Warum die Dichtung etwas Philosophischeres und Ernsthafteres als die Geschichtsschreibung ist. Ausgewählte Charakteristika der aristotelischen Poetik

Das Allgemeine und das Besondere in der Tragödie


Essay, 2015

5 Seiten, Note: 2,7

Anonym


Leseprobe

Ludwig – Maximilians – Universität München

Institut für deutsche Philologie

Vorlesung: Was war und ist Literatur?

Ausgewählte Charakteristika der aristotelischen Poetik: Das Allgemeine und das Besondere in der Tragödie – Warum die Dichtung etwas Philosophischeres und Ernsthafteres als die Geschichtsschreibung ist

In der Poetik setzt sich Aristoteles mit der Dichtkunst und ihren Gattungen auseinander. Die Tragödie, Epik, Dithyrambendichtung der Tanz und die Musik werden von ihm dargelegt. Vor allem im Bereich des Wirkungszwecks der Tragödie wird die Aufgabe des Dichters, welche für die Literaturtheorie von Bedeutung ist, dargestellt. Die folgende Arbeit sucht nach einer Aufklärung des Spannungsverhältnisses des Allgemeinen verglichen mit dem Besonderen und soll erläutern, inwiefern Aristoteles dieses Verhältnis deutet und klarstellen, aus welchem Grund dieses mit dem Verständnis der Literaturtheorie bzw. dem Begriff der Literatur vereinbar ist.

„Aus dem Gesagten ergibt sich auch, dass es nicht Aufgabe des Dichters ist mitzuteilen, was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr, was geschehen könnte, d.h. das nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit Mögliche.“[1]

Hier bietet es sich für den weiteren Verlauf der Analyse an, auf die Aufgabe der Tragödie einzugehen und das Ziel zu erläutern. An Hand dieser oben zitierten Aussage von Aristoteles, ist zu erkennen, dass die Aufgabe der Tragödie die Nachahmung von dem Möglichkeitsbereich der Wirklichkeit ist. Denn das Ziel ist es, aus den wahrscheinlichen oder möglichen Handlungen eine Reinigung der eigenen Erregungszuständen vorzunehmen. Dies geschieht durch Jammer und Schaudern. Das oberste Ziel der Tragödie nach Aristoteles ist die Katharsis, nämlich die:„[...] Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“[2] Demnach „[...] ist Dichtung etwas Philosophischeres und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.“[3]

Es stellt sich die Frage, was genau ist das Allgemeine und wieso ist es ernsthafter als die Geschichtsschreibung? Was ist das Besondere an der Geschichtsschreibung?

Aristoteles spricht dem Allgemeinen eine wichtige und ernste Rolle zu und wertet die Dichtkunst gegenüber der Geschichtsschreibung auf. Das Allgemeine hat für Aristoteles die Bedeutung, „dass ein Mensch von bestimmter Beschaffenheit nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit bestimmte Dinge sagt oder tut - eben hierauf zielt die Dichtung [...].“[4] Das Ziel der Dichtung ist es aufzuzeigen, was eben passieren kann, es ist nicht von Bedeutung was schon passiert ist, so wie es in der Geschichte der Fall ist. Denn man kann nur etwas von besser und schlechter dargestellten Situationen, die der Wirklichkeit ähneln, lernen. Außerdem kann man durch die Dichtung, das was in einem gewissen Zusammenhang notwendig ist, darstellen, um die von Aristoteles geforderte Katharsis auszulösen. Die Dichtung hat somit eine weiterführende Funktion als die in der Schriftform festgehaltenen Ereignisse der Geschichte. Durch das Allgemeine werden Denkansätze freigesetzt, welche durch die Geschichtsschreibung schon von vorne herein beschränkt sind. Das Besondere ist etwas Einzigartiges, also etwas, was in einmaliger Weise genau so passiert ist; eben wie der Dreißigjährige Krieg. Diesen gab es nur einmal und ist in den Geschichtsbüchern festgehalten. Das Allgemeine hebt sich durch die Nachahmung von der Handlung und der Lebenswirklichkeit ab und kann in befreiter Weise zeigen, was für Vollkommenheit und Tugend steht. Die Nachahmung hat im Zusammenhang mit der Tragödie die Aufgabe, dass der Zuschauer im besten Fall von den möglichen Handlungen lernt. Darüber hinaus stellt Aristoteles auch heraus, dass die Nachahmung zudem ein menschliches Bedürfnis sei, welches wir schon in frühester Kindheit erworben haben.[5] Dieses Bedürfnis motiviert uns mitzufühlen und gewisse Handlungsstränge in die Wirklichkeit zu übernehmen. Denn die fiktiven Handlungen arbeiten mit einer Ähnlichkeit der Realität und bieten dem Zuschauer oder dem Leser der Tragödie die Möglichkeit sich mit den Figuren, als auch mit der Handlung, zu identifizieren. Doch vorerst empfindet der Zuschauer mit den Charakteren der Tragödie eleos und phobos, welche dann die Reinigung der Erregungszustände bei dem Menschen hervorruft. Daraus folgt, dass das Verlangen der Nachahmung in uns freigesetzt wird; wir müssen Jammer und Schrecken mit den Schauspielern zusammen erleben, um gefesselt zu sein. Erst dann sind wir dazu befähigt die soeben genannte Identifizierung mit der Handlung und den Charakteren in die Realität umzusetzen, um eigene Verhaltensweisen besser oder schlechter anzupassen.

Darüber hinaus ist es notwendig, innerhalb der Fragestellung nach dem Allgemeinen auf die Eigenschaften der Charakteren in der Tragödie einzugehen. In der Poetik wird erkenntlich, dass die Charaktere einer bestimmten Vorlage folgen müssen, damit man diese richtig einordnet und somit eine bestimmte vielleicht sogar auch eine allgemeine Beschaffenheit zuspricht. Diese Beschaffenheit zeigt mit welchem dargestellten Charakter man es zu tun habt, um dann aus ihren Reden eine Erkenntnis ziehen zu können:

„Der Charakter ist das, was die Neigungen und deren Beschaffenheit zeigt. Daher lassen diejenigen Reden keinen Charakter erkennen, in denen überhaupt nicht deutlich wird, wozu der Redene neigt oder was er ablehnt. Die Erkenntnisfähigkeit zeigt sich, wenn die Personen darlegen, dass etwas sei oder nicht sei, oder wenn sie allgemeine Urteile abgeben.“[6]

Somit dürfen die Charaktere nur das aussprechen, was angemessen zu ihrer Beschaffenheit und auch zu der jeweiligen Situation oder Konflikt passt. Dementsprechend soll es nicht der Fall sein, dass keine genaue Erkennbarkeit der Neigungen der Charaktere gegeben ist. Die Charakteren sollen nicht einfach nur Figuren frei aus dem Kontext nachahmen, sondern eine Charaktere, die ihre Wichtigkeit erst in der Handlung freisetzt. Die Geschehnisse innerhalb einer Handlung stehen im Vordergrund und sind das Ziel der Tragödie. Somit wird die Hypothese erkennbar, dass das Ziel etwas Aktives ist, wie eben auch die Nachahmung einer Handlung. Eine Handlung beinhaltet immer Bewegung, und demnach auch eine aktive Veränderung bei dem Zuschauer. Denn nicht die passive Unterhaltung der Geschehnisse innerhalb der Tragödie ist das Ziel, sondern aktiv mitleidig zu werden. Den Begriff des Allgemeinen könnte man mit einem idealistischen oder Vernunft-orientierten Verhalten oder Denkweise gleichsetzen. Wie schon erwähnt beinhaltet die Handlung immer eine aktive Reorganisierung, demnach auch das Allgemeine, denn wenn man eine Vernunft-orientierte Geisteshaltung entwickeln soll, ist dies ein aktiver Prozess. Das Besondere ist eher etwas nicht Veränderbares – es bewirkt keinen Wandel, ist eben passiv angesetzt. Abschließend ist festzuhalten: Das Allgemeine steht für eine Idealvorstellung, welche an die Vernunft gerichtet ist und eine aktive Reorganisation des Geistes bewirkt. Das Besondere ist in Geschichtsbüchern festgehalten und ist nicht mehr zu ändern, Daten werden in einer passiven Haltung wiedergegeben.

Trotzdem ist bis jetzt die Frage offen geblieben, inwiefern lässt sich diese Erkenntnis mit dem Begriff der Literatur vereinbaren?

Nach Aristoteles muss auch die Sprache in einer bestimmten Form in der Tragödie gegeben sein, denn unter Sprache versteht Aristoteles die Verständigung durch Wort, wodurch erkennbar sein muss, ob es sich in einem bestimmten Kontext um Verse oder um Prosa handelt.[7] Er zielt auf die Erkennbarkeit und die Einordnung der Texte in Gattungen und Strukturen ab. Literatur ist meistens durch ihre äußere Form erkennbar und sticht schnell ins Auge. Durch ein Wort auf Papier ist eindeutig klar, hier handelt es sich im etwas Geschriebenes, im weitesten Sinne um Literatur. Durch die Platzierung der Gedanken in die Schriftform auf Etwas, sei es Papier oder eine Höhlenwand, weiß der Sehende, hier möchte der „Verfasser“ etwas mitteilen. Außer der äußerlichen Gestaltung in Schrift und Haltung der Figuren setzt Aristoteles ein Zeichen. Er fordert, dass man sich mit der Literatur im weitesten Sinne, vor allem mit der Tragödie, ausgiebig beschäftigt und auf sich wirken lässt. Es werden vielfältige Möglichkeiten der Tragödie als Teil der Literatur erkennbar; eine aktive Geisteshaltung hervorzurufen mit einer in der Literatur auf Papier festgehaltenen Schrift, stellt den Zuschauer und Leser vor neue Herausforderungen.

Literatur:

Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart: Reclam 1994 (= Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 7828).

[...]


[1] Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann. Bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart: Reclam 1994 (= Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 7828), S. 29.

[2] Poetik, S. 19.

[3] Poetik, S. 29.

[4] Poetik, S. 29 ff.

[5] Vgl. Poetik, S. 11.

[6] Poetik, S. 23.

[7] Vgl. Poetik, S. 23 ff.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Warum die Dichtung etwas Philosophischeres und Ernsthafteres als die Geschichtsschreibung ist. Ausgewählte Charakteristika der aristotelischen Poetik
Untertitel
Das Allgemeine und das Besondere in der Tragödie
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,7
Jahr
2015
Seiten
5
Katalognummer
V428923
ISBN (eBook)
9783668728189
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warum, dichtung, philosophischeres, ernsthafteres, geschichtsschreibung, ausgewählte, charakteristika, poetik, allgemeine, besondere, tragödie
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Warum die Dichtung etwas Philosophischeres und Ernsthafteres als die Geschichtsschreibung ist. Ausgewählte Charakteristika der aristotelischen Poetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428923

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