Vergleich zweier Medien im Hinblick auf deren formelle Narrationsgrundlagen am Beispiel 'Fight Club'


Hausarbeit, 2005
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
1. 1. Inhalt als Kurzfassung
1. 2. Vorgehensweise
1. 3. Arbeitsvorlagen

2. Vergleich der einzelnen Aspekte
2. 1. Verhältnis Erzählzeit und erzählter Zeit / Erzähltempo
2. 2. Chronologie
2. 3. Stimme – Wer erzählt?
2. 4. Erzähler und Fokalisierung
2. 5. Techniken zur Wiedergabe gesprochener und stummer Rede

3. Fazit

4. Quellenverzeichnis
4. 1. Literatur
4. 2. Internet
4. 3. Filmographie

1. Vorwort

Scheiß auf dein Wissen! Du musst vergessen, was du weißt, und das ist dein Problem: vergessen, was du glaubst zu wissen – über das Leben, über Freundschaft und…[1]

…über herkömmliche Erzählformen. Denn weder der Roman von Chuck Palahniuk noch der darauf aufbauende Film Fight Club von David Fincher verpflichten sich den Konventionen. Gewöhnliche Medien dieser Art erzählen häufig über Menschen, deren Handlungen und Gedanken, wobei letzteres, die Bewusstseinsprozesse, noch schwieriger darzustellen sind, jedoch gerade eine eminent wichtige Rolle spielen.[2] Doch wie wird nun ein Film oder Roman erzählt, dessen Protagonist kaum mehr als eine leere Hülle der Schlaflosigkeit, emotionalen Zerstörung und des unbewussten Wahnsinns ist.[3]

1. 1. Inhalt als Kurzfassung

Dies nämlich ist der namenlose Erzähler[4], im Film durch Edward Norton verkörpert. Dieser amerikanische Jedermann, dessen Leben ausschließlich in vorgegebenen Bahnen verläuft, leidet und hasst seine Existenz.[5] Im Unbewussten erschafft er sich seinen Alter Ego Tyler Durden, verkörpert durch Brad Pitt, der genau das Gegenteil vom Erzähler selbst- und somit gleichfalls alles was er am liebsten wäre- ist. Mit Tyler als schizophrenen Widerpart und dessen revolutionären Einfluss bricht der Protagonist aus seinem Leben aus und rebelliert gegen alles, was sein Leben bisher ausmachte. Doch letztendlich läuft alles auf eine terroristische aber auch persönliche Katastrophe hinaus, die in letzter Sekunde verhindert werden soll. Erschreckend und überraschend zugleich erkennt der Rezipient Fight Clubs erst spät, dass es sich beim Erzähler und Tyler Durden um eine Person handelt.

1. 2. Vorgehensweise

Im Folgenden möchte ich versuchen herauszufinden, was genau die Besonderheiten an den Erzählformen des Buches und des Filmes sind und wie man beide Medien in narrativer Hinsicht miteinander vergleichen kann. Doch wo sind hierbei die Ansatzpunkte?

Jochen Vogt fasst in seinem Text „Grundlagen narrativer Texte“ die bis heute gültigen Punkte, in welche narrative Texte gegliedert werden können, zusammen. Grundsätzlich unterscheidet er „discours“ (die Zeichenfolge, also wie ein Text erzählt) und „histoire“ (die Ereignisfolge, also was ein Text erzählt).[6] Im Folgenden möchte ich mich nur auf ersteres, den Erzähldiskurs, beziehen.

Ich werde versuchen Buch und Film Fight Club in den fünf elementaren Gesichtspunkten des discours miteinander zu vergleichen. Diese sind 1. Verhältnis von Erzählzeit & erzählter Zeit, 2. Chronologie, 3. Stimmen, 4. Erzählerform und Fokalisierung, 5. Techniken zur Wiedergabe der gesprochenen und stummen Rede.[7]

1. 3. Arbeitsvorlagen

Als Textvorlage steht mir Chuck Palahniuks Roman Fight Club als deutsche Auflage (2004) vom Goldmann-Manhatten-Verlag zur Verfügung. Diese ist übersetzt von Fred Kinzel und beinhaltet zusätzlich ein Vorwort von Palahniuk selbst, welches von Werner Schmitz übersetzt wurde.

Als Filmvorlage dient mir die deutsche Ü16-Free-TV-Version, sowie die englische Ü18-Version. Auf letztere beziehen sich alle Zeitangaben, welche ich im Folgenden (hh:mm:ss) anführe.

2. Vergleich der einzelnen Aspekte

Im Vorfeld zu dem Vergleich muss eine gewisse Grundunterscheidung getroffen werden. Ein Film stellt für viele Menschen, vor allem wenn er nicht näher analysiert wird, in erster Linie ein Unterhaltungsmedium dar, welches ohne großen Aufwand rezipiert werden kann. So auch Finchers Fight Club. Auf diese rezeptiv konsumierende Art kann man sich den Film ansehen, jedoch niemals das Ursprungsbuch von Palahniuk lesen. Der Film vereinfacht generell das Buch dadurch, dass die visuelle Wahrnehmungsebene die Vorstellungsebene ersetzt.[8] Dies ist bei allen Literaturverfilmungen so, doch bei Fight Club im Besonderen. Wobei das daran liegt, dass Orte wechseln, Erzählzeiten variieren, Chronologien gebrochen werden und ein Kapitel nie an ein nächstes direkt anschließt. Christian Haug beschreibt die einzelnen Kapitel[9] als eine „Art Sammlung von zusammenhängenden Kurzgeschichten.“[10]

Und dieser Gedanke ist auch gar nicht falsch, denn Palahniuk schreibt selbst Folgendes:

Am Anfang war es bloß eine Kurzgeschichte. Nur ein Experiment […]. Statt jemanden in einer Geschichte von einer Szene zur anderen zu führen, musste es doch auch etwas Schnelleres geben – harte Schnitte. Sprünge. Von einer Szene zur anderen. […] Jeden Aspekt einer Geschichte aufzeigen, aber nur den Kern jeden Aspekts. Den entscheidenden Augenblick.[11]

Unter diesem Hinblick soll die filmische Adaption Fight Club jedoch keinesfalls als trivial abgewertet werden, denn schließlich hat Fincher einen der meistdiskutierten Filme des ausklingenden 20. Jahrhunderts geschaffen und vor allem aus dem erfolglosen Buch Fight Club einen nachhaltigen „Kultroman“ gemacht.[12]

2. 1. Verhältnis Erzählzeit und erzählter Zeit / Erzähltempo

Der Film, aber noch viel stärker das Buch Fight Club, haben einen sehr bemerkenswerten Umgang mit Tempo und der Dimension Zeit. Bis hin zur letzten Szene findet im Film, im weitesten Sinne, eine Zeitraffung statt. Die Dauer der Story ist wesentlich länger als die Dauer des Plots[13] (temporal ellipses).[14] An den belangreichen Szenen wird nun das Geschehen wieder fokussiert.

Betrachten wir z.B. die ersten 20 Minuten des Films näher. Innerhalb dieser kurzen Zeit bekommen wir so gut wie alles Wissenswerte über den Protagonisten vermittelt. Durch die Form der permanenten Zeitraffung wird seine Rastlosigkeit klar und durch die zeitdeckende Darstellung (continuity edeting[15]) bekommt der Zuschauer Einblicke in des Protagonistens Leben. Uns wird gezeigt, dass ihn seine Arbeit abstumpft, („eine Kopie einer Kopie einer Kopie“), dass er seit den Selbsthilfegruppen und Bob wieder schlafen kann und dass Marla Singer diesen Zustand wieder beeinträchtigt.[16]

Zeitdehnung ist im Film nur sehr subtil eingesetzt und zwar fast ausschließlich in Bewusstseinsprozessen des Protagonisten. Unter anderem in den Szenen, in welchen die Hauptfigur in seine „Höhle“ zu seinem „Krafttier“ geht – geführte Meditation.[17] Diese Szenen wurden bewusst verlangsamt, um die elementare Aussage der Sequenzen zu unterstreichen. Eine offensichtliche Problematik des Erzählers wird hier widergespiegelt, dass er zu viel Kontrolle über sein Leben hat. Zum Gegenteil dieser Kontrolle, dem „Gleiten“, fordert ihn nun sein „Krafttier“ auf.[18]

Alles in allem sind, zumindest im Film, diese Bewusstseinsprozesse, in denen die screen duration[19] länger ist als der Plot in dieser Szene, sehr spärlich verwendet, einfach weil Fincher, der ja ursprünglich durch Werbe- und Musikvideos bekannt wurde, in hohem Maße auf Schnelligkeit Wert legt. Schnelligkeit unterstützt Kurzweiligkeit, Härte und Rastlosigkeit als bedeutungsvolle Elemente im Film. Die vorletzte Sequenz des Filmes, den Kampf zwischen Tyler und Erzähler im Parkgeschoss des Hochhauses, zerteilt Fincher bzw. der Editor des Films, James Haygood, nicht umsonst mit etwa 300 Schnitten in ca. 4,5 Minuten.[20]

A lot of this movie was about moving through scenes as quickly as we could. It's something that David is very interested in and that's how he directs; [...]. He tends to want to get into the scene, convey the information and move on.[21]

[...]


[1] Fincher David, „Fight Club“, USA 1999, Linson Films/ New Regency Productions, 01:34:13 – 01:34:21.

[2] Vgl. Haug Christian, „Fight Club – Zur Darstellung von Bewusstsein in Buch und Film“, Seminararbeit im Hauptseminar „Literaturverfilmung“ von Prof. Dr. R.G. Renner im WS 01/02, unter: http://home.arcor.de/c.haug/fightclub/fcmain.htm, S. 1.

[3] Vgl. Schock Flemming, Filmspiegel.de, unter: http://www.filmspiegel.de/filme/fightclub/fightclub_1.php, S. 1.

[4] In vielen Rezensionen wird er als Jack oder Joe betitelt nur Aufgrund dessen, dass der Erzähler Gefühlsäußerungen, so wie er es zuvor im „Readers Digest“ gelesen hatte in der 1.Person eines Organs wiedergibt. (Palahniuk, S. 75) Ein absoluter Trugschluss ist jedoch, dass dies sein wirklicher Name ist. Im Gegenteil, es ist so, dass Palahniuk und Fincher rigide vermeiden, den wahren Namen des Protagonisten preiszugeben, einfach deshalb weil er, als ungefestigter Charakter erstens noch keine wahre Identität herausgebildet hat und zweitens absolut im Schatten des charismatischen Tyler Durden steht. Beweise für diese Geheimhaltung sind, dass Fincher kurz bevor er seinen Namen sagen kann in die nächste Szene springt (0:17:40), sowie er im Buch anstelle Marla den Namen zu sagen, ihr seinen Führerschein zeigt ( Palahniuk,

S. 213).

[5] Vgl. Welsch Regine, Kritik unter: http://www.artechock.de/arte/text/kritik/f/ficlub.htm, S. 1.

[6] Vgl. Vogt Jochen, „Grundlagen narrativer Texte“, in Grundzüge der Literaturwissenschaft , Hg. Heinz Ludwig Arnold und Heinrich Detering, 3. Auflage München 1999, S. 288.

[7] Vgl. Ebd. S. 297ff.

[8] Vgl. Pittrof Ursulina, „Der Weg der Rose vom Buch zum Film“, Tectum-Verlag, 2002, S.15; zit.n.: G. Palmes: „Literatur und Film“, S. 16.

[9] Palahniuks „Fight Club“ besteht aus 30 Kapiteln. Jedes Kapitel ist nur zwischen 3 und 14 Seiten lang.

[10] Haug, S. 2.

[11] Palahniuk Chuck, „Fight Club“, Übersetzung Kinzel Fred, Vorwort – „Es war einmal ein Buch“, Übersetzung Schmitz Werner, Goldmann-Manhatten-Verlag I. Auflage 2004, S. 11.

[12] Vgl. Scharr Florian, „Fight Club – als Erlösungsspiel für Erwachsene”, Hauptseminar-Arbeit “Universität Mannheim, 2000/2001, http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/1908.html, S. 1.

[13] Die Story beginnt in der Jugend des Protagonisten, denn er spricht u.a. über seinen Vater (00:37:16). Der Plot behandelt etwa 2 Jahre, etwas vor Gründung des Fight Club bis hin zur Hochhaussprengung (und streng genommen, dem Abspann). Die screen duration hat eine Länge von 133 Minuten.

[14] Vgl. Bordwell David & Thompson Kristin, „Film Art – An introduction“, McGraw-Hill, (2004), S.68f / S.308.

[15] Ebd, S. 310.

[16] Fincher „FC“, 0:03:15 – 0:03:58; 0:06:45 – 0:08:29; 0:10:25 – 0:11:20.

[17] Ebd. , 0:09:06 – 0:10:02 und 0:13:03 – 0:13:36.

[18] Vgl. Derendinger Franz, „Fight-Club – Arbeitsmappe“, Medienladen, unter: http://www.medienladen.ch/download/fight_club.pdf, S. 25.

[19] Bordwell/ Thompson, S. 74f.

[20] Mergenthaler Jens, „Fight Club & die Zerstörungswürdigkeit dieser Welt – eine schizofrene Film Analyse“, Otto-Friedrich-Universität Bamberg/Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur WS 00/01, unter: http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/lia/21553.html“, S. 11 – 12, siehe Fincher „FC“ 01:58:30.

[21] Haug, zit. n. James Haygood (Editor), S. 9.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Vergleich zweier Medien im Hinblick auf deren formelle Narrationsgrundlagen am Beispiel 'Fight Club'
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
Mediendramaturgie
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V42720
ISBN (eBook)
9783638406895
ISBN (Buch)
9783638763196
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit untersucht die Narration des Buches und Filmes "Fight Club" in formeller Hinsicht. Die Theorien von Jochen Vogt zum Erzähldiskurs aus "Grundlagen narrativer Texte" war die Leittheorie. Außerdem werden aufbauend darauf Elemente der Dramaturgie diskutiert.
Schlagworte
Medien, Hinblick, Narrationsgrundlagen, Beispiel, Fight, Club, Mediendramaturgie, Vogt, Chronologie, Dramaturgie, Medienvergleich, Buch, Film, Vergleich, Format, Palahniuk, Chuck, Durden, Pitt, Nortan, Fincher, Zeit, screen, duration, Kamera, Fight Club, Erzählung, Narration, Singer, Erzählweise, Montage
Arbeit zitieren
Martin Thiele (Autor), 2005, Vergleich zweier Medien im Hinblick auf deren formelle Narrationsgrundlagen am Beispiel 'Fight Club', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42720

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