Deutsch ist eine Wortbildungssprache. Die deutsche Wortbildung erzeugt neue Wör-er, die zusammengeschrieben werden. Am intensivsten werden Zusammensetzungen beziehungsweise Komposita für neue Wortbildungen benutzt, wie Haustür aus Haus und Tür. Auch werden Derivate benutzt, um neue Wörter zu bilden, zum Beispiel Freiheit aus frei und -heit. Es gibt noch jegliche andere Formen der Wortbildung, die entweder in den Bereich der Syntax oder der Morphologie zugeordnet werden können.
Doch es gibt noch eine besondere Wortbildungsart, die weder der Syntax noch der Morphologie gehört und bei der man unsicher ist, ob die neu gebildeten Wörter getrennt oder zusammengeschrieben wird. Ein Beispiel hierzu wäre die Rechtschreibung von Zeitlang beziehungsweise zeitlang. Welche Schreibung davon ist richtig? Und aus welchen Gründen schreibt man dieses Wort groß bzw. klein? Gehört diese Wortbildung zu der Komposition oder Derivation? Und wie strukturiert man bzw. zerlegt man dieses Wort? Jene Fragen betreffen die problematische Wortbildungsart bekannt unter dem Namen Univerbierung.
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Phänomen der Univerbierung und ihrer Probleme. Zunächst folgt die Abgrenzung der Univerbierung von anderen Wortbildungsarten, nämlich der Komposition und Derivation. Dann werden verschiedene Definitionen zur Univerbierung präsentiert, sowie ihre historische Entwicklung skizziert. Im Nachhinein werden komplexe Wortbildungen analysiert und mit ihnen zusammen die Probleme der Univerbierung dargelegt. Am Ende werden die Resultate zusammengefasst und ein Ausblick gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wortbildungsarten
2.1 Komposita und Derivation
2.1.1 Komposition
2.1.2 Derivation
2.2 Die Univerbierung – Definitionsansätze
2.3 Historische Entwicklung der Univerbierung
2.4 Univerbierung und Inkorporation
3. Probleme der Univerbierung
3.1 Struktur und Zusammensetzung
3.2 Rechtschreibung
3.3 Gemeinsamkeiten/Ausnahmen
4. Fazit
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das linguistische Phänomen der Univerbierung, bei dem syntaktische Wortgruppen zu einem einzelnen Wort verschmelzen. Ziel der Untersuchung ist es, die strukturellen Besonderheiten und die daraus resultierenden Probleme der Rechtschreibung und morphologischen Einordnung innerhalb der deutschen Wortbildung zu analysieren.
- Abgrenzung der Univerbierung von Komposition und Derivation
- Analyse diachroner Entwicklungsstufen des Univerbierungsprozesses
- Untersuchung der strukturellen Komplexität und binären Zerlegbarkeit
- Herausarbeitung der Problematik bei der Getrennt- und Zusammenschreibung
Auszug aus dem Buch
3.1 Struktur und Zusammensetzung
Wie bereits erwähnt, ist die Struktur von univerbierten Wörtern schwierig und komplex. Man kann die Wortneubildungen weder in die Komposition, noch in die Derivation zuteilen, weil es für beide Wortbildungen Einwände gegen ihre Regeln gibt. Es folgen nun Beispiele, bei denen die Struktur und die Zusammensetzung bestimmter zusammengerückter Wörter schwierig ist und sie deswegen der Univerbierung zugehören.
Ein Problem des Aufbaus von univerbierten Wörtern bereitet das Verb umfahren. Die Wortbildung dieses Verbs steht zwischen Morphologie und Syntax und wird daher der Univerbierung zugeschrieben. Aus der Wortbildungssicht kann das Verb der Komposition und der Derivation aus einem Grund zugeordnet werden: das Wort ist binär und rechtsköpfig, daher erfüllt es die Grundkriterien für die Komposition und auch die der expliziten Derivation. Fraglich als Derivation ist jedoch, ob das -um als Affix definiert werden kann. Da -um eine sehr sichtbare Präposition ist und weil Verben wie umfahren in manchen Satzstellungen getrennt werden, separieren wir sie von Verben wie befahren (vgl. IDS Mannheim 2016, Online, hypermedia.ids-mannheim.de). Diese Art von Verben nennt man Partikelverben bzw. Präverbfügung (vgl. IDS Mannheim, Online 2001, hypermedia.ids-mannheim.de). Anhand von zwei Beispielssätzen aus Hans Manz 1998 (zitiert nach Janich 2004, S. 216) wird eine weitere Problematik dieses Verbs nähergebracht:
- „Man kann mit einem Schlitten einen Zaun umfahren (Glück gehabt!)“
- „Man kann mit einem Schlitten einen Zaun umfahren (Krach! Au!)“
Semantisch gesehen haben beide Verben verschiedene Bedeutungen; während im ersten Beispiel ein Bogen um den Zaun gemacht wird, bedeutet das umfahren im zweiten Beispiel, dass der Zaun überfahren wird. In besonderen Satzstellungen wird im ersten Beispiel umfahren nicht getrennt, z.B. ich umfahre den Zaun. Im zweiten Beispiel jedoch wird es getrennt: ich fahre den Zaun um. Bei dem ersten Beispiel kann man das Verb als Kompositum betrachten, auch, wenn es auf den zweiten Teil betont wird. Das zweite umfahren hingegen hat zwar eine kompositaübliche Betonung, es trennt sich aber; und was sich trennt, ist kein Wortbildungsprodukt. Daher kann man umfahren weder der Komposition, noch der Derivation zuordnen. Das Wort passt mehr in das Konzept der Univerbierung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der deutschen Wortbildung und Definition der Univerbierung als problematisches Feld zwischen Syntax und Morphologie.
2. Wortbildungsarten: Abgrenzung der Univerbierung von den Hauptverfahren Komposition und Derivation unter Berücksichtigung historischer Entwicklungen und Definitionen.
3. Probleme der Univerbierung: Detaillierte Analyse struktureller Schwierigkeiten, orthografischer Unsicherheiten sowie der Gemeinsamkeiten und Ausnahmen bei univerbierten Wörtern.
4. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Univerbierung als außergewöhnliche Wortbildungsart mit ungelösten Problemen in der orthografischen Fixierung.
5. Bibliographie: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Literatur und Internetquellen zur Untermauerung der Untersuchung.
Schlüsselwörter
Univerbierung, Wortbildung, Komposition, Derivation, Morphologie, Syntax, Getrenntschreibung, Zusammenschreibung, Wortgruppe, Inkorporation, Zeitlang, Sprachwissenschaft, Orthografie, Wortbildungsprozess, linguistische Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Univerbierung, einem sprachlichen Prozess, bei dem ursprünglich getrennte Wortgruppen allmählich zu einem einzigen Wort verschmelzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Abgrenzung von der klassischen Komposition und Derivation, die historischen Entwicklungswege sowie die orthografischen Schwierigkeiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die strukturelle Komplexität der Univerbierung aufzuzeigen und zu erörtern, warum dieser Bereich nur schwer in das bestehende System der Wortbildung einzuordnen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine deskriptive und analytische Methode verwendet, die auf linguistischer Fachliteratur sowie Beispielen aus Wörterbüchern und Korpora basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Definitionen der Univerbierung, ihre historische Entwicklung, die Abgrenzung zur Inkorporation sowie spezifische Problemfälle wie Struktur und Rechtschreibung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Univerbierung, Morphologie, Syntax und Getrennt- bzw. Zusammenschreibung charakterisiert.
Warum ist das Beispiel „umfahren“ so problematisch für die Morphologie?
Es ist problematisch, da das Wort je nach Bedeutung unterschiedliche syntaktische Eigenschaften aufweist – einmal als untrennbares Kompositum und einmal als trennbares Verb – was eine eindeutige Kategorisierung erschwert.
Welche Rolle spielt der Begriff „Zeitlang“ im Dokument?
„Zeitlang“ dient als zentrales Paradebeispiel für eine Univerbierung, die sich den Regeln der deutschen Komposition widersetzt und die Probleme bei der orthografischen Standardisierung verdeutlicht.
- Arbeit zitieren
- Sinem Kalmaz (Autor:in), 2017, Univerbierung. Eine problematische Wortbildungsart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429009