Der gruppenanalytische Blick auf die soziale Gruppenarbeit


Hausarbeit, 2015
13 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

Inhaltsangabe

1.0 Einleitung

2.0 Denkansatz
2.1 Grundlagenmatrix
2.2 Dynamische Matrix
2.3 Nonverbale Kommunikation und Habitus

3.0 Konzeption

4.0 Strukturierung und Aufgaben des/der LeiterIn

5.0 Kritik

6.0 Fazit

1.0 Einleitung

In der Sozialen Arbeit ist das Arbeiten in und mit Gruppen ein unabdingbarer Arbeitsbereich. Ob in Kindertagesgruppen, Obdachlosenheimen, Selbsthilfegruppen, oder in familiären Systemen, der Mensch befindet sich immer in gruppalen Verhältnissen. Diese Gruppen können sowohl konstruktive Merkmale aufweisen als sich auch destruktiv auf Menschen und deren Umwelt auswirken. Zum Beispiel können sie Abhängigkeiten schaffen oder Selbsthilfe bewirken. Gruppen sind ein grundlegender Bestandteil der Sozialisation eines jeden Menschen und bilden somit letzten Endes die Grundpfeiler einer jeden Kultur. Deshalb ist es für die Soziale Arbeit wichtig, Gruppenprozesse und Dynamiken zu verstehen und deren Zustandekommen nachvollziehen zu können, sowie ggf. ein Eingreifen in Gruppenprozesse gezielt und effektiv zu gestalten. In dieser Ausarbeitung werde ich mich mit dem gruppenanalytischen Ansatz in der Sozialen Gruppenarbeit befassen. Ich möchte den gruppenanalytischen Ansatz auf seine Denkansätze, Grundlagen, und Möglichkeiten hin überprüfen. Dabei werde ich Norbert Elias und S. H. Foulkes als grundlegende Denker und deren Einfluss auf die Gruppenanalyse und Denkansätze vorstellen. In diesem Kontext möchte ich dann untersuchen, welche Schwerpunkte die Methode der Gruppenanalyse im Vergleich zu anderen Modellen der Gruppenarbeit hat und welche Vorteile sie bietet, was sie leisten kann und wie sie es leistet. Dazu werde ich zuerst Norbert Elias' Denkansätze über Individuum und Gesellschaft vorstellen, um dann das Konzept der Gruppenmatrix zu erläutern. Mit dieser Grundlage möchte ich dann das Konzept der Gruppenanalyse vorstellen um die Unterschiede zu rein psychotherapeutischen und sozialpädagogischen Ansätzen aufzuzeigen. Zuletzt werde ich versuchen die Aufgaben des/der LeiterIn sowie die Strukturierung einer gruppenanalytischen Gruppenarbeit darzustellen.

2.0 Denkansatz

Norbert Elias war ein deutscher Soziologe, welcher in den 40er Jahren nach England emigrierte. Er entwickelte zusammen mit dem Psychoanalytiker S.H. Foulkes die Methode der Gruppenanalyse. Norbert Elias' Überlegungen zum Verhältnis von Gemeinschaft und Individuum werden als Grundlage der gruppenanalytischen Gruppenarbeit beschrieben (vgl. Brandes 1999: 5). Elias hatte die Erkenntnis, „daß man Individuum und Gesellschaft nicht trennen kann, daß sie lediglich zwei verschiedene Betrachtungsebenen darstellen“(ebd.: 6). Diese Erkenntnis gründet auf der Beobachtung, dass die Entwicklung eines Individuums in Abhängigkeit von seiner Außenwelt geschieht und somit das Verhalten und Empfinden eines Menschen von der Außenwelt maßgeblich bestimmt wird. Die Individualität des Einzelnen gründet also auf der Gemeinschaft. Dies steht im Kontrast zum herkömmlichen Ansatz der innerpsychisch ausgerichteten Psychotherapie, die das Individuum als geschlossenes System ansieht, dessen Problematik folglich in sich selbst gelöst werden kann (ebd.: 8). Gleichsam ist die Gruppe nicht einfach eine Anhäufung von in sich geschlossenen Systemen, sondern ein Netzwerk aus miteinander agierenden und einander bedingenden Systeme. Diese Individuen individualisieren sich im Rahmen von Regeln, die das Netzwerk vorgibt. Wenn zum Beispiel ein bestimmtes Verhalten in einer Gruppe als unangemessen gilt, wird die Gruppe in dem Moment, da sie dieses Verhalten bei einem Gruppenmitglied feststellt, auf das entsprechende Individuum nach der vorherrschenden Norm reagieren. Dadurch erfährt das Individuum die Grenzen, in denen es sich in dem entsprechenden Netzwerk bewegen kann. Auf der Grundlage dieser Grenzen kann es sich dann individualisieren. Daraus resultiert, dass sich Gemeinschaft und Individuum gegenseitig konstruieren. Ein Beispiel dazu beschreibt Holger Brandes in seinem Text Individuum und Gemeinschaft in der Sozialen Gruppenarbeit: der gruppenanalytische Ansatz, in dem er von Beobachtungen berichtet, die bei der gruppenanalytischen Arbeit mit Arbeitslosen gemacht wurden. Er berichtet von dem Bestreben der Gruppe, Verhaltensweisen, die der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt im Weg stehen, auszuräumen. Dieses Bestreben führte dazu, dass sich die Gruppenmitglieder aneinander in Konflikten „abschliffen“ und dadurch eine konstruktive Gruppendynamik entstand, die darauf hinarbeitete, sich aus ihrer eigenen Problemlage zu befreien. So wurden Verhaltensweisen, wie „etwa vernachlässigtes Äußeres, Unpünktlichkeit oder allzu ausschweifendes Reden“ (ebd.: 21) von den anderen Gruppenmitgliedern kritisiert (vgl. ebd.: 21f). Dies ist ein Beispiel für eine positive Gruppendynamik. Wie bereits erwähnt, kann eine Gruppe auch destruktive Dynamiken annehmen oder Blockaden entwickeln. Ich möchte im Folgenden näher auf das theoretische Modell dieser Gruppennetzwerke eingehen, um verständlich zu machen, auf welcher Grundlage und welchem Wissen die Methode der Gruppenanalyse agiert.

2.1 Grundlagenmatrix

Foulkes nannte das von mir im letzten Abschnitt beschriebene Gruppennetzwerk eine „Gruppenmatrix“. Die Gruppenmatrix stellt also ein Netzwerk aus Menschen dar, welche dieses Netzwerk als Basis ihrer verbalen und non-verbalen Kommunikation und Grundlage ihrer Beziehungen zueinander nutzen. Dazu zählt nicht nur die Kommunikation, sondern auch Erfahrungen, Beziehungen und Ereignisse. Da der Begriff des Gruppennetzwerks nur bedingt fasst, worauf der gruppenanalytische Ansatz fußt, wurden die Begriffe Grundlagenmatrix und dynamische Matrix eingeführt (vgl. Naumann 2014: 52f). Die Grundlagenmatrix ist also die Grundlage, auf der interagiert wird. Jeder Mensch ist von Geburt an in Gruppen organisiert. Familie oder ähnliche Institutionen, später Kita, Schule, Arbeit. Jede dieser Institutionen und alle weiteren Gruppen, an denen ein Mensch teilgenommen hat, bestimmten das Gruppenbewusstsein der Person. Dieses Bewusstsein ist Teil dessen, was jedes Individuum in die Grundlagenmatrix hineinträgt.

„Das Zustandekommen einer Matrix in einer Gruppe von zuvor einander Fremden Individuen ist nur möglich, wenn bereits im Vorfeld der Gruppenbildung Gemeinsamkeiten zwischen den Individuen existieren, die diese trotz allen Differenzen in ihren Biographien teilen. Hierzu gehören gemeinsame Vorerfahrungen bezüglich der Verhältnisse von Individuum und Gruppe. Diesen Fundus an Gemeinsamkeiten bezeichnet Foulkes als die Grundlagenmatrix.“ (Brandes 1999: 10)

Die Grundlagenmatrix besteht also aus den gemeinsam geteilten Vorerfahrungen und Attributen, die jedes Mitglied in der Gruppe vertritt. Ein grundlegender gemeinsamer Fundus einer Gruppe ist dann zum Beispiel, dass alle Mitglieder der gleichen Art angehören, also Menschen sind:

„Ich bin von Anfang an davon ausgegangen, dass sogar eine Gruppe aus einander völlig fremden Personen aufgrund der Zugehörigkeit zur gleichen Art und darüber hinaus zur gleichen Kultur eine grundlegende mentale Matrix miteinander teilt.“

(Foulkes 1974: 39)

Ein Beispiel zur Bedeutung von Kultur bietet der Begriff „doing gender“: Wer oder was welchem Geschlecht zugeordnet wird, ist nicht zufällig. Sexuelle Orientierung oder Geschlecht ist in unserer Kultur an ganz bestimmte Normen gebunden. Ein Mann, der sich mit einem anderen Mann beispielsweise Händchen haltend in der Öffentlichkeit zeigt, wird hierzulande von seinem Umfeld wahrscheinlich als homosexuell wahrgenommen. In der indischen Kultur beispielsweise wird das gleiche Verhalten als völlig normal und nicht sexuell interpretiert. Wie also ein Verhalten von einer Gruppe bewertet wird, ist abhängig von der Grundlage, auf die sich die Gruppe stützt, also der Grundlagenmatrix.

2.2 Dynamische Matrix

Anders als die Grundlagenmatrix umschreibt die dynamische Matrix den gemeinsamen Fundus einer Gruppe, der im Laufe des Gruppenprozesses gebildet wird. Ein Beispiel für die Entstehung einer dynamischen Matrix, auch Figuration genannt, wurde bereits erwähnt: In der Arbeitslosengruppe war es die dynamische Matrix, die sich im Laufe der Treffen und damit verbundenen Konflikte gebildet hat, und dadurch dann einen Verhaltenskodex etablierte, an dem sich die Beteiligten orientieren konnten. Eine dynamische Matrix entwickelt sich also im Gegensatz zur Grundlagenmatrix im Laufe des Gruppenprozesses und hat vorerst auch nur Einfluss auf die Gruppe, in der sie entstanden ist. Basis für die dynamische Matrix ist unter Anderem die sinnlich symbolische, also die nonverbale Kommunikation. Durch die Affekte, die durch die nonverbale Kommunikation ausgelöst werden, können Resonanzen in der Gruppe entstehen. Ein Beispiel wäre eine Gruppe, in der mehrere oder alle Mitglieder Probleme mit einer bestimmten Art von Ängsten in sich tragen. Wenn jetzt während des Gruppenprozesses ein Gruppenmitglied seine Ängste ausdrückt, so können die anderen Gruppenmitglieder darauf reagieren. Zum Beispiel indem sie selbst von ihren persönlichen Ängsten berichten oder auch indem sie sich plötzlich abgrenzen aus Angst vor der Konfrontation mit ihren Schwächen. Auch aufbrausende oder emotionale Reaktionen sind möglich. Jedenfalls wurde durch ein Mitglied der Gruppe ein Thema angeregt, ob nun verbal oder nonverbal und dieses hat in der Gruppe eine Resonanz erzeugt. Die Resonanzen sind Teil der dynamischen Matrix und können innerhalb der Gruppe zwischen den einzelnen Individuen variieren (vgl. Naumann 2014: 60f). Aber sie bilden eine Grundlage für die Gruppenanalyse, da sie einen Einblick ermöglichen auf die affektbesetzten Themen, welche die Gruppe als Ganzes bewegen.

2.3 Nonverbale Kommunikation und Habitus

Im Folgenden möchte ich die Bedeutung des Habitus als Teil der nonverbalen Kommunikation beschreiben. Der Gruppenprozess ist, wie bereits erwähnt, zu einem großen Teil von der nonverbalen Kommunikation geprägt. Dies ergibt sich ganz selbstverständlich alleine schon aus dem Umstand, dass immer nur eine Person sprechen kann, während die restliche Gruppe zuhört. Aber auch die Zuhörer kommunizieren stetig. Diese nonverbale Kommunikation findet in einer Gruppe unter Anderem durch die Positionierung im Raum, die Sitzhaltung oder die Mimik statt (vgl. Brandes 1999: 11).

In diesem Kontext spielt der Habitus eine große Rolle. Der Habitus zeigt sich „in ästhetischen Vorlieben, in Mimik und Gestik, im Lachen und Weinen, in Körperpräsenz oder auch in Sprachtakt und Sprachmelodie“ (Naumann 2014: 56). Der Habitus bildet also die Grundlage für einen Großteil der nonverbalen Kommunikation. Der Habitus schafft Zugehörigkeiten zu gesellschaftlichen Gruppen und macht Verhältnisse von Herrschaft und Unterdrückung sichtbar (vgl. Ebd.: 56f). Sprachtakt, Sprachmelodie, und Körperhaltung unterscheiden sich zum Beispiel bei einem Obdachlosen im Regelfall ganz klar von dem/der einer Person, die eine hohe gesellschaftliche Anerkennung genießt. Es findet alleine durch diese subtilen Unterschiede in der Körperpraxis eine klare Kommunikation statt. Eine Person, die sich einer Gruppe zugehörig fühlt, welche ein hohes Ansehen genießt, kommuniziert dies auch durch ihre Körperpraxis. Diese Art der Kommunikation ist zumeist tief in den einzelnen Individuen verwurzelt und durch ihr Umfeld geprägt. Aber nicht nur das direkte Umfeld einer Person bestimmt die Ausbildung des habituellen Verhaltens, sondern auch die Gesellschaft und somit die Kultur, in der ein Individuum lebt. Somit bestätigt sich auch hier wieder der Ansatz von Norbert Elias, nämlich, dass eine Trennung von Individuum und Gesellschaft nicht möglich ist, da ein Individuum viel zu sehr bewusst und unbewusst mit der Gesellschaft verwoben ist. Ein Verständnis über diese unterbewusste Kommunikation, die über den Habitus stattfindet, ist im gruppenanalytischen Kontext von Bedeutung, da es innerhalb der Gruppe zu affektbesetzten Konflikten kommen kann, die auf einer habituellen Verständigung fußen. Insbesondere die nonverbale Kommunikation birgt das Potenzial für Konflikte, da sie im Gegensatz zur verbalen Kommunikation einen weitaus größeren Interpretationsspielraum bietet.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der gruppenanalytische Blick auf die soziale Gruppenarbeit
Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Note
1,4
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V428674
ISBN (eBook)
9783668726413
ISBN (Buch)
9783668726420
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gruppenanalyse, Psychoanalytik, Soziale Arbeit, Psychoanalytische Soziale Arbeit, Selbsthilfe, Habitus, Dynamische Matrix, Gruppenarbeit
Arbeit zitieren
Manuel Stoewe (Autor), 2015, Der gruppenanalytische Blick auf die soziale Gruppenarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428674

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der gruppenanalytische Blick auf die soziale Gruppenarbeit


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden