Digitaler Raum. In welcher Weise wird durch die App "Jodel" Raum hergestellt und reproduziert?


Bachelorarbeit, 2017

41 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Raum in der Physik, Geographie und Ökonomie

C. Raumsoziologische Ansätze
I. Raum als Behälter: Der Raumbegriff nach Georg Simmel
II. Der Soziale Raum nach Pierre Bourdieu
III. Heutige Betrachtungsweisen – der relationale Raum

D. Digitale Räume nach soziologischem Verständnis

E. Die App Jodel als digitaler Raum
I. Was ist Jodel?
II. Jodel als digitaler Raum
III. Wie wird durch Jodel Raum hergestellt und reproduziert?
IV. Jodel im Vergleich zu Twitter und Foursquare

F. Zusammenfassung und Ausblick

Literatur

I. Abstract

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der App ‚Jodel‘ als digitalen Raum. Genutzt wird Jodel insbesondere von Studierenden. Diese können Beiträge, sogenannte Jodel verfassen, welche von Nutzern gelesen und beantwortet werden können, die sich in einem Umkreis von zehn Kilometern befinden. Da Jodel durch den Aufbau und seine Funktionen das Konzept Raum relevant macht, soll hier der Frage nachgegangen werden, inwiefern durch Jodel und seine Verwendung Raum produziert und reproduziert wird. Jodel als mobile digitale App wird hierbei als relationaler Raum betrachtet und dient vor allem zur Kommunikation und gibt dabei Strukturen vor. Je nachdem, wie Nutzer kommunizieren, was sie schreiben und wie sie auf den von Jodel bereits vorgegebenen Raum reagieren, produzieren und reproduzieren sie ihn. Wichtig zu beachten ist, dass Jodel nicht nur als Rahmen steht, in dessen Innerem Kommunikation stattfindet, sondern dass es als relationaler Raum selbst, ebenso wie Nutzer in seinem Inneren, den Raum verändert.

The following paper deals with the app ‘Jodel’ as digital space. People who use Jodel are notably students, who draft contributions, so called ‚Jodel‘, in a radius of up to ten kilometers and answer them. Because Jodel makes the concept space relevant (by its structure and functions), the following question comes up: How will be space produced and reproduced by Jodel and its usage. This question will be answered here. Jodel as a mobile digital app is considered as a relational space and conduces notably as space for communication in this context which provides structures. Depending on how users communicate, what they write and how they react on the space, which is already given by Jodel, they produce and reproduce it. It is highly important to consider Jodel not solely as framework for communication. Instead it must be understood as type of relational space that – just as its users do – actually influences and shapes the communication taking place within its frameworks.

A. Einleitung

Im alltäglichen Sprachgebrauch ist das Wort ‚Raum‘ tief verankert – Raum ist etwas „selbstverständlich Gegebenes“ und wird als „Eigenschaft der physikalischen Natur“ (Läpple 1991: 201) verstanden. Raumkonzepte werden somit nicht nur in der Wissenschaft erstellt – jeder Mensch kann seine ganz eigene Auffassung von Raum haben. Sei es ein Zimmer mit vier Wänden, Fenstern und einer Tür, möbliert oder unmöbliert, ein Ort in der Natur oder ein symbolischer Raum, den eine Person für sich einnehmen möchte. Genauso wie in der Alltagspraxis betrachten auch unterschiedliche Wissenschaften den Begriff Raum jeweils auf ihre eigene Weise. Vom absoluten gegebenen Raum in der Physik über den Raum als Landschaft in der Geographie bis hin zum relationalen Raum in der Soziologie.

In der folgenden Arbeit soll darauf eingegangen werden, was die Soziologie mit dem Begriff Raum verbindet. Sie behandelt den Raum schon seit langer Zeit als spezielle Soziologie. So schaffte bereits Anfang des 20. Jahrhundert Georg Simmel ein eigenes Raumkonzept, welches im Folgenden vorgestellt und anschließend mit Pierre Bourdieus ‚sozialem Raum‘ verglichen wird. Darauf folgen weitere Raumkonzepte und Begriffe heutiger Soziologen[1]. Hier wird insbesondere auf den Begriff des ‚relationalen Raums‘ eingegangen, der sich durch die „(An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern“ (Löw 2001: 154) auszeichnet. Räume geben dabei gesellschaftliche Strukturen vor, auf die Akteure durch ihr Handeln Einfluss nehmen und ebenso davon beeinflusst werden. Anschließend soll der Fokus auf digitalen Räumen liegen, die in diesem Zusammenhang als spezielle Räume betrachtet werden können und denen in dieser Arbeit eine besondere Stellung zugeschrieben wird. Das Aufkommen des Internets hat dazu beigetragen, den Raum in der Soziologie aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Mobile Endgeräte, durch welche das Internet an jedem beliebigen Ort genutzt werden kann, tragen ihren Teil dazu bei.

Als besonderer digitaler Raum soll anschließend die App ‚Jodel‘ betrachtet werden, welche vor allem für Studierende entwickelt wurde. Es soll herausgearbeitet werden, inwiefern Jodel ein (mobiler) digitaler Raum ist und was ihn als diesen einzigartig macht. In Anknüpfung an Henri Lefebvres Konzept der ‚spatial practice‘ sowie des relationalen Raumes wird schließlich die Beantwortung der Frage im Fokus stehen, inwiefern durch Jodel und dessen Nutzung Raum produziert und reproduziert werden kann. In einem anschließenden Fazit sollen die Ergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick gegeben werden, welche weiteren Anknüpfungspunkte die App Jodel zu bieten hat.

B. Raum in der Physik, Geographie und Ökonomie

Nicht nur die Soziologie beschäftigt sich schon seit langer Zeit mit dem Raum. Auch andere Wissenschaften setzen sich mit dem Begriff auseinander, erstellen Konzepte und Definitionen. So vielfältig wie die Assoziationen, die es im Alltagsverständnis von Raum geben kann, sind auch die Konzepte in der Wissenschaft. Einige von ihnen sollen im nun Folgenden vorgestellt werden.

In der Geographie kann der Raum beispielsweise als eine ‚Landschaft‘ gefasst werden und ist somit „das physisch-materielle Untersuchungsobjekt der traditionellen Geographie“ (Läpple 1991: 168). Dieses Konzept steht jedoch allein für sich und wird nicht weiter naturwissenschaftlich behandelt. Hierbei steht das Verhältnis von Mensch und Natur (vgl. Läpple 1991: 168) im Mittelpunkt. Ein weiteres Konzept aus der Geographie ist das ‚chorische Raumverständnis‘, das den Raum als jenen der Erdoberfläche, der ‚chora‘, versteht (vgl. Läpple 1991: 168). Betrachtet wird hierbei – und damit anders als bei der Auffassung des Raumes als Landschaft – die „ Anordnung von Objekten im Raum (Läpple 1991: 169, Herv. im Orig.). Die beiden Konzepte sind nicht die einzigen mit welchen sich die Geographie auseinandersetzt. Jedoch sind sie laut Läpple (1991: 167) die beiden präsentesten Betrachtungsweisen.

Auch in der Ökonomie gibt es eine eigene Vorstellung des Raumes. Das Konzept des ‚ökonomischen Raums‘ das von Johannes Heinrich von Thünen aufgestellt wurde, lässt sich laut Läpple (1991: 177) wie folgt zusammenfassen: „Der „Raum“ wird […] als homogener, geometrischer Raum vorausgesetzt. Dieser ‚Behälter-Raum‘ wird (gedanklich) mit voneinander unabhängigen Betrieben aufgeführt“ (Herv. im Orig.). Raum kann hierbei somit als ein Zimmer, eine Halle oder etwas Ähnliches betrachtet werden, das geometrisch ist und dem eine Begrenzung zugrunde liegt. Die vier Begriffe Entfernung, Transportkosten, Standort und Grundrente haben in diesem Raum eine besondere Bedeutung und nehmen Einfluss auf den ökonomischen Raum (vgl. Läpple 1991: 177). Die Entfernung und die Transportkosten, die stark miteinander korrelieren und in einem Bezugsverhältnis zueinander stehen, sind bei diesem Konzept von besonderer Bedeutung. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es bei der Ökonomie nicht darauf ankommt, den Raum zu beschreiben und seinen Aufbau und seine Strukturen herauszuarbeiten. Es geht insbesondere darum, zu verstehen, wie Raum die Ökonomie und das ökonomische Wirtschaften beeinflusst, worauf an dieser Stelle aber nicht weiter eingegangen werden soll.

Der Begriff des ‚absoluten Raums‘, welcher im Laufe dieser Arbeit noch häufiger aufgegriffen wird, stammt ursprünglich aus der Physik und wurde von Isaac Newton geprägt. Newton geht, anders als bisherige Theorien, „nicht mehr länger vom Kosmos als geschlossenem System, sondern von einem unendlichen und offenen Raum aus“ (Schroer 2006: 35). Mit diesem Konzept beschreibt der Physiker den Raum als völlig unabhängig von äußeren Einflüssen, da er stets unveränderlich ist und bleibt. Somit ist der Raum absolut, ein Rahmen, der entweder mit Inhalt gefüllt wird, oder auch leer bleiben kann. Denn er bleibt auch dann bestehen, „wenn alle materiellen Körper aus ihm entfernt würden“ (Schroer 2006: 36).

Neben den soeben genannten gibt es noch weitere Wissenschaften, wie beispielsweise die Medien- und Kommunikationswissenschaften, die sich ebenfalls mit dem Raum auseinandersetzen.

Im Unterschied zu den hier vorgestellten Disziplinen wird der Raum in der heutigen Soziologie hingegen stets als ‚sozialer Raum‘ aufgefasst (vgl. Löw 2001: 21). Im Folgenden wird behandelt, welche Raumbegriffe der Soziologe Georg Simmel prägte und was der soziale Raum bei Pierre Bourdieu bedeutet. Anschließend werden daraus entstandene heutige Raumbegriffe genauer betrachtet, um danach auf digitale Räume im Besonderen einzugehen, zu welchen auch die App Jodel gezählt werden kann.

C. Raumsoziologische Ansätze

I. Raum als Behälter: Der Raumbegriff nach Georg Simmel

Georg Simmel prägte den Raumbegriff wie kaum ein anderer (vgl. Schroer, 2006: 60). Bis heute gilt er als wichtiger Pionier der Stadt- und Raumsoziologie und hat das Thema besonders weit und ausführlich behandelt. Seine ‚Soziologie des Raumes‘ ist auch für viele heutige Arbeiten eine Basis und „voller wertvoller Einsichten“ (Schroer 2006: 60). Dabei geht der Soziologe vor allem von der geographischen Interpretation des Raumes aus und versteht diesen als „Standortraum“ (Läpple 1991: 167). Raum bleibt dabei laut Simmel (1983: 221) die wirkungslose Form. Dieser ist somit starr, kann nicht verändert werden, und ist entweder leer oder gefüllt mit Dingen und/oder Menschen. Simmel orientiert sich damit stark am Konzept des absoluten Raums, welches von Physiker Isaac Newton geprägt wurde. In heutiger Zeit wird der absolute Raum von vielen Soziologen und anderen Wissenschaftlern als „Behälter“[2] (Läpple 1991: 166; Löw 2001: 58) bezeichnet. Die Betrachtung des Raums als starren Behälter wird in neueren Werken zumeist kritisiert. So sind heutige Soziologen der Auffassung, dass nicht von einem starren, bereits gegebenen Raum ausgegangen werden kann, da er nach neueren Erkenntnissen erst „durch Handlungen und Kommunikation hervorgebracht“ (Schroer 2006: 275) wird.[3]

Simmel begründet sein Raumkonzept jedoch auf dem absoluten Raum und verbindet dieses mit fünf sogenannten „Grundqualitäten“ (Simmel 1983: 222). Dazu gehört (1) die Ausschließlichkeit des Raumes, (2) die Fixierung, (3) die Zerlegbarkeit und damit verbunden auch die Begrenzung des Raumes sowie (4) Nähe und Distanz, und (5) die Bewegung durch den Raum und von einem Ort zu einem anderen (vgl. Simmel 1983: 222ff.; Schroer 2006: 78). Für den Terminus der Ausschließlichkeit kann synonym auch die Exklusivität verwendet werden. Jeder Raum oder Teilraum ist exklusiv, das heißt, es gibt keinen zweiten, der genau gleich ist. Die Gegenstände, die der Raum beinhaltet, wissen von der Einzigartigkeit des Raumes, da er sie den Gegenständen mitteilt (vgl. Simmel 1983: 223). Die Fixierung als zweite Qualität ist besonders wichtig für die „soziale Gestaltung“ (Simmel 1983: 229) und wird laut Schroer (2006: 70) den Inhalten des Raumes ermöglicht. Ein Rauminhalt, welcher eine Person oder ein Ding ist, die oder das sich in ihm befindet, kann entweder sehr stark an den Raum gebunden sein, oder aber frei von ihm sein. Dies hat Auswirkungen darauf, wie jemand oder etwas mit Raum umgeht. Ebenso kann ein Raum zerlegt werden. Seine Stücke gelten laut Simmel (1983: 226) als Einheiten und werden von Grenzen eingerahmt. Durch diese Einteilung kann sich auch die Beziehung der Bewohner innerhalb der Grenzen sowie zwischen diesen innerhalb und jenen außerhalb „in einzigartiger Weise färben“ (Simmel 1983: 227). Der Terminus der Nähe und Distanz betrifft ebenfalls die Personen, die sich im Raum befinden. Vereinfacht gesagt geht es darum, in welchen Beziehungen sich Akteure innerhalb des Raumes gegenüberstehen und ob sie eher eine enge oder entfernte Beziehung zueinander haben. Die Mobilität ist die fünfte von Simmels Raumqualitäten. Hier geht es insbesondere darum, dass Menschen sich durch Wanderung von Ort zu Ort bewegen können (vgl. Schroer 2006: 76). Wenn der Begriff ‚Ort‘ synonym für ‚Raum‘ verwendet wird und Raum in Simmels Theorie eine Art Behälter darstellt, so kann dadurch eine Bewegung von Behälter zu Behälter stattfinden und somit auch eine Wanderung. Die Rolle des Wandernden ist laut Simmel etwas ganz Besonderes: Er ist der Fremde, wenn er in einen neuen Raum (Behälter) kommt: Er trägt den „Charakter der Beweglichkeit “ (Simmel 1992: 766 Herv. im Orig.). Außerdem ist er der „potenziell Wandernde“ (Simmel 1992: 764), der eben nicht von Anfang an in einen räumlichen Umkreis gehört. Durch diesen Wandernden oder Fremden kann auch die Raumqualität der Nähe und Distanz veranschaulicht werden: Sobald der Fremde einen neuen Ort (Raum) betritt, ist er ein „Element der Gruppe selbst“ (Simmel 1992: 765) und nimmt in dieser vermutlich zunächst eine distanzierte Rolle ein. Die restlichen Mitglieder der Gruppe, die sich möglicherweise schon lange oder eventuell schon immer im gleichen Raum befinden, werden sich untereinander näher sein, als sie dem Fremden gegenüberstehen.

Die Raumqualitäten auf der einen Seite sind vor allem „Konstitutionsbedingungen“ (Läpple 1991: 166). Sie sollen den Raum beschreiben und erklären, was ihn ausmacht. Daneben untersucht Simmel auch sogenannte „Raumgebilde“ (vgl. Läpple 1991: 166; Schroer 2006: 78), welche im Zusammenhang mit den Raumqualitäten stehen und sich laut Schroer (2006: 78) zu eben jenen „verdichten“ lassen. Das Raumgebilde, welches sich aus der Raumqualität der Ausschließlichkeit verdichten lässt, ist der Staat. Wo sich bereits „ein Staat etabliert hat, dort kann es nicht noch einen anderen geben“ (Schroer, 2006: 65). Dieser hat somit einen Exklusivanspruch auf einen Teil des Raumes. Das Raumgebilde, welches der Qualität der Zerlegbarkeit gegenübersteht, sind Gebietshoheiten oder auch die Zentralität, da beides durch Grenzen und somit auch durch die Zerlegbarkeit des Raums entsteht (vgl. Schroer, 2006: 78). Der Fixierbarkeit liegt das Raumgebilde der Verortung in eine feste Lokalität, wie beispielsweise einem Haus, gegenüber und die Nähe und Distanz lässt sich in das Raumgebilde eines leeren Raumes verdichten (vgl. Schroer, 2006: 78). Dieser leere Raum dient als neutrale Zone, beispielsweise zwischen zwei Naturvölkern, um eine gewisse Distanz zu wahren (vgl. Schroer, 2006: 75). Lediglich bei der Qualität der Bewegung gibt es nach Simmels Verständnis kein entsprechendes Raumgebilde, da es bei diesem Punkt um eine Wanderung geht und diese nach der damaligen Auffassung keinen Raum konstituiert. Laut Schroer (2006: 78) könnte an dieser Stelle nach heutigem Stand der „ transnationale Raum “ (Herv. im Orig.) eingesetzt werden, der zeigt, dass Wanderung sehr wohl Raum entstehen lässt.

Mit Schaffung all dieser Begriffe gelingt es Simmel zur damaligen Zeit den Raum ausreichend zu analysieren. Von besonderem soziologischen Interesse sind für ihn in diesem Zusammenhang die Inhalte des Raumes (vgl. Löw 2001: 58), wie sich auch schon am Beispiel des fremden Wandernden zeigt. Raum kann somit nach Simmels Verständnis als gegebene Basis betrachtet werden, „in der sich soziales Handeln objektiviert“ (Löw/Sturm 2005: 34). Raum ist somit ein Rahmen, der an sich unerfüllt ist und erst dadurch erfüllt wird, dass Akteure innerhalb des Raumes „in Wechselwirkung treten“ (Schroer 2006: 63).

Durch die vorgestellten Begrifflichkeiten ist es möglich, Georg Simmels soziologisches Konzept der Stadt – insbesondere der Großstadt – besser zu verstehen. Die Großstadt als Raum bildet für Simmel einen Behälter, der mit Merkmalen wie Pünktlichkeit, Berechenbarkeit und Exaktheit (vgl. Simmel 2006: 17) gefüllt werden kann. Das Verhältnis der Menschen in der Großstadt ist zumeist fremd und abstoßend und die Haltung der Großstädter untereinander ist durch die „Reserviertheit“ (Simmel 2006: 23) geprägt. Auch hier werden somit insbesondere die Inhalte des Behälters ‚Stadt‘ betrachtet, welchen Simmel besondere Relevanz beimisst. Der Raum ‚Großstadt‘ bildet den dazu passenden Rahmen. Dadurch zeigt sich, dass Simmel den absoluten Raum nicht in Frage stellt (vgl. Löw/Sturm 2005: 34).

II. Der Soziale Raum nach Pierre Bourdieu

Im Folgenden soll ein Blick auf Schriften Bourdieus geworfen und der Frage nachgegangen werden, wie dieser den Raum auffasst. Seine Betrachtungsweise des Raumes weicht stark von Simmels ab, was einen entscheidenden Grund hat: Bourdieu hat es sich nicht zur Aufgabe gemacht, den Raum an sich zu analysieren, sondern „die Gegensätze von Subjektivismus und Objektivismus durch die Theorie des Habitus zu überwinden“ (Schroer 2006: 82). Bei Bourdieu steht der soziale Raum im Fokus – ein Terminus, welcher durch den Franzosen besonders geprägt wurde (vgl. Löw 2001: 179). Doch auch andere Autoren, wie beispielsweise Pitirim Sorokin oder Leopold von Wiese nutzen den Begriff des sozialen Raums und unterscheiden diesen von dem physischen Raum. Für Bourdieu ist der Raum ein „Kräftefeld“ beziehungsweise „ein Ensemble objektiver Kräfteverhältnisse“ (Bourdieu 1985: 10). Raum wird daher im Bourdieu’schen Zusammenhang als offener Begriff insbesondere metaphorisch verwendet (vgl. Löw 2001: 179), sodass eine genaue Definition des Raumes ausbleibt.

Der soziale Raum bringt sich laut Bourdieu (1997: 160) im physischen Raum zur Geltung. Es findet ein Zusammenspiel zwischen den beiden Raumkonzepten statt, für welche der Soziologe eine klare Abgrenzung schafft: Der physische Raum ist auch für Bourdieu ein starrer und unbeweglicher, in den sich „soziale Prozesse einschreiben“ (Löw 2001: 182). Der soziale Raum wird im Unterschied dazu eher metaphorisch betrachtet und als Bild verwendet, „um soziale Prozesse zu verdeutlichen“ (Löw 2001: 182). Interessant ist hierbei, dass auch der physische Raum sozial konstruiert ist und somit nicht entneutralisiert werden kann (vgl. Löw, 2001: 181).

Dass der soziale Raum besonders bildlich verwendet wird, zeigt sich auch durch die Beschreibung dieses Begriffs: So ist der soziale Raum mehrdimensional und ein offener Komplex. Außerdem lassen sich Klassen erkennen, welche in diesem Zusammenhang „Ensembles von Akteuren mit ähnlichen Stellungen“ (Bourdieu 1985: 12) bilden. Ihre soziale Stellung, welche Bourdieu skizziert, ist demnach „anhand [ihrer] Stellung innerhalb der einzelnen Felder, das heißt innerhalb der Verteilungsstruktur der in ihnen wirksamen Machtmitteln“, (Bourdieu 1985: 10f.) zu erkennen. Die Machtmittel stellt das Kapital der einzelnen Akteure dar (vgl. Bourdieu 1985: 11). Je mehr Kapital und Macht eine Person besitzt, desto leichter fällt es ihr, sich den Raum anzueignen. Denn letztendlich geht es Bourdieu mit dem Begriff des sozialen Raums genau darum: Er spricht von einer „Aneignung des Raumes“ (Bourdieu 1997: 165), um dessen Erlangung sogar Kämpfe stattfinden.

An dieser Stelle wird besonders deutlich, wie sich die Herangehensweise an den Begriff Raum von Simmel und Bourdieu unterscheiden: Während Simmel den Raum als gegebenen Behälter betrachtet und dessen Inhalt eine besondere soziologische Relevanz zuschreibt, geht es Bourdieu letztendlich um Machtverhältnisse und Verteilung von Kapital, mit dessen Mitteln Raum angeeignet werden kann. Eine Soziologie des Raumes steht somit nicht im Fokus des Bourdieu’schen Konzeptes. Auch Martina Löw, die sich mit Bourdieus Werken, fokussiert auf seinen Umgang mit dem Begriff Raum, auseinandersetzt, betrachtet diesen kritisch:

„[Es] gelingt […] ihm nicht, die strukturierende Wirkung von Räumen zu berücksichtigen. Er vermag ebenfalls nicht, die Konstitution von Räumen zu erfassen, die nicht langfristig an Orte gebunden sind. So wegweisend Bourdieus Überlegungen zur relationalen Konzeption des Sozialen sind […], so wenig gelingt es ihm […], Raum (außer im metaphorischen Sinn) relativistisch oder relational zu denken“ (Löw 2001: 183).

Auch bei Schroer (2006: 105) findet sich einige Kritik an Bourdieus Raumbetrachtung. Er bemängelt, dass der Bourdieu’sche Raumbegriff „am Ende nur das räumliche Abbild der Sozialstruktur“ ist. Außerdem ist auffällig, „dass bei Bourdieu stets nur von überschaubaren Räumen im Nahbereich die Rede ist“ (Schroer 2006: 105). Unüberschaubare Räume mit unklaren Grenzen werden von dem Soziologen damit völlig außer Acht gelassen.

III. Heutige Betrachtungsweisen – der relationale Raum

In der heutigen Auseinandersetzung mit dem Begriff Raum wird kaum noch von einem Behälter- oder Container-Raum ausgegangen. Stattdessen wird eine andere Begrifflichkeit immer prominenter: Der ‚relationale Raum‘ (vgl. Läpple 1991: 195; Schroer 2006: 174; Löw 2001: 156). Dennoch sollte laut Schroer (2006: 175f.) der Behälterraum nicht völlig außer Acht gelassen werden, denn er eigne sich insbesondere zur Analyse von Machtphänomenen. Anstatt ihn aus den heutigen Raumkonzepten zu entfernen und gar als veraltet abzustempeln, sollte der Raum als Behälter lieber hinterfragt werden, schließlich besitzt auch er einige Funktionen, die bei Simmel beispielsweise dazu dienten, sich auf dessen Inhalte zu spezialisieren.

Doch diese Betrachtungsweise reicht für den heutigen Stand der soziologischen Forschung nicht mehr aus: Mit dem Konzept des relationalen Raums wird Abstand vom Behälterraumkonzept genommen. Damit distanziert es sich sowohl von Geographie und Physik, als auch von unterschiedlichen Konzepten des Alltagswissens. Generell sei die alltägliche Raumvorstellung laut Dieter Läpple (1991: 164) „kolonisiert“ und damit stark beeinflusst von der Raumanschauung der klassischen Physik. Besser sei es in den heutigen Auseinandersetzungen mit dem Raum von „Raum begriffen und Raum konzepten “ (Läpple 1991: 164, Herv. im Orig.) zu sprechen und es sollte angegeben werden, auf welche Problemstellung sich der jeweilige Raumbegriff bezieht. Läpple unterstützt das Konzept des relationalen Raumes und definiert dieses wie folgt:

„[Der „gesellschaftliche Raum“] manifestiert sich […] in der Form seiner materiell-physischen Raumstruktur, die sich darstellen lässt durch das erdräumliche Beziehungsgefüge der Lagen und Standorte seiner körperlichen Objekte.“ (Läpple 1991: 195, Herv. im Orig.)

„Körperliche Objekte“ sind in diesem Zusammenhang Menschen und Dinge, die von Menschen (und somit unter Umständen von sich selbst) platziert werden können.

Ähnliches findet sich auch bei Martina Löw. Für sie ist der Raum „ eine relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern “ (Löw 2001: 154, Herv. im Orig.), welche ständig in Bewegung sind. Der Begriff des (An)Ordnens bedeutet, dass Räume einerseits auf der Praxis des Anordnens basieren und dadurch Menschen Gegenstände und sich selbst in Räumen immer wieder neu anordnen und andererseits, dass Räume gesellschaftliche Ordnung durch gesellschaftliche Strukturen vorgeben (vgl. Löw/Sturm 2005: 42). Als ‚Güter‘ werden bei Löw Körper im Raum bezeichnet, die entweder primär materiell oder primär symbolisch sind. Primär materiell sind beispielsweise Tische oder Stühle, primär symbolisch sind Werte oder Vorschriften. Der Begriff ‚primär‘ wird in diesem Zusammenhang nicht zufällig eingeführt, sondern soll zum Ausdruck bringen, dass ein Gut niemals nur materiell oder nur symbolisch sein kann (vgl. Löw, 2001: 153, Herv. A.M.). Inwiefern ein Wert oder eine Vorschrift beispielsweise auch materiell sein kann, beschreibt sie jedoch nicht. Mit dem Begriff ‚Lebewesen‘ werden hier insbesondere Menschen bezeichnet. Menschen schaffen auf der einen Seite Räume, gehören aber auf der anderen Seite auch zu jenem, was zu einem Raum zusammengefasst werden kann. Menschen können insofern von den Gütern, die im Raum (an)geordnet sind, abgegrenzt werden, da sie „sich selbst platzieren und Platzierungen verlassen“ (Löw 2001: 155) können. Menschen sind somit aktive Objekte im Raum. Sie handeln, können Räume jederzeit betreten oder verlassen und können Güter wie Tische oder Stühle in Räumen anordnen und wieder neu ordnen. Dennoch sollten soziale Güter, so Löw, den Menschen nicht als passiv gegenübergestellt werden. Denn auch sie können den Raum beeinflussen, insbesondere „durch wahrnehmbare Gerüche, Töne oder Farben […]“ (Löw 2001: 194). Dadurch wird die Wahrnehmung der Menschen innerhalb der Räume und somit auch die gesamte Beschaffenheit des Raumes geprägt (vgl. Löw 2001: 195).

Doch auch wenn der relationale Raum aus heutiger soziologischer Sicht wohl das passendere Raumkonzept darstellt, so ist Markus Schroer der Auffassung, dass auch dieses Konzept etwas Entscheidendes vernachlässigt: „Nämlich dass es Räume gibt, die Verhalten und Handlungen sowie Kommunikationen prägen und vorstrukturieren“ (Schroer 2006: 176). Als Beispiel führt der Soziologe Kirchen auf, in denen Menschen langsam und bedächtig gehen. Ein Gegenbeispiel dazu kann ein Park im Grünen sein, in welchem ausgelassene Stimmung herrscht. Schroer plädiert in diesem Zusammenhang dafür, dass nicht ohne Weiteres von einem Behälterraum-Konzept auf das relationale Raumverständnis umgeschwenkt werden soll. Stattdessen sollten die Behälterraumkonzepte noch einmal genauer betrachtet werden, da aus heutiger Sicht „die Behälter-Raumkonzeption reflektiert und auf ihre Konsequenzen hin befragt“ werden, was dann zu einer „reflektierten Anwendung der Container-Vorstellung“ (Schroer 2006: 178) führen kann. Diese Anwendung sei beispielsweise für die Analyse politischer Räume geeignet, weil es dadurch „klare Grenzziehungen zwischen innen und außen, Eigenem und Fremden usw.“ (Schroer 2006: 179) geben kann.

Auch wenn dieses Konzept in der Auseinandersetzung mit politischen Räumen zu funktionieren scheint, so liegt in der heutigen Soziologie der Fokus besonders auf dem Aspekt, dass Raum sozial oder gesellschaftlich produziert wird[4] (vgl. Löw/Sturm 2005: 31; Läpple 1991: 197). Raum wird insbesondere durch Menschen produziert und auch wieder reproduziert. Sie können den Raum formen, gestalten und umgestalten. Dieter Läpple ist der Auffassung, dass heute ein erweitertes Raumkonzept vonnöten ist, „um gesellschaftliche Räume aus ihrem […] gesellschaftlichen Funktions- und Entwicklungszusammenhang heraus erklären zu können“ (Läpple 1991: 195). Daher entwickelt er das Konzept des ‚Matrix-Raums‘ und bezieht darin gesellschaftliche Kräfte mit ein, welche die Strukturen des Raumes „‘formen‘ und ‚gestalten‘“ (Läpple 1991: 195).

Grundlegender geht der Soziologe Henri Lefebvre an die Definition des Raumes. Sein Werk ‚Production de l’espace‘[5] beeinflusste unter anderem Soziologen wie Martina Löw oder Markus Schroer. Auch Lefebvre geht davon aus, dass der Raum, der in seinem Zusammenhang stets als sozialer Raum betrachtet wird, ein soziales Produkt ist (vgl. Lefebvre 1991: 30; Löw et al. 2007: 52). Er beschreibt: „Humanity, which is to say social practice, creates works and produces things“ (Lefebvre 1991: 71). Es ist somit naheliegend, dass nach seiner Auffassung auch Raum durch Menschen produziert wird. Diese Praxis der Herstellung und Reproduktion von Räumen nennt Lefebvre (1991: 38) ‚spatial practice‘. Neben der Produktion und Reproduktion bezieht dieser Begriff auch die körperliche Erfahrbarkeit von Räumen mit ein. Neben menschlichen Körpern umfasst der ‚social space‘ eine große Vielfalt von Objekten, die nicht nur Dinge oder Gegenstände, sondern auch Beziehungen sowie deren Netzwerke und Pfade sind (vgl. Lefebvre 1991: 77). Dabei formuliert der Autor auch die wichtige These, dass es nicht nur den einen sozialen Raum gibt: „ Social spaces interpenetrate one another and/or superimpose themselves upon one another “ (Lefebvre 1991: 86, Herv. im Orig.). Diese Räume liegen mitunter nicht immer einfach nebeneinander, sondern können sich überlagern. Es kann somit nicht immer eine klare Abgrenzung zwischen einzelnen Räumen stattfinden, was den sozialen Raum nicht weniger komplex erscheinen lässt.

Mit ihrem Konzept des relationalen Raums knüpft Martina Löw an Henri Lefebvre an. Das Konzept der räumlichen Strukturen, welches sich unter anderem bei Lefebvre findet, lässt sie in ihr Verständnis des Raumes mit einfließen (vgl. Löw et. al 2007: 60; Löw 2001: 166ff.). Für Löw haben räumliche Strukturen einen besonderen Einfluss auf die Konstitution von Räumen. Von Strukturen könne man dann sprechen, wenn „entweder die Anordnung von Gütern bzw. Menschen oder die Synthese von Gütern bzw. Menschen zu Räumen […] in Regeln eingeschrieben und durch Ressourcen abgesichert ist […]“ (Löw 2001: 171, Herv. im Orig.). Die gesellschaftlichen Strukturen werden unter anderem räumlich, rechtlich und ökonomisch gebildet. Ebenfalls wichtig erscheint Löw bei der Produktion von Räumen die These, dass Menschen ein „Set von gewohnheitsbedingten Handlungen“ (Löw 2001: 161) besitzen und somit auch die Konstitution von Raum durch dieses gewohnte Handeln verändert werden kann, oder anders gesagt: „Räume werden in Routinen immer wieder auf die gleiche Weise hergestellt“ (Löw 2001: 166). Das bedeutet, dass Menschen, wenn sie durch ihr Handeln Räume herstellen und verändern, dies nicht unbedingt bewusst tun; es geschieht durch Routinen und gewohnheitsmäßige Wiederholungen. Durch diese Gewohnheiten ist es gut möglich, dass den Menschen, die sich in den jeweiligen Räumen befinden, gar nicht auffällt, dass sie auch durch Farben, Gerüchen oder Formen der jeweiligen Güter beeinflusst werden können. Die Güter können dadurch auf die verschiedensten Weisen wahrgenommen werden, was für Löw ein „Prozess der gleichzeitigen Ausstrahlung von sozialen Gütern bzw. Menschen und der Wahrnehmungsaktivität des körperlichen Spürens “ (Löw 2001: 195f., Herv. im Orig.) ist. Dieser Prozess kann somit eine Atmosphäre schaffen, welche den Raum ebenfalls beeinflusst. In der bisherigen soziologischen Theoriebildung wurde der Atmosphäre nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. Löw 2001: 198). Gleiches gilt auch für die Orte. Im Alltagsverständnis können Orte und Räume gegebenenfalls als Synonyme betrachtet werden. Löw trennt diese beiden Begriffe jedoch und misst Orten für die Konstitution von Raum eine „fundamentale Bedeutung“ (Löw 2001: 201) bei. Sie werden von Räumen hervorgebracht und „sind gleichzeitig die Voraussetzung jeder Raumkonstitution“ (Löw 2001: 203). Den Unterschied zwischen Raum und Ort beschreibt Löw anhand eines Beispiels aus der Biographie „Der Sohn des Rabbiners“ von Josef Tal: Es beschreibt die Überreste eines alten Tempels, der an einem speziellen Ort erbaut worden ist. Diese Überreste bilden die heutige Klagemauer, welche wiederum einen symbolischen und religiösen Ort hervorbringt. Als Raum bezeichnet Löw hingegen die Verknüpfung der Klagemauer mit dem freien Platz und den Touristen, die sich dort aufhalten (vgl. Löw 2001: 200). Der Raum in diesem Zusammenhang ist somit weder symbolisch noch religiös, sondern physisch vorhanden und bringt wiederum den religiösen Ort hervor.

Es zeigt sich, dass Martina Löw den Raum besonders ausführlich und unter Einbezug vieler unterschiedlicher Aspekte beleuchtet. Dabei geht sie stets davon aus, dass Raum eine relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern ist. Auch Dieter Läpples ‚Matrix-Raum‘ geht letztendlich auf die Annahme eines relationalen Raumbegriffs zurück. Markus Schroer lehnt ebenfalls den Begriff des relationalen Raums nicht ab, ist jedoch (anders als die beiden anderen Autoren, die sich weit von dem Konzept des Behälterraums distanzieren) der Auffassung, dass in einigen Zusammenhängen auch die Betrachtung des Raums als Container durchaus seine Berechtigung hat. Generell geht er davon aus, dass „wir […] es [heute] mit den verschiedensten Raubildern, Raumkonzepten und Raumauffassungen zu tun [haben], die einander nicht mehr ablösen, sondern nebeneinander existieren“ (Schroer 2006: 179). Dies zeigt sich auch bei der Auseinandersetzung mit digitalen Räumen. So können digitale Räume in vielen Zusammenhängen nicht auf die gleiche Weise beschrieben werden wie physisch vorhandene Räume. Für die Betrachtung digitaler Räume müssen daher neue Begriffe und Konzepte erarbeitet werden, da diese das Verständnis von Raum und Räumlichkeit erheblich verändern. Im Folgenden sollen daher digitale Räume genauer betrachtet werden.

D. Digitale Räume nach soziologischem Verständnis

In diesem Abschnitt sollen nun digitale Räume, ihre Konzepte und Begrifflichkeiten genauer betrachtet werden. Der Bereich der digitalen Räume ist insgesamt noch ziemlich jung – erste Auseinandersetzungen fanden erst in den späten 1980er und insbesondere in den 1990er-Jahren statt. Im Laufe der Zeit erschien es als immer sinnvoller, sich auch soziologisch mit dieser besonderen Kategorie von Räumen auseinanderzusetzen, sodass es heute eine ganze Reihe unterschiedlicher Theorien und Konzepte zu digitalen Räumen gibt. Soziale Medien beispielsweise, die im Folgenden ebenfalls als digitale Räume untersucht werden sollen, und die in der heutigen Zeit immer größere Relevanz im täglichen Leben zu erhalten scheinen, existieren erst seit etwa zehn bis 15 Jahren und können als „Sammelbegriff für Internet-basierte mediale Anwendungen“ (Hartmann 2017: 376) bezeichnet werden. Und doch sind soziale Medien, beziehungsweise digitale Medien[6], Bereiche, die sich ständig weiterentwickeln, sodass Theorien, die noch vor fünf Jahren durchaus nachvollziehbar waren, schon heute kaum noch greifbar sind. So schreibt auch Thiedeke (2004: 30): „Der hier zu erwartende lange und schwierige Konsolidierungsprozess von dauerhaften Forschungskapazitäten ist auch der scheinbaren Unbestimmtheit virtualisierter sozialer Realitäten geschuldet.“ Bis heute kann diesen Worten eine gewisse Relevanz zugeordnet werden: Mit der Unbestimmtheit visualisierter sozialer Realitäten können auch solche gemeint sein, die sich im digitalen Raum finden lassen. Die Unbestimmtheit, die Thiedeke hier ausdrückt, veranlasst einige Wissenschaftler zu der These, dass mit Computern und dem Internet eine ‚Enträumlichung‘ stattfindet (vgl. Läpple 1991: 204; Schroer 2006: 252; Pott et al. 2004: 12). Diese soll im späteren Verlauf genauer diskutiert werden. Zunächst werden einige Begrifflichkeiten und Metaphern vorgestellt, welche das Feld digitaler Räume beschreiben sollen.

Mit dem Aufkommen des Internets folgten auch erste Auseinandersetzungen und Theorien, die dieses Phänomen insbesondere auch in der Alltagspraxis beschreiben und es für die Allgemeinheit erfassbar machen wollten. Der Begriff ‚Internet‘ ist dabei eine Infrastruktur, die weit verbreitet ist und „die sich aus Computernetzen, Datenprotokollen, individuellen und kollektiven Akteuren zusammensetzt“ (Thiedeke 2004: 18). Zur Vereinfachung wird das Internet häufig auf metaphorische Weise beschrieben. So seien die beiden Kategorien real und virtuell eine Konstellation, „die dem Gegensatz von Land und Meer ähnelt, wie er über Jahrhunderte gegolten hat“ (Schroer 2006: 253). Das ‚Reale‘, und damit die Welt außerhalb des Computers und des Internets, ist dabei in dieser Metapher das Land, während das ‚Virtuelle‘ das Meer ist, etwas Unbekanntes, das zwar in der heutigen Zeit vollständig vermessen ist, aber in seinem Tiefen vermutlich immer noch vieles Unbekanntes beherbergt. Darauf aufbauend entwarf der Philosoph und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser das Bild des Internets als ein ‚Ozean der Möglichkeiten‘. Laut Schroer (2006: 259) benennt Flusser damit das Internet als einen Möglichkeitsraum, der sich von dem Wirklichkeitsraum der realen Welt unterscheidet und auch weit über das Angebot dieses Wirklichkeitsraums hinausgeht. Neben dem Vergleich von Land und Meer gibt es noch weitere Metaphern und Begriffe, die dazu beitragen sollen (oder sollten), besser zu verstehen, was das Virtuelle zu bieten hat. Der Begriff des Internets als ‚Datenautobahn‘ sollte damals eine Brücke zwischen dem ‚Neuland Internet‘ und etwas Bekanntem, dem Autofahren schlagen. Geprägt wurde dieser Begriff von Unternehmer und Politiker Al Gore und bezieht sich insbesondere auf die neue, schnelle Welt aus Daten und Informationen. Eine andere Metapher, die von Philosoph Marshall McLuhan geprägt wurde, sieht das Internet als ‚Global Village‘ und verweist auf das Verschwinden von Distanzen durch moderne elektronische Medien. Bereits in den 1960er-Jahren, als dieser Begriff das erste Mal aufkam und sich auf die damaligen ‚neuen Medien‘ bezog, lag der Fokus darauf, dass Personen an einem Ort fast in Echtzeit von Ereignissen erfahren können, die viele Kilometer weit entfernt passieren. Durch das Internet ist dies in heutiger Zeit sogar noch schneller, jederzeit und an jedem Ort möglich. Eine andere auch heute noch häufig verwendete Metapher spricht vom Internet als ‚Digitale Stadt‘. Der Begriff rührt daher, dass sich im Netz Strukturen, Funktionen und Tätigkeiten wiederholen, die auch für das städtische Leben charakteristisch sind (vgl. für alle drei Metaphern Schroer 2006: 254ff.). Diese Metaphern helfen möglicherweise im Alltagsverständnis dabei, das Internet besser zu verstehen, jedoch ist das wissenschaftliche Verständnis digitaler Räume und ihrer Komplexität damit nicht befriedigt. Ein weiterer Begriff, der im Zusammenhang mit dem Internet oft aufkommt, ist der ‚Cyberspace‘. Cyberspace und Internet werden laut Thiedeke (2004: 18) in vielen Zusammenhängen synonym verwendet, „um Strukturen und Kommunikationen des Internets zu bezeichnen.“ Jedoch ist diese Verwendung nicht ganz richtig: Stattdessen kann der Cyberspace als „faktische[r] Sinnhorizont computierter Interaktionen“ (Thiedeke 2004: 21) betrachtet werden. Auch Buschbauer (2010) grenzt die Begriffe Cyberspace und Internet voneinander ab. Der Begriff des Cyberspace verankerte sich, so Buschbauer, im Rahmen der Computer- und Internetdiskurse der 1990er-Jahre. Cyberspace wurde hier als „Signatur […] der gefeierten Überwindung“ betrachtet und zwar „als eine Befreiung vom Ort, vom Körper, vom Geschlecht […] als ein immaterieller Raum unbegrenzter Mobilität und Allgegenwart“ (Buschbauer 2010: 197). Begründer dieses Begriffs ist der Schriftsteller William Gibson, in dessen Roman ‚Neuromancer‘ das erste Mal von einem Cyberspace die Rede ist. Nach Gibsons Vorstellung ist der Cyberspace „the place where [a] telphone call takes place […]“ (vgl. Buschbauer 2010: 217). Diese Beschreibung ist jedoch kaum ausreichend. Der Entwickler F. Randall Farmer hingegen sieht in dem Konzept des Cyberspace einen sozialen Platz, den er als „Multi-User-Plattform“ betitelt (vgl. Buschbauer 2010: 218). Generell lässt sich erkennen, dass es sehr viele unterschiedliche Ansichten gibt, was unter den Begriff des Cyberspace fällt und was ihn (oder eben nicht) vom Internet abgrenzt. Nach Markus Schroer (2003: 223) ist der Cyberspace ein Raum „von unbegrenzter Weite […], der noch zu entdecken und zu erkunden ist […].“ Dass ein Raum unbegrenzt ist, muss an dieser Stelle jedoch kritisch betrachtet werden. So ist es kaum vorstellbar, wie ein Raum als solcher zu erkennen ist, wenn er keinerlei Grenzen besitzt. Wichtig ist es, in diesem Zusammenhang physische Räume mit sichtbaren Grenzen von digitalen Räumen zu unterscheiden. Weiter unten in diesem Abschnitt wird dieser Ansatz noch einmal aufgegriffen und näher ausgeführt. Insgesamt steht der Cyberspace für einen „gemeinsamen Traum und eine vage Rede“ (Buschbauer 2010: 220) einer damals zukünftigen Informations- und Kommunikationstechnik, die heute längst eingetreten und nicht mehr wegzudenken ist.

[...]


[1] Zur Vereinfachung wird in dieser Arbeit stets die allgemeine Form verwendet, die stellvertretend für alle Geschlechter stehen soll.

[2] Häufig wird auch der englische Begriff ‚Container‘ verwendet.

[3] Siehe hierzu auch Abschnitt C.III.

[4] Nach meinem Verständnis kann der von Löw sozial produzierte und der von Läpple gesellschaftlich produzierte Raum synonym verstanden werden.

[5] Ich beziehe mich in meiner Arbeit auf die englische Übersetzung The Production of Space (1991)

[6] Digitale und soziale Medien werden hier nicht synonym betrachtet. Soziale Medien wie beispielsweise Twitter oder Facebook sind Kommunikationsräume und damit eine Unterkategorie digitaler Medien. Auch Jodel ist ein solcher digitaler Raum und wird im Laufe dieser Arbeit besonders hervorgehoben.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Digitaler Raum. In welcher Weise wird durch die App "Jodel" Raum hergestellt und reproduziert?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
41
Katalognummer
V428981
ISBN (eBook)
9783668735576
ISBN (Buch)
9783668735583
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Raum, Jodel, digitaler Raum, Raum als Behälter, relationaler Raum, Twitter, Foursquare, Raum und Zeit, Georg Simmel, Pierre Boudieu
Arbeit zitieren
Annika Maier (Autor), 2017, Digitaler Raum. In welcher Weise wird durch die App "Jodel" Raum hergestellt und reproduziert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428981

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Digitaler Raum. In welcher Weise wird durch die App "Jodel" Raum hergestellt und reproduziert?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden