Szenisches Spiel des Gedichts "Das Samenkorn" von Ringelnatz mit einer 1./2. Klasse

Wir spielen und malen das Gedicht


Unterrichtsentwurf, 2017
11 Seiten, Note: 13 Punkte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Übersicht über die Unterrichtseinheit

2 Lernvoraussetzungen
2.1 allgemeine Lernvoraussetzungen
2.2 spezielle Lernvoraussetzungen

3 Sachstrukturanalyse

4 Didaktische Überlegungen

5 Methodische Überlegungen

6 Angestrebter Kompetenzzuwachs

7 Verlaufsplan

8 Literatur

1 Übersicht über die Unterrichtseinheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2 Lernvoraussetzungen

2.1 allgemeine Lernvoraussetzungen

2.2 spezielle Lernvoraussetzungen

Die Kinder haben das Gedicht „Das Samenkorn“ in der vorangegangenen Stunde als Vortrag der LiV 2 mal gehört und ihre Handgesten nachgeahmt. Sie haben erkannt, dass es sich bei dem Text um ein weiteres Gedicht handelt und zogen dafür die ihnen bekannten Argumente der „anderen Sprache“ und des Reims als Merkmale heran (sie wissen aber, dass sich Gedichte nicht immer reimen). Nachdem die Kinder erfahren haben, dass sie das Gedicht in der folgenden Stunde spielen werden, haben sie die spielbaren Rollen von Samenkorn und Amsel benannt und eine der Rollen als ihre eigene Wunschrolle ausgewählt. Mithilfe der LiV und unter Berücksichtigung von Kinderwünschen wurden Spielpartner gefunden und über die Doppelbesetzungen gesprochen.

Der Umgang mit Gedichten ist den Kindern nicht fremd. In der Weihnachtszeit haben die Zweitklässler Gedichte auswendig vorgetragen und ihren Vortrag freiwillig mit Medien oder Handlungen unterstützen. In der vorliegenden Einheit haben sie das Gedicht „Schnee im April“ von J. Guggenmos in Form eines Spielgedichts im Sitzkreis im Chor gesprochen und nach Vorgabe der LiV gespielt. Im vergangenen Literaturprojekt zu „Ich mach dich gesund, sagte der Bär“ von Janosch lernten die Kinder szenisches Spiel als Möglichkeit kennen, mit literarischen Texten handeln umzugehen. Die Form des freien Spiels mit begleitendem Sprechen durch die LiV wenden sie jedoch in der vorliegenden Stunde das erste Mal an.

Aufgrund der oben beschriebenen Heterogenität der Lerngruppe, besteht eine große Leistungsspanne bezüglich Lesekompetenz und Sinnerfassendem Lesen. Die Kinder lassen sich in Bezug auf ihr erreichte Lesekompetenz in vier Gruppen und damit Differenzierungsgruppen für die Unterrichtsphase des Lesens des Textes mit Malen einteilen.

Gruppe 1(gelb):A. übt die Laut-Buchstaben-Zuordnung. D. steht am Anfang des synthetischen Lesens. Es ist unklar, inwieweit sie die Decodierung des Gelesenen vornimmt. Aufgrund einer stark ausgeprägten LRS und den oben aufgeführten Lernvoraussetzungen arbeitet R. in dieser Gruppe mit. L. liest noch nicht.

Gruppe 2 (rot):A., A. M., S., L., R. haben die Synthese erlernt. Ihre Leseflüssigkeit ist noch recht langsam und sie haben aufgrund ihres sprachlichen Hintergrunds oder kognitiver Fähigkeiten Schwierigkeiten beim sinnerfassenden Lesen.

L. liest flüssig, wäre aber kognitiv mit der sortierenden Arbeit in Gruppe 3 überfordert. E. und M. können sinnerfassend lesen, arbeiten aufgrund ihrer oben beschriebenen Voraussetzungen in dieser Gruppe mit.

Gruppe 3 (blau):M., N., N., T., I., C. können flüssig lesen und sind sicher in der Lage, sinnerfassend Texte zu lesen.

3 Sachstrukturanalyse

Das Gedicht „Das Samenkorn“ von Joachim Ringelnatz erzählt in zehn Versen von einem Samenkorn, das fast von einer Amsel gefressen worden wäre, hätte diese nicht „Mitleid“ (V.3) gehabt und es „verschont“ (V.3). So wächst aus dem Korn allmählich ein hoher Baum, auf dem die Amsel ein Nest erbaut, in dem sie nun sitzt und „laut zwitschert“ (V.10).

Durch den Paarreim zweier aufeinanderfolgender Verse und den regelmäßigen Absätzen nach je zwei Versen ergeben sich 5 kurze Strophen. Der Paarreim tritt im vorliegenden Gedicht stets als Ausgangsreim auf, d.h. der Reim befindet sich am Ende des Verses (vgl. ebd., 234). In den ersten beiden Versen entsteht durch die höhere Silbenanzahl ein zweisilbiger Ausgangsreim: „Rücken“ - (zer-) „picken“. Die darauffolgenden Strophen weisen einen einsilbigen Ausgangsreim auf. Aus der Betrachtung der phonologischen Struktur der Reime ergibt sich stets ein sogenannter reiner Reim (vgl. ebd., 759), denn die Reimsilben sind ab dem Vokal klanglich identisch, z.B. in den Versen 3/4: (ver-) „schont“ - (be) „lohnt“. So kann auch das dem Laut „i“ sehr ähnlich klingende „ü“ als klanglich identisch empfunden werden, wie in den Versen 1/2: „Rücken“ - (zer) „picken“.

Ringelnatz bedient sich des sprachlichen Mittels der Personifikation: Sowohl dem Samenkorn als auch der Amsel werden Eigenschaften oder Handlungsweisen zugeschrieben, die eigentlich menschlicher Natur sind (vgl. ebd., 674). In Vers 2 heißt es z.B. „Die Amsel wollte es zerpicken“. Durch seine Vorsilbe „zer-“ erhält das Verb picken eine völlig andere Bedeutung und wirkt personifizierend. Der Akt des Fressenwollens erscheint nicht mehr primär im Lichte des Hungerstillens sondern vielmehr als Wille zur Zerstörung. Auch in Vers 3 werden der Amsel durch den Begriff des „Mitleids“ menschliche Züge, zugesprochen, die durch die Verben „verschont“ und „belohnt“ verstärkt werden.

Der das Gedicht eröffnende Vers „Ein Samenkorn lag auf dem Rücken“ personifiziert in metaphorischer Weise (ein Korn besitzt eigentlich keinen Rücken) das

Samenkorn gleich zu Beginn. Das Liegen auf dem Rücken zeigt die unterlegene Rolle des Korns auf.

Die Verse 3/4 nehmen eine besondere Stellung im Gedicht ein. Während die anderen Verse die äußeren Ereignisse und Handlungen des Gedichts beschreiben, ermöglichen sie eine Innenschau. Sie beschreiben das Mitleid der Amsel als Emotion und moralische Vorstellung und das daraus resultierende Unterlassen des gewollten „Zerpickens“ des Korns. Zudem verweisen sie auf den Wert des Mitleids für das Leben der Amsel, indem sie dafür „reich belohnt“ wird. Die Verse 3/4 lassen sich als Wendepunkt des Gedichts verstehen, denn einzig das Mitleid der Amsel führt das Samenkorn aus seiner ausweglosen, unterlegenen Position weg und ermöglicht ein Fortleben und Entwickeln beider.

Die folgenden Verse beschreiben das Heranwachsen des Samenkorns zu einem „hohen Baum“ und damit die Bedeutung des Mitleids der Amsel für das Leben und die Entwicklung des Samenkorns. Aufgrund seiner Entwicklung vom kleinen Korn zum großen Baum verändert sich die Rolle des Korns/Baums bezüglich der Amsel. Der Baum bietet durch das Tragen eines Nestes der Amsel ein Zuhause und ermöglicht nun ihre Weiterentwicklung: weiteres Leben kann durch ihre Küken im Nest entstehen.

In seiner Tiefe transportiert das Gedicht den Gedanken von „Leben und leben lassen“. Das Mitleid der Amsel ermöglicht ein Weiterleben von Korn und Amsel zugleich. Beide können ihrer Bestimmung folgen und den Kreislauf des Lebens fortsetzen, und zwar miteinander: Das Samenkorn durch die Entwicklung zum Baum und als Lebensraum für die Amsel. Die Amsel durch ihren Nestbau im Baum.

4 Didaktische Überlegungen

Der heute dominierende Lesekompetenzbegriff orientiert sich an Lesesituationen, die für die Alltagsbewältigung der Heranwachsenden relevant sind und bezieht sich auf das Lesen aller Textsorten. Er berücksichtigt die Rezeption literarischer Texte im Sinne von lustvollem Lesen, Aneignung der Texte und literarischem Lernen nicht ausreichend und bedarf einer Erweiterung hin zur „Literarischen Kompetenz“, die sich auf die Lese- und Verstehensanforderungen beim Rezipieren literarischer Texte bezieht. Denn diese Anforderungen unterscheiden sich von denen der oben genannten Lesekompetenz. Spinner nennt in diesem Zusammenhang 11 Teilkompetenzen literarischen Lernens (vgl. Spinner, 2006, 6 ff).

Mit einer Auswahl von Gedichten zum Thema Frühling haben die Kinder der Lerngruppe in der vorliegenden Einheit die Möglichkeit, ihre literarische Kompetenz im handelnden und produktiven Umgang zu erweitern. Das Thema Frühling greift die aktuelle Jahreszeit auf, die die Kinder in der Veränderung des Wetters, der Natur, ihrer Kleidung, ihrer Spielorte wahrnehmen.

Grundsätzlich eignen sich viele Gedichte für Kinder. Dies wird schon an der vorschulischen Begegnung vieler Kinder mit Gedichten und Versen deutlich: In Abzählversen, Schoßreitern, Fingerspielen haben sie Lyrik gehört, gesprochen und in Bewegung umgesetzt. U.a. an diese Erfahrungen knüpft der Literaturunterricht der Grundschule und eben auch diese Einheit an. Die Eignung vieler Gedichte für Kinder begründet sich in ihrer rhythmischen und klanglichen Beschaffenheit und ihres häufig hohen Aufforderungcharakters, das Geschehen oder den Rhythmus in Bewegung umzusetzen. Rhythmus und Reim stellen eine Regelhaftigkeit her, die den Kindern als „Bewältigungsinstrument“ in der Aneignung von lyrischen Texten dienlich ist (vgl. Forytta, Hanke, 75).

Das Gedicht „Das Samenkorn“ weist eine starke Regelhaftigkeit aufgrund des gleichbleibenden Versmaßes und Paarreims auf. Durch die kurzen Strophen, den (vielen Kindern bekannten) Ausgangsreim im Paarreim wird die Aneignung des Gedichts für die Schülerinnen und Schüler erleichtert (vgl. Kap. 3). Der Reim unterstützt die Antizipation im Aneignungs- und späteren Leseprozess, denn das Reimwort kann aus dem Gedächtnis gefunden werden (vgl. Spinner, 2009 ,18).

Der Schwerpunkt der Stunde im Bereich literarischen Lernens liegt auf einer von Spinner formulierten Teilkompetenz: „Perspektiven literarischer Figuren nachvollziehen“ (vgl. Spinner, 2006, 9 ff). Denn: Kinder achten, vor allem auf das äußere Geschehen. Das Verständnis für die inneren Vorgänge (Gefühle, Gedanken) die in den Texten zur Darstellung kommen und ihre Bedeutung für das äußere Geschehen muss im Unterricht der Grundschule erst entwickelt werden (vgl. ebd; Spinner, 2009, 10). Gedichte, in denen Protagonisten, seien es Menschen oder personifizierte Gegenstände oder Tiere, auftreten, die in eine Art Handlung oder Geschehen verwickelt sind, eignen sich zur Perspektivenübernahme. In Beziehung zu anderen Protagonisten oder Ereignissen müssen sie in Situationen geraten, die bestimmte Haltungen, Gefühle auslösen und evt. eine Handlung nach sich ziehen. So auch im Gedicht der vorliegenden Stunde, in dem die Personifizierung von Amsel und Samenkorn/Baum eine Identifikation mit ihnen herbeiführt (vgl. Kap.3). Auch wenn die Perspektivenübernahme als Teilkompetenz zu verstehen ist, so dient sie in der vorliegenden Stunde letztlich doch der Aneignung des gesamten Textes und schließlich dem vertieften Textverständnis.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Szenisches Spiel des Gedichts "Das Samenkorn" von Ringelnatz mit einer 1./2. Klasse
Untertitel
Wir spielen und malen das Gedicht
Veranstaltung
Deutsch-Didaktik
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V429002
ISBN (eBook)
9783668728509
ISBN (Buch)
9783668728516
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
szenisches Spiel, Gedicht, Deutschunterricht, Grundschul
Arbeit zitieren
Alexandra Gösel (Autor), 2017, Szenisches Spiel des Gedichts "Das Samenkorn" von Ringelnatz mit einer 1./2. Klasse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429002

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