Die Linie bei Kandinsky


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

22 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Wassily Kandinsky

2. Das Bauhaus
2.1 Grundideen
2.2 Das Bauhaus im Leben Kandinskys: Die Entstehung von „Punkt und Linie zu Fläche“

3. Energieformen im Bezug auf die Linie bei Kandinsky
3.1 Spannung
3.2 Kraft
3.3 Bewegung
3.3.1 Bewegung bei Kandinsky
3.3.2 Bewegung bei anderen Künstlern
3.4 Rhythmus

4. Die Komposition bei Kandinsky
4.1 Die Elemente der Komposition Kandinskys
4.1.1 Farben und Formen
4.1.2 Der Zahlenausdruck
4.1.3 Die Zeit
4.2 Die Komposition als Gleichgewicht von Energien

5. Kandinsky heute

Literaturverzeichnis

Abbildungen:

Abbildung auf dem Titelblatt: W. Kandinsky: Zeichnung 1918 (aus VOLBOUDT, S.32)

Abbildung 1: Die Spannungen eines Winkels

Abbildung 2: Spannungen der Geraden und der Gebogenen

Abbildung 3: Gebogene-geometrisch-Wellenartige mit An- und Abspannungen

Abbildung 4: Kräfte einer Eckigen

Abbildung 5: Pflanzliche Schwimmbewegungen durch „Geißeln“

Abbildung 6: Rhythmen bei der Wiederholung von Geraden

1. Wassily Kandinsky

Der „in Kunstkreisen weltberühmte“[1] Wassily Kandinsky wurde am 4. Dezember 1866 in Moskau als einziges Kind des Teekaufmanns Wassily Silvestrovich Kandinsky und seiner Gattin Lydia Ivanovna Ticheeva geboren.

Nach einem Jura- und Volkswirtschaftsstudium an der Universität in Moskau beschloss er, mit 33 Jahren noch Malerei zu studieren. Dazu siedelte er nach München über, wo er dort bis 1900 an verschiedenen Malschulen wie der von Anton Azbé und Franz von Stuck lernte. Nachdem er 1901 zusammen mit anderen Malern die Malschule „Phalanx“ gegründet hatte, lernte er 1902 dort Gabriele Münter, eine Schülerin von ihm, kennen. Schon ein Jahr später folgte die Verlobung mit dieser und Kandinsky trennte sich von seiner ersten Frau.

Auf seinem einjährigen Paris-Aufenthalt 1906/07 mit Gabriele Münter setzte sich Kandinsky mit den Werken von den dortigen Künstlern wie Matisse, Dérain und Picasso auseinander.

Ab 1908 ließ er sich wieder in München nieder, wo er 1909 die „Neue Künstlervereinigung München“ gründete. Ein Jahr später erschien sein Werk „Über das Geistige in der Kunst“. 1911 traten Kandinsky und seine engen Freunde, Franz Marc, Gabriele Münter und Alfred Kubin, nach einem Konflikt aus der Vereinigung aus und gründeten eine neue Vereinigung, „Der blaue Reiter“, wo er den Weg zur abstrakten Malerei fand. Nach Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 musste er über die Schweiz zurück nach Moskau fliehen. Auf der Flucht begann er mit der Niederschrift von „Punkt und Linie zu Fläche“, welche in dieser Arbeit Grundlage der Diskussion sein soll.

Erst 1921 kehrte Kandinsky nach Deutschland zurück. Mit bereits 55 Jahren folgte er dem Ruf von Walter Gropius 1922 ans Bauhaus in Weimar, eine wichtige Etappe in seinem Leben. Daher wird in einem Gliederungspunkt gezielt auf diese Zeit eingegangen. Nach der Auflösung des Bauhauses 1933 in Berlin zog er mit seiner zweiten Frau, Nina Andrejewska, nach Paris um. 1944 starb er dort an einem Hirnschlag in seiner Wohnung.[2]

Kaum ein anderer Künstler erreichte mit seinem Werk schon zu Lebzeiten eine solche Berühmtheit wie er. Er gilt als erster abstrahierender Maler und mit Picasso, Matisse, Mondrian und Malewitsch als Begründer der modernen Malerei.

In der folgenden Arbeit wird nach der Darstellung seiner wichtigsten Zeit im Leben, der Bauhaus-Zeit, und der Entstehung seines Buches „Punkt und Linie zu Fläche“, ein Textabschnitt aus diesem, nämlich die Linie, diskutiert. Es werden Schwerpunkte aus Kandinskys Theorien zur Linie dargestellt und hinterfragt, aber auch mit den Ansichten anderer Künstler verglichen.

2. Das Bauhaus

Die wohl wichtigste Phase im Leben Kandinskys stellen wohl seine Jahre als Lehrer am Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin dar. Daher sollen nun das Bauhaus und die Grundideen erst allgemein vorgestellt werden, anschließend die Bedeutung des Bauhauses besonders für Kandinsky herausgestellt und auf die Entstehung des Werkes „Punkt und Linie zu Fläche“ eingegangen werden.

2.1 Grundideen

Beim „Staatlichen Bauhaus“ handelt es sich um ein Institut und eine Schule, welche 1919 von Walter Gropius, einem Architekten, in Weimar gegründet, nach Dessau und Berlin verlagert und schließlich in Berlin 1933 auf nationalsozialistischem Druck geschlossen wurde. Es entstand aus der Vereinigung der vor Ort ansässigen ehemaligen Kunstakademie und der früheren Kunstgewerbeschule, und war für Maler, Bildhauer und Architekten gedacht, welche im Rahmen bestimmter grundsätzlicher Ziele lernen, aber auch mit den dort tätigen Lehrern an einem gemeinsamen Projekt arbeiten sollten: ein gemeinsames, zukunftsweisendes Werk, ein „Einheitskunstwerk“.[3] Damit sollten alle werkkünstlerischen Disziplinen, wie Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Handwerk zu einer Baukunst vereint werden. Monumentale und dekorative Kunst sollten nicht mehr voneinander getrennt werden.

Dies war ein Ziel, welches Walter Gropius bei der Gründung dieser „Reformkunstschule“[4] beabsichtigte. Des weiteren wollte er zur „werkmäßigen Grundlage des Künstlerischen zurückkehren“,[5] sowie die Malerei als „freie Kunstausübung“[6] ausführen. Die Bauhaus-Maler wurden sowohl formal-künstlerisch als auch materialwerkmäßig ausgebildet, d.h. es bestand eine Affinität zum Mathematischen und Architektonischen, mit den Grundformen Kreis, Dreieck, Quadrat und den primären Farben blau, gelb und rot. Es bestand die Tendenz, die malerisch-zeichnerische Darstellung an dem Gegenständlichen zu lockern und in die Abstraktion überzugehen. Die Bauhaus-Maler zeichnet auch eine Neigung zur Theorie aus, schließlich wurden dort auch „kunst- und designpädagogische Konzeptionen“[7] entwickelt, die sogar heute noch in Teilaspekten aktuell sind.

Der Name „Bauhaus“ stammte bewusst von den Bauhütten im Mittelalter, und hat auch das von Gropius formulierte Endziel, den „Bau“.[8]

Als Lehrer beschäftigte er bekannte und ausgewählte Personen, darunter Lyonel Feininger, Johannes Itten, Paul Klee und schließlich seit 1922 auch Wassily Kandinsky. Diese Konzentration „hochkarätiger Avantgarde-Künstler“[9] zeichnet den besonderen Rang und die Einmaligkeit des Bauhauses aus.

Am Anfang (1919 bis 1922) gab es noch Einfluss des Expressionismus und es herrschte die auf das Zusammenwirken von Kunst und Handwerk zielende Phase, 1923 begann Gropius jedoch einen Schwerpunkt auf die „neue Einheit“ Kunst und Technik zu setzen, wobei davon die Gestaltung der Umwelt im gleichen Maße abhängen sollte, der Künstler also als Gestalter in der Gesellschaft auftreten sollte. In den Bauhauswerkstätten entstanden Vorbilder, welche für die Massenproduktion bestimmt waren, von der Lampe bis zum Wohnhaus.[10] Einige Schüler und Lehrer sahen jedoch eine Spannung zwischen Kunst und Technik. Das Bauhaus war ständigen Wandlungen unterzogen, durch Wechsel in seiner Leitung und unter den Lehrern, durch künstlerische Einflüsse von außen und durch die politische Situation. Daher kann von einer einheitlichen „Bauhaus-Kunst“ nicht gesprochen werden.

Zusammenfassend kann man behaupten, dass das Bauhaus eine der „bedeutsamsten und folgenreichsten kulturellen Initiativen des früheren 20. Jahrhunderts“[11] war. Die vielfältigen Wirkungen dieses „Experimentes“ reichen bis in unsere Gegenwart.[12]

2.2 Das Bauhaus im Leben Kandinskys: Die Entstehung von „Punkt und Linie zu Fläche“

1922 wurde auch Kandinsky an das Bauhaus als Lehrer im Fach Formenlehre und in der Werkstatt für Wandmalerei berufen.

Für ihn waren die Ziele Gropius mit seinen Vorstellungen der Synthese der Künste verbunden, so dass der Eintritt in das Bauhaus die Gelegenheit, die „bis dahin nur in theoretischen Vorschlägen bestehenden Lehren seiner Schriften zu verwirklichen“.[13] Anfangs war er enttäuscht über die Vernachlässigung der Malerei, doch 1926 wurde schließlich ein Unterricht im Malen eingerichtet.[14] Bei DE PALEZIEUX heißt es sogar, dass die Zeit in Weimar und Dessau für Kandinsky der „Höhepunkt seiner Laufbahn“[15] gewesen sein muss, da er sich unter Gleichgesinnten fühlte, in anderer Literatur ist von den Bauhaus-Jahren als die „glücklichsten ihres [d.s. Klee und Kandinsky] Schaffens“[16] die Rede. Anderseits schrieb Kandinsky in einem Brief von 1936 über seine Lehrtätigkeit am Bauhaus, dass die Vorbereitungen und die „große innere Spannung, die zum Unterricht nötig ist“, ihn „aus dem Konzept“ brachten und seiner „persönlichen Arbeit“ schadeten.[17]

Als 1925 das Bauhaus nach Dessau umzog, arbeitete Kandinsky in dieser Zeit schon an seiner zweiten theoretischen Hauptschrift, dem Buch „Punkt und Linie zu Fläche“, welches 1926 in München erschien und diesmal nicht, wie im ersten Werk die Farbe, sondern nun die Form in den Mittelpunkt stellt. Es wurde damals auf der Flucht nach Moskau begonnen, jedoch zu den Zeiten des Bauhauses erst veröffentlicht. Ursprünglich handelte es sich damals um einen Artikel für die Bauhaus-Zeitschrift mit dem „Hinweis auf die tragende Rolle des von den bildenden Künstlern getragenen gestalterischen Grundlagenunterrichts“[18]. Es ist das 9. Band der Schriftenreihe „Bauhaus-Bücher“. In einem Brief an Grohmann vom 3. November 1925 berichtet er: „Ich möchte das Manuskript gern aus dem Haus haben, da ich sonst mit den Verbesserungen nicht aufhöre.“[19]

In dem Buch „Punkt und Linie zu Fläche“ entwickelt er einen Formenschatz von Punkten und miteinander verbundenen Linien, die sich in einem Spannungsverhältnis befinden und damit bedeutungsvolle geometrische Figuren bilden.[20] Er ordnet die Elemente seiner Formensprache nach ihrer Beschaffenheit, ihren Eigenschaften und nach ihrem Charakter. Er erstellt eine Art „Katalog ihres Verlaufes, des jeweiligen Drucks, [..] und der Verformungen.“[21] Mit der Herausgabe von Fragebögen werden seine entworfenen Theorien entwickelt. Auch diese Schrift belegt die Vertrautheit Kandinskys mit der gestalt-psychologischen Theorie.

Neben den großen Abschnitten wie „Punkt“ und „Fläche“ schrieb er auch ausführlich über die „Linie“.

3. Energieformen im Bezug auf die Linie bei Kandinsky

Im Textabschnitt „Punkt“ aus „Punkt und Linie zu Fläche“ von Kandinsky schreibt dieser über den Tod des Punktes und gleichzeitig über die Entstehung der Linie folgendes: eine Kraft von außerhalb „reißt ihn [den Punkt] heraus [aus der Fläche] und schiebt ihn auf der Fläche nach irgendeiner Richtung.“ Es entstehe dadurch ein „neues Wesen“ mit einem „neuen, selbständigen Leben“ und unterliege „eigenen Gesetzen“. Dieses neue Wesen mit eigenen Gesetzen sei die Linie.[22]

Dadurch ergibt sich, dass die geometrische Linie ein „unsichtbares Wesen“ sei, da sie nur die „Spur des sich bewegenden Punktes“ darstelle und daher lediglich aus einer Bewegung entstehe. Diese vernichte die „Ruhe des Punktes“ und es folge ein Übergang vom „Statischen in das Dynamische.“ Die Linie stelle damit den größten Gegensatz zum Punkt dar. Sie gelte als „sekundäres Element“, wobei man unter einem Element äußerlich jede zeichnerische oder malerische Form verstehe, innerlich die in der Form lebende innere Spannung. Die entstehenden Linien seien verschieden, würden jedoch alle von zwei Faktoren abhängen: von der Zahl der „von außen kommenden Kräften“ und deren Kombinationen[23].

Hier stellt sich natürlich die Frage, was Kandinsky mit den Begriffen Spannung, Kraft und Bewegung meint. In der Literatur taucht der passende Oberbegriff, die kleinste gemeinsame Basis dieser Wörter, auf: die Linie bei Kandinsky sei die „Fahrtrinne der Energie“[24]. Eine Spannung ist eine Form der Energie, welche zum Beispiel beim elektrischen Strom gemessen und in einer Zahl ausgedrückt werden kann. Spannung entsteht immer aus energiegeladenen Teilchen. Kraft findet man in der Physik vor, sie wirkt auf Massen und stellt auch ein Art Energie dar. Auch die Bewegung muss einen Energieimpuls erhalten, um entstehen zu können. Alle drei Begriffe haben etwas mit Energie zu tun. Im folgenden soll untersucht werden, wie Kandinsky diese Begriffe anwendet und unterscheidet, und was er schließlich damit ausdrücken will.

[...]


[1] DE PALENZIEUX: Der geometrische Punkt ist ein unsichtbares Wesen, S.56

[2] vgl. LANGNER: Grenzgänger, S.133-137

[3] GROPIUS, IN: VOLBOUDT: Kandinsky, S.60

[4] WICK: Johannes Itten, Kunstpädagogik als Erlebnispädagogik, S.25

[5] HAHN: Einführung IN: KUNSTVERLAG WEINGARTEN (Hrsg.): Künstler des Bauhauses, S.8

[6] ebd. S.9

[7] WICK, S.27

[8] ebd. S.26

[9] ebd. S.27

[10] vgl. http://www.bauhaus.de

[11] WICK, S.28

[12] vgl. http://www.bauhaus.de

[13] VOLBOUDT, S.60

[14] LANGNER, S.120

[15] DE PALEZIEUX, S.47

[16] LANGNER, S.120

[17] Brief vom 2.Juni 1936, IN: LANGNER, S.36

[18] http://www.bauhaus.de

[19] LANGNER, S.123

[20] vgl. GALLWITZ: Wassily Kandinsky, Einleitung

[21] VOLBOUDT, S.77

[22] KANDINSKY: Punkt und Linie zu Fläche, S.56

[23] ebd. S.57

[24] VOLBOUDT, S.21

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Linie bei Kandinsky
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Kandinsky lesen
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V42797
ISBN (eBook)
9783638407434
ISBN (Buch)
9783638724104
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Linie, Kandinsky, Wassily Kandinsky, Fläche, Kreis, Formen, Punkt, Strick, Dreieck, Bewegung, Spur, Farben
Arbeit zitieren
Jessica Mücke (Autor), 2005, Die Linie bei Kandinsky, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42797

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