels Faust aufgreift, verändert und ihm so eine völlig andere Funktion zukommen lässt. Dazu soll der Mythos zunächst isoliert in beiden Werken unter Berücksichtigung des literaturhistorischen Kontextes betrachtet werden.
In seinem Werk "Faust II" übernimmt Goethe den antiken Mythos von "Philemon und Baucis" unter verändertem Schwerpunkt sodass die überzeitliche Dimension des antiken Mythos, der allgemein menschliche Grundkonstanten hervortreten lassen, gewahrt bleibt, jedoch im jeweiligen historischen Kontext eine beinahe konträre Bedeutung erfährt.
In dem antiken Mythos ist die Welt eine „gerechte“, in der Gutes belohnt und Schlechtes bestraft wird. Das Gute und Schlechte wird definiert über das Verhalten der Menschen in Bezug auf die Götter und Mitmenschen, die pietas. Auch in Faust stehen sich das Gute in Gestalt des alten Ehepaares und das Schlechte im Charakter des Faust gegenüber. Doch Faust wird hier nicht bestraft für seine Frevel, sondern letztendlich als einer, der ewig strebte, erlöst. Daran entfaltet sich das positive Humanitätsideal des strebenden Menschen der Weimarer Klassik, der trotz seiner Verfehlungen letztendlich Gnade erfährt: „Es irrt der Mensch so lang er strebt.“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Mythos „Philemon und Baucis“ in den Metamorphosen Ovids
2.1 Einordnung der Metamorphosen in den Kontext der augusteischen Dichtung
2.2 Kurze Darstellung des Mythos „Philemon und Baucis” im Kontext des Werkes
2.2.1 Charaktere
2.2.2 Funktion des Mythos
3. Der Mythos „Philemon und Baucis” in der Tragödie Faust II von Goethe
3.1 Einordnung des Werkes Faust II in den Kontext der Weimarer Klassik
3.2 Kurze Darstellung des Mythos
3.2.1 Charaktere
3.2.2 Funktion des Mythos
4. Vergleich des Mythos „Philemon und Baucis“ bei Ovid und Goethe
4.1 Charaktere
4.2 Funktion
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Johann Wolfgang von Goethe den antiken Mythos von Philemon und Baucis im fünften Akt seines Dramas Faust II aufgreift und inhaltlich sowie funktional umdeutet, um das Spannungsfeld zwischen traditionellen Werten und modernem Fortschrittsstreben darzustellen.
- Die literarhistorische Einordnung der Metamorphosen Ovids und Faust II.
- Die Analyse der Charaktere von Philemon und Baucis im antiken Kontext.
- Die Darstellung des Faustschen Machtstrebens im Kontrast zur bäuerlichen Idylle.
- Der Vergleich der motivischen Funktion in beiden Epochen (Antike vs. Weimarer Klassik).
- Die Frage nach Schuld und Erlösung im Spannungsfeld von Habgier und Menschlichkeit.
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Funktion des Mythos
Die Philemon-und-Baucis-Szene hat zunächst einmal die Funktion Fausts unermessliche Gier darzustellen, die wie ein Trieb von ihm Besitz ergriffen hat und derer er nicht Herr werden kann: „ Mir gibt’s im Herzen einen Stich, / Mir ist’s unmöglich zu ertragen! / Und wie ich sage, schäm ich mich. / Die Alten droben sollen weichen, / Die Linden wünscht’ ich mir zum Sitz, Die wenig Bäume nicht zu eigen, / verderben mir den Weltbesitz.“ Er wohnt in einem prächtigen Palast, der in Kontrast zu der bescheidenen Hütte des alten Ehepaares steht, ist Herr über weite Ländereien. Doch weit entfernt diesen Wohlstand und das von ihm Geschaffene genießen zu können, reibt er sich auf an dem, was ihm fehlt: Philemon und Baucis’ kleines Anwesen das er selbst als Ruhesitz mit Aussicht über sein Werk besitzen möchte: “Vor Augen ist mein Reich unendlich, / Im Rücken neckt mich der Verdruss, (...) Mein Hochbesitz er ist nicht rein, / Der Lindenraum, die braune Baute, / Das morsche Kirchlein ist nicht mein.“ Philemon und Baucis’ Besitz wird mit abwertenden Adjektiven versehen, doch trotz dieser Wertlosigkeit giert es ihn danach. Der alles besitzende, dennoch neidische und stets nach mehr strebende Faust steht in scharfem Gegensatz zu der Zufriedenheit und Selbstgenügsamkeit des greisen Paares und gewinnt dadurch an Schärfe.
Daneben zeigt der Mythos das erneute Schuldigwerden Fausts. Nachdem er sich bereits im ersten Teil der Tragödie an Gretchen schuldig gemacht hat, jedoch durch Ariels Gesang zu Beginn des Faust II durch einen Heilsschlaf gewissermaßen gereinigt worden ist, verstrickt er sich erneut in Schuld durch den zwar unbeabsichtigten, aber doch in Kauf genommenen Mord an Philemon und Baucis. So erhält der Mythos von Philemon und Baucis eine wichtige Funktion in Bezug auf das Ende Fausts, indem er zeigt, dass Schuldigwerden Bestandteil des Menschen ist, ihm aber dennoch oder gerade deswegen göttliche Gnade zuteil wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in Goethes Rezeption der Antike ein und skizziert das Forschungsziel, die Umgestaltung des antiken Stoffes in Faust II zu untersuchen.
2. Der Mythos „Philemon und Baucis“ in den Metamorphosen Ovids: Dieses Kapitel ordnet Ovid in den augusteischen Kontext ein und analysiert die ursprüngliche Erzählung als ein Beispiel für pietas.
3. Der Mythos „Philemon und Baucis” in der Tragödie Faust II von Goethe: Hier wird die Episode aus Faust II analysiert, wobei besonders die veränderte, teils technokratische Rolle Fausts und die Bedrohung der Alten hervorgehoben werden.
4. Vergleich des Mythos „Philemon und Baucis“ bei Ovid und Goethe: Dieser Teil stellt beide Fassungen gegenüber und zeigt, wie Goethe die antike Idylle nutzt, um die Destruktivität moderner Gier zu kritisieren.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, wie trotz unterschiedlicher historischer Ausrichtung der Kern des Mythos erhalten bleibt, um das Humanitätsideal des strebenden Menschen zu reflektieren.
Schlüsselwörter
Philemon und Baucis, Ovid, Metamorphosen, Faust II, Goethe, Weimarer Klassik, Pietas, Antikenrezeption, Mythos, Fortschritt, Gier, Schuld, Erlösung, Humanität, Augusteesche Dichtung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Rezeption des antiken Mythos von Philemon und Baucis durch Johann Wolfgang von Goethe im Kontext seines Werkes Faust II.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung abgedeckt?
Zentrale Themen sind die Transformation antiker Stoffe, die Darstellung von Werten wie Pietas versus Habgier sowie das Spannungsverhältnis zwischen dem Individuum und gesellschaftlichem Fortschritt.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie Goethe den antiken Stoff umgestaltet hat, um ihm in seinem Drama eine völlig andere, modernere Funktion zu verleihen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es wird ein literaturwissenschaftlicher Vergleich (vergleichende Gegenüberstellung) zwischen dem Quelltext bei Ovid und der Adaption bei Goethe durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die isolierte Analyse beider Werke, gefolgt von einem detaillierten Vergleich hinsichtlich der Charaktere, der Handlungsmotive und der jeweiligen Funktion der Episode.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist stark geprägt von Begriffen wie Pietas, Metamorphose, Weimarer Klassik, Fortschrittswahn und der kritischen Auseinandersetzung mit der faustschen Gier.
Inwiefern verändert Goethe die Charakterzeichnung von Philemon und Baucis?
Während bei Ovid das Paar als harmonische Einheit und positives Beispiel für Tugend fungiert, erhalten die Figuren bei Goethe eine kritische Distanz zum modernen Fortschritt und verdeutlichen durch ihren Widerstand Fausts Gier.
Wie bewertet die Arbeit Fausts Handeln gegenüber dem alten Paar?
Die Arbeit sieht in Fausts Verhalten ein rücksichtsloses Besitzstreben, das letztlich zum Mord an den Alten führt und somit als ein Frevel gegen göttliche und menschliche Werte gewertet wird.
- Arbeit zitieren
- Brigitte Wildberger (Autor:in), 2017, Rezeption des ovidschen Mythos "Philemon und Baucis" in Goethes Faust II, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426803