Analyse des Schlagers "Du hast den Farbfilm vergessen". Die Farbfotografie als Träger der privaten Erinnerung und sozialen Bestätigung


Essay, 2015

5 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

"Du hast den Farbfilm vergessen" - Die Farbfotografie als Träger der privaten Erinnerung und sozialen Bestätigung

In dieser Arbeit soll es darum gehen den Liedtext des Schlagers Du hast den Farbfilm vergessen (1974, Nina Hagen mit der Band Automobil, Musik von Michael Heubach, Text von Kurt Demmler) medienwissenschaftlich zu untersuchen: Welche Aussagen macht der Liedtext über das Medium der Fotografie, speziell über das der Farbfotografie? Was bedeuten diese Aussagen im Kontext der DDR als Entstehungs- und Aufführungsort des Liedes?

Nina Hagen (*1955) wurde 1974 Sängerin der Rockband Automobil, deren Keyboarder Michael Heubach (*1950) das Lied komponierte. Der Text stammt vom deutschen Liedermacher und Texter Kurt Demmler (1943-2009). Trotz der ironischen Untertöne wurde das Lied auch von der DDR-Kritik gefeiert und erreichte die vorderen Plätze der Hitparaden.[1] Nina Hagen trennte sich ein Jahr später von der Band und verließ schließlich 1977 ganz die DDR.

Das Lied handelt von einem Urlaub des lyrischen Ichs, das identisch mit der Sängerin Nina Hagen gesehen werden kann („Landschaft und Nina und alles nur Schwarz/Weiß“[2] ) mit ihrem Freund Michael, genannt Micha, auf Hiddensee. Dieser hat nicht daran gedacht, den Farbfilm für die Kamera mitzunehmen, weswegen die Urlausfotos durchgehend Schwarzweiß-Aufnahmen werden, was Nina sehr wütend macht:

„Dass die Kaninchen

scheu schauten aus dem Bau.

So laut entlud sich

mein Leid ins Himmelblau.

So böse stampfte mein nackter Fuß den Sand

und schlug ich von meiner Schulter deine Hand.“

Noch nach ihrer Heimkehr beim Einkleben der Fotos ins Fotoalbum bringt der Fakt, dass die Fotografien nicht bunt sind, Nina so in Rage, dass sie Micha wiederholt damit droht, ihn zu verlassen.

Nina Hagen selbst bemerkt zum ironischen Unterton des Textes in ihrer Autobiografie folgendes:

„Wahrscheinlich muss man in der DDR geboren sein, um all die Anspielungen und manchmal recht derben Bezüge zu verstehen, die dieses Lied zur heimlichen Nationalhymne einer ganzen Generation machten. Das Lied trieft vor Ironie; es ist Schlager durch Zerstörung von Schlager. Der Farbfilm atmet im Hintergrund das giftige Grau von Bitterfeld und die Tristesse von Leipzig; es spiegelt die Trostlosigkeit der Arbeitswelten zwischen Akkordschraube und Herumlungern an kaputten Maschinen; es spielt im Milieu einer irren Sehnsucht danach, dieser Schwarzweißwelt zu entfliehen, hin zu Orten voll Farbe und Licht. Da sind die kleinen Fluchten in die Natur, ans Meer, an die endlosen Sandstrände der Ostsee - Rügen, Usedom, Hiddensee -, Fluchten ins private Glück, in ein bisschen erotische Freiheit, die zum Guckloch des Paradieses werden. Aber das Paradies wird eingeholt von der banalen Alltagserfahrung in einem Staat, der knattrige, stinkende Plastikautos, beknackte Badeanzüge und Jahr für Jahr zu wenig Farbfilme hervorbringt.“[3]

Der Liedtext transportiert eine dezent versteckte Kritik am politischen und wirtschaftlichen System der DDR, indem darin Unmut über das Warenangebot und die generelle Stimmung der DDR gelesen werden kann. Dabei wird der Farbfilm symbolisch aufgeladen und steht im Gegensatz zur grauen Schwarzweißfilm-Fotografie, die hier Stellvertreter für Trostlosigkeit und Eintönigkeit im wahrsten Sinne des Wortes ist. Farbfilme waren tatsächlich Mangelware in der DDR. Das Monopol auf Filmherstellung hatte die Agfa AG mit der in der Filmfabrik Wolfen hergestellten Marke ORWO (Abk. für Original Wolfen). Die ORWO-Farbfilme wurden dabei nach dem in den 1930er Jahren entwickelten Agfacolor-Verfahren hergestellt, das gegenüber dem in den westlichen Industrie-Ländern verbreiteten Kodak-Verfahren auch noch einige Nachteile hatte (weniger lichtempfindlich, längere und kompliziertere Entwicklung, höhere Kosten).[4] Einen solchen, extra für den Urlaub teuer gekauften und eventuell umständlich besorgten Film daheim zu vergessen, kann als ärgerlich bewertet werden. Aber wieso Ninas ausufernder Zorn? Welche Funktionen hätte die Fotografie im Urlaub übernehmen sollen und konnten durch den Schwarzweißfilm nur unzureichend erfüllt werden?

„Du hast den Farbfilm vergessen,
mein Michael.
Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön's hier war.“

Die Fotografie ist ein indexikalisches Medium, das Information übermittelt. Ein indexikalisches Zeichen ist eines, das auf eine Wirklichkeit verweist. Daher gilt ein Foto als Beweisstück, dass das dort Abgebildete zu einem früheren Zeitpunkt auch wirklich existiert hat.

„Alles Blau und Weiß und Grün und später nicht mehr wahr!“

Das traumhafte Urlaubswetter, der blaue Himmel, der Sandstrand der Dünen und das Grün der Natur können auf dem Schwarzweißfilm nicht wiedergegeben werden. Ohne ihre Abbildung als Beweis verlieren sie in dieser überspitzten Formulierung komplett ihre Wirklichkeit, es ist, als hätte es sie nie gegeben. Kein Mensch, sagt das lyrische Ich, wird nur dem Wort der Urlaubmachenden vertrauen, die reine Erzählung ohne fotografischen Beweis ist nicht glaubhaft genug. Urlaubsfotos werden also nicht nur für sich selbst gemacht, sondern auch, um sich vor anderen zu profilieren: „Es duldet keinen Zweifel, dass Photos mindestens ebensosehr zum Vorzeigen gemacht werden wie zum Betrachten.“[5] Das Herzeigen von Fotos als soziale Praktik befriedigt einen Menschen, der sich durch die Reaktionen der Anderen bestätigt fühlt darin, ein erfüllendes Leben zu haben, gut auszusehen, etc.

„Nun sitz' ich wieder bei dir und mir zu Haus' und such' die Fotos fürs Fotoalbum aus.“

Das „wieder zu Haus“ macht deutlich, dass der Urlaub einen Gegensatz zur Normalität des Alltags darstellt, worin auch eine leise Form der Kritik am System DDR zu lesen ist:

„Die Flut des Tourismus ist eine einzige Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit, mit der unsere Gesellschaftsordnung uns umstellt. Jede Flucht aber, wie töricht, wie ohnmächtig sie sein mag, kritisiert das, wovon sie sich abwendet.“[6]

[...]


[1] Götz Hintze: Rocklexikon der DDR, Berlin 2000, S. 320.

[2] Das Zitieren des Liedtextes erfolgt nach: http://www.songtexte.com/songtext/nina-hagen/du-hast-den-farbfilm-vergessen-3bd80444.html (aufgerufen am 27.06.15)

[3] Nina Hagen: Bekenntnisse, München 2010, S. 165.

[4] Gert Koshofer: Geschichte der Farbphotographie in der Popularisierungszeit. In: Farbe im Photo. Die Geschichte der Farbphotographie von 1861 bis 1981, Katalog zur Ausstellung in der Josef Haubrich-Kunsthalle Köln 1981, S. 133–156.

[5] Pierre Bourdieu: Die gesellschaftliche Definition der Photographie. In: Pierre Bourdieu; Luc Boltanksi u.a.: Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchweisen der Photographie, Hamburg 2006 (Erstausgabe Paris 1965), S. 99.

[6] Hans Magnus Enzensberger: Eine Theorie des Tourismus. In: Einzelheiten I, Frankfurt 1983, S. 204.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Analyse des Schlagers "Du hast den Farbfilm vergessen". Die Farbfotografie als Träger der privaten Erinnerung und sozialen Bestätigung
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Theorien und Methoden der Literatur- und Kulturwissenschaften
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
5
Katalognummer
V428833
ISBN (eBook)
9783668728042
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturtheorie, Medien, Intermedialität, Kulturtheorie, Nina Hagen, Liedtext, Fotografie, Indexikalität, Farbfotografie, DDR, Schlager, Kurt Demmler, Susan Sontag, Pierre Bourdieu, Tourismus, Reisen, Soziologie
Arbeit zitieren
Sofie Neu (Autor), 2015, Analyse des Schlagers "Du hast den Farbfilm vergessen". Die Farbfotografie als Träger der privaten Erinnerung und sozialen Bestätigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428833

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