Die Grünen. Postmaterialismus hat eine Partei


Hausarbeit, 2018

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Die Grünen im Kontext von Wertewandel und Werteverfall

II. Theorie und Thesenbildung
II.I. Inglehart: Stille Revolution und Wertewandel
II.II. Forschungsstand und Fragestellung

III. Methode und Definition der Messinstrumente

IV. Analyse
IV.I. Messung des Postmaterialismus-Gehalts
IV.II. Diskussion der Ergebnisse

V. Resümee: Postmaterialismus hat eine Partei

VI. Literaturverzeichnis

I. Die Grünen im Kontext von Wertewandel und Werteverfall

Zwischen Trump, Brexit und AFD steht Ronald Ingleharts Theorie des Wertewandels (vgl. Kapitel II.I). Abschottungspolitik, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit formen die politische Landschaft. Anfang 2018 erweckt der Westen der Welt den Eindruck, der von Inglehart prophezeite – und mehrfach bestätigte (vgl. Barnes/Kaase et al. 1979, Inglehart 1981) – Wertewandel von materialistischen hin zu postmaterialistischen Werten in westlichen Gesellschaften habe sich in den letzten Jahren in einen Werteverfall umgekehrt. In der wissenschaftlichen Diskussion ist diese Entwicklung umstritten. Dennoch ist seine Theorie aus den 1970er Jahren heute allgegenwärtig und hat nicht an Relevanz eingebüßt.

Der Wertewandel, auf den nach dem 2. Weltkrieg eine „Neue Politik“ folgte, in der postmaterialistische gegenüber materialistischen Themen an Wichtigkeit gewannen, brachte in Deutschland 1980 die Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ (Grüne) hervor (Poguntke 1987: 370 f.).

Dass sich diese „postmaterialistische“ Partei bis heute im deutschen Parteiensystem fest etablieren konnte, kann zwei Ursachen haben: Entweder hat sie ihre programmatische Ausrichtung dem Werteverfall angepasst um zu überleben, oder aber der Wandel zum Postmaterialismus ist nicht nur ein Trend oder ein Phänomen der Nachkriegsgeneration, sondern ein langanhaltender Wertewandel. Somit hätten die Grünen ihre postmaterialistische Ausrichtung beibehalten und langanhaltende Zustimmung in der Gesellschaft gefunden. Diese Problemstellung bringt mich zu der Frage: Inwiefern ist die Programmatik der Grünen heute postmaterialistisch geprägt?

Die Frage wurde im Zuge des Aufstiegs grüner Parteien in vielen Arbeiten von 1980 bis 2000 berührt, die sich mit der Wählerschaft und ihren sozioökonomischen Hintergründen befassen und sich mit den plötzlichen Erfolgen einer neuen Parteienfamilie in Europa auseinandersetzen. Ich werde nach einer Darstellung Ingleharts Theorie anhand dieser Veröffentlichungen kurz aufzeigen, dass die Grünen zu ihrer Entstehungszeit als postmaterialistische Partei zu klassifizieren sind. Jedoch fehlt es an aktueller Literatur. Angesichts der aktuellen Entwicklungen werde ich an diese Forschungslücke anknüpfen und prüfen, inwiefern sie diese Orientierungen beibehalten haben.

Dafür wird das Parteiprogramm der Grünen zur Bundestagswahl 2017 herangezogen und die politischen Zielprioritäten auf ihren Postmaterialismus-Gehalt hin untersucht, indem sie mithilfe von Ingleharts Definitionen als materialistisch oder postmaterialistisch eingestuft werden. Anschließend soll beantwortet werden, ob die Grünen nach wie vor postmaterialistischen Werten in ihrem Programm höhere Priorität zuweisen als materialistischen. Die Ergebnisse erlauben dann Rückschlüsse auf den Postmaterialismus-Gehalt der Grünen im Bezug auf die Frage nach Wertewandel oder Werteverfall.

II. Theorie und Thesenbildung

II.I. Inglehart: Stille Revolution und Wertewandel

Inglehart behauptet in seiner Theorie aus den 1970er Jahren, dass in den 60er und 70er Jahren eine „stille Revolution“ (Inglehart 1979: 279) stattgefunden hat (Inglehart 1979: 279-314).

Ausgangspunkt ist der wachsende Wohlstand in den entwickelten Industriegesellschaften der westlichen Länder nach dem zweiten Weltkrieg. Inglehart geht davon aus, dass sich durch diesen Wohlstand die Werteprioritäten langfristig ändern. Er stellt zwei Hypothesen auf, auf die sich seine Theorie gründet: Eine Mangelhypothese und eine Sozialisationshypothese.

Die Mangelhypothese beruft sich auf Abraham Maslows Bedürfnishierarchie. Demnach sind menschliche Bedürfnisse hierarchisch angeordnet. Die fünf Stufen sind (von unten nach oben): Physiologische Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse, soziale Bedürfnisse, Individualbedürfnisse und Selbstverwirklichung. Den niederen Bedürfnissen liegen Mangelzustände zugrunde, und erst wenn die Bedürfnisse einer Stufe befriedigt sind, werden die der nächsthöheren Stufe verhaltensbestimmend, d.h. die Motivation legt einen neuen Fokus und die Prioritäten ändern sich. Je besser ein Bedürfnis also befriedigt ist, desto weniger bestimmt es das Handeln, und umso mehr werden die Handlungen von höheren Bedürfnissen bestimmt.

Ausgehend davon bestimmt Inglehart zwei Werttypen. Er unterscheidet zwischen materialistischen und postmaterialistischen Wertorientierungen. Dazwischen wird mit zwei Mischtypen abgestuft. Materialistische Wertorientierungen beziehen sich direkt auf das physische Überleben. Dazu gehören Versorgungs- und Sicherheitsbedürfnisse, die sich in Forderungen nach einer stabilen Wirtschaft, starken Verteidigungskräften und öffentlicher Ordnung zeigen. Postmaterialitische Wertorientierungen hingegen richten sich nach sozialen und ästhetisch- intellektuellen Bedürfnissen. Diese werden versucht zu befriedigen, indem Dingen wie mehr Mitbestimmung am Arbeitsplatz oder in der Politik und freie Rede höhere Priorität gegeben wird. Außerdem zeigen Postmaterialisten eine stärkere Neigung zu „unkonventionellen politischen Handlungsweisen“ (Inglehart 1979: 314).

Die Sozialisationshypothese entsteht aus der Annahme, dass sich Werteinstellungen nicht unmittelbar, sondern zeitlich versetzt ändern. So haben die sozioökonomischen Umstände, die in der Jugendzeit vorherrschen, einen viel größeren Einfluss auf die Grundwerte eines Individuums, als die Umstände in späteren Lebensphasen. Daher spiegeln die Grundwerte hauptsächlich die Bedingungen aus den „formativen Jahren (d.h. die ersten 20 Lebensjahre)“ (Inglehart 1979: 297) wieder.

Demnach kommt Inglehart zu dem Ergebnis, dass Postmaterialisten erst in der Nachkriegsgeneration, die in ökonomischer und physischer Sicherheit aufgewachsen ist, vermehrt auftreten. Hingegen treten in der Generation, die ihre Jugendzeit vor 1945, also in ökonomischer Instabilität und physischer Unsicherheit durchlebt hat, hauptsächlich Materialisten auf. Diese Argumentation legt den Grundstein für die Annahme, dass sich somit ein Wertewandel vollzogen hat und mit der Ablösung der alten durch die jungen Generationen noch weiter vollziehen wird. Produkt des Wertewandels ist eine „Neue Politik“, die als „Erweiterung der 'traditionellen' Politikinhalte und Politikformen verstanden [wird], die sich beispielsweise ausdrücken in Forderungen nach mehr direkter Demokratie, erweiterter Selbstbestimmung sowie unkonventionellen Partizipationsformen“ (Müller-Rommel 1993: 17). Es geht also um „den partiellen Wandel des politischen Problemhaushaltes“ (Poguntke 1987: 370), in dem postmaterielle Ziele an Bedeutung gewinnen.

II.II. Forschungsstand und Fragestellung

Dass die Grünen aus der Neuen Politik hervorgingen, und in zahlreichen Dimensionen von ihr geprägt sind, hat Thomas Poguntke bereits dargelegt (vgl. Poguntke 1987: 370-382). Die Tatsache, dass Postmaterialisten stärker dazu tendieren grüne Parteien zu wählen, als die übrigen Werttypen, wird im Hinblick auf die Untersuchungen von Ferdinand Müller-Rommel und Helmut Wilke (1981: 383-397) ebenfalls als gegeben betrachtet. Darin wird bewiesen, dass „'post-materialistische' Werteorientierungen […] eine […] erklärende Variable bei der Präferenz für Umweltparteien darstellen“ (1981: 384).

Nach Müller-Rommel (1993: 17) beeinflusst die Neue Politik einerseits die Politikinhalte und andererseits die Politikformen einer Partei. Um zu zeigen, dass die Grünen heute eine postmaterialistische Partei sind, begrenze ich mich angesichts des begrenzten Umfangs dieser Arbeit und der Bearbeitbarkeit auf die inhaltlichen Aspekte. Dafür benutze ich die von Wilhelm P. Bürklin (1984: 155) durchgeführte Befragung, in der die Kandidaten der Grünen zur Landtagswahl 1980 in Baden-Württemberg politische Ziele nach ihrer Wichtigkeit abgestuft haben.[1] Dabei Sind u. a. auch die vier Items, mit denen Inglehart Anfangs seine Untersuchungen durchgeführt hat („Garantie der Meinungsfreiheit“, „Erweiterung der politischen Mitwirkungsrechte des Bürgers“, „Erhaltung stabiler Preise“ und „Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung im Land“ (Inglehart 1979: 285)), verwendet worden. Die beiden postmaterialistischen Items wurden hier von der Mehrheit als „sehr wichtig“, und die zwei materialistischen Items als „wichtig“ und „weniger wichtig“ eingestuft. Das belegt, dass die Grünen eine klare Präferenz für die postmateriellen Items, bzw. Ziele hatten.

Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist es nun interessant zu prüfen, ob die Grünen ihrer Linie treu geblieben sind. Deshalb wird in den Folgenden Kapiteln der Frage nachgegangen: Inwiefern ist die Programmatik der Grünen heute postmaterialistisch geprägt? Die Frage dringt in das Feld der Parteienforschung ein und untersucht den Inhalt (Policy) auf der Parteienebene.

Für einen hohen Postmaterialismus-Gehalt spricht die Tatsache, dass die Grünen zu früheren Zeitpunkten als postmaterialistisch klassifiziert werden konnten, in Verbindung mit Ingleharts Theorie eines langanhaltenden und fortlaufenden Wertewandels. Da der Wohlstand in Deutschland seit den Messungen 1984 weiter gewachsen ist, kann angenommen werden, dass sich der Wertewandel weiter vollzogen hat und der Anteil an Postmaterialisten in den westlichen Ländern (also auch in Deutschland) gestiegen ist. Da Postmaterialisten bewiesenermaßen dazu tendieren, grüne Parteien zu unterstützen, haben die Grünen vermutlich an den postmaterialistischen Wertorientierungen festgehalten, um Zustimmung in der Gesellschaft zu finden und sich im Parteiensystem etablieren zu können.

III. Methode und Definition der Messinstrumente

Um die Frage nach dem Postmaterialismus-Gehalt in den aktuellen Politikinhalten der Grünen beantworten zu können, wird ihr Bundestagswahlprogramm von 2017 herangezogen. Um dem Umfang dieser Arbeit gerecht zu werden bezieht sich die Analyse ausschließlich auf den 10-Punkte-Plan (siehe Anhang), der ein zentraler Teil des Programms ist. Gleichzeitig reduziert dieser Plan das Programm auf „die wichtigsten“ (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 2017: 238) politischen Zielprioritäten der Partei und ist somit als Untersuchungsobjekt geeignet.

Es gibt in der Fachliteratur bisher keine vergleichbaren Messungen. D.h. es kann hier nicht auf existierende Messinstrumente und -verfahren zurückgegriffen werden. Auch hat Inglehart nicht zu allen aktuellen Inhalten der Neuen Politik Indizes erstellt, die bei dieser Analyse verwendet werden könnten. Daher werden die Zielprioritäten in der Analyse anhand der Definitionen Ingleharts in die beiden Typen eingeteilt.

Um richtig kategorisieren zu können, muss genau abgegrenzt werden, was Inglehart mit materialistisch und postmaterialistisch meint. Dazu wird zuerst definiert: Materielle Ziele sind solche, „die sich direkt auf das physische Überleben beziehen“ (Inglehart 1979: 281). „Im direkten Bezug zum physischen Überleben steht“, laut Inglehart, „eine Reihe von Sicherheitsbedürfnissen“ (1979: 282). Später fügt er noch die Bedürfnisse nach „physischer Versorgung“ (Inglehart 1979: 282) hinzu. Man kann materielle Bedürfnisse also als ökonomische und physische Sicherheitsbedürfnisse bezeichnen (Inglehart 1979: 284). Postmaterielle Ziele sind folglich alle nicht-ökonomischen Bedürfnisse, die über die materiellen hinaus gehen. Das sind soziale Bedürfnisse und Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung. Dazu gehören intellektuelle, ästhetische und Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Achtung. (Inglehart 1979: 286).

Inglehart (2015: 3) behauptet ferner, dass materielle Bedürfnisse bei Postmaterialisten natürlich immer noch da sind, aber ihnen keine hohe Priorität eingeräumt wird. Es ist bei der Analyse also darauf zu achten, dass nicht nur die bloße Erwähnung von Themen zur Zuordnung zu einem Typ führt. Im Gegenzug wäre die Behandlung von Themen der Neuen Politik eher ein Zeichen dafür, dass der Postmaterialismus die Inhalte der politischen Debatte beeinflusst, und nicht unbedingt, dass die Partei postmaterialistische Werte hat. Worauf es ankommt, ist die Gewichtung des speziellen Themas im Vergleich mit anderen Inhalten, also auf die gesetzte Priorität.

Es werden also aus den zehn gesetzten Zielen die Prioritäten ermittelt und mithilfe der Definitionen von Inglehart jeweils den beiden Werttypen zugeordnet. Daraus wird sich eine Tabelle ergeben, aus der die Ergebnisse abgeleitet werden können.

[...]


[1] Zwar will Bürklin mit der Befragung zeigen, dass die Grünen in Idealisten und Realisten einzuteilen sind, jedoch würde diese Diskussion über die Fragestellung dieser Arbeit hinaus gehen, da ich mit Ingleharts Ansichten arbeiten, und sie prüfen will und sie dafür als gegeben betrachte. Die Befragung ist trotzdem relevant, weil Ingleharts Items abgefragt werden.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Grünen. Postmaterialismus hat eine Partei
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V426832
ISBN (eBook)
9783668707108
ISBN (Buch)
9783668707115
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grünen, postmaterialismus, partei
Arbeit zitieren
Quentin Erren (Autor:in), 2018, Die Grünen. Postmaterialismus hat eine Partei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426832

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