Analyse von Rainer Maria Rilkes "Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort"


Seminararbeit, 2018
15 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

3. Struktuelle Analyse und Interpretation des Gedichts
3.1. Inhalt des Gedichts
3.2. Die Gedichtform und die Epochenzuordnung
3.3. Aufbau des Gedichts
3.4. Interpretation des Gedichts

4. Vergleich mit Joseph von Eichendorffs ,,Wünschelrute“
4.1. Wünschelrute
4.2. Inhaltlicher Vergleich von ,, Wünschelrute“und ״Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort’’

5. Fazit

6.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen dieser Seminararbeit werde ich mich mit dem Gedicht ,Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort’ von Rainer Maria Rilke auseinandersetzen, das 1899 in dem Gedichtband ,Mir zur Feier’ erschien. Ableitend von dem Titel des Gedichts handelt es von der Angst des lyrischen Ichs vor der Sprache des Menschen, wobei die Mangelhaf­tigkeit der Sprache und der damalige Sprachgebrauch kritisiert werden. Der Schwer­punkt meiner Arbeit liegt auf der Analyse und Interpretation des Gedichts im Hinblick auf den Inhalt sowie die Besonderheiten des Aufbaus und der Sprache. Diesbezüglich werde ich mich in dem ersten Teil der Arbeit mit dem Inhalt, dem Aufbau sowie der Sprache des Gedichts beschäftigen.

Darauf aufbauend werde ich in dem zweiten Teil meiner Arbeit das Gedicht angesichts der sprachlichen Besonderheiten sowie der Autorenaussagen aus dem 19. und 20.Jahrhundert über die Sprache und die Wahrheit interpretieren und in gewissen As­pekten einen Vergleich zwischen der Kemaussage des Gedichts und diesen Autorenaus­sagen durchführen.

Schließlich werde ich das Gedicht mit einem anderen Gedicht, nämlich Eichendorffs Wünschelrute, aus dem gleichen Jahrhundert beruhend auf ihre Kemaussagen verglei­chen.

Ganz zum Schluss wird eine Übersicht der durchgeführten Analyse dargelegt.

Die leitende Fragestellung der gesamten Arbeit ist, ob die von den Menschen geschaf­fene Sprache in der Lage ist oder dafür geeignet ist, die Wirklichkeit beziehungsweise die Welt zu beschreiben oder eher dazu tendiert, die Welt in konkrete, abgrenzende Rahmen zu setzen.

2. Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

1 Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
2 Sie sprechen alles so deutlich aus:
3 Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
4 und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.
5 Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
6 sie wissen alles, was wird und war;
7 kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
8 ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
9 Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
10 Die Dinge singen hör ich so gern.
11 Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
12 Ihr bringt mir alle die Dinge um.

3.Struktuelle Analyse und Interpretation des Gedichts

3.1. Inhalt des Gedichts

Das Gedicht thematisiert die Angst und den Vorwurf des lyrischen Ichs vor der Sprache der Menschen, durch die die Dinge ihren Sinn verlieren, einfach in Bedeutung unvoll­ständig werden.

Die grobe inhaltliche Gliederung folgt der Stropheneinteilung.

In der ersten Strophe unterstellt das lyrische Ich den Menschen eine eindeutige Benen­nung der Dinge, die Welt mit Worten aufzuteilen und zu begrenzen. Es hat Angst vor dem eindeutigen Wort, vor der ,,deutlich[en]“ Aussprache von allem, wodurch die Dinge aus dem Zusammenhang herausgenommen und einfach isoliert werden.

In der zweiten Strophe wird die dieser sprachlichen Kategori sierung zugrundeliegende, anmaßende Wissenshaltung der Menschen dargestellt, die vor nichts Halt macht und Gottes Geheimnis durch Verstand zu erkennen sucht, wovor das lyrische Ich Angst hat.

Die Empfindungen des lyrischen Ichs steigern sich in der dritten Strophe zu der Auffor­derung, von der begrifflichen Besitznahme abzulassen, um die Dinge in ihrer Wesensart zu bewahren und auf ihre Weise sprechen beziehungsweise singen zu lassen.

3.2. Die Gedichtform und die Epochenzuordnung

Im Normalfall darf das lyrische Ich eines Gedichts nicht mit dem Autor des Gedichts gleichgesetzt werden, weil es eine eigene Person darstellt, die vom Dichter alleinig er­schaffen wurde.

Bei diesem Gedicht könnte man aber die beiden als eine Person ansehen, da Rilke selbst dieselbe Auffassung hat wie das lyrische Ich. Damals litt Rilke unter einer Identitäts­und Schreibkrise wie auch unter Zweifeln über die Brauchbarkeit der Sprache.[1] [2]

Für Rilke ist ein Ding mehr als eine unlebendige Sache und zwar ist er der Ansicht, dass von dem Ding selbst eine Art Bewegung ausgeht. Aus diesem Grund versucht er, mit­tels einer Beschreibung des Äußeren das Innenleben sichtbar zu machen und durch den Ausgleich von Innerem und Äußerem die reine Wahrheit in dem Ding aufzuzeigen. Da­her könnte man das Gedicht als eine Art Entwurf für die späteren Dinggedichte sehen.

Weiterhin lassen sich in dem Gedicht entscheidende formale Änderungen erkennen, die Rilkes neu entwickelten Stil reflektieren . Das Gedicht erinnert nicht mehr an Natura­lismus, von dem Rilke am Anfang leicht geprägt war, sondern man erkennt eine Wen­dung zur Moderne, was von einer neuen Weltansicht gekennzeichnet wird, die durch kleinere Details, wie die Betrachtung einzelner Dinge entsteht.

3.3. Aufbau des Gedichts

Das Gedicht ist in drei Strophen zuje vier Versen gegliedert. Die gebundene Form wird durch die umarmenden Reime der ersten beiden Strophen (abba / cddc) besonders deut­lieh. Die dritte Strophe ist durch einen Paarreim (eeff) gekennzeichnet. Außerdem sind die zahlreichen Alliterationen auffallend, wie zum Beispiel ״wissen-was-wird-war“ im sechsten Vers , ,,Hund“ und ,,Haus“ im dritten Vers und ,,Garten-Gut-grenzt-gerade- Gott“ im achten Vers , die den einfachen Alltagswörtem wie Hund, Haus, Spiel, Spott, Garten, Gut etwas Dichterisches verleihen. Demgemäß kann man hier auch von einem Stabreim sprechen.

Hieraus lässt sich feststellen, dass bei diesem Gedicht die Aufmerksamkeit der Leser auf die Sprache selbst gezogen wird, indem die Sprache mittels vieler Wiederholungen als ein eintöniges System präsentiert wird.

Die drei Strophen haben immer die gleiche Anzahl an Versen und enden immer mit einem Punkt. Außerdem lassen sich innerhalb der Strophen keine Enjambements finden. Ebenfalls sind alle Kadenzen männlich und außer dem siebten Vers immer einsilbig, wodurch die Sprache hart und stumpf wirkt. Das Versmaß ist nicht ganz regelmäßig, weil die Verse nicht gleich lang sind. Die Anzahl der Hebungen bleibt vom ersten bis zum letzten Vers gleich, nämlich jeweils vier, jedoch werden sie in keine einheitliche Struktur eingebaut. Stattdessen wird eine Mischung erzeugt, die am ehesten an eine Jambus-Anapäst-Kombination erinnert. Obwohl es kein regelmäßiges Versmaß gibt, wird der Lesefluss nicht unterbrochen, wobei die vier Hebungen je Vers und die über­einstimmung von Satz- und Versende eine bedeutende Rolle spielen.

3.4. Interpretation des Gedichts

In dem Vordergrund des Gedichts steht die Angst des lyrischen Ichs davor, dass die Menschen durch das, was sie sagen, die Dinge zerstören. Diese Angst wird bereits in der Überschrift angesprochen, die sich im ersten Vers wiederholt. Dadurch wird die Aussage unterstrichen, die im Verlauf des Gedichts vertieft und begründet wird.

Das genaue Benennen und das ״deutlich[e]“(Vers 2) Aussprechen aller Gegenstände beunruhigt das lyrische Ich. Es schafft eine provozierende Nachahmung dieser Mattie­rungseffekt der Sprache durch den Parallelismus der Verse 3 und 4, durch die mehrma­lige Wiederholung der einfachsten Konjunktion ,und‘ (Verse 3/4) sowie durch den Alli­terationen ,heißt Hund‘(Vers 3) und ,heißt Haus‘(Vers 4). Die durch aufeinanderfol­gende, ähnliche Satz Strukturen dargestellte Monotonie wird mittels der Anapher in den Versen 3 und 4 nochmals betont. Die beiden Verse beginnen mit dem gleichen Wort, nämlich mit der einfachsten Konjunktion ,, und“.

Ferner werden die unkomplizierten, einsilbigen, im Alltag häufig gebrauchten Wörter wie zum Beispiel ,Haus‘ oder ,Hund‘ relativ viel verwendet. Hieraus wird der Eindruck der Eintönigkeit hinterlassen und die von dem lyrischen Ich empfundene Einge­schränktheit in der Art und Weise des deutlichen Aussprechens hervorgehoben. Nie- mand neigt dazu, die Dinge zu hinterfragen, ,, dieses [...] und jenes [...]“(Vers 3) hat seinen festen Namen und seinen bestimmten Zweck. Damit begnügen sich die Men­sehen, mehr wollen sie gar nicht wissen. Aber wie Maurice Maeterlinck in Worte fasste:

,,Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam. Wir glauben, in die Tiefe der Abgründe hinab­getaucht zu sein, und wenn wir wieder an die Oberfläche kommen, gleicht der Wassertropfen an unseren bleichen Fingerspitzen nicht mein־ dem Meere, dem er entstaimnt. [...]“[3]

Menschen haben das Potenzial und Bedürfnis sich mitzuteilen. Dieser Austauschwille entwickelt sich zu einer Gewohnheit, die dazu führt bestimmte Dinge mit Namen oder Begriffen bewusst zu verbinden. Die dadurch entstandene Sprache scheint aber viel zu objektiv zu sein im Vergleich zu den Ereignissen selbst, die Menschen mit den Worten zu beschreiben versuchen. Die für ein Ereignis zugeschriebene, allgemein geltende Worte oder Begriffe können unsere subjektive Wahrnehmung nicht wiederspiegeln. Sie ״gleich[en][ ]“[4] nicht mehr an unserer Wahrnehmung , der sie ״entstamm[en][ ]“[5] und man kann dann mit Worten nicht genau ausdrücken, was man eigentlich erfährt oder fühlt. Beispielsweise egal wie viele Wörter wir für unterschiedliche Farben haben, kön­nen diese Wörter keinesfalls dafür ausreichen, dass eine Blinde es ausdrückt, was sie von Farben hält und was für eine Vorstellung von Farben sie hat. Oder umgekehrt, wir würden niemals wirklich in der Lage sein, mit der von uns erschaffenen Sprache einem Blinde zu beschreiben, was Farbe ist oder wie wir unterschiedliche Farben wahmeh- men.

Genauso wie bei der generalisierten Namen- beziehungsweise Begriffsverteilung, legen die Menschen auch alles andere ganz genau fest. Sie beurteilen sogar Ereignisse mit konkreten Maßstäben wie den ״Beginn“ und das ״Ende“(Vers 4), was durch den Chiasmus ״hier ist Beginn und das Ende ist dort“ (Vers 4) betont wird.

Am Beginn jeder Strophe betrachtet man die Personalpronomen ״Ich“(Verse 1/9/10) und ״Mich“(Vers 4), mit denen das lyrische Ich seine Empfindungen offenbart.

[...]


[1] Vgl. Helmuth Kiesel: Geschichte der literarischen Moderne. Sprache, Aesthetik, Dichtung im zwanzigs­ten Jahrhundert. München 2004, s. 218.

[2] Vgl. Stefan Schank: Rainer Maria Rilke. München 1998, s. 45f.

[3] Maurice Maeterlinck: Der Schatz der Armen. Jena 1912, s. 31.

[4] Ebd., s. 31.

[5] Ebd., s. 31.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Analyse von Rainer Maria Rilkes "Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für detsche und niederlaendische Philologie)
Note
2.0
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V428897
ISBN (eBook)
9783668723658
ISBN (Buch)
9783668723665
Dateigröße
854 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rainer Maria Rilke, Wort, Analyse, Gedicht, Poesie
Arbeit zitieren
Selin E. (Autor), 2018, Analyse von Rainer Maria Rilkes "Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428897

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