Spionage und Sabotage im Kalten Krieg. Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) aus ostdeutscher Sicht


Term Paper (Advanced seminar), 2018
28 Pages, Grade: 2,0

Excerpt

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die KgU - Eine antikommunistische Organisation
1.1 Entstehung, Organisation und Ziele
1.2 Struktur, Personen und Hauptagenten

2. Aktionen der KgU

3. Die KgU aus ostdeutscher Sicht und in Relation zum Mauerbau

Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

„[...] Es gibt Krafte in der Welt, die den Frieden hassen, weil sie vom Krieg leben. Diese am Krieg interessierten Kreise schuren das Feuer des Hasses und der Zwietracht zwischen den Volkern. Im Dienst dieser Krafte, die in Westdeutschland den angriffslustigen deutschen Militarismus zu neuem Leben erweckt haben, stehen auch zahlreiche Unterweltorganisationen, die mit Bomben, Gift und Phosphorampullen gefahrliche Anschlage gegen Menschen und Werte vorbereiten und durchfuhren. Auf Veranlassung ihrer Auftraggeber versuchen sie, auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik und im demokratischen Sektor von Berlin den wirtschaftlichen Aufbau zu storen und der Bevolkerung schwersten Schaden zuzufugen."[1]

Gemeint ist die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU), eine antikommunistische Organisation, die von West-Berlin aus den Widerstand gegen das DDR-Regime unterstutzte, Spionage in militarischen, politischen, wirtschaftlichen und zivilen Bereichen betrieb und Sabotageakte durchfuhrte. Es hat nicht lange gedauert, bis der Osten auf diese Tatigkeiten der KgU reagiert hat und schlieftlich ein Kampf zwischen Geheimdiensten entstand, den man als Bestandteil des Kalten Krieges betrachten kann. Das Zitat stammt aus der ostdeutschen Broschure ,,Kalte Krieger gehen unter. Dokumentarisches Material uber die verbrecherische Tatigkeit der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit". Diese wird fur den weiteren Verlauf der Seminararbeit noch eine bedeutende Rolle spielen.

In der vorliegenden Seminararbeit ,,Spionage und Sabotage im Kalten Krieg - Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) aus ostdeutscher Sicht" soll die Frage ,,Welche Rolle spielte die KgU aus ostdeutscher Sicht fur die Entscheidung zur Sicherung der Westgrenzen bzw. zum Bau der Berliner Mauer?" diskutiert und beantwortet werden. Dieser Forschungsgegenstand ist deshalb so interessant, da die KgU zum Zeitpunkt des Mauerbaus bereits seit zwei Jahren nicht mehr existierte. Anhand einiger Analysen von DDR-Dokumenten und Zeitungsartikeln mochte ich versuchen, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Hierfur verwende ich, wie bereits erwahnt, die obengenannte Broschure sowie die Broschure ,,Deckname Walter. Enthullungen des ehemaligen Mitarbeiters der sogenannten ,,Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit", Hanfried Hiecke".[2]

Gegliedert ist meine Arbeit wie folgt. Zunachst einmal werden im ersten Kapitel ,,Die KgU - Eine antikommunistische Organisation" die Entstehungs- und Organisationsgeschichte der KgU dargestellt, die Ziele erlautert und auf die Struktur, Personen und Hauptagenten eingegangen. Anschlieftend erwahne ich im zweiten Kapitel exemplarisch einige Aktionen der Organisation. Mit diesen beiden Teilen der Arbeit mochte ich einfuhrend einen knappen Uberblick uber die Kampfgruppe und ihr Vorhaben verschaffen, um verstehen zu konnen, weshalb der Hass des DDR-Regimes gegen solche westlichen Organisationen immer grofter wurde und sich letztlich aktiver Widerstand formierte. Welche Widerstandsaktionen genau seitens des Ostens betrieben worden sind, wie die SED und das MfS die KgU betrachteten und in welchem Verhaltnis die Organisation zum Mauerbau stand wird im dritten Kapitel ,,Die KgU aus ostdeutscher Sicht und in Relation zum Mauerbau" erlautert. Fur die Analyse und Interpretation verwende ich wiegesagt Auszuge aus den DDR- Propagandabroschuren und Zeitungsartikeln. Zur Auswertung beziehe ich mich vor allem auf Enrico Heitzer[3] und Kai-Uwe Merz[4], die mit ihren Werken eine umfassende Aufbereitung der Geschichte der KgU bieten.

Grundsatzlich ist zum Forschungsstand zu sagen, dass es bisher eher wenige wissenschaftliche Beitrage zur KgU gibt, was ein weiterer Grund dafur ist, weshalb ich es mir zur Aufgabe machte, diesen Themenkomplex genauer zu untersuchen. Heitzer stellt diesbezuglich fest:

,,Nach der Auflosung [der KgU] wurde es in der Bundesrepublik [...] rasch still um die Organisation. Kai-Uwe Merz, der vor mehr als zwei Jahrzehnten mit seiner Arbeit die bislang einzige geschichtswissenschaftlich fundierte Monographie zur KgU vorgelegt hat, zitierte darin zustimmend einen DDR-Historiker, der 1979 geschrieben hatte, dass >>zahlreiche burgerlicher Autoren vor allem uber die Tatigkeit der 'Kampfgruppe' den Mantel des Schweigens<< gebreitet hatten. Die KgU sei in der Forschungsliteratur gewissermaften verdrangtworden [...]“[5]

Noch viel weniger, ich wurde fast behaupten gar nicht, wurde bisher das Verhaltnis zwischen der KgU und der Entscheidung zum Bau der Berliner Mauer erforscht. Die Seminararbeit bietet also gleichzeitig Zugang zu einem komplett neuen Forschungsbereich.

1. Die KgU - Eine antikommunistische Organisation

1.1 Entstehung, Organisation und Ziele

In diesem ersten Kapitel der Seminararbeit soll aufgezeigt werden, unter welchen Umstanden die KgU entstanden ist, wie sie sich organisiert hat und welche Ziele die Mitglieder verfolgten.

Wir befinden uns im Jahr 1948. Der Zweite Weltkrieg ist bereits seit drei Jahren beendet. Aus der ehemalig zusammenarbeitenden Anti-Hitler-Koalition bestehend aus den USA, Groftbritannien, Frankreich und der Sowjetunion haben sich zwei konkurrierende Systemblocke herauskristallisiert. Die Westmachte, die fur den Kapitalismus und eine freie Marktwirtschaft eintraten, standen der Sowjetunion, die den Kommunismus und die Planwirtschaft ausbauen wollte, gegenuber. Deutschland und vor allem Berlin waren zwei der vielen Austragungsorte dieses Systemkonflikts. Zugespitzt hat er sich schon durch die von den USA entwickelten Konzepte der Containment- und der Rollback-Politik, dem European Recovery Program (Marshall-Plan) und der Einfuhrung einer Wahrungsreform in den Westzonen im Sommer 1948. Ergebnis war die ,,Erste Berlin-Krise“, als die Sowjets West-Berlin von den westlichen Besatzungszonen abtrennte, indem sie alle Zufahrtswege nach West-Berlin sperrten, so dass dieser Teil der Stadt nicht mehr uber die Land- und Wasserverbindungen versorgt werden konnte. Enrico Heitzer zufolge sei in diesem Kontext der Auseinandersetzungen zwischen West und Ost die KgU entstanden.[6] Anlass dafur sei eine Veranstaltung mit dem Motto ,,Schweigen ist Selbstmord“ am 06. August 1948 gewesen, bei der es darum ging, die Erlebnisse in sowjetischer Gefangenschaft durch ehemalige Insassen von Gefangnissen oder Internierungslagern an die Offentlichkeit zu ubermitteln. Die Teilnehmenden grundeten einige Wochen spater die KgU. Als Redner traten zunachst Rainer Hildebrandt, Ernst Benda und Vertreter politischer Jugendverbande auf. Ihre Ziele waren es, noch weitere Graueltaten der Sowjets publik zu machen und diesen aktiv und systematisch entgegenzuwirken.[7] Hildebrandt, der selbst ein ehemaliges Opfer sowjetischer Gefangenschaft war, brachte seine Kundgebung mit dem Vergleich der sowjetischen Taten mit den Foltermethoden der Nazis zum Hohepunkt. Kai-Uwe Merz zitiert aus dem Tagesspiegel vom 19.10.1948, die Bedingungen in den von den Nationalsozialisten ubernommenen Lagern seien noch schlechter als vor 1945. Krankheiten wurden sich seuchenartig ausbreiten, so dass es in Sachsenhausen beispielsweise taglich zu 60-80 Todesfallen kommen wurde.[8] Hildebrandt appelliert an die Offentlichkeit, keine solcher Falle mehr zu verschweigen. Fur die Berichterstattung wurde in Berlin ein Buro errichtet, das sich anfangs in der Wohnung Hildebrandts in Berlin-Grunewald, Hohmannstrafte 4 befand[9]. Spater war das Stammhaus der KgU in Berlin-Nikolassee zu finden. Es stellte sich jedoch schon nach kurzer Zeit heraus, dass es den Mitgliedern der KgU nicht nur darum ging Bericht zu erstatten. Sie nahmen durch Spionage- und Sabotageaktionen aktiv den Kampf gegen die Sowjets auf. Auf spezielle Widerstandsaktionen werde ich im Kapitel „Aktionen“ exemplarisch genauer eingehen. Bereits ein Jahr nach der Grundung der KgU kam es jedoch zu ersten inneren Spannungen, was sich nachteilig auf den Einfluss Hildebrandts ausubte. Nachdem es im Jahr 1950 zu Auseinandersetzungen mit dem Nachrichtendienstler von zur Muhlen um den Kurs der Organisation gekommen ist, ubernahm Ernst Tillich die Geschaftsfuhrung und hat sich zur Aufgabe gemacht, die innere Struktur und Organisation der KgU zu festigen. Auch mit seinem Kurs ist Hildebrandt nicht zurechtgekommen, so dass er folglich aus der KgU herausgedrangt wurde und schlieftlich im Jahr 1952 kein Mitglied der Organisation mehr war.[10] Ein Jahr spater kam es erneut zu einer Anderung im Organisationsgefuge der KgU. In welche einzelnen Abteilungen sich die Organisation nun gliederte, ist in Heitzers „Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ nachzulesen.[11] Die mehrmalige Umstrukturierung und die inneren Konflikte lassen den Anschein erwecken, dass die Organisation von Beginn an auf einem bruchigen Fundament beruhte. Merz verweist in diesem Zusammenhang auch auf den Vorwurf von Zeitgenossen, bei der KgU handele es sich eher um eine improvisierte und spontane Grundung und Hildebrandt sei eher ein Ideenmensch als ein Organisator.[12] Immerhin konnte sich die KgU insgesamt elfJahre aufrechterhalten.

1.2 Struktur, Personen und Hauptagenten

Befasst man sich mit der strukturellen und personellen Organisation der KgU, so stellt man schnell fest, dass es sich um ein sehr komplexes und unubersichtliches Gefuge handelt. Der Dokumentarbericht ,,Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit e.V.“ aus dem Jahr 1953 schlusselt dieses Gefuge in drei Abteilungen auf:

1. Die Leitung (auch „Vereinsvorstand“ zur Tarnung genannt), der die Innere Verwaltung, die Kasse (Abteilung I) und die Pressestelle angegliedert sind.
2. Die Operative Abteilung, die die fruhere Abteilung Ilb ist und spater als Abteilung VII bezeichnet wird.
3. Die Vernehmerabteilung, die die Bezeichnung Abteilung III tragt.[13]

Der Verfasser dieses Berichtes gibt jedoch zu erkennen, dass die Kennzeichnung dieser drei Abteilungen durch Ziffern vollkommen willkurlich vorgenommen worden seien und lediglich der Irrefuhrung der Offentlichkeit dienen wurde, denn in der KgU gebe es weder eine Abteilung II noch eine Abteilung IV, V oder VI.[14] Alle Abteilungen und ihre Referate befinden sich im KgU-,,Stammhaus“ auf dem Grundstuck Berlin-Nikolassee, Ernst-Ring-Strafte 2/4. Um einen offiziellen Charakter zu erhalten, bezeichnete sich die Leitung der KgU auch als eingetragener Vereinsvorstand. Da dies aber nur zum Anschein getan wurde, gab es dementsprechend keinen Vereinsvorsitzenden, sondern nur einen Leiter und einen Stellvertreter des Leiters. Nach dem Austritt Rainer Hildebrandts aus der Organisation, war der offizielle Leiter der KgU Ernst Tillich, sein Stellvertreter Gerd Baitz. Erwahnenswert ware zudem noch die Privatsekretarin Tillichs und Geliebte Baitz Annemarie Knitsch. Ihre besondere Stellung erhielt sie dadurch, dass sie Baitz bei Verhandlungen mit Verbindungsleuten des amerikanischen Geheimdienstes vertrat, wenn er sich mal in Abwesenheit befand. Dies ware normalerweise Aufgabe des Leiters Tillichs gewesen.[15] Neben der Leitung existiert noch ein sogenannter Beirat, der laut der Redaktion, die den Dokumentarbericht verfasste, aber nur dem Anschein einer demokratischen Einrichtung diente, denn die Leitung der KgU wurde faktisch durch Baitz verkorpert. Der Beirat sei eine rein formale Einrichtung. Seine Beschlusse wurden stets dem Willen Baitz und somit dem des amerikanischen Geheimdienstes entsprechen.[16] Weitere Organe der Leitung sind zum einen die Abteilung I - Innere Verwaltung und Kassen, die Verwaltungsarbeiten der KgU durchfuhrt und ihre Finanzen regelt. Zum anderen gibt es eine Pressestelle, die Publikationen in Form von Broschuren, Traktaten, Flugblattern und Presseartikeln herausgibt, mit denen gegen die DDR gehetzt wird. Im Allgemeinen bestehen zahlreiche Kontakte der Leitung zu amerikanischen Dienststellen und Organisationen und zu anderen Agenten- und Spionagezentralen in Westberlin und Westdeutschland. Zu erwahnen waren hier zum Beispiel der Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen (UfJ), der Nationale Bund des Schaffens (NTS) und die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS).[17] Nachdem ich nun gerade einen kurzen Uberblick uber den sogenannten Vereinsvorstand gegeben habe, soll jetzt auch noch einmal kurz auf die Operative Abteilung und die Vernehmerabteilung eingegangen werden. Die Operative Abteilung gliedert sich in: die Zentrale VII, die Anlaufstelle, die funf Landersachgebiete, die Administrative Storstelle und das chemisch-technische Laboratorium einschlieftlich Ballonabschussbasen. Diese untergeordneten Abteilungen sollen jetzt nicht bis ins Detail erlautert werden. Es soll nur deutlich werden, welche hochgradige Komplexitat hinter dem Aufbau der KgU steckt. Jede einzelne Abteilung wird von KgU-Hauptagenten geleitet und kontrolliert. Namentlich sei hier zum Beispiel der Hauptagent und Leiter der Anlaufstelle Rudolf Thieke genannt. Er ist einer der vielen Mitglieder der KgU, der eine NS- Vergangenheit aufweist. 1934 wurde er Mitglied in der NSDAP, 1935 Soldat und wahrend des Zweiten Weltkrieges war er Waffenmeister. Bereits ein Jahr vor Kriegsende geriet er in Kriegsgefangenschaft, aus der er 1949 wieder frei kam. Gelebt und gearbeitet hat er in der DDR, war aber seit ihrer Grundung ein Gegner dieses Systems und so kam es, dass er, nachdem er von dem Hauptagenten Kurt Baitz als V-Mann angeworben worden war, ein aktives Mitglied der KgU und spater sogar selbst Hauptagent wurde. Nachdem seine Tatigkeiten im Jahr 1952 aufflogen, fluchtete er nach West-Berlin.[18]

Die Vernehmerabteilung war der Operativen Abteilung seit ihrer Reorganisation im Jahr 1954 faktisch unterstellt. Zuvor hatte sie die Aufgabe, Personen, die die DDR verlassen hatten, zu „vernehmen“. Nach der Reorganisation wurde das Aufgabenspektrum erweitert. Sie war nun auch fur die Ermittlung von Spionagenachrichten durch „Vernehmungen“ von Personen, die die DDR verlassen hatten, zustandig. Des Weiteren wahlte und arbeitete sie Materialien aus, anhand deren die Administrative Storstelle der Operativen Abteilung gefalschte Dokumente herstellen und in Umlaufsetzen konnte.[19]

Diese Skizzierung der Struktur und Personen der KgU beruhte auf den Ergebnissen des Dokumentarberichts ,,Unmenschlichkeit als System[1]'. Da dieser aber im Jahr 1957 und somit wahrend der Bestehenszeit der KgU entstanden ist, muss man das Dargestellte mit grower Vorsicht betrachten, da Wertungen der Autoren nicht ausbleiben. Die Subjektivitat erkennt man schon an dem Titel ,,Unmenschlichkeit als System" sowie in den einfuhrenden Worten der Redaktion: ,,Zu den Hilfstruppen der amerikanschen Kriegstreiber gehort auch eine sich mit dem irrefuhrenden Namen ,,Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" tarnende Sabotage- und Terrororganisation, die wie viele ihresgleichen in Westberlin ihren Sitz hat. Sie wurde vom USA-Geheimdienst ins Leben gerufen und von Deutschen aufgebaut."[20] Eine objektivere Sichtweise erhalt man, wenn man sich mit Heitzers Werk befasst, da er versucht, unvoreingenommen die KgU in ihrem Aufbau darzustellen. Bezuglich der Personen, die der Organisation angehoren, gliedert er diese in drei Mitarbeiter-Kohorten: die Grunderkohorte (1948-1951/52), die Ausbaukohorte (1951-1956) und die Integrationskohorte (1956/57).[21] Diese Gliederung bezieht sich dabei auf den Zeitpunkt des Eintritts der Mitarbeiter in die KgU sowie auf deren verschiedene Erfahrungshintergrunde. Die Grunderkohorte umfasste in etwa 30-40 Personen, von denen die meisten aus gesellschaftlich hoheren Schichten stammten und hoch gebildet waren. Sie weisen zudem zum Teil eine NS-Vergangenheit auf. So waren einige Mitarbeiter beispielsweise Propagandaspezialisten, Geheimdienstler, Militars oder Personen, die im SS- Apparat tatig waren. Die Adligen unter ihnen (z.B. Heinrich und Bernt von zur Muhlen, Boiko von Richthofen, Ingeborg von Sell etc.) stammten grofttenteils aus Pommern oder dem Baltikum. Rainer Hildebrandt, der Grunder der KgU, genoss bei ihnen ein hohes Ansehen, da er u.a. angab, Verbindungen zum konservativen Widerstand gehabt zu haben und selbst Widerstandskampfer gewesen zu sein. Er trug seit 1949 den Decknamen „Paul V. Boudreau".[22] Die Ausbaukohorte, die von Ernst Tillich geleitet wurde, ersetzte teilweise die Mitarbeiter der Grunderkohorte und schlug einen neuen Weg ein. Die meisten von ihnen hatten zur Zeit des Zweiten Weltkrieges einen Offiziersrang bzw. einen hoheren Unteroffiziersdienstgrad inne. Im Gegensatz zu der Grunderkohorte, die eher nachrichtendienstliche Arbeit verrichtete, zeichnete sich die Ausbaukohorte durch ihre antikommunistische Militanz und ihre vormaligen Dienste fur die Amerikaner aus.[23] Letztlich ist zur Integrationskohorte zu sagen, dass sie sich durch die Integration der KgU in die sich andernden Standards der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft auszeichnet und zugleich auch den Niedergang der Organisation beinhaltet.[24]

2. Aktionen der KgU

Die Aktionen, die von der KgU betrieben worden sind, erreichen beinahe alle Lebensbereiche der Ostburger. Grundsatzlich kann man zwischen den KgU- Tatigkeiten in West-Berlin und denen in Ost-Berlin unterscheiden. Zunachst einmal werde ich auf die Aktionen in West-Berlin eingehen, bevor ich mich denen in Ost-Berlin, die fur diese Arbeit eine weitaus wichtigere Rolle spielen, widme. Das Ziel der KgU war es, so vielen Menschen wie moglich die Organisation bekannt zu machen. Dementsprechend fuhrte sie im Westen zahlreiche Aufklarungsveranstaltungen wie Vortrage, Versammlungen und Arbeitstagungen durch. Wahrend die KgU im Jahr 1952 147 Veranstaltungen durchfuhrte, waren es vier Jahre spater schon 1300, also das Neunfache.[25] Im Februar legte Tillich dem Bundeskanzler Adenauer ein Vier-Punkte-Memorandum vor, das u.a. die Forderung enthielt, ein Bundesgesetz zu erlassen, mit dem das MfS wie SS, Gestapo und SD zur verbrecherischen Organisation erklart werden solle.

[...]


[1] Kalte Krieger gehen unter. Dokumentarisches Material uber die verbrecherische Tatigkeit der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, Ost-Berlin 1955, S.3.

[2] Deckname Walter. Enthullungen des ehemaligen Mitarbeiters der sogenannten „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“, Hanfried Hiecke, Ost-Berlin 1953.

[3] Heitzer, Enrico: Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU). Widerstand und Spionage im Kalten Krieg 1948-1959, Kolnu.a. 2015.

[4] Merz, Kai-Uwe: Kalter Krieg als antikommunistischer Widerstand. Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit 1948-1959 (Bd.34), in: Institut fur Zeitgeschichte (Hg.): Studien zur Zeitgeschichte, Munchen 1987.

[5] Heitzer, Die Kampfgruppe, S.25 f.

[6] Vgl.ebd.,S.41.

[7] Vgl.ebd.,S.44.

[8] Merz, Kalter Krieg, S.45.

[9] Vgl. Unmenschlichkeit als System. Dokumentarbericht uber die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit e.V.“, Berlin-Nikolassee, Ernst-Ring-StraBe 2-4, S. 13.

[10] Vgl. Heitzer, Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, S. 63.

[11] Vgl. Ebd., S.69.

[12] Vgl. Merz, Kalter Krieg, S.44.

[13] Vgl. Unmenschlichkeitals System, S.65.

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. ebd., S.67 ff.

[16] Vgl. ebd., S. 82 f.

[17] Vgl. ebd., S.83 ff.

[18] Vgl. ebd., S.94 ff.

[19] Vgl. ebd., S.114 f.

[20] Ebd., S.6.

[21] Vgl. Heitzer, Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, S. 89.

[22] Vgl. ebd., S. 90 ff.

[23] Vgl. ebd., S.118.

[24] Vgl. ebd., S.131.

[25] Vgl. ebd., S. 167.

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Details

Title
Spionage und Sabotage im Kalten Krieg. Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) aus ostdeutscher Sicht
College
University of Potsdam  (Historisches Institut)
Course
Der Mauerbau 1961 in globalhistorischer Perspektive
Grade
2,0
Author
Year
2018
Pages
28
Catalog Number
V428422
ISBN (eBook)
9783668722538
ISBN (Book)
9783668722545
File size
2080 KB
Language
German
Tags
KgU, Spionage, Kalter Krieg, Sabotage
Quote paper
Nadja Wolf (Author), 2018, Spionage und Sabotage im Kalten Krieg. Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) aus ostdeutscher Sicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428422

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