Indigene Identitäten, Mobilisierung und natürliche Ressourcen


Hausarbeit, 2016
28 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsdesign und Fallauswahl

3. Indigene Identitäten und Mobilisierung
3.1. Ethnische und indigene Identitäten
3.2. Ethnizität und Mobilisierung
3.3. Ethnische Identität und natürliche Ressourcen

4. Indigene Identität und Mobilisierung in Bolivien
4.1. Konflikt um die Mine Mallku Khota
4.1.1. Hintergrund
4.1.2. Mobilisierung und indigene Identität
4.2. Novellierung des bolivianischen Bergbaugesetzes
4.2.1. Hintergrund
4.2.2. Mobilisierung und indigene Identität

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

In vielen Ländern Lateinamerikas kommt es, trotz Fortschritten in der politischen Emanzipation, vermehrt zu Konflikten mit indigenen Gruppen. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass viele Staaten der Region in den letzten Jahren ein (neo)extraktivistisches Wachstumsmodell verfolgen. Letzteres basiert auf einer intensiven Ausbeutung natürlicher Ressourcen, hauptsächlich für den Export (Gudynas 2013: 3). Diese Entwicklung hat widersprüchliche Effekte. Zum einen verschafften die Mehreinnahmen vielen Regierungen sozialpolitische Handlungsräume und ermöglichten so eine durchaus erfolgreiche Armutsbekämpfung, zum anderen führen die Folgen des Abbaus der Rohstoffe zu Widerstand in Teilen der Bevölkerungen. Häufig wehren sich gerade Indigene gegen eine Zerstörung ihrer Lebensgrundlage und protestieren gegen Minenprojekte, Infrastrukturmaßnahmen oder die Verabschiedung von vermeintlich investorenfreundlichen Bergbaugesetzen. Diese Proteste haben gemeinsam, dass Aktivist*innen bei Aufrufen zum Protest neben ihrer indigene Herkunft eine besondere - oft spirituelle - Verbundenheit mit ihrer Heimat betonen (Morrissey 2009: 25).

In der akademischen Literatur existiert eine große Zahl von Publikationen, die sich mit indigenen Bewegungen, Identitätspolitik oder dem Extraktivismus und damit verbunden Konflikten befasst (z.B. Bebbington/Bebbington 2012, Gustafson 2009, McNeish 2013, Vacaflores 2005). Auch untersuchen Studien die Rolle von indigenen Identitäten in sozialen Bewegungen im lateinamerikanischen Raum (z.B. Canessa 2007, 2012, Schorr 2012, Van Cott 2007, Warren/Jackson 2002). Es ist jedoch relativ unklar, unter welchen Umständen Aktivist*innen indigene Identitäten effektiv für eine Mobilisierung nutzen können und wie genau diese Prozesse ablaufen. Die Dynamiken bei der Konstruktion von indigenen Identitäten bei sozialen Protesten sind bislang - besonders im Kontext von Ressourcenausbeutung - nur unzureichend untersucht worden (Fontana 2013: 36).1 Eine Ausnahme bildet hier die quantitative Studie von Mähler/Pierskalla (2015), die Hinweise darauf findet, dass das Vorhandensein natürlicher Ressourcen eine wichtige Rolle für das Mobilisierungspotential indigener Identitäten spielt.

Diese Arbeit nimmt die erwähnte Studie als Ausgangspunkt und möchte einen Beitrag zur weiteren Schließung dieser Forschungslücken leisten indem sie fragt:

Welche Rolle spielt das Vorhandensein natürlicher Ressourcen bei der Konstruktion von indigenen Identitäten und für ihr Mobilisierungspotential?

Um diese Frage untersuchen zu können, soll zunächst geklärt werden, was einem sozialkostruktivistischen Verständnis nach unter ethnischen beziehungsweise indigenen Identitäten zu verstehen ist. Anschließend werden in einem kurzen Überblick verschiedene theoretische Ansätze vorgestellt, die sich dem Zusammenhang zwischen ethnischer Identität und politischer Mobilisierung widmen. Das theoretische Argument von Mähler/Pierskalla (2015) soll dabei in die Forschungslandschaft eingeordnet und ausführlich dargestellt werden. Die Autor*innen sehen im Vorhandensein natürlicher Ressourcen einen wichtigen Faktor, der eine Politisierung indigener Identitäten und eine Mobilisierung entlang derselben erleichtert. Da sie ein quantitatives Forschungsdesign gewählt haben, kann ihre Arbeit jedoch nicht beleuchten, welche Dynamiken im Detail bei einer Mobilisierung entlang indigener Identitäten entstehen. Zwar finden Mähler und Pierskalla einen statistischen Zusammenhang, der nahe legt, dass das Vorhandensein natürlicher Ressourcen eine wichtige Rolle für das Mobilisierungspotential in diesem Zusammenhang spielt. Wie genau dieser Einfluss sich in der Empirie vollzieht, bleibt jedoch weitestgehend unklar. Diese unter 2. näher aufgeführten Unklarheiten, sollen im Rahmen dieser Arbeit durch eine, auf den Ergebnissen der Studie aufbauende, qualitative Untersuchung adressiert werden.

Dafür wird aus dem theoretischen Argument der Autor*innen eine Hypothese zum Zusammenhang von natürlichen Ressourcen und einer Mobilisierung entlang indigener Identitäts-Frames abgeleitet. Diese wird dann anhand von zwei empirischen Fällen in Bolivien untersucht. Beide stehen im Kontext einer extraktivistischen Politik, unterscheiden sie sich jedoch hinsichtlich ihres Ressourcenbezuges. Es soll so untersucht werden, welchen Einfluss das (nicht) Vorhandensein natürlicher Ressourcen 1) auf die Prozesse und Dynamiken bei der Konstruktion von Indigenität in Selbst- und Fremdzuschreibungen und 2) auf das Mobilisierungspotential dieser indigenen Identitäten hat.

Im abschließenden Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst und die Forschungsfrage beantwortet.

2. Forschungsdesign und Fallauswahl

Das gewählte Forschungsdesign lässt sich im weiteren Sinne als instrumentelle Fallstudie verstehen, bei der in erster Linie nicht die Fälle selbst, sondern die Theorie im Mittelpunkt des Interesses steht (Stake 1994: 237). Die beiden Fälle wurden somit ausgewählt, um das Verständnis eines theoretischen Zusammenhangs zu vertiefen. Untersucht wird die Mobilisierung entlang indigener Identitäten gegen ein Minenprojekt in Malluk Khota (Potosí, Bolivien) im Jahr 2012 und gegen die Novellierung des bolivianischen Bergbaugesetzes im Zeitraum 2011 bis 2014. Während das erste Projekt extraktivistischer Politik (Mine Malluk Khota) im Kontext einer konkreten Ressourcenausbeutung steht, ist beim zweiten (Novellierung des Bergbaugesetzes) dieser unmittelbare Ressourcenbezug nicht gegeben. Durch diese Fallauswahl soll es möglich werden, die Rolle natürlicher Ressourcen bei der Konstruktion indigener Identitäten näher zu beleuchten. Dazu stützt sich die Arbeit im empirischen Teil auf öffentlich zugängliches Material aus bolivianischen Medien, Interviews mit Aktivist*innen und Pressemitteilungen von indigenen Organisationen.2

Bolivien bietet sich aus mehreren Gründen als Länderkontext für die Untersuchung dieses Zusammenhangs an. Bergbau hat traditionell eine hohe Bedeutung für die Wirtschaft des Landes. Die MAS-Regierung hat in den letzten Jahren - trotz angekündigter Versuche die Wirtschaft zu diversifizieren - verstärkt auf eine extraktivistische Wirtschaftspolitik gesetzt (Andreucci/Radhuber 2015: 1f.). Seit dem sogenannten „Wasserkrieg“ in Cochabamba im Jahr 2000 lässt sich zudem verstärkt indigene Mobilisierung in Kontext dieser Ressourcenausbeutung beobachten (Fontana 2013). Indigenität als Identitätskonzept besitzt darüber hinaus in Bolivien einen sehr hohen Stellenwert im öffentlichen Diskurs. Laut Zensus 2012 identifizieren sich 41 Prozent der Bevölkerung als indigen, was zusammen mit Guatemala den höchsten Bevölkerungsanteil in ganz Lateinamerika darstellt (Instituto Nacional de Estadística 2012). Zum anderen legen Fallstudien in Bolivien nahe, dass indigene Mobilisierung im Zusammenspiel mit Ressourcen ein wichtiger Faktor zur Erklärung sozialer Konflikte sein könnte (Bebbington 2012, Barndt 2012, Perreault 2008). Vor allem aber macht es Sinn, den gleichen Länderkontext wie Mähler/Pierskalla (2015) zu wählen, da diese Arbeit drei, dem quantitativen Forschungsdesign der Autor*innen geschuldeten, Unzulänglichkeiten adressieren möchte.

Erstens verwenden die Autor*innen, wie ihnen bewusst ist, in ihrer quantitativen Studie einen sehr groben und eindimensionalen Indikator, um das Mobilisierungspotential von indigener Identität abzubilden. Sie nutzen dafür den Anteil der Bevölkerung in einer Provinz, der sich (laut Zensusdaten aus dem Jahr 2001) als indigen versteht (Mähler/Pierskalla 2015: 315). In ihrer Argumentation beziehen sie sich allerdings auf komplexe soziale Prozesse bei der Konstruktion von Identitäten. Dies erscheint besonders für Bolivien als problematisch, da sich hier verschiedene indigene Diskurse und Identitäten gegenüberstehen, die sich überlappen und in Konflikt treten können (Canessa 2014). Eine qualitative Untersuchung kann diese vielschichtigen Prozesse und Dynamiken bei der Konstruktion von indigenen Identitäten mit und ohne direkten Ressourcenbezug hingegen bewusst in den Fokus nehmen.

Zweitens konnten die Autor*innen nur auf Daten zum Vorhandensein von Erdgasvorkommen in den einzelnen Provinzen zugreifen. Sie betonen allerdings, dass ihr Argument prinzipiell auf andere Ressourcen übertragbar sei (Mähler/Pierskalla 2015: 315). Dies soll ebenfalls im Rahmen dieser Arbeit geprüft werden.

Drittens kann die Studie, wie von den Autor*innen ebenfalls eingeräumt wird, weder Aussagen zur Rolle von Ressourcen bezüglich einer potentielle Eskalation eines Konfliktes, noch für spezifische Konfliktdynamiken beispielsweise zwischen der Regierung und indigenen Gruppen machen (Mähler/Pierskalla 2015: 324).3 Gerade letzteres erscheint aber von besonderem Interesse, da die Autor*innen hier eine zentralen Einfluss von Ressourcen vermuten. Sie argumentieren, dass Ressourcen nicht nur ein wichtiger Faktor bei der Konstruktion von Indigenität innerhalb einer bestimmten Gruppen sind, sondern auch das Verhalten anderer Akteure (z.B. Regierung, Unternehmen) beeinflusst.

3. Indigene Identitäten und Mobilisierung

3.1. Ethnische und indigene Identitäten

Diese Arbeit basiert auf einem sozialkonstruktivistischen Verständnis von ethnischer Identität und arbeitet mit folgender Definition als Grundlage: „Ethnic identities are a subset of identity categories in which eligibility for membership is determined by attributes associated with, orbelieved to be associated with, descent“ (Chandra 2006: 398).4

Chandras Definition steht in der Tradition von Ansätzen, wie den „vorgestellten Gemeinschaft“ (Anderson 1983) oder den „erfundenen Traditionen“ (Hobsbawm 1983). Auch Max Weber verstand Ethnizität bereits als ein Konzept einer Gruppe von Menschen, welche sich durch den subjektiven Glauben an eine gemeinsame Abstammung und Kultur konstituiert und so eine Gruppenidentität bildet (Weber 1922/1972: 237). Die Überzeugung einer gemeinsamen Abstammungsgemeinschaft bildet wiederum die Grundlage zur Anknüpfung an verschiedene Symbole und Handlungsmuster, die den Anschein von Tradition erwecken (Esser 1997: 877). Gemeinsame Sprache, Religion, Kleidung, Territorium oder Hautfarbe können Merkmale sein, auf denen dieser Gemeinschaftsglaube beruht und dienen zur Abgrenzung nach außen. Diese Grenzziehung erfolgt jedoch nicht einseitig, sondern entsteht durch ein komplexes Wechselverhältnis zwischen Selbst- und Fremdzuschreibung (Barth 1969: 13, Elwert 1989: 447). Eine grundlegende Frage, die sich dabei stellt ist: Wie beliebig können ethnische Identitäten konstruiert werden?

Unter den konstruktivistischen Ansätzen existiert der radikale Standpunkt, nach dem alle Identitäten generell ein momentanes Konstrukt beliebigen Inhaltes darstellen (Brubaker 2004: 27). Moderatere Positionen gehen jedoch davon aus, dass Ethnizität nicht völlig beliebig konstruiert werden kann. So betont Chandra eine Kerneigenschaft, die ethnische Identität von anderen Identitäts-Frames unterscheidet: eine begrenzte Veränderbarkeit (constrained change) (Chandra 2006: 414). Sie argumentiert, dass Attribute, die mit einer Abstammung assoziiert werden, im Durchschnitt schwerer zu verändern sind als andere. So könnten Name, Religion und selbst die Hautfarbe zwar unter bestimmten Umständen verändert werden, allerdings nicht so leicht, wie andere Attribute, die nicht mit Abstammung assoziiert werden (z.B. Parteienzugehörigkeit oder Beschäftigungsverhältnis) (Chandra 2006: 417).

Chandras Verständnis folgend, versteht diese Arbeit indigene Identitäten als Teilkategorien des allgemeineren Konzeptes ethnischer Identitäten.5 Die Bezeichnung „Indio“ und „Indígena“ (spanisch: „Indianer“) entstammen der kolonialen Herrschaftsideologie. Sie sind keine präzise Kennzeichnung für eine bestimmte Kultur, sondern vielmehr ein soziales Konstrukt der Europäer, mit dem die unterworfenen Völker rechtlich und ideologisch zusammengefasst und in die Gesellschaftshierarchie eingeordnet wurden (Ströbele-Gregor 2006: 6). Mittlerweile ist „Indígena“ jedoch eine Selbstbezeichnung im politischen Diskurs geworden, die sich auch in internationalen Debatten und Institutionen, zum Beispiel den Vereinten Nationen, durchgesetzt hat. Sie drückt soziale und kulturelle Gemeinsamkeiten gegenüber europäischen Machtgruppen und eine Ablehnung eines auf Assimilation zielenden Nationalstaats aus (Ströbele-Gregor 2006: 6). Die Verwendung unterscheidet sich von Staat zu Staat und teilweise sogar innerhalb derselben. Auch haben indigene Akteur*innen nicht zwingend ein gemeinsames Selbstverständnis oder einheitliche politische Positionen. Wer indigen ist und welche Rechte er auf dieser Grundlage einfordern kann, ist sowohl in der Wissenschaft, als auch unter den Akteur*innen selbst umstritten (Rössler 2005). Kritik am Begriff der Indigenität selbst bezieht sich meist auf seine bisweilen essentialisierende Verwendung. Vor diesem Hintergrund werden Definitionen, die sich auf spezifische Charakteristika und Kriterien beziehen, als rassistisch und kolonialistisch geprägt kritisiert (Kuper 2003, Barnard 2006).

In dieser Arbeit wird versucht diese „essentialistische Falle“ zu umgehen. Im Fokus der Analyse steht nicht, wer indigen ist und wer nicht. Vielmehr soll es darum gehen, wie Indigenität als soziales Konstrukt in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Bedingungen und mit der Interaktion mit anderen Identitäten diskursiv geschaffen und für politische Mobilisierung genutzt wird.

3.2. Ethnizität und Mobilisierung

Politische Mobilisierung kann als Prozess verstanden werden, indem politische Akteur*innen Menschen dazu bringen, sich an einer gemeinsamen politischen Aktion zu beteiligen. Diese kann sehr unterschiedliche Formen annehmen wie beispielsweise Aufrufe zu Kundgebungen, Wahlen, Streiks, zivilem Ungehorsam oder gewaltsamen Widerstand.6 Jede politische Mobilisierung hat jedoch gemein, dass sie eine kollektive Dimension hat (Vermeersch 2011: 1). Generell gesprochen wollen Akteur*innen potentielle Mitstreiter*innen dazu bringen, an einer öffentlichen Handlung teilzunehmen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Welche Rolle ethnische Aspekte bei politischer Mobilisierung spielen, wurde in der politikwissenschaftlichen Forschung jedoch lange kaum untersucht. Erst seit den 1990er Jahren beschäftigten sich verschiedene Stränge der sozialen Bewegungsforschung intensiv mit der Bedeutung von ethnischen Identitäten für Protest und Massenmobilisierung. Diese sollen hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit kurz überblicksartig wiedergegeben werden, um Mähler und Pierskallas Arbeit in den breiter Forschungskontext einzuordnen.7

Kulturalistische Ansätze sehen im Prozess der kulturellen Sozialisation den zentralen Faktor, um ethnische Mobilisierung zu erklären. Demnach haben Mitglieder einer ethnischen Gruppe aufgrund ihrer gemeinsamen Kultur eine grundlegende Verbindung untereinander und organisieren sich deshalb auf ähnliche Weise. Ethnische Mobilisierung wäre demnach die natürliche Reflexion kultureller Strukturen. Diese Ansätze stehen einem primordialen Verständnis von Ethnizität nahe. Viele Autoren lehnen aber die Vorstellung einer biologischen Basis für ethnische Solidarität ab, gehen aber davon aus, dass ethnische Identität auf kultureller Ähnlichkeiten basiert, die eine emotionale und nicht-rationale Qualität besitzt (Allahar 1996). Kritiker*innen werfen dieser Perspektive vor, mit Hinblick auf das Zusammenspiel von Kultur und Identität tautologisch zu sein. Des Weiteren sei „Kultur“ eine viel zu diffuse Variable, um überhaupt erklärend wirken zu können (Glazer 2000). Außerdem, so die Kritik, vernachlässigen kulturalistische Ansätze generell die Handlungsmacht von Akteur*innen. Ethnische und kulturelle Identitäten seien sozial konstruiert und könnten sich (bewusst oder unbewusst) über die Zeit verändern, was politische Akteur*innen wiederum für ihre Ziele nutzen könnten (z.B. Ireland 2000: 270).

Instrumentalistische Ansätze legen deshalb ihren Fokus auf Anführer*innen sozialer Bewegungen. Diese, so die Überlegung, machen sich ethnische Identitäten zu nutze, wenn sie um wirtschaftliche und politische Macht konkurrieren und Probleme kollektiven Handelns überwinden (Barker et al. 2001, Melucci 1996). Im Gegensatz zur kulturalistischen Perspektive ist Identität diesem Verständnis nach nichts, was einfach vorab existiert. Brass (1991) zeigt beispielsweise wie Ethnizität und Nationalismus bei der Interaktion von zentralstaatlichen Akteur*innen mit Eliten ethnischer Gruppen aus peripheren Gebieten entstehen und von diesen genutzt wurden. Die Mobilisierung ethnischer Gruppen kann demnach von politischen „Unternehmern“ beeinflusst werden, die ein bestimmtes Projekt verfolgen. In diesem Prozess beziehen diese sich auf Identitäten oder verbinden sie mit neuen Bedeutungen, die ihren Interessen nützen (Barth 1994). Bell (1975: 171) geht noch weiter und argumentiert, Ethnizität sein in diesem Zusammenhang als rein strategische Wahl von Individuen zu verstehen, die unter anderen Umständen eine andere Gruppenzugehörigkeit wählen würden, um Macht und Privilegien zu erhalten.

Diese Akteure bewegen sich jedoch nicht in einem Vakuum. Der Ansatz der politischen Opportunitätsstrukturen betont deshalb die Rolle des institutionellen Kontextes (Meyer 2004, Tarrow 1995). Formelle und informelle institutionelle Gegebenheiten beziehungsweise Veränderungen in diesen, können demnach eine Mobilisierung (entlang ethnischer Linien) ermöglichen oder verhindern. Diese politische Umwelt bestimmt die Anreize für Menschen kollektive Aktionen zu unternehmen und beeinflusst ihre Aussichten auf Erfolg (Tarrow 1995: 18).

Einige Ansätze, die sich eher mit gewalttätigen Konflikten beschäftigen, kommen zu dem Schluss, dass politische Ungleichheiten oder der Ausschluss einer ethnischen Gruppe konfliktfördernd wirken können (Esteban et al. 2012, Wimmer et al. 2009). Auch für relative ökonomische Ungleichheiten zwischen verschiedenen Ethnien wurde dieser Effekt gefunden (Østby 2008).

Also doch alles eine Frage der äußeren Gegebenheiten und Strukturen? Jüngere Arbeiten ziehen Framing-Ansätze zur Erklärung hinzu, indem sie argumentieren, dass die Wahrnehmung von Möglichkeiten oder Ungleichheit sich verändern kann (Goodwin/Jasper 2003). Erst wenn ein bestimmter sozialer oder politischer Zusammenhang auf eine bestimmte Weise wahrgenommen und interpretiert wird, so das Argument, kann er für eine Mobilisierung genutzt werden.

Diese Framing-Ansätze (englisch: to frame, einrahmen) basieren auf einem sozialkonstruktivistischen Verständnis und eigenen sich, um Prozesse der Bedeutungszuschreibung zu analysieren. Akteur*innen, beispielsweise Aktivist*innen einer sozialen Bewegung schaffen demnach die soziale Realität erst, indem sie bestimmte Deutungs- und Erklärungsmusters entwickeln (Snow et al. 1986). Auf diese Weise sind sie an der Konstruktion einer kollektiven (ethnischen) Identität beteiligt, welcher von zentraler Bedeutung für eine Massenmobilisierung ist (siehe 3.3) (Melucci 1996).8 Sie können durch die Interpretationen von kulturellen oder ideologischen Symbolen und ihre Anpassung an den politischen und sozialen Kontext daran mitwirken, ethnische Identitäten zu konstruieren. Snow und Benford identifizieren unterschiedliche Aufgaben, die Framing erfüllen kann. Diese bestehen in der Problemdiagnose (diagnostic framing), der Formulierung einer möglichen Lösung oder zumindest Strategie (prognostic framing) und einem Aufruf zum kollektiven Handeln (motivational framing,„call to arms“) (2000: 615).

Framing-Ansätze allein können jedoch nur sehr eingeschränkt erklären, warum manche Aufrufe zum kollektiven Handeln erfolgreicher sind als andere. Deshalb ziehen Forscher*innen kontextuelle Erklärungsansätze hinzu. Das Konzept der diskursiven Opportunitätsstrukturen identifiziert beispielsweise Ideen der allgemeinen politischen Kultur welche bereits als „realistisch“ oder „legitim“ gelten (Koopmans/Statham 1999). Frames, die an hegemoniale Diskurse anknüpfen, so die Überlegung, vermögen es eher, Resonanz zu erzeugen, werden eher als legitim empfunden und sind deshalb letztlich wirkungsvoller.

Auch das Vorhandensein natürlicher Ressourcen, so das innovative Argument von Mähler/Pierskalla (2015), kann ein solcher kontextueller Faktor sein, der das Mobilisierungspotential von Identitäts-Frames beeinflusst.

3.3. Ethnische Identität und natürliche Ressourcen

Doch wie genau erleichtert eine wahrgenommene kollektive ethnische Identität überhaupt gemeinsames Handeln und damit eine politische Mobilisierung? Habyarimana et al. (2007) identifizieren bei ihren Experimenten in Uganda drei Gruppen von Mechanismen, über die das geschehen kann: Präferenzen, Technologie und Strategie.

Menschen, die sich als eine homogene ethnische Gruppe wahrnehmen (und wahrgenommen werden), können Präferenzen über politische Ergebnisse oder Werte teilen. Dies kann der Fall sein, weil sie sich geographisch im gleichen Kontext bewegen und somit gemeinsam von bestimmten politischen Entscheidungen betroffen sind (Bates 1973). Auch durch eine gemeinsame Sprache und Kultur können ähnliche Interessenslagen entstehen. Beispielsweise, wenn es um die Durchsetzung einer bestimmten Sprache oder religiöse Feiertag geht (Miguel 1999). Außerdem können Individuen dem Wohl anderer Mitglieder ihrer Gruppe einen positiven Wert beimessen und sich deshalb ihnen gegenüber altruistisch verhalten (Tajfel 1974). Auf diese Weise kann das Problem des Trittbrettfahrens leichter überwunden werden. Der Technologie-Mechanismus beschreibt die Fähigkeit, Probleme des kollektiven Handelns durch Kommunikation innerhalb der Gruppe zu überwinden. Gruppen, die sich als ethnisch homogen wahrnehmen, kann dies aufgrund von gemeinsamer Sprache, Kultur und bereits etablierten Formen der sozialen Interaktion leichter fallen (Deutsch 1966). Auch ist es für sie oft leichter, andere Mitglieder ihrer Gruppe in ihrem sozialen Netzwerk zu identifizieren, was wiederum die Organisation kollektiven Handelns vereinfachen kann.

Der Strategie-Mechanismus geht davon aus, dass sich Individuen abhängig vom wahrgenommenen ethnischen Hintergrund einer Person, mit der sie interagieren, unterschiedlichen verhalten. Beispielsweise sanktionieren Mitglieder einer ethnisch homogenen Gruppe aufgrund ethnischer Normen eher Trittbrettfahrer (Habyarimana et al. 2007: 711). Im Gegensatz zu der Möglichkeit dazu (Technologie-Mechanismus), geht es hier um die tatsächliche Entscheidung die Individuen treffen.

Wenn ethnische Identitäten jedoch, wie beschrieben, zu einem gewissen Maß flexibel sind, was bedeutet das für die vorgestellten Mechanismen? Schließlich können sich Individuen prinzipiell unterschiedlichen ethnischen Gruppen zuordnen oder ihre Zugehörigkeit unter Umständen wechseln. Diese (begrenzte) Veränderbarkeit von ethnischen Identitäten kann eine entscheidende Rolle bei der Erklärung für ihr Mobilisierungspotential spielen. Mähler und Pierskalla argumentieren, dass Faktoren, welche die Festigkeit (fixedness) von Identitäten erhöhen, die beschriebenen Mechanismen in ihrer Wirkung stärken (Mähler/Pierskalla 2015: 308). Je leichter Individuen ihre Gruppenzugehörigkeit wechseln können, desto mehr steigt die wahrgenommene Heterogenität der Gruppe, was die Mechanismen in ihrer Wirkung schwächt und kollektives Handeln erschwert. Sind die Möglichkeiten zum Wechseln der Gruppenzugehörigkeit jedoch eingeschränkt, greifen die beschrieben Mechanismen tendenziell besser und erleichtern kollektives Handeln. Als einen zentralen Faktor, der die Flexibilität von Identitäten reduzieren kann, identifizieren Mähler und Pierskalla das Vorhandensein von natürlichen Ressourcen.

Für Mähler und Pierskalla fügt der Abbau von Ressourcen ethnischen Identitäts-Frames eine lokale Komponente hinzu und stärkt diese auf unterschiedliche Weise: „We argue that localresource exploitation can serve as an important local unifying frame for indigenousmobilization, by strengthening the identify of groups from within, as well as influencingbehavior of external actors (energy companies and especially governments) toward indigenous population.“ (Mähler/Pierskalla 2015: 308).

Natürliche Ressourcen sind oft in bestimmten Regionen eines Landes konzentriert. Diese Gebiete können mit dem Siedlungsgebiet einer Gruppe zusammenfallen, die bereits einen Identitäts-Frame teilt. Das Vorhandensein dieser Ressourcen kann aber genauso Anreize für die Bewohner*innen des Gebietes schaffen, sich als eine homogene ethnische Gruppe zu identifizieren. Zum einen generiert deren Ausbeutung oft Staatseinnahmen, von denen diese einen Anteil fordern können. Zum anderen geht der Abbau nicht selten mit gravierenden Folgen für die Umwelt einher. Von diesen kann die lokale Bevölkerung besonders betroffen sein. Für Gruppen, die sich selbst als indigen verstehen, ist dieser Zusammenhang besonders relevant. Diese betreiben häufig Landwirtschaft und besitzen darüber hinaus oft eine emotionale und spirituelle Verbindung zu ihrer Heimat (Hinojosa/Bebbington 2008: 15). Indigene Territorien können, genauso wie andere als heilig verstandene Orte, als „unteilbar“ wahrgenommen werden (Hassner 2003). Auf diese Weise verstärken Ressourcen die Verbindung zwischen einer indigenen Identität und einem bestimmten Gebiet. Das wahrgenommene gemeinsame Interesse an bestimmten politischen Entscheidungen (Präferenz-Mechanismus), beispielsweise die Verhinderung eines konkreten Minenprojektes, wird damit besonders relevant.

Natürliche Ressourcen beeinflussen aber auch das Verhalten von anderen Akteuren beispielsweise von Regierungen oder Unternehmen. Indigene Gruppen können diese als Eindringlinge wahrnehmen, die kein legitimes Recht auf das Land haben und über die Abgrenzung von diesen ihre eigene Identität festigen (Insider-Outsider-Frames). Aufgrund von Bemühungen, Repräsentant*innen von lokalen indigenen Gruppen einzubinden, können diese Dynamiken sogar noch verstärkt werden. Für die Bewohner*innen des Gebietes entstehen außerdem Anreize, sich bei potentiellen Verhandlungen als kohäsive Einheit zu präsentieren, um ihre Interessen effektiver durchsetzen zu können (Mähler/Pierskalla 2015: 309).

Natürlich können auch in Kontexten ohne Ressourcenabbau indigene Identitäts-Frames von Aktivist*innen genutzt werden. Mähler und Prieskalla argumentieren jedoch, dass diese dann nicht ohne Weiteres ihr Mobilisierungspotential entfalten können. Durch das Vorhandensein von natürlichen Ressourcen kann indigene Identität jedoch zu einem wichtigen Träger für eine Mobilisierung werden: „ In essence, natural resources can operate as a catalyst for the political mobilization of ethnic identity” (Mähler/Pierskalla 2015: 310).

Folgen wir diesem Argument, ist zu erwarten, dass Akteur*innen, die gegen konkrete Bergbauvorhaben vor Ort mobilisieren wollen, indigene Identitäts-Frames relativ effektiv dafür nutzen können. Bei einer Mobilisierung auf nationaler Ebene ohne unmittelbare Verbindung zu lokaler Ressourcenausbeutung, fällt dies demnach schwerer. Natürlich können - wie im zweiten Fall untersucht wird - investorenfreundliche Bergbaugesetze indigene Rechte einschränken und zukünftige Bergbauvorhaben erst ermöglichen. Dennoch fehlt in diesem Fall die unmittelbare und lokal katalysierende Wirkung der natürlichen Ressourcen. Aktivist*innen müssten das Bergbaugesetz dafür zunächst glaubhaft als Wegbereiter eines konkreten

[...]


1 Es existieren allerdings zahlreiche Publikationen zum Zusammenhang von natürlichen Ressourcen und den Dynamiken in Bürgerkriegen und anderen gewaltsamen Konflikten (z.B. Humphreys 2005, Ross 2004).

2 Auf dieser Basis können komplexe soziale Prozesse, wie sie bei der Konstruktion von Identitäten ablaufen, natürlich nur begrenzt analysiert werden. Eine detailreichere und umfassendere Untersuchung würde zum einen den Umfang dieser Arbeit sprengen, zum anderen wäre es nicht zurletzt aufgrund der Datenlage notwendig Interviews mit Akteur*innen vor Ort zu führen. Trotz dieser Limitierung kann diese Arbeit jedoch einen Beitrag leisten, indem sie den theoretischen Zusammenhang von indigener Identität, Mobilisierung und natürlichen Ressourcen in den Blick nimmt und in der Empirie sichtbar macht. Weitere Fallstudien könnten es sich beispielsweise zur Aufgabe machen, Framing-Prozesse in diesen Kontexten ausführlicher zu untersuchen.

3 Mähler/Pierskalla (2015: 312) zählen in ihrem Datensatz die auftretenden conflict events in einzelnen Provinzen und definieren diese folgendermaßen: „a (violent or non-violent) collective activity — beyond formal governmental institutions — stating an incompatibility with government parties, employers, or other (identity) groups of society that takes place through a continuous period of time at one specific geographical location“.

4 Im Gegensatz zu dieser konstruktivistischen Konzeption von Ethnizität sehen primordiale (spätlateinisch: „ursprünglich“) und soziobiologische Theorien ethnische Gruppenbildung als universelle Gegebenheiten und quasi-natürliche Formen menschlicher Existenz an (Dittrich/Lentz 1995: 27).

5 Die beiden Begriffe Ethnizität und Indigenität werden oft synonym verwendet. Eine genaue Abgrenzung kann, gerade unter einem sozialkonstruktivistischen Verständnis, nicht eindeutig festgelegt werden.

6 In der Forschung wird in diesem Zusammenhang meist der schwer ins deutsche übersetzbare Begriff der contentious politics gebraucht. Siehe hierzu Tarrow (2013).

7 Für einen Überblick siehe hierzu auch: Vermeersch (2011: 4f.).

8 Für einen Überblick zum Konzept der kollektiven Identität in der sozialen Bewegungsforschung siehe: Fominaya (2010).

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Indigene Identitäten, Mobilisierung und natürliche Ressourcen
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V428814
ISBN (eBook)
9783668726901
ISBN (Buch)
9783668726918
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mobilisierung, Soziale Bewegung, Indigene Identität, Ressourcenkonflikte, Bergbau
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Indigene Identitäten, Mobilisierung und natürliche Ressourcen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428814

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