Die Figur des Krabat hat ihren Ursprung im 17. Jahrhundert in der Lausitz. Im Laufe der Zeit rankten sich immer mehr Motive um diese Sagengestalt. Für die in der Lausitz lebende Volksgemeinschaft der Sorben avancierte Krabat sogar zum Volkshelden. Unter den Autoren, die den Krabat-Stoff zum Gegenstand einer eigenständigen Erzählung machten, ragt Otfried Preußler heraus, der heuer seinen 80. Geburtstag feiern konnte und als einer der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautoren deutscher Sprache gilt. Seiner Erzählung „Krabat“ gebührt in der vorliegenden Examensarbeit besondere Aufmerksamkeit.
In meiner Arbeit gehe ich zunächst auf die literarische Gattung der Kinder- und Jugendliteratur ein. Hierbei liegt das Augenmerk besonders auf der Untergattung der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Dies geschieht deshalb, weil es sich bei Preußlers Sagenbearbeitung des Krabatstoffes um ein Jugendbuch, speziell um ein phantastisches Jugendbuch handelt. Danach steht die literarische Gattung der Sage im Blickpunkt meiner Untersuchungen. Dabei ist unter anderem von Volkssagen die Rede, zu denen auch diejenige über den sorbischen Zaubermeister Krabat gehört. Hiernach komme ich im besonderen auf sorbische Volkssagen und im Anschluss daran auf die Krabat-Sage zu sprechen. Hierbei war mir das Buch „Die Krabat-Sage. Quellenkundliche Untersuchung zu Überlieferung und Wirkung eines literarischen Stoffes aus der Lausitz“ (Marburg 1982) von Marie-Luise Erhardt eine sehr große Hilfe. Anhand der von ihr erarbeiteten Quellenlage lassen sich sehr gut der ursprüngliche Charakter sowie der ursprüngliche Inhalt der Sage um Krabat bestimmen und auch die Wandlung, die der Stoff im Laufe der Zeit bei verschiedenen Autoren erfahren hat. Der Bereich, wie der Stoff in der Literatur des 20. Jahrhunderts behandelt wurde, fällt bei ihr jedoch etwas dürftig aus. Dies erfordert tiefgreifendere Untersuchungen jener Problematik. So betrachtet sie zunächst Martin Nowak-Neumann‘s mit Bildern illustrierte Nacherzählung der sorbischen Sage, welche den Titel „Meister Krabat“ trägt. Darauf folgt eine Untersuchung des Werkes des sorbischen Schriftstellers Jurij Brežan „Die Schwarze Mühle“. Dieser verleiht dem alten Sagenstoff bereits Jugendbuchcharakter. Hiernach steht bei ihr die Erzählung des renommierten Kinder- und Jugendbuchautors Otfried Preußlers „Krabat“ im Mittelpunkt der Betrachtung, welche den Kernpunkt meines Hauptteils bildet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kinder- und Jugendliteratur
2.1 Definitionen von Kinder- und Jugendliteratur
2.2 Der Kinder- und Jugendbuchautor
2.3 Volksüberlieferung und Jugendliteratur
2.4 Phantastische Kinder- und Jugendliteratur
2.4.1 Phantastische Literatur
2.4.2 Abgrenzung verwandter Gattungen
2.4.3 Motive im phantastischen Kinder- und Jugendbuch
3. Die Literaturgattung der Sage
3.1 Sagengattungen
3.2 Sorbische Volkssagen
3.3 Die Krabat-Sage
3.3.1 Frühe Fassungen der Sage
3.3.2 Vergleich der frühen Fassungen
3.3.3 Die Entwicklung des Stoffes unter dem Einfluss der Volkskunde
3.3.4 Die literarischen Fassungen und das Fortleben der Sage
3.3.4.1 Martin Nowak-Neumann „Meister Krabat“ (1954)
3.3.4.2 Jurij Brežan „Die Schwarze Mühle“ (1968)
3.3.4.3 Otfried Preußler „Krabat“ (1971)
4. Die Krabat-Sage als phantastisches Jugendbuch
4.1 Inhaltsangabe
4.2 Personen im „Krabat“
4.2.1 Krabat
4.2.2 Kantorka
4.2.3 Die Müllerburschen
4.2.4 Tonda
4.2.5 Juro
4.2.6 Pumphutt oder die Sagengestalt in der Sage
4.2.7 Der Meister
4.2.8 Der Teufel
4.3 Magische Welten
4.3.1 Der Ring aus Haar
4.3.2 Die Wurzel
4.3.3 Die Salbe
4.3.4 Das Messer
4.3.5 Die Mühle als unheimlicher Ort
4.3.6 Die Schwarze Kammer
4.3.7 Freitagsgeschehen
4.3.8 Der magische Kreis
4.3.9 Das Ritual der „Geheimen Bruderschaft“
4.3.10 Ochsenhandel
4.3.11 Pferdehandel
4.3.12 Die Kutschfahrt
4.3.13 Die Werberepisode
4.3.14 Die Erlösung
4.3.15 Parapsychologische Fähigkeiten
4.3.15.1 Handauflegen
4.3.15.2 Aus-sich-Hinausgehen
4.3.15.3 In-Gedanken-sprechen
4.3.16 Die Träume und ihre Bedeutung
4.4 Der geographische und geschichtliche Hintergrund
4.5 Brauchtum und Volkstum
5. Schluss und Ausblick
5.1 Die reale und die phantastische Ebene im „Krabat“
5.2 Projekte rund um die Sagengestalt „Krabat“
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Examensarbeit untersucht die Entstehung und Gestaltung von Otfried Preußlers Jugendbuch "Krabat" und analysiert, wie der Autor einen alten sorbischen Sagenstoff in ein phantastisches Jugendbuch transformiert hat. Dabei wird insbesondere beleuchtet, wie Preußler historische Motive und Brauchtum in sein Werk integriert und durch die Gattung der Phantastik neu interpretiert.
- Literarische Gattung der Kinder- und Jugendliteratur
- Die Sage als Grundlage für moderne Jugendbuch-Adaptionen
- Strukturanalyse des Romans "Krabat"
- Interpretation von Symbolik, Magie und Parapsychologie im Werk
- Vergleich zwischen historischer Überlieferung und literarischer Bearbeitung
Auszug aus dem Buch
4.2.7 Der Meister
Die Stimme des Meisters nimmt Krabat bereits in einem Traum wahr: „Die Stimme klang heiser, sie schien aus den Lüften zu kommen, von fernher, und rief ihn bei seinem Namen. [...] ‚Krabat!‘ [...] ‚Komm nach Schwarzkollm in die Mühle, es wird nicht zu deinem Schaden sein!‘ “ Krabat folgt der geheimnisvollen Stimme und kommt nachts auf die Mühle im Koselbruch. Als er eintritt, ist fast alles dunkel, außer die Kammer des Meisters, der dort auf den Jungen wartet: „Hinter dem Tisch saß ein massiger dunkelgekleideter Mann, sehr bleich im Gesicht, wie mit Kalk bestrichen; ein schwarzes Pflaster bedeckte sein linkes Auge.“ Der Müller wird also als unheimlich und hässlich beschrieben. Die Einäugigkeit ist zwar für gewöhnlich Zeichen einer gewissen Beschränkung. Es kann aber auch wie hier symbolisch als Ausdruck für Fähigkeiten besonderer Art stehen. Den Einfluss, den der Meister auf andere ausübt, wird bereits kurz nach dem Kennenlernen deutlich: „ ‚Ich bin hier der Meister. Du kannst bei mir Lehrjunge werden, ich brauche einen. Du magst doch?‘ ‚Ich mag‘, hörte Krabat sich antworten. Seine Stimme klang fremd, als gehörte sie gar nicht ihm.“ Krabat befindet sich also von Anfang an im magischen Bann des Meisters, wovon er sich erst im weiteren Handlungsverlauf losmachen kann. Der Meister ist in seiner Funktion als Teufelsbündner der Auslöser des numinosen Geschehens im „Krabat“ und stellt als Personifizierung des Bösen eine negative Kraft dar. Seine Hauptgegenspielerin findet er in der Kantorka, die wie bereits erwähnt, dem Müller als Gutes Prinzip gegenübersteht. Der Name des Müllers wird nicht genannt. Sein negatives äußeres Erscheinungsbild korrespondiert mit seinem düsteren Innern. Er ist wortkarg und verkörpert eine Reihe von negativen Eigenschaften, die durch seine Zaubermacht noch verstärkt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der sorbischen Sagengestalt Krabat ein und erläutert die Absicht, die literarische Adaption durch Otfried Preußler in den Kontext der phantastischen Jugendliteratur zu stellen.
2. Kinder- und Jugendliteratur: Dieses Kapitel definiert die Gattung der Kinder- und Jugendliteratur und untersucht die Bedeutung der phantastischen Literatur sowie deren Motive.
3. Die Literaturgattung der Sage: Hier werden Definitionen, Gattungsmerkmale und die geschichtliche Entwicklung der Sage sowie die spezifische Krabat-Sage und ihre Adaptionen durch verschiedene Autoren analysiert.
4. Die Krabat-Sage als phantastisches Jugendbuch: Der Hauptteil bietet eine Inhaltsangabe und eine tiefgehende Analyse der Figuren, magischen Elemente, der Handlung und der Motive innerhalb von Preußlers Roman sowie dessen historischem Kontext.
5. Schluss und Ausblick: Der abschließende Teil reflektiert den literarischen Wert des Werkes "Krabat" und gibt einen Überblick über verschiedene Projekte und Rezeptionen rund um die Sagengestalt.
Schlüsselwörter
Krabat, Otfried Preußler, Sorbische Sage, Phantastische Jugendliteratur, Zaubermühle, Teufelsbündner, Magie, Volkssage, Mythen, Symbolik, Literaturwissenschaft, Literaturadaption, Schwarze Kunst, Brauchtum, Lausitz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Examensarbeit analysiert, wie Otfried Preußler eine alte sorbische Volkssage in sein berühmtes Jugendbuch "Krabat" transformierte und welche erzählerischen sowie inhaltlichen Mittel er dabei verwendete.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Definition von Kinder- und Jugendliteratur, die wissenschaftliche Einordnung von Sagen, die Analyse der Romanfiguren sowie die symbolische Bedeutung magischer Welten und parapsychologischer Fähigkeiten im Buch.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das "Aufleben" einer alten Sage im modernen Jugendbuch nachzuvollziehen und aufzuzeigen, wie Preußler den ursprünglichen Stoff durch eigene Kompositionen zu einem phantastischen Meisterwerk weiterentwickelte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es erfolgt eine strukturierte textkritische Analyse des Romans im Vergleich zu historischen Sagenfassungen sowie eine Untersuchung der im Buch enthaltenen Motive und Symbolik unter Einbeziehung literaturwissenschaftlicher und kulturhistorischer Quellen.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Inhaltsangabe, einer ausführlichen Charakterisierung der Protagonisten (wie Krabat, Kantorka und der Meister) sowie der Untersuchung magischer Gegenstände und ritueller Praktiken in der "Schwarzen Schule".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Krabat, Preußler, Sorbische Sage, Phantastik, Teufelsbündner und literarische Adaption treffend beschreiben.
Wie unterscheidet sich Preußlers Krabat von anderen Adaptionen?
Preußler reduziert die Erzählung auf die Lehrjahre des Jungen und fokussiert sich stärker auf psychologische Reifungsprozesse, Freundschaft und Liebe, anstatt Krabat lediglich als einen "strahlenden Helden" darzustellen.
Welche Rolle spielt der Teufelspakt im Roman?
Der Teufelspakt dient als düsterer Rahmen der Handlung, wobei der Müller als Teufelsbündner fungiert, dessen Macht jedoch durch menschliche Tugenden wie Liebe und Opferbereitschaft, personifiziert durch die Kantorka, überwunden werden kann.
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- Martin Lang (Author), 2003, Die Sage als Jugendbuch. Der Krabat - das Aufleben einer alten sorbischen Sage, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42878