Freundschaft bei Aristoteles. Die Nikomachische Ethik aus soziologisch-historischer Perspektive


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

13 Seiten, Note: 2,0

Thomas Purkart (Autor)


Leseprobe

Die Freundschaft in Aristotelesʼ Nikomachischer Ethik Soziologisch historische Klärung eines philosophischen Begriffs

Einleitung

Das Schönste an einer Freundschaft ist nicht die ausgestreckte Hand, das freundliche Lächeln oder der menschliche Kontakt, sondern das erhebende Gefühl, jemanden zu haben, der einem glaubt und einem das Vertrauen schenkt, dem man glauben und sein Vertrauen schenken kann “[1]

Menschen benutzen oft Worte über Jahrhunderte hinweg, obwohl sie deren Bedeutung und deren eigentlichen Inhalt meist nicht ausreichend verstehen. Eines dieser Worte, mit denen sich auch meine Ausarbeitung befasst, ist die Freundschaft. Der Freundschaftsbegriff wird von Generation zu Generation weiter gegeben und weckt in jedem eine bestimmte Vorstellung, wird aber oftmals aufgrund unterschiedlicher ideologischer Richtlinien auch unterschiedlich konstruiert. Dieser Ausdruck wird auf eine selbstverständliche Art und Weise verwendet, ohne sich zu hinterfragen, was dieser Begriff eigentlich genau aussagt.

Die Freundschaft ist ein Thema, das bereits in der Antike mehrfach aufbereitet wurde. Schon Aristoteles, wohl einer der bekanntesten Philosophen unserer Zeit, hat sich mit diesem Thema in seinem überlieferten Werk „Nikomachische Ethik“ befasst. Auf den Abschnitt über die Freundschaft legt Aristoteles ein besonderes Augenmerk, da für ihn die Freundschaft einen großen Stellenwert im Leben des Menschen einnimmt und zu einem guten Leben einen erheblichen Beitrag leistet. Freundschaft ist essentiell für die menschliche Ordnung und das Bindeglied, das menschliche Beziehungen zusammenhält.

Vor diesem Hintergrund ist es unerlässlich das Thema der Freundschaft genauer zu betrachten und sich damit auseinanderzusetzen, was den Kern der Freundschaft ausmacht.

Um dieses Ziel zu erreichen, werde ich wie folgt vorgehen. Zunächst werde ich untersuchen, was Aristoteles unter dem Freundschaftsbegriff versteht. Im Folgenden soll dann die Vielschichtigkeit der Freundschaft aufgezeigt werden, um so festzustellen, welche Voraussetzungen für die Freundschaft nötig sind. Um diese Tatsache so genau wie möglich zu erläutern, werde ich einen kleinen Exkurs ausführen, der die Verwendung des Freundschaftsbegriffs in unterschiedlichen sozialen Bedingungen aufzeigt. Schließlich wird der Fokus auf die Veränderungen in unserer heutigen Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf den freundschaftlichen Umgang miteinander gesetzt werden.

1. Aristoteles über die Freundschaft

Innerhalb der Nikomachischen Ethik von Aristoteles ist die Untersuchung der Freundschaft das Kapitel mit dem sich Aristoteles am ausführlichsten befasst. Dabei betont er die Besonderheit der Freundschaft sehr stark und bezeichnet diese als „fürs Leben Notwendigste“[2]. Die Freundschaft ist für Aristoteles eine Beziehung zwischen zwei Menschen, welche unabhängig von Einrichtungen und Staaten ist. Die wahre Freundschaft ist für ihn das Streben nach dem höchsten für den Menschen zu erreichendem Gut, etwas für das Leben notwendige. So wie Aristoteles, schreibt auch Michel de Montaigne in seinem Essay über die Freundschaft von „einer Seele in zwei Körpern“[3]. Für Montaigne sei der Mensch zu gesellschaftlichem Umgang bestimmt[4].

1.1 Drei Arten der Freundschaft

Aristoteles nennt in seiner Nikomachischen Ethik drei unterschiedliche Arten von Freundschaft. Zunächst beschreibt er die Freundschaft um des Nutzens willen. Zwei Menschen die ein Bündnis eingehen, wobei meistens einer der beiden ein bestimmtes Ziel erreichen möchte. Dieser geht also freiwillig ein Bündnis ein, um dadurch für sich selbst, weniger für den anderen, einen Vorteil zu schaffen. Ein 17-jähriger Teenager wird sich beispielsweise einen älteren Freund suchen, der einen Führerschein besitzt. So wird er versuchen seine Bedürfnisse in Bezug auf Ausflüge in denen ein Auto benötigt wird solange zu befriedigen, bis er selbst den Führerschein besitzt. Damit entfällt auch der Zweck dieser Gemeinschaft und die Freundschaft löst sich auf.

Die zweite Art der Freundschaft ist die der Lust wegen. Hierbei lernen sich zwei Menschen kennen, weil sie in einem bestimmten Lebensabschnitt das gleiche Lustempfinden haben. Im Laufe des Lebens ändern sich die jeweiligen Bedürfnisse und somit auch die Bedürfnisse in einer freundschaftlichen Beziehung, was eine lang andauernde und stabile Freundschaft unmöglich machen.

Die dritte und letzte von Aristoteles beschriebene Freundschaft ist die des guten Willens. Bei dieser vollkommenen Form, wünscht man seinem Freund nur das Gute. Denn diese edle Art der Freundschaft sagt Aristoteles wünsche man sich einander gleichmäßig. Das Fundament solch einer Beziehung ist durch gegenseitige Liebe und vor allem Uneigennützigkeit gekennzeichnet.

1.2 Zeitlichkeit der Freundschaftsformen

Die oben erwähnte Dreiteilung zeigt, dass die ersten beiden Freundschaftsformen zeitlich begrenzt sind. Je schneller einer der beiden sein Ziel erreicht, desto eher löst sich die Freundschaft auf. Die dritte Form der Freundschaft, die vollkommenste Art jedoch, ist von langer Dauer, weil die Basis dieser Freundschaftsform das Gute und die Tugend ist und für Aristoteles die wichtigste Grundlage für wahre Freundschaft darstellen. Diese Freundschaft ist sehr selten und erfordert eine lange Zeit der Bewährung. Die Annahme Aristoteles ist auch gleichzeitig ein Beweis dafür, dass in den ersten beiden Freundschaftsformen auch schlechte mit guten Menschen verkehren, wobei dadurch die dritte und edle Form der Freundschaft eine „Monopolstellung“ erhält und nur wenigen Menschen vorbehalten bleibt. Aristoteles nennt in seiner Nikomachischen Ethik eine für ihn wichtige Bedingung für wahre Freundschaft. Er sagt, dass nur die „Tugendhaften“[5] die vollkommene Art der Freundschaft erreichen können.

1.3 Freundschaft als streng enthaltsame Lebensweise

Nun gilt es die edle Form der Freundschaft näher zu betrachten, da sie ein nicht einfach zu erreichendes Gut ist. Das von Aristoteles benutzte Wort der „Tugend“[6], hat schon ohne den Kontext zur Freundschaft eine enorme Wirkung. Es ist sehr schwierig tugendhaft zu leben. Bezieht man jedoch die Tugendhaftigkeit zusätzlich noch auf die Freundschaft, wird man feststellen, wie schwer es, ist die vollkommene Art der Freundschaft zu erreichen. Zudem finden nur solche Menschen den wahren Weg zur Freundschaft, die das Vermögen besitzen ihre Triebe und ihre Lust unter Kontrolle zu halten. Damit stellt das Erreichen der dritten Form der Freundschaft zugleich eine intellektuelle Leistung dar. Ohne diese Fähigkeit zur Selbstkontrolle läuft man Gefahr, den Freundschaftspartner nur als Mittel zum Zweck zu benutzen. Nur wer in der Lage ist diesem „Druck“[7] standzuhalten, schafft eine wichtige Basis für ein dauerhaftes Bündnis.

2. Der Weg zur wahren Freundschaft

Die edelste Art der Freundschaft braucht Zeit. Aristoteles nennt den Scheffel Salz, den man zusammen gegessen haben muss, um den wahren Freund zu erkennen und kennenzulernen[8]. Wahre Freundschaft entsteht zunächst durch ein Gefühl der Zuneigung füreinander. Zuneigung und Freundschaft stehen hier eng zusammen. Das Gefühl der Zuneigung geht in ein Bedürfnis über, in dem die Freundschaftspartner ihre Ängste, Wünsche und Forderungen in einer wechselseitigen Beziehung offenlegen. Dabei sollte es nicht von Bedeutung sein, welche Persönlichkeitsmerkmale beziehungsweise Eigenschaften der Freundschaftspartner hat. Es genügt nicht bloß den Entschluss zur Freundschaft zu fassen. Die Tat ist der Weg zur wahren Freundschaft. Es reicht nicht, dem Freundschaftspartner nur das Beste zu wünschen, wenn keine Taten folgen. Denn nichts ist schlimmer als der alleinige Wille, dass es dem anderen gut gehe. Nur so sind Freundschaften „gegenseitig nützlich, und ebenso auch angenehm“[9], denn der wahre Freund wird für den Partner versuchen, das bestmögliche herauszuholen und ihm so einen Vorteil zu verschaffen. Es gibt wohl kaum ein vergleichbares Gefühl, das man beschreiben kann, wenn man weiß, dass es jemanden gibt, der eine enorme Kraft für den anderen aufwendet, damit es diesem besser geht. So gelangt man, das würde Michel de Montaigne sagen, in eine Sphäre der „vollkommnen Übereinstimmung und Seelenharmonie“[10] und befindet sich sogar in einem „Höhenflug“[11].

Wahre Freunde helfen auch Leid zu überwinden und sind durch empathische Fähigkeiten in der Lage den Schmerz des Freundes zu lindern, vergrößern aber auch gleichzeitig durch Teilnahme an der Freude das Glück des Anderen. Ohnehin kann man sagen, dass Empathie zum Hauptmerkmal einer Freundschaftsbeziehung gehören sollte. Es ist essentiell sich in die Lage des Partners einzufühlen um entsprechende Reaktionen folgen zu lassen. Aristoteles nennt den Begriff des „alter Ego“, welches ein Kennzeichen für die innige Nähe der Freundschaftsbeziehung ist. Es ist die völlige Hingabe ohne sich selbst aufzugeben. Aus all diesen Anforderungen ist es nur eine logische Konsequenz, dass die wahre Freundschaft nur wenigen vorbehalten bleibt. Aufgrund des hohen Aufwands, ist die echte Freundschaft mit einer exklusiven Vereinigung von Menschen zu vergleichen, in die nur eine bestimmte Anzahl aufgenommen wird.

2.1 Freundschaft als alter Ego

Für Montaigne ist wahre Freundschaft die völlige Verschmelzung zweier Seelen[12]. Für ihn ist die edelste Form der Freundschaft, eine Fusion zweier Individuen in ein unteilbares Einzelwesen. Ist es aber nicht so, dass man trotz inniger Beziehung, dem Freundschaftspartner einen gewissen Freiraum gewähren sollte? Denn auch das kann ein Charakteristikum für die wahre Freundschaft sein. Die völlige Auflösung der Eigenständigkeit des Einzelnen, kann unter Umständen sogar schädlich für die Freundschaft sein. Respektiert man jedoch die Grenzen des Freundschaftspartners, bleiben auch der Reiz und die Spannung lange Zeit erhalten. Kann man jedoch die Freundschaftsnaht nicht mehr erkennen, läuft man Gefahr die Objektivität zu verlieren. Genau diese Objektivität ist jedoch sehr wichtig um nicht den uneingeschränkten Blick auf sich selbst und auf den Freundschaftspartner zu verlieren. Eben diese Distanz die jedem Freundschaftspartner gewährt werden sollte, droht bei einer Ehe zu verschwinden. Die Leidenschaft und die Liebe in einer Ehebeziehung sind daher möglicherweise nur kurz und nicht nachhaltig genug um diese mit der edelsten Form der Freundschaft gleichzusetzen. Montaigne vergleicht die geschlechtliche Freundschaft, wie sie in der Ehe zu sein scheint, mit einer Fieberhitze, die zwar sehr stark steigt jedoch genau so stark wieder fällt[13].

2.2 Alter Ego, Gefahr für wahre Freundschaft?

Geht man nun eine Freundschaft ein, weil sich die Freundschaftspartner so ähnlich sind? Der Begriff des alter Ego in Aristoteles` Nikomachischer Ethik beschäftigt sich genau mit dieser Frage. Demnach ist der Zugang zur Freundschaft die Ähnlichkeit[14] des Einen zum Anderen. Das heißt der Freundschaftspartner ist ständig auf der Suche nach Ähnlichkeiten. Denn diese wiederum verschaffen zumindest einem der beiden Freunde eine hochgradige Befriedigung. Sich selbst im Gegenüber wiederzuerkennen impliziert ein sehr starkes Hochgefühl, das in den Freundschaftspartnern ausgelöst wird. Diese Art der Freundschaftsfindung, nämlich die einer Lustempfindung, widerspricht jedoch den Maximen von Aristoteles. Für ihn ist es, wichtig dass die edelste Form der Freundschaft aus der Intention des Guten und Tugendhaften[15] eingegangen wird. Jegliche Formen des Egoismus werden in der edlen Form der Freundschaft eliminiert. Doch welche Voraussetzung ist für solch einen überlegten Prozess notwendig? Es ist essentiell die Eindrücke und Erfahrungen, die man mit dem Freundschaftspartner sammelt, zu reflektieren. Anders könnte man äußere Einflüsse, die der Freundschaftsbeziehung schaden könnten, nicht isolieren. Somit ist für die wahre Freundschaft ein gewisses Maß an Reife und Intelligenz nötig, um die ideale Art der Freundschaft zu erreichen.

[...]


[1] Autor unbekannt, http://www.deanita.de/freundschaft_aphorismen.htm, 30.08.11

[2] Rainer Nickel/Olof Gigon, Aristoteles-Die Nikomachische Ethik, 2007, S. 323

[3] Handreichung zu Montaigne im Seminar: Montaigne-Zuneigung und Freundschaft, S. 153

[4] Handreichung zu Montaigne im Seminar: Montaigne-Zuneigung und Freundschaft, S. 144

[5] Rainer Nickel/Olof Gigon, Aristoteles-Die Nikomachische Ethik, 2007, S. 331

[6] Rainer Nickel/Olof Gigon, Aristoteles-Die Nikomachische Ethik, 2007, S. 341

[7] Handreichung im Seminar: Montaigne-Zuneigung und Freundschaft, S. 148

[8] Rainer Nickel/Olof Gigon, Aristoteles-Die Nikomachische Ethik, 2007, S. 333

[9] Rainer Nickel/Olof Gigon, Aristoteles-Die Nikomachische Ethik, 2007, S. 331

[10] Handreichung zu Montaigne im Seminar: Montaigne-Zuneigung und Freundschaft, S. 148

[11] Handreichung zu Montaigne im Seminar: Montaigne-Zuneigung und Freundschaft, S. 147

[12] Handreichung zu Montaigne im Seminar: Montaigne-Zuneigung und Freundschaft, S. 150

[13] Handreichung zu Montaigne im Seminar: Montaigne-Zuneigung und Freundschaft, S. 147

[14] Rainer Nickel/Olof Gigon, Aristoteles-Die Nikomachische Ethik, 2007, S. 333

[15] Rainer Nickel/Olof Gigon, Aristoteles-Die Nikomachische Ethik, 2007, S. 331

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Freundschaft bei Aristoteles. Die Nikomachische Ethik aus soziologisch-historischer Perspektive
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V427032
ISBN (eBook)
9783668749788
ISBN (Buch)
9783668749795
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Aristoteles, Freundschaft, Hausarbeit
Arbeit zitieren
Thomas Purkart (Autor), 2011, Freundschaft bei Aristoteles. Die Nikomachische Ethik aus soziologisch-historischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/427032

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