„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ (Brecht, 1968) schrieb Brecht in der Ballade „Wovon lebt der Mensch“ für die Dreigroschenoper. Wie bei Zitaten oftmals üblich, ist die Interpretation des Zitates das Entscheidende, und die Möglichkeiten sind hier vielfältig: Beginnt man nah am Originaltext, so sollte das Grundbedürfnis Ernährung zu erfüllen wichtiger sein, als die Notwendigkeit für moralische Ordnung und Lehre. Sobald das Überleben vom Organismus her gesichert ist, kann der Mensch damit beginnen, sich in moralischen Systemen einbinden zu lassen und eine Grundstruktur des Lebens zu schaffen, welche ein friedliches und ausgeglichenes Leben miteinander zur Verfügung stellt, für jeden Menschen, innerhalb dieser Ordnung. Die Formulierungen des Liedtextes gehen noch deutlich weiter in die Tiefe, und lassen vor allem im heutigen Kontext viel Raum für Interpretationen. Allerdings soll in dieser Einleitung zunächst nur die moralische Ordnung im Vordergrund stehen, denn diese hat sich jede Kultur erschaffen, auch die Weltkultur.
So zumindest die Theorie, denn zäumen wir den Wortlaut des Zitates andersherum auf, wird daraus sinngemäß „Nur wer seine Ernährung gesichert weiß, kann moralisch (richtig) handeln“. Doch darf der Mensch nur aus Hunger straftätig werden, und sich beispielsweise seine Ernährung durch Diebstahl sichern? Also ist eine Tat aus purem Überlebensdrang moralisch trotz jeder Konsequenz gerechtfertigt?
Auch umgekehrt kommen Fragen auf, wenn man das Zitat für die Sicht des Angesprochen auslegt: „Wenn ich meine Ernährung gesichert habe, habe ich auch moralisch unbedenklich zu handeln“, so eine mögliche Umformulierung. Doch wenn man moralisch zu handeln hat, wie kann es dann sein, dass es Menschen gibt, die ihre Ernährung nicht gesichert haben, und daher unmoralische Handlungen vollführen müssen? Und ist dann nicht der Wohlgenährte der Unmoralische und der Hungernde in seiner Situation schuldlos gefangen?
In der vorliegenden Studienarbeit soll diese Frage im Hinblick auf einige aktuell ökonomisch relevante Themen des Jahres 2016 erörtert werden, da eine Beantwortung der Frage unmöglich ist. Wieso unmöglich? Wenn die Antwort so banal wäre, wäre sie bereits schon lange in die Tat umgesetzt worden. Oder schränken auch hier die Fressenden die Hungernden in ihrer Freiheit ein um moralisch unbelastet über die Unmoralischen urteilen zu können?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Hunger
3 Geld
3.1 Human Development Index
3.1.1 Lohnunterschiede
3.1.2 Lebenserwartung
3.2 Evolutionäre und geschichtliche Hintergründe
4 Weitere Sektoren
4.1 Klima
4.2 Nahrungsmittel
5 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Studienarbeit untersucht die Aktualität des Brecht-Zitats „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ im Kontext aktueller ökonomischer und gesellschaftlicher Herausforderungen des Jahres 2016. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Sicherung materieller Grundbedürfnisse eine Voraussetzung für moralisches Handeln darstellt und welche strukturellen Ungleichheiten diesen Prozess weltweit beeinflussen.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Hunger, Überfluss und moralischem Verantwortungsbewusstsein.
- Untersuchung ökonomischer Ungleichheiten anhand von BIP-Verteilungen und dem Human Development Index.
- Betrachtung historischer und evolutionärer Hintergründe globaler Machtstrukturen.
- Diskussion ökologischer und sozialer Auswirkungen von Konsumverhalten.
- Reflexion über Ansätze für eine nachhaltigere und gerechtere Wirtschafts- und Lebensweise.
Auszug aus dem Buch
3.2 Evolutionäre und geschichtliche Hintergründe
Doch woher stammen all diese Unterschiede aus verschiedenen Konstellationen? Hermann Scherer bringt es etwas resignierend auf den Punkt und beschreibt die Situation wie folgt: „Egal, wie schlecht sich die Menschen fühlen, Hauptsache es geht ihnen besser als dem Nachbarn, dem Kollegen oder dem besten Freund.“ (Scherer, 2016, S. 51). Jeder Mensch strebt danach, etwas Besonderes zu sein, und sich von der Masse abzuheben, so ist der Mensch gepolt, damit die Evolution fortbesteht. Im Grunde eine sehr sinnvolle Eigenschaft, wäre dabei nicht die Moral auf der Strecke geblieben. Denn jedes Mal, wenn der Mensch sich zu etwas „Besserem“ erhebt, drückt er alle anderen nieder.
Dieser Kreislauf beginnt im Kleinen und schlägt Wellen bis auf die Globale Ebene. Entstanden sind dabei in der Weltpolitik drei Welten, die erste Welt mit Ländern der Industriestaaten, die zweite Welt mit Schwellenländern und die dritte Welt für sämtliche unterentwickelte Länder. Geprägt durch die Zeitungsüberschrift „Trois mondes, une planète“ von Alfred Sauvy 1952 wird die Welt aufgeteilt, und in einer späteren Textpassage dann genauer mit den drei Ständen auf Zeit der französische Revolution verglichen: „Denn endlich verlangt auch diese Dritte Welt, die wie der Dritte Stand übergangen wird, die ausgebeutet und verachtet ist, etwas zu sein“ (Sauvy, 1952).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Interpretation des Brecht-Zitates ein und hinterfragt, ob die Sicherung der Ernährung eine notwendige Bedingung für moralisch korrektes Handeln darstellt.
2 Hunger: Das Kapitel kontrastiert die weltweiten Hungerzahlen mit der Fettleibigkeitsproblematik in Industrienationen und verdeutlicht die moralische Diskrepanz zwischen Ressourcenverschwendung und existenzieller Not.
3 Geld: Hier werden ökonomische Ungleichheiten, makroökonomische Indikatoren wie der HDI und historische Machtstrukturen analysiert, um die ungleiche Verteilung von Wohlstand zu beleuchten.
3.1 Human Development Index: Dieser Unterpunkt erläutert die Zusammensetzung des HDI und untersucht die damit verknüpften Disparitäten bei Einkommen und Lebenserwartung.
3.1.1 Lohnunterschiede: Eine Analyse der massiven Lohngefälle zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern sowie deren Auswirkungen auf die Chancengleichheit.
3.1.2 Lebenserwartung: Dieser Abschnitt zeigt, wie sich wirtschaftliche Unterschiede direkt auf die gesundheitliche Lebensqualität und die Lebenserwartung der Menschen in verschiedenen Weltregionen auswirken.
3.2 Evolutionäre und geschichtliche Hintergründe: Das Kapitel reflektiert über den menschlichen Drang zur Selbstüberhöhung und die historische Entwicklung globaler Dreiklassensysteme.
4 Weitere Sektoren: Ein kurzer Ausblick auf zusätzliche gesellschaftliche Problemfelder wie den Klimawandel und den Lebensmittelsektor.
4.1 Klima: Kurze Erörterung, wie westliche Konsummuster die ökologischen Lebensgrundlagen in Entwicklungsländern gefährden.
4.2 Nahrungsmittel: Eine Betrachtung positiver Tendenzen wie des Wachstums bei Fair-Trade-Produkten und vegetarischer Ernährung als Ausdruck moralischen Umdenkens.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Brecht-Zitat trotz erkennbarer Ansätze für eine nachhaltigere Zukunft weiterhin eine hohe gesellschaftliche Relevanz besitzt.
Schlüsselwörter
Moral, Hunger, Weltwirtschaft, Human Development Index, Einkommensungleichheit, Nachhaltigkeit, Globalisierung, Konsumverhalten, Ethik, Fair Trade, Lebensstandard, Soziale Gerechtigkeit, Wohlstand, Entwicklungsländer, Bertolt Brecht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Relevanz des Brecht-Zitates „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ in der modernen Welt und analysiert die moralische Verantwortung in ökonomischen Kontexten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind globale Ungleichheit, die Kluft zwischen Hunger und Konsumüberfluss, ökonomische Indikatoren und die ethischen Implikationen des menschlichen Strebens nach Wohlstand.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die moralische Integrität und die strukturellen Rahmenbedingungen der modernen Gesellschaft kritisch im Hinblick auf aktuelle globale Disparitäten zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine interdisziplinäre Literaturanalyse unter Einbeziehung aktueller statistischer Daten von Organisationen wie der UN, OECD und dem IWF, um ökonomische und soziale Zusammenhänge aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Phänomene Hunger und Reichtum, analysiert den Human Development Index, betrachtet historische sowie evolutionäre Hintergründe globaler Machtverhältnisse und gibt Ausblicke auf Klima und Lebensmittelsektoren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Moral, globale Ungleichheit, Human Development Index, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit charakterisiert.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Generation Y im Fazit?
Der Autor sieht in der Generation Y Hoffnungsträger, da sie aufgrund ihrer technischen Affinität und werteorientierten Lebensweise verstärkt ökologische und soziale Verantwortung in ihr Handeln integriert.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit zum Brecht-Zitat?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Zitat von Brecht weiterhin aktuell ist, da wirtschaftliche Interessen oft moralische Standards überschatten, jedoch eine positive Entwicklung hin zu mehr Nachhaltigkeit erkennbar ist.
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- K. Thiele (Author), 2017, "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral". Wie aktuell ist dieser Satz von Bertolt Brecht heute noch?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428341