Die Arbeit will nun also den Nutzen beleuchten, den eine Mystifizierung Luthers und ein „Vergessen“ des Reformators Hus für die deutschen Gesellschaftsverhältnisse 2004 mit sich bringt. Die methodische Grundlage findet sich dafür bei Michel Foucault und seinem Macht- und Diskursbegriff. Die Verfasserin ist sich bewusst, dass selbiger Begriff bei Foucault einem Wandel und einer Veränderung unterliegt. Von der Macht der „seriösen Sprecher“, also anerkannter „Koryphäen“, bestehende und auch vorherrschende Diskurse zu verändern – bis hin zur „Universalmacht“, durch welche jedes Individuum die Macht als selbst gewollt und als vernünftig akzeptiert, war es ein langer Gedankenweg. Zwischendrin hielt Foucault mehrmals an und entdeckte dabei einmal das Panoptikum als Gesellschaftsmodell. Hiernach wird jedes Individuum in den gesellschaftlichen Institutionen kontrolliert, indem es sich einer permanenten, nicht einsehbaren Kontrolle bewusst ist. Foucault beschränkt diese Kontrolle auf staatliche Autoritäten, auf Lehrerinnen, Polizistinnen, Ärztinnen. Das „Phänomen“ der Selbstzensur, nach dem auch bei Deutschen Intellektuellen in Ost und West (Beispiel Serbienkrieg oder 17. Juni 1953) eine Kontrolle der Gedanken möglich wird, zeigt jedoch, dass das permanente Bewusstsein von Kontrolle auch über die Wert(vorstellungen) funktioniert. Der bestehende Diskurs über einen Wert wird zum Machtstabilisator. Die Kritik der Aufklärung durch Horkheimer und Adorno7 ist nur der Anfang eines Diskurswechsels im europäischen Wertekonsens. Und der Ursprung eben jener, sich nun verändernden, europäischen Aufklärungswerte wird posthum mit der Reformation Martin Luthers in Verbindung gebracht. Um also diese Aufklärungswerte kritisieren zu können, muss die Person Luthers kritisch betrachtet werden.
7 Adorno, Theodor W., Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Ungekürzte Ausgabe 28. – 31. Tausend, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt / Main, 1993.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hus’ Reformation.
II.1. Der Laienkelch und seine sozialen Folgen.
II.1.1. Prädestination
II.1.2. Gehorsam
II.1.3. Privilegien der Priester
II.2. Arme Kirche und weltliche Macht
II.3. Die Bedeutung des Hussitismus für das Ende des mittelalterlichen Denkens
III. Die Wertediskussion
III.1. Michel Foucaults Panopticum.
III.2. Der Wertekanon Martin Luthers nach deutschen Geschichtsbüchern 2004
III.3. Der Wertekanon des Hussitismus
III.4. Zusammenfassung des Geschichtsbildes in bundesdeutschen Hauptschulbüchern 2004
IV. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, warum Martin Luther in deutschen Geschichtsbüchern als zentraler Reformator stilisiert wird, während der tschechische Reformator Jan Hus kaum Beachtung findet, und beleuchtet dabei die Rolle von Geschichtspolitik und Machtdiskursen bei der Wertevermittlung.
- Die Stilisierung Luthers im kollektiven deutschen Geschichtsbewusstsein.
- Die theoretischen Grundlagen und die gesellschaftspolitische Dimension der hussitischen Reformation.
- Die kritische Analyse der Darstellung von Luther und Hus in bundesdeutschen Hauptschulbüchern von 2004.
- Die Anwendung von Michel Foucaults Diskurs- und Machtbegriff auf das panoptische Gesellschaftsmodell.
- Die Auswirkungen der Wertevermittlung auf das Geschichts- und Traditionsverständnis moderner Individuen.
Auszug aus dem Buch
II.1.1. Prädestination
Der Laienkelch selbst ist nicht immer nur Beginn, sondern auch selbst eine Konsequenz aus theologisch-sozialen Vorstellungen, die ihrerseits wieder ganz bestimmte soziale Konsequenzen mit sich brachten. Die gegen die offizielle Kirchendoktrin gerichtete Lehre der Prädestination bedingte den Laienkelch und hatte auch gleichzeitig dessen sozial gesellschaftliche Wirkung zur Folge. Sie war der theoretische Hintergrund der Gerechtigkeitsvorstellungen und Forderungen. Denn wenn niemand sich nur durch Taufe der Gemeinschaft der Christen zugehörig fühlen darf, ihm nicht allein daraus Privilegien erwachsen, dann muss er/sie sich um das christliche Leben bemühen, muss christlich handeln. Göttliche Heilsgabe und ein jenseitiges Leben ist dann nicht länger lediglich an die Taufe, sondern an gottgefälliges Handeln gebunden. Damit ist auch nicht länger das Amt des Priesters und des Papstes eines, welches per se eine Gottgefälligkeit impliziert. Die Einführung des Laienkelches führt zu einer Heilsbringung an das ganze Volk. Sie impliziert, dass auch gottgefällige Laien Priester sein können und erkennt damit in Verbindung mit der Prädestinationslehre die Notwendigkeit von Papst und anderem herrschenden Klerus nicht an.
Und mit dieser Aberkennung vollzieht sich auch die Negierung des Rechtes auf Privilegien seitens der Priester. Wenn die göttliche Gnade jedem zuteil werden kann, der sich göttlich verhält, wenn jedem durch die Vergabe des Kelches Gottes Heil in der Eucharistie dargeboten wird, jeder auch den Kelch austeilen kann (sofern er eine priesterliche Weihe empfängt), dann gibt es kein Recht auf materielle Privilegien per se mehr. Ich werde später noch auf die Schwierigkeit mit materieller und geistiger Macht eingehen, über die es in der hussitischen Bewegung keine einhellige Definition gibt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Stilisierung Martin Luthers als traditionsreiche Figur im deutschen Geschichtsbewusstsein und stellt die Forschungsfrage, warum der zeitlich frühere Reformator Jan Hus im Gegensatz zu Luther kaum eine Rolle spielt.
II. Hus’ Reformation.: Dieses Kapitel analysiert die theologische und soziale Dimension der böhmischen Reformation, insbesondere durch den Laienkelch und die Lehre der Prädestination als Mittel gegen kirchliche Privilegien.
III. Die Wertediskussion: Hier erfolgt die methodische Einbettung in Foucaults Macht- und Diskursbegriff, um zu untersuchen, wie Schulbücher durch die Auswahl historischer Leitfiguren bestimmte Werte vermitteln und Machtverhältnisse stabilisieren.
IV. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert, dass die Geschichtsvermittlung in Hauptschulen ideologisch geprägt ist und durch die Fokussierung auf Luther und das "Vergessen" anderer revolutionärer Ideen die bestehende Gesellschaftsordnung stützt.
Schlüsselwörter
Martin Luther, Jan Hus, Hussitismus, Reformation, Geschichtspolitik, Michel Foucault, Panoptismus, Wertevermittlung, Geschichtsbücher, Prädestination, Laienkelch, Machtdiskurs, Erinnerungspolitik, Ideologie, Schulbuchanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Martin Luther in deutschen Schulbüchern als zentrale Figur der Reformation konstruiert wird und warum der tschechische Reformator Jan Hus dabei weitgehend ignoriert oder in den Hintergrund gedrängt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Stilisierung historischer Personen, die Funktion von Geschichtsbewusstsein als Grundlage gesellschaftlicher Selbstdefinition und die Analyse der Wertevermittlung in Bildungsmaterialien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Gründe für die unterschiedliche Wahrnehmung und Stilisierung von Luther und Hus in der bundesdeutschen Erinnerungskultur des Jahres 2004 offenzulegen und kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt vorwiegend die Diskurstheorie von Michel Foucault sowie dessen Machtbegriff, um zu analysieren, wie Wissen und Tradition in Schulbüchern konstruiert werden, um Machtverhältnisse zu stabilisieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der hussitischen Reformation, eine Erläuterung des panoptischen Gesellschaftsmodells nach Foucault und eine Untersuchung der Darstellung Luthers und Hus in ausgewählten Hauptschulbüchern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Reformation, Erinnerungspolitik, Machtdiskurs, Laienkelch, Prädestination, Schulbuchanalyse und Geschichtsbewusstsein.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Laienkelchs in der hussitischen Lehre?
Die Autorin sieht den Laienkelch nicht nur als liturgische Neuerung, sondern als wesentliches Instrument, das auf der Lehre der Prädestination beruht und die Privilegien von Papst und Klerus theologisch und sozial wirkungsvoll ablehnte.
Warum wird laut Autorin Jan Hus in deutschen Schulbüchern weitgehend verschwiegen?
Die Autorin vermutet, dass Hus' Lehren eine direkte Bedrohung für Kontroll- und Rechtsgewalt darstellten, da sie den institutionalisierten Glauben fundamental angriffen, während Luthers Wirken besser in die teleologische Fortschrittserzählung der Moderne integrierbar war.
- Quote paper
- Astrid Henning (Author), 2004, Über Jan Hus: Die vergessene europäische Reformation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42849