Auf Grundlage von Franz Kafkas „Das Urteil“ verfolge ich die Arbeitshypothese, dass die Figur des Petersburger Freundes als Alter Ego des Protagonisten Georg Bendemanns wahrgenommen werden kann und somit Sinnbild der Subjektspaltung desselbigen ist. Zudem werde ich die Handlung der Novelle mit Franz Kafkas Biographie und brieflichen Eigenkommentaren zu der Erzählung verknüpfen um letztendlich „Das Urteil“, als ein Beispiel für erzählte Psychoanalyse mit der Doppelgängerthese Dr. Otto Ranks zu vergleichen, die er in der psychoanalytischen Studie „Der Doppelgänger“ darlegte.
Im einleitenden Teil der Arbeit findet eine inhaltliche Analyse am Text selbst als hermeneutische Prüfinstanz statt welche sich aus einer psychoanalytischen Perspektive auf die Rolle des Freundes innerhalb verschiedener, thematischer Aspekte und Figurenkonstellationen der Novelle konzentriert. Dabei wird ermittelt welche literarischen Indizien eine These, die Figur des Petersburger Freundes fungiere als Alter Ego Georg Bendemanns, stützen oder negieren. Anschließend wird herausgearbeitet inwieweit sich, anhand der biographischen Übereinstimmungen zwischen der literarischen Subjektspaltung der Hauptfigur der Novelle und der fraglichen Subjektspaltung des Autors eine sichtbare Verbindunglinie ziehen lässt und einige Aspekte Franz Kafkas Eigeninterpretation zu der Erzählung werden dargestellt.
Dieser Hausarbeit liegt der als Novelle interpretierte Text „Das Urteil“ von Franz Kafka, welcher seiner eigenen Aussage nach in der Nacht vom 22. Auf den 23. September 1912 in einem einer Geburt ähnelnden Schaffensprozesses entstand, als Primärtext zu Grunde. Die Erzählung handelt von einem Disput zwischen dem Protagonisten Georg Bendemann und seinem alternden Vater. Bendemann korrespondiert in der Erzählung brieflich mit einem Freund der vor Jahren nach Petersburg verzogen ist und einen konträren Lebensweg in Einsamkeit wählte, im Gegensatz zu dem jungen Kaufmann der sich gerade frisch verlobt hat. Am Ende des Streitgesprächs zwischen Vater und Sohn, welcher die Existenz des Freundes in der Fremde und die bevorstehende Heirat Georgs thematisiert, verurteilt der Vater den Sohn zum Tode durch Ertrinken woraufhin Georg fluchtartig das Elternhaus verlässt und sich über ein Brückengeländer schwingt.
Inhaltliche Gliederung
1. Einleitung
2. Inhaltliche Analyse
2.1 Einführung und Charakterisierung des Freundes in der Fremde
2.2 Bendemanns Verlobung und die Rolle des Freundes
2.3 Der Disput mit dem Vater
2.4 Der Freund als Spiegel Georg Bendemanns
2.5 Biographische Verknüpfung
2.6 „Das Urteil“ als Interpretationsgegenstand und Kafkas Eigeninterpretation
2.7 Otto Rank – „Der Doppelgänger“
2.8 Vergleich der Doppelgängertheorie Otto Ranks mit Franz Kafkas Urteil
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Novelle „Das Urteil“ von Franz Kafka mit dem Ziel, die Figur des Petersburger Freundes als Alter Ego des Protagonisten Georg Bendemann zu analysieren und als Ausdruck einer Subjektspaltung zu deuten. Dabei werden biographische Parallelen Kafkas sowie psychoanalytische Konzepte von Otto Rank herangezogen, um das Werk als eine Form der „erzählten Psychoanalyse“ einzuordnen.
- Psychoanalytische Deutung der Rollenkonstellation (Vater, Sohn, Freund)
- Untersuchung der Doppelgängertheorie nach Otto Rank
- Biographische Analyse der Beziehung Kafkas zu seinem Vater und Felice Bauer
- Die Funktion des Schreibens als therapeutische Instanz für den Autor
- Vergleich zwischen literarischer Fiktion und dem realen Leben Franz Kafkas
Auszug aus dem Buch
Der Freund als Spiegel Georg Bendemanns
Es ist zu bemerken, dass der Freund in der Fremde zu keinem Zeitpunkt der Erzählung persönlich anwesend ist oder aktiv zur Konversation beiträgt. Er besteht in schriftlicher Form als Adressat der brieflichen Korrespondenz Georg Bendemanns und in mündlich tradierter Form, von Bendemann und seinem Vater vorgetragen. Er existiert nur durch die Unterscheidung und Charakterisierung der beiden streitenden Generationen und als Projektion derselbigen. Mehr noch wird die Figur des Freundes anfangs des Disputes von dem Vater negiert. Diese nicht bestätigte Existenz verunsichert den Interpreten und trägt maßgeblich zu dem typisch kafkaesken Empfinden eines Paradoxon der Erzählung bei. Trotz anfänglicher Infragestellung des Freundes seitens des Vaters entwickelt sich die Figur für Beide zu einer psychischen Realität. Ihm kommt mehr und mehr die Rolle einer psychischen Instanz zu, bei der eine physische Ab- oder Anwesenheit irrelevant wird.4 Georg und sein Vater fungieren demnach die Figur des Freundes betreffend als Interpreten erster Ordnung. Der Leser der Novelle allerdings als Interpret zweiter Ordnung, eine übergeordnete Sicht auf die Figurenkonstellation der drei Männer innehabend, weshalb auch dem Rezipienten erst die Interpretation des Freundes als Alter Ego und/oder Projektion abgespaltener Charakteraspekte Georg Bendemanns möglich wird.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Problemstellung ein und definiert das Ziel, die Figur des Freundes psychoanalytisch als Alter Ego des Protagonisten zu untersuchen.
Inhaltliche Analyse: Dieses Hauptkapitel bietet eine detaillierte Textanalyse, die von der Charakterisierung des Freundes über den Disput mit dem Vater bis hin zum Vergleich mit Otto Ranks Doppelgängertheorie reicht.
Einführung und Charakterisierung des Freundes in der Fremde: Es wird die gesellschaftliche Isolation und der wirtschaftliche Misserfolg des Freundes in Petersburg beleuchtet, die einen starken Kontrast zu Georg bilden.
Bendemanns Verlobung und die Rolle des Freundes: Die Korrespondenz über die Verlobung verdeutlicht das Spannungsfeld zwischen Georgs bürgerlichem Streben und der Bindung an den Freund.
Der Disput mit dem Vater: Dieser Abschnitt analysiert das eskalierende Streitgespräch, in dem der Vater Georgs Verlobung verurteilt und die Existenz des Freundes zur psychischen Waffe macht.
Der Freund als Spiegel Georg Bendemanns: Es wird erörtert, wie die physisch abwesende Figur des Freundes als psychische Instanz und Projektionsfläche dient.
Biographische Verknüpfung: Dieses Kapitel vergleicht die Novelle mit Kafkas eigener Biographie, insbesondere seinen Schwierigkeiten mit dem Vater und seinen Verlobungen.
„Das Urteil“ als Interpretationsgegenstand und Kafkas Eigeninterpretation: Hier werden Kafkas eigene Aussagen zum Werk mit literaturwissenschaftlichen Ansätzen kontrastiert.
Otto Rank – „Der Doppelgänger“: Die Studie von Otto Rank wird als theoretisches Fundament zur psychoanalytischen Interpretation des Doppelgängermotivs vorgestellt.
Vergleich der Doppelgängertheorie Otto Ranks mit Franz Kafkas Urteil: Abschließend wird geprüft, inwiefern Kafkas Werk in den theoretischen Rahmen von Rank passt oder sich von ihm durch die Form der Rollendopplung unterscheidet.
Fazit: Das Fazit bestätigt, dass der Freund als Alter Ego deutbar ist, und betont Kafkas Rolle als intuitiver Psychoanalytiker im Medium der Erzählung.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Das Urteil, Psychoanalyse, Doppelgänger, Otto Rank, Alter Ego, Subjektspaltung, Georg Bendemann, Vater-Sohn-Konflikt, Literaturpsychologie, Felice Bauer, Rollendopplung, literarische Hermeneutik, Identitätskrise, Entfremdung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Franz Kafkas Novelle „Das Urteil“ unter psychoanalytischen Gesichtspunkten, insbesondere mit dem Fokus auf die Rolle des Petersburger Freundes als Alter Ego des Protagonisten Georg Bendemann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Subjektspaltung, die biographische Verknüpfung zu Kafkas eigenem Leben, die Vater-Sohn-Problematik sowie die Anwendung der Doppelgängertheorie nach Otto Rank auf den Novellentext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Hypothese zu belegen oder zu entkräften, dass der abwesende Freund ein psychisches Spiegelbild bzw. ein abgespaltener Teil der Persönlichkeit des Protagonisten Georg Bendemann ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die hermeneutische Ansätze mit psychoanalytischen Theorien kombiniert, um sowohl den Text als auch die biographischen Hintergründe zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil finden sich eine detaillierte inhaltliche Textanalyse, ein Vergleich mit Kafkas Tagebuchnotizen und Briefen sowie eine theoretische Einordnung in die psychoanalytische Doppelgängerforschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Schlüsselwörter sind unter anderem Kafka, Alter Ego, Doppelgängertheorie, Vater-Sohn-Konflikt, psychoanalytische Literaturtheorie und Rollendopplung.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Vaters im Kontext der Doppelgängertheorie?
Der Autor interpretiert den Vater als Instanz, die Georgs Verrat an seinem „wahren Ich“ erkennt und das Urteil über ihn spricht, wobei der Freund als das Symbol für dieses vernachlässigte, alternative Ich fungiert.
Warum wird der Freund in der Arbeit nicht als klassischer Doppelgänger, sondern als Rollendopplung bezeichnet?
Im Gegensatz zu den von Rank beschriebenen Doppelgängern weisen Georg und der Freund keine äußere Ähnlichkeit auf. Die Verbindung besteht eher in einer psychischen Komplementarität, weshalb der Begriff „Rollendopplung“ präziser gewählt ist.
- Arbeit zitieren
- Mirjam Bäcker (Autor:in), 2016, Darstellung der fraglichen Subjektspaltung in Franz Kafkas „Das Urteil“. Die Figur des Petersburger Freundes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/427709