Die populistische Opposition. Der außerparlamentarische Einfluss der AfD als Diskurs- und Agendasetzer


Seminararbeit, 2018

17 Seiten, Note: 1,0

Maximilian Hohenstedt (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Konzeptspezifikation
2.2 Neue Soziale Medien in der politischen Kommunikation
2.2 Agenda-setting der AfD durch nachgeholte Radikalisierung
2.3 Medienstrategien: „Borderline-Phrasing“ und Skandalisierung
2.4 Die politische Kommunikation der AfD: Framing, Priming, Nudging

3 Zusammenfassung und Fazit

4 Literatur- und Quellenverzeichnis
4.1 Literaturverzeichnis
4.2 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Als die Alternative für Deutschland (Afd) im Februar 2013 gegründet wurde, brachte sie binnen eines halben Jahres bis zur Bundestagswahl am 22. September 2013 knapp über zwei Millionen Wähler dazu, ihr Kreuz bei der Anti-Euro-Partei zu machen. Damit scheiterte die AfD mit 4,7 Prozent der Stimmen nur knapp an der Fünf-Prozent-Hürde und dem Einzug in den Bundestag. Das ist das beste Ergebnis einer neuen Partei bei den Bundestagswahlen seit den 1950ern (Niedermayer 2015: 175) und sollte 2017 übertroffen werden von einem Ergebnis von 12,6 % und dem Einzug in den Bundestag als drittstärkste Partei. Überregional erfolgreich wurde die AfD bei der Europawahl 2014 und ab da zog die Partei nach und nach in 14 Landesparlamente ein. Die inzwischen zur Anti-Einwanderungspartei gewandelte rechtspopulistische Partei stellt die deutsche Parteienlandschaft vor große Herausforderungen (Plehwe 2017: 249). Bereits ohne im Bundestag vertreten zu sein, bestimmte sie die Agenda der Bundestagswahl und beeinflusste damit den Kurs der Regierung. Von einer quantité négligeable zum agendasetzenden enfant terrible der deutschen Demokratie in wenigen Jahren - aus Sicht der AfD eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Doch wie schaffte es die kleine Ein-Themen-Partei von 2013, die xenophoben Belange einer Minderheit vor allem 2016 und 2017 medial so zu kommunizieren, dass es eine derart große Responsivität der Regierungsparteien zum Ergebnis hatte?1 Diesem Thema wird sich diese Arbeit widmen. Es wird nicht untersucht werden, welchen Ursachen der rasche Erfolg der AfD in Deutschland zugrundeliegt. Das wäre ein den Rahmen dieser Arbeit sprengendes Projekt. Statt dessen soll die Frage beantwortet werden: Wie beeinflusste die AfD die Agenda des Bundestagswahlkampfs 2017 hinsichtlich der Migrationsthematik? Es soll dabei dargelegt werden, dass vor allem das erfolgreiche Nutzen der Neuen Sozialen Medien (NSM) wie etwa Youtube, Facebook und Twitter sowie über Provokationen in den klassischen Medien wie Printmedien und TV-Sendern lancierte Skandalisierungen des Migrationsthemas dieses für die AfD als Issue-owner höchst relevante Thema ganz oben auf die Agenda der Regierungsparteien platziert werden konnte, wodurch sich die hohe Responsivität des Themas vor allem durch CDU und SPD erklären lässt. Insbesondere die Migrationsthematik zeigt wie kaum ein politisches Thema in Deutschland zuvor den strukturellen Wandel der politischen Kommunikation und somit die Möglichkeit zur Nutzung dieses Wandels und der neuen Möglichkeiten durch politische Akteure (Vowe 2016: 432).

Diese Frage dieser Arbeit ist gesellschaftlich relevant, da Rolle und Einfluss der NSM auf die politische Kommunikation in und mit der Öffentlichkeit immer größer wurden in den letzten Jahren und es absehbar ist, dass sich dieser Einfluss weiter verstärkt (Dohle et al. 2014: 414). Die Filter- und Relaisfunktion der Leitmedien der vergangenen Jahrzehnte wird zusehends obsolet. Der Anteil in manipulativer Absicht verbreiteter Fehlinformationen steigt und es verändert sich der politische Kommunikationsstil, der aufgrund der Unmittelbarkeit und Direktheit der Nachrichten- und Meinungsübermittlung an Schärfe, Polarisierung und Aggressivität gewinnt (Schwarz 2018: 128). Aufgrund der Notwendigkeit eines Zugangs zu korrekten, objektiven und erschöpfenden Informationen für die Öffentlichkeit einer Demokratie, sind Rolle und Einfluss der NSM auf demokratische Prozesse von allgemeiner Relevanz. Politikwissenschaftlich ist das Thema von Interesse, da es im Falle der AfD im Bundestagswahlkampf 2017 das erste Mal war, dass eine laute, gut vernetzte Minderheit einen derartigen, außerparlamentarischen Einfluss auf die bundespolitische Agenda hatte. Im Rahmen des Seminarthemas soll diese Arbeit so einen Beitrag zu der Frage leisten, wie die parlamentarische Arbeit durch eine oppositionelle Partei außerhalb des Bundestags derart beeinflusst werden konnte, dass sie die Agenda der Bundestagsparteien dominierte. Zu diesem Zweck wird nach einer kurzen Konzeptspezifikation erst die Rolle der NSM in der politischen Kommunikation untersucht. Nach einer Examinierung des Drucks durch den Radikalisierungsprozess der AfD, werden deren Medienstrategien analysiert und die Ergebnisse zum Schluß zusammengefasst.

2 Hauptteil

2.1 Konzeptspezifikation

Das Konzept politische Kommunikation umfasst jede auf Zeichen basierende und auf kollektiv bindende Entscheidungen bezogene Interaktion (Dohle et al. 2014: 415). Unter Neue Soziale Medien (NSM) werden hier Videoplattformen wie YouTube, Online-Netzwerke wie Facebook und Mikroblogging-Dienste wie Twitter subsummiert.

Die traditionellen etablierten Massenmedien werden in der Arbeit als Leitmedien bezeichnet, aufgrund ihres großen Einflusses auf die politische Kommunikation. Als Leitmedien verstehen sich überregionale Zeitungen wie FAZ oder Süddeutsche, Wochenzeitungen wie die Zeit sowie Magazine wie der Spiegel oder der Stern. Des Weiteren zählen dazu die öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehstationen sowie die privaten TV-Nachrichtensender wie N-TV, Euronews oder Welt.

2.2 Neue Soziale Medien in der politischen Kommunikation

Innerhalb der politischen Kommunikation, insbesondere in Wahlkampfzeiten, nehmen die NSM einen immer höheren Stellenwert ein (Jungherr 2017: 98) und besonders für die AfD ist digitale Technologie von zent­raler Relevanz, da sie als neue Partei die Chance hat, ihre Arbeitsabläufe und Prozesse direkt auf die Erfordernisse des aktuellen Technikstands abzustimmen, was eine deutliche Reduktion von Koordinierungskosten bewirkt (ebenda: 97). Insbesondere in den NSM ist die AfD auffällig erfolgreich und wird deshalb als die erste „Internetpartei“ in Deutschland überhaupt angesehen (Bender 2017: 63).

Wirft man einen Blick auf die Youtube-Kanäle der Parteien (Abb. 1), fällt auf, dass die Bundestagsparteien CDU, CSU und SPD sowie FDP, Bündnis 90/ die Grünen sowie die Linke bereits viel länger als die die erst 2013 gegründete AfD einen Youtube-Kanal unterhalten, diese jedoch sogar mehr Aufrufe vorweisen kann, als die Grünen, die auf knapp über zehn Millionen Aufrufe in elf Jahren und etwa neun Monaten kommen. Dazu passt die Ankündigung der AfD durch Alice Weidel, ab April 2018 einen zusätzlichen „Newsroom“ neben der klassischen Pressestelle mit Schwerpunkt auf der Verbreitung von AfD-Inhalten in den sozialen Medien einzurichten (u.a. Focus Online 09.02.2018).

Tabelle 1 : Resonanz der Youtube-Kanäle der aktuellen Bundestagsparteien

Abbildung in dieser leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung, Daten von den Kanalinfo-Statistiken der jeweiligen Youtube-Kanäle)

Nach einer Studie, die sich mit dem dänischen Beispiel beschäftigt, lassen sich drei Arten von Politikern unterscheiden, nämlich diejenigen, die vor allem in den Leitmedien kommunizieren, diejenigen Politiker ohne große Leitmedienaufmerksamkeit und jenen, die vor allem die NSM nutzen, um Aufmerksamkeit für ihre Inhalte zu generieren, wobei letztere damit vor allem erfolgreich ihre mangelnde Fähigkeit kompensieren, ihre Inhalte in den Leitmedien zu platzieren (Skovsgaard/ Van Dalen 2011: 737). Die Algorithmisierung etwa digitaler Plattformen verändert die politische Kommunikation zudem insoweit, als dass sie die individuellen Präferenzen ihrer Nutzer automatisch und immer präziser bedienen (Vowe 2017: 8). Inhalte werden ausgewählt, empfohlen und gerankt, was es gerade profilscharfen Parteien mit eindeutig zuordenbarem Markenkern ermöglicht, ihre Zielklientel über deren „soziale Filterblase“ zu erreichen und somit kostenintensive Wählerstudien erspart - ein weiterer Anreiz für ressourcenschwache Parteien, über die NSM bestimmte Machtassymmetrien auszugleichen (ebenda: 8).

Die AfD-Dominanz auf Youtube wiederholt sich in Hinblick auf die Facebook-Kanäle der oben genannten Parteien. Obgleich es hier aufgrund fehlender Auskunftsfreude mancher Parteien nicht immer möglich war, das Gründungsdatum der Facebook-Seite in Erfahrung zu bringen, darf für die CSU und die Grünen angenommen werden, dass es sich ähnlich zu dem der CDU, SPD, FDP und der Linken verhalten dürfte, also Gründungen um 2008/2009 herum. Auch hier zeigt sich ein deutliches Übergewicht der Abonnenten-Zahl der AfD trotz des deutlich kürzeren Zeitraums.2

Tabelle 2 : Resonanz der Facebook-Profile der aktuellen Bundestagsparteien

Abbildung in dieser leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung, Daten von den Facebookseiten der jeweiligen Parteien und Nachfrage bei den Pressestellen)

In der Arbeit von Kollanyi und Howard wird der Twitter-Verkehr vor der Bundestagswahl 2017 analysiert anhand einschlägiger Hashtags und deren Anteil am politischen Tweet-Volumen vor der Wahl, wobei im untersuchten Zeitraum die AfD mit 30,1% nicht nur alle anderen Parteien hinter sich lässt, sondern sogar die neutralen allgemeinen Wahl-Hashtags #btw2017, #bundestagswahl, #wahlkampf, die auf Platz zwei mit 29 % Anteil blieben (Kollanyi/ Howard 2017: 3-4, s. Tabelle 3). Damit belegen die Autoren, dass die AfD hochsalient in der politischen deutschen Twittersphäre ist (ebenda: 4). Zusammen mit den Daten von Facebook und Youtube ergibt sich das Bild einer Partei, die vor allem in den NSM medial erfolgreich aktiv ist.

[...]


1 Als Ein-Themen-Partei lässt sich die AfD der Gründungsphase in der politikwissenschaftlichen Literatur aufgrund Ihrer Fokussierung auf das Euro-Thema bezeichnen (Schärdel 2017: 77f; Schmitt-Beck 2014: 97; Grimm 2015: 272).

2 Nach Auskunft des CDU-Leiters im Bereich Internes Marketing & Social Media, Stefan Hennewig, war die CDU auch zuvor aktiv auf anderen Seiten wie wer-kennt-wen, diversen VZ-Netzwerken und MySpace, die vor 2009 eine höhere Reichweite hatten als Facebook. Hier soll aber aus Gründen der Vergleichbarkeit und Vereinfachung nur Facebook dargestellt werden.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die populistische Opposition. Der außerparlamentarische Einfluss der AfD als Diskurs- und Agendasetzer
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut)
Veranstaltung
Theorien des Parlamentarismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V428172
ISBN (eBook)
9783668721265
ISBN (Buch)
9783668721272
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
AfD, Bundestag, Deutschland, Populismus, Rechtspopulismus, Neue soziale Medien, Facebook, Twitter, Diskurs, Agenda-setting, Opposition, Alternative für Deutschland, Einfluss, außerparlamentarisch, Bundestagswahl 2017
Arbeit zitieren
Maximilian Hohenstedt (Autor), 2018, Die populistische Opposition. Der außerparlamentarische Einfluss der AfD als Diskurs- und Agendasetzer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428172

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die populistische Opposition. Der außerparlamentarische Einfluss der AfD als Diskurs- und Agendasetzer



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden