Analyse und Interpretation des Sonetts "Verfall" von Georg Trakl


Seminararbeit, 2018

19 Seiten, Note: 2.0

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.2 Biographischer AbrißGeorg Trakls

2. Analyse
2.1 Inhaltlicher Aufbau
2.2 Formaler Aufbau
2.3 erstes Quartette
2.4 zweites Quartette
2.5 erstes Terzette
2.6 zweites Terzette

3. Interpretation
3.1 Allgemein
3.2 spezifische Interpretation mit Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

ln der vorliegenden Arbeit habe ich den Versuch unternommen, das Sonett ״Verfall“ von Georg Trakl aus dem Jahr 1913 zu analysieren und zu interpretieren. In der ers­ten Niederschrift des Lyrikers im Jahr 1909 trug es noch den Titel ״Herbst“.1

Trakls Dichtungen, die sich dem rationalen Verstehen immer wieder entziehen, schaffen einen gewissen Reiz dazu ihrer Semantik auf den Grund zu gehen. Mit sei­nen kuriosen und abstrakten Illustrationen, die eine herzzerreißende Melancholie ausstrahlen, nimmt er innerhalb derösterreichischen Literatur eine besondere stel­lung ein. Gerade weil das vorliegende Gedicht sehr typisch für die expressionistische Lyrik ist und neben der musikalischen Melancholie, viele weitere typische Stilmittel von Trakl beinhaltet, gehört es zu seinen bekanntesten Werken. Aus diesem Grund reizte es mich umso mehr,über dieses Gedicht von Trakl eine Analyse zu schreiben.

Trakls Werk thematisiert nicht nur sein Hauptthema, den ״Verfall“ sehr detailiert, son­dern ist mit diesem auch betitelt. Versuchen wir jedoch eine sachliche Definition für das Wort ״Verfall“ zu finden, so gelingt dies zunächst nicht, da wir dem ״Verfall“ un­ausweichlich Begriffe wie Alterung, Ruine und Krise zuordnen. Natürlich sind dies Begriffe, die mit dem Verfall in einer engeren Verbindung stehen, allerdings lässt sich der Verfall an sich damit nicht sachlich definieren. Versetzen wir uns in Trakls Zeital­ter, so würden wir wahrscheinlich den Krieg, den Tod und die Verwesung auch mit dem Begriff ״Verfall“ assoziieren. Es ist also davon auszugehen, dass Trakl einige andere Bezüge zum Verfall hergestellt, als wir dies heute tun würden.

Unternehmen wir den Versuch, das Wort Verfall zu erklären so werden wir feststel­len, dass objektive und subjektive Ebene miteinander korrelieren, wobei letztlich der subjektive Bezug erheblich sein wird. Das persönliche Verständnis dieses Wortes va­riiert dementsprechend zwischen den Menschen. Hinsichtlich darauf, werde ich in dieser Arbeit versuchen Trakls eigenes Verständnis des Verfall-Begriffs heraus zu kristallisieren.

Georg Trakl wurde am 03.02.1887 in Salzburg geboren und starb am 03.11.1914 in Krakau, vermutlich durch Freitod. Er war Sohn eines Eisenhändlers und wurde be­reits mit 14 Jahren von einem französischen Kindermädchen betreut, da seine Mutter Drogenabhängig war. Dadurch kam Georg Trakl schon früh in Kontakt zum strengen Katholizismus und zur französischen Sprache.2 Er arbeitete als Pharmaziepraktikant drei Jahre in Salzburg studierte 1908-10 Pharmazie in Wien. 1912 wurde er Militär­apotheker in Innsbruck. Ende August 1914 kam Trakl als Medikamentenakzessist an die Ostfront. Durch das Kriegserlebnis völlig verstört, verübte er nach der Schlacht bei Gródek , nach einem bereits gescheiterten Versuch, im Lazarett in Krakau ver­mutlich Selbstmord durch eine Überdosis Kokain. Sein Drogenmissbrauch zeichnete sich immer deutlich ab, er verfiel zunehmend in Depressionen.3

Trakl war im besonderen Maße introvertiert bis menschenscheu und seiner eigenen Erkenntnis nach dem Realitätsdruck nicht gewachsen. Schon seit 1904 nahm er Drogen, viele seiner traumbildstarken Gedichte sind, zumindest in ihren Bildern, durch Opium induziert. Eine weitere wichtige Erlebnisgrundlage ist die inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester, die ebenfalls Drogen nahm und sich 1917 mit fünf­undzwanzig Jahren erschoß.4 Obwohl Trakl im katholischen Salzburg geboren war, war er protestantisch.

2. Analyse

Im folgenden werde ich zunächst den inhaltlichen Aufbau des Gedicht wiedergeben. Das Gedicht lässt sich in zwei emotionale Abschnitte gliedern, welche ich im weiteren Verlauf aufzeigen werde.

Die erste Strophe impliziert die Beobachtungen des lyrischen Ichs auf seine herbstli­che Umwelt. Besonders deutlich wird dabei seine Sehnsucht nach Freiheit, Frieden und Fernweh, welchen er durch den Vogelzug, den er von Vers zwei bis vier be­schreibt, symbolisiert. Durch die Worte ״entschwinden“, ״Weiten“ (V.4) lässt sich er­kennen, dass das lyrische Ich den Wunsch hegt mitreisen zu können und sich von dem Ort, welcher dem Leser weiterhin unbekannt bleibt entfernen zu können.

In der zweiten Stropheändert sich die Szenarie des Gedichtes. Das lyrische Ich be­findet sich nun in einem Garten, in welchem er weiterhin den Flug der Vögel sehn­süchtig verfolgt. Trakls Wortwahl ist wie bisher harmonisch gekennzeichnet, außer­dem benutzt er hier vermehrt aktive Verben, die seine Flandlungen und sein Empfin­den verdeutlichen (Vgl. V.6 ״Träum ich...“ ; V.7 ״Und fühl...“ ; V.8 ״ So folg ich...“). Beide Quartette preisen also den Frieden, die stille und die weit entfernte, herbstli­che Natur. Auch die Zeit scheint aufgehoben zu sein (Vgl. V. 7). Durch das Wort ״dämmervoN“, welches er in Vers eins benutzt wird jedoch ein leichtes Zeichen des Umschwungs kenntlich gemacht.

In der dritten Stropheändert sich dann plötzlich die Atmosphäre des Gedichtes ins negative und es kommt ein stärker werdendes Gefühl des Verfalls auf. Nun ist nicht mehr von dem harmonischen Flug der Vögel die Rede sondern von einer klagenden Amsel (Vgl. V.10). Außerdem werdenüberwiegend disharmonische Worte verwen­det, welche das erstmals vorkommende Wort ״Verfall“ innerhalb des Gedichtes be­gleiten (Vgl. V. 9). Die Todesverfallenheit wird durch seine gewählte Verbreihe hier besonders deutlich. Es wird nun auf das Ende des Flerbstes hingewiesen, welches dem lyrischen Ich Angst bereitet (Vgl. V. 9-10 ״erzittern“, ״entlaubten Zweigen“).

In der vierten und letzten Strophe, versucht Trakl mit den weiterhin negativ konnotier- ten Wörtern die Todesverfallenheit zu symbolisieren. Das lyrische Ich erzählt von ״blasser Kinder Todesreigen“ (V. 12) und ״sich fröstelnd blaue Astern“ (V. 14)

Das Gedicht weist eine streng gebaute und klassische Form des Sonetts auf. Aus den insgesamt vier Strophen, lassen sich die ersten beiden in Quartette einteilen, welche aus jeweils vier Versen bestehen. Die letzten beiden Strophen sind Terzette und sind jeweils in drei Verse gegliedert. Das Gedicht ist im Präsens geschrieben worden, was sehr typisch für Trakl ist.

Das Sonett ist eine romanische Kunstform, die ihren Ursprung im 13. Jahrhundert in Italien hat. Ihre deutsche Übersetzung lautet ״Klanggedicht“.5 Obwohl Trakl der Epo­che des Expressionismus (ca. 1910 - 1920) zugeordnet wird, gebraucht er die Form des Sonetts in seinen veröffentlichten Dichtungen sechsmal.6

Üblicherweise ist in der klassischen Form des Sonetts eine Opposition zwischen Quartetten und Sonetten aufzufinden, welches einen deutlichen Kontrast herstellen soll. Dieses Merkmal ist im Gedicht ״Verfall“ strukturell, sowie auch inhaltlich deutlich zu erkennen. Während die beiden Quartette Ruhe und Frieden umgreifen, wird in den Terzetten eine zunehmende Beunruhigung deutlich, welche schlußendlich un­aufhaltsam in den Verfall hinübergeht. Mit dem Wort ״Da“ (V. 9) führt er den plötzli­Chen und unerwarteten Umschwung ein. Trakl schafft eine Heterogenität der Bilder in seinem Gedicht, welchesäußerst typisch für die traditionelle Form des Sonettes ist.

Trakl erreicht in seinem Gedicht einen fließenden Rhythmus und einen sanften Schwung, indem er den Vers auf eine Folge von Hebung und Senkung beendet und somit klingende Versenden erzeugt.7 Seine Kadenz bleibt damit fortlaufend weiblich. Wie auch in seinen anderen Werken, hat Trakl sein Gedicht nicht mit einer beson­ders metrischen Linienführung gekennzeichnet. Dennoch lässt sich das vorliegende Metrum größtenteils zu einem 5-hebigen Jambus zuordnen.

Das gesamte Gedicht besteht ausschließlich aus einem umarmenden Reim. Die Quartette weisen das Reimschema abba auf und die Terzette das Schema cdc - dcd. Gleich in der ersten Strophe ist allerdings eine Unstimmigkeit bezüglich des Reimes ersichtlich. Die Wörter ״läuten“ (V.1) und ״Weiten“ (V.4) zeigen einen unrei­nen Reim auf. Auch in Vers sechs ״Geschicken“ und Vers sieben ״rücken“ befindet sich ein unreiner Reim. Trotz der Abweichung sind diese Unstimmigkeiten als Aus­nahmen zu betrachten, denen nicht sehr viel Gewichtung zugesprochen werden soll­te, da sich in denübrigen Versen eine Übereinstimmung der Wörter vom letzten be­tonten Vokal auffinden lassen. Das heißt, dieübrigen Verse sind reine Reime und tragen wesentlich mehr zur Semantik des Inhaltes bei, als die zwei erwähnten Aus­nahmen.

Über die ersten drei Strophen verdeutlicht Trakl seine Gefühle anhand der Ich-Erzäh­lung. Während die erste Strophe eher beschreibend wirkt, sind in der zweiten und dritten Strophe die Gefühle des lyrischen Ichs präsent. Die letzte Strophe weicht al­lerdings von derüblichen Erzählform ab, indem es lediglich eine Beschreibung der Umgebung beinhaltet.

Des Weiteren nutzt Trakl häufig aktive Verben. Dadurch wird eine zusätzliche Leben­digkeit in das Gedicht hineingebracht. Die ״Bewegungsverben“ erzeugen ein intens¡- veres Erleben des Umfelds, indem das lyrische Ich sich befindet:

Vers neun: ״Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern “

Vers dreizehn: ״Um dunkle Brunnenränder, die verwittern“

Vers vierzehn: ״Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.“

(1) Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
(2) Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
(3) Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
(4) Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Gleich in dem ersten Vers versucht Trakl einen bildhaften Ausdruck zu erschaffen, indem er die Metaphern ״wenn die Glocken Frieden läuten, folg ich der Vogel wun­dervollen Flügen“ (V.1-2) einsetzt. Erschafft damit eine harmonische Ausgangslage, die den Abendfriedenüber den stillen Ort vermittelt. Durch das Wort ״läuten“ (V.1) wird gleich zu Beginn des Sonetts eine akustische Wahrnehmung deutlich, die im Gedicht desöfteren vorkommt. Allerdings wird erst im weiteren Verlauf der Analyse auf die jeweiligen stellen eingegangen.

Wie auch in den meisten Werken Trakls, handelt es sich in dem vorliegenden Ge­dichtüber die Stimmung des Flerbstes. Dies wird besonders durch die Worte in Vers eins ״Am Abend“ und Vers vier ״herbstlich“ deutlich. Der Flerbst steht für den Verfall der Natur, welche in die kältere Jahreszeitübergeht. Durch die Verkürzung der Tage wird es im allgemeinen dunkler und auch das Absterben der Blätter und Blüten be­ginnt mit dieser Jahreszeit. Die daraus resultierende, immer weniger vorhandene Farbenvielfalt der Natur entwickelt eine ״depressive Stimmung“ unter den Menschen. Auch durch seine eher beschreibende Erzählweise wirkt das erste Quartette wie eine verfremdete Landschaftsbeschreibung.

Mit dem Vogelflug symbolisiert Trakl eine Wanderschaft von einem Ort zum anderen, welcher sich das lyrische Ich anschließt. Durch die Wörter ״frommen Pilgerzügen“ (V.3) lässt sich ein religiöser Bezug herstellen. So kann man den Vogel­zug und die damit implizierte Wanderschaft als Gottes Zeichen interpretieren. Nicht selten bedient sich Trakl in seiner poetischen Bilderwelt biblischen Wörtern und schafft damit religiöse Vorstellungen. Das Vogelmotiv kommt in Trakls Gedichten häufig vor, wobei sie in manchen Gedichten als negatives Extrem und in anderen als positives Extrem veranschaulicht wird.

[...]


1 Vgl.: https://lektuerehilfe.de/georg-trakl/gedichte/verfall

2 https://lyrik.antikoerperchen.de/georg-trakl-verfall,textbearbeitung,475.html

3 https://lyrik.antikoerperchen.de/geo rg-trakl-verfall,textbearbeitung,475. html

4 Magister René Bogdański (Autor). 2000, Georg Trakl - In den Nachmittag geflüstert - Ge­dichtanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66983

5 Vgl.: http://wortwuchs.net/sonett/

6 Vgl.: Lachmann/Kreuz und Abend, 1954 Otto Müller Verlag Salzburg, S.130

7 Vgl.: Klang und Bild in den Dichtungen Georg Trakls, Heinz Wetzel, Göttingen, 1972

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Analyse und Interpretation des Sonetts "Verfall" von Georg Trakl
Hochschule
Universität Siegen
Note
2.0
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V428880
ISBN (eBook)
9783668731363
ISBN (Buch)
9783668731370
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
analyse, interpretation, sonetts, verfall, georg, trakl
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Analyse und Interpretation des Sonetts "Verfall" von Georg Trakl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428880

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