Das Motiv der Schuld in Franz Kafkas "Das Urteil"


Hausarbeit, 2018
26 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergrund

3. Schuld, Unschuld und Schuldgefühle

4. Die Frage nach der Schuld in Kafkas „Das Urteil“
4.1. Die Verhandlung
4.2. Die Verurteilung
4.3. Der Vollzug des Urteils

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Erzählung „Das Urteil“ von Franz Kafka ist eines seiner bekannteren Werke. Zugleich stellt sie einen Schlüsseltext für die Gesamtdeutung des Werks Kafkas dar. Sie ist ein adäquates Beispiel für die Fiktionalisierung der autobiographischen Wirklichkeit eines Schriftstellers. Aus dem Nachlass Kafkas, welcher aus seinen Briefen und Tagebüchern besteht, ist es möglich, zwischen der Wirklichkeit des Autors und seinen Erzählungen Analogien herzustellen. Die lässt sich besonders anhand der Handlungsführung sowie den Figuren festmachen.

Vor allem jedoch wurde Kafkas Erzählung „Das Urteil“ Gegenstand von so vielen Untersuchungen, da er sich hier mit einem Themenkomplex auseinandersetzt, der sich um etwas nicht gerade alltägliches dreht. Vordergründig scheint es eine Erzählung zu sein, welche sich um einen Konflikt zwischen Vater und Sohn dreht. Auf den zweiten Blick jedoch wird erkenntlich, dass Kafka sich mit der Thematik der Schuld bzw. Unschuld auseinandersetzt. Im Zuge dessen greift er auch die Begriffe von Recht und Unrecht und natürlich, wie der Titel es sagt, den Begriff des Urteils auf. Wenn man den Vater- Sohn- Konflikt als eine Art Verhandlung betrachtet, sticht die Frage nach der Schuld sofort ins Auge.

Grundlage der folgenden Untersuchung ist die Uneindeutigkeit der Schuld, da das Urteil nach einem nicht bekanntem Gesetz gefällt wird. Im Folgenden wird die Lebenssituation Kafkas zur Zeit der Entstehung aufgearbeitet sowie die Begriffe von Schuld, Unschuld und Schuldgefühl erklärt und spezifiziert. Anhand des Textes wird der Konflikt zwischen Vater und Sohn auf das Motiv der Schuld bzw. Unschuld beleuchtet. Hierzu werden zu einem besseren Verständnis auch andere Werke Kafkas wie „Brief an den Vater“ herangezogen. Die Erkenntnisse werden in einem abschließenden Fazit zusammengefasst.

2. Hintergrund

Dass Kafkas Werke autobiographisch geprägt sind, ist kein Geheimnis. Viele seiner Texte sind zumindest seinem Privatleben entlehnt bzw. eng mit ihm verwoben. Diese autobiographischen Tendenzen werden in keinem anderen Werk Kafkas so deutlich wie in „Das Urteil“. Dass die Texte Kafkas sich mit problematischen Familienstrukturen und damit einhergehenden Vater-Sohn-Konflikten sowie mit Situationen aus dem Berufsleben befassen, bei denen sich Kafka von seinem eigenen Leben inspirieren ließ, lässt sich aus zahlreichen Briefen an Max Brod, Felice Bauer und Milena Jesenská entnehmen. Auch deuten viele seiner Tagebucheinträge darauf hin. Im Falle des hier behandelten Werkes „Das Urteil“ existiert auch ein nennenswerter Tagebucheintrag. Für Kafka bedeutete „Das Urteil“ den schriftstellerischen Durchbruch, da er zum ersten Mal einen Text schrieb, mit dem er gänzlich zufrieden war.[1] In dem erwähnten Tagebucheintrag heißt es:

„Diese Geschichte ‚das Urteil‘ habe ich in der Nacht vom 22 zum 23 (September 1912) von 10 Uhr abends bis 6 Uhr früh in einem Zuge geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehen. Die fürchterliche Anstrengung und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gewagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist, in dem sie vergehn und auferstehn. […] Die leichten Herzschmerzen. Die in der Mitte der Nacht vergehende Müdigkeit. […] Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele. […] Viele während des Schreibens mitgeführte Gefühle: z.B. die Freude daß ich etwas Schönes für Maxens Arcadia haben werde, Gedanken an Freud natürlich, an einer Stelle an Arnold Beer, an einer anderen an Wassermann […]“[2]

Anhand dieses Eintrages in sein Tagebuch, welcher einen protokollarischen Charakter innehat, lässt sich die Genese des Schaffens Kafkas gut beobachten. Der Text gibt Aufschluss darüber, dass Kafka die Anforderungen der Gesellschaft an ihn, also Eheschließung und dem Zeugen von Kindern, nicht gerecht werden kann und will. Dies lässt sich besonders an der Schreibmetapher der „die vollständige Öffnung des Leibes“ festmachen, die für einen Geburtsvorgang, jedoch gleichzeitig auch für einen Sexualakt steht.[3] Sie gibt Aufschluss über sein Selbstverständnis und verweist auf die „unüberwindliche Kollision von Schreiblust und Lebensplanung“[4]. Überdeutlich wird die Geburtsmetaphorik in einem Tagebucheintrag aus dem Jahre 1913 vom 11. Februar: „Es ist notwendig, denn die Geschichte ist wie eine regelrechte Geburt mit Schmutz und Schleim bedeckt aus mir herausgekommen […].“[5] Indem sich Kafka dieser Metaphorik bedient, zeichnet er seine schriftstellerische Tätigkeit für sich selbst als lebensnotwenig aus. Es stellt sich nun die Frage, warum er die Entstehung des Textes einer Geburt und Zeugung bzw. dem sexuellen Akt gleichsetzt und diese dann auch noch seiner Verlobten Felice Bauer widmet. Wie schon eingangs erwähnt fühlte sich Franz Kafka nicht dazu in der Lage ein bürgerliches Leben, mitsamt Familienplanung, zu führen. Dies scheint der Ursprung dieser poetologischen Vorstellung zu sein. Warum er die Erzählung seiner Verlobten Felice Bauer widmet, scheint er selbst nicht genau verstehen zu können. So schreibt er ihr: […] ich weiß gar nicht, wie ich dazu komme, Dir eine solche zumindest zweifelhafte Geburt zu verehren.“[6] In einem weiteren Brief aus dem Jahre 1913 offenbart Kafka:

„Schreiben heißt ja sich öffnen bis zum Übermaß; die äußerste Offenherzigkeit und Hingabe, in der sich ein Mensch im menschlichen Verkehr schon zu verlieren glaubt […]. Deshalb kann man nicht genug allein sein wenn man schreibt […].“[7]

Diese Stelle aus einem Brief an seine Verlobte lässt erkennen, dass Kafka sein Schreiben, also das Schaffen als einen Akt der Zeugung mit sich selbst sieht. Er stellt das Schreiben gleichwertig an die Stelle einer bürgerlichen Ehe sowie einer intimen, körperlichen und sexuellen Beziehung.[8] Kafka, welcher Probleme mit der Eheschließung hatte, spielte die Erotik des Schreibens gegen die Erotik einer Partnerschaft aus. In der Forschung wird vermutet, dass die Partnerschaft zu Felice Bauer ausschließlich dazu dient, ihr die erotischen Momente abzuziehen um diese auf das Schreiben übertragen zu können. Der poetische Impetus Kafkas stellt also die Drohung ehelicher Verpflichtungen dar.[9] Nun stellt sich allerdings die Frage, woher Kafkas Ablehnung gegenüber der Ehe und gegenüber dem bürgerlichen Leben rühren. Betrachtet man Kafkas Werk „Brief an den Vater“, so kann man auch dort das angespannte Verhältnis zu seinem Vater Hermann Kafka erkennen. Es sei gesagt, dass dieses Werk nicht autobiographisch zu verstehen ist, da nicht hinreichend geklärt werden kann an dieser Stelle, welche dargestellten Situationen der tatsächlichen Lebenswelt Kafkas entstammen bzw. in wie weit diese, wenn dann fiktionalisiert wurden. Allerdings entstammen beide Werke, „Brief an den Vater“ und „Das Urteil“ in wichtigen Situationen im Leben Kafkas. Mit Vorbehalten kann vorsichtig gesagt werden, dass das spätere Werk „Brief an den Vater“ als eine Parallele verwendet werden kann, welche hilft, Kafkas früheres Werk „Das Urteil“ besser zu verstehen.[10] Es ist jedoch bekannt, dass Kafkas Vater neben seiner Rolle als Familienoberhaupt, welche er vorbildhaft innehatte, auch ein zum Teil tyrannisches und sehr vereinnahmendes Wesen an den Tag legte. Durch das grobe Wesen seines Vaters war das Verhältnis von Vater und Sohn angespannt. Es wird vermutet, dass nicht nur Hermann Kafka die Schuld für diese Umstände trug, jedoch zog sich sein Sohn zunehmend von ihm zurück und entfremdete sich durch Ängste und Schuldgefühle zusehend von seinem Vater.[11] Es liegt nahe, daher zu vermuten, dass Kafka sich aufgrund seines Vaters und dessen Figur zeitlebens nicht in der Rolle des Familienvaters und Ehemanns wiederfinden konnte. Aufgrund dieser Umstände, den autobiographischen Kontexten Kafkas und wie er diese in Literatur verwandelt, konzentriert sich die Forschung hinsichtlich der Texte Kafkas auf die eigenen Lebensumstände des Autors. An konkreten Erfahrungen des Autors wird oftmals versucht Motive etc. aus seinen Werken festzumachen. Nicht jedes Motiv oder Bild in Kafkas Werken ist autobiographisch konnotiert und es können nicht per se Parallelen hergestellt werden. Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass Kafkas angespanntes Verhältnis zu seinem Vater sowie seine gescheiterten sexuellen Beziehungen ihm halfen Literatur zu produzieren.

3. Schuld, Unschuld und Schuldgefühle

Dieser Teil der Abhandlung befasst sich mit den Begrifflichkeiten von Schuld, Unschuld und grenzt den Begriff der Schuld von der Begrifflichkeit des Schuldgefühls ab. Die Klärung dieser Begriffe ist für den Verlauf dieser Arbeit wichtig, da mit den hier erarbeiteten Ergebnissen die Untersuchung von Kafkas „Das Urteil“ erleichtert werden kann.

Die Schuld stellt in Kafkas Werk „Das Urteil“ eines der Hauptthemen dar. In beiden Werken scheint sich der Protagonist einer Sache schuldig gemacht zu haben. Weder der Protagonist, noch der Leser können diese Schuld jedoch richtig greifen. Der Begriff der Schuld beschreibt „die Vorwerfbarkeit der Willensbildung des Täters.“.[12] Die bedeutet, dass sich der Täter anstatt eines rechtwidrigen Handlungswillen ebenso einen normgemäßen Handlungswillen hätte bilden können. Elemente der Schuld stellen bspw. das Unrechtsbewusstsein oder das Fehlen von Entschuldigungsgründen dar. Des Weiteren ist das Vorliegen von Schuld Voraussetzung für eine Bestrafung.[13] Ein Beispiel hierfür stellt das Stehlen einer Sache dar. Stiehlt jemand im Geschäft bspw. einen Computer, so macht sie sich schuldig, da Diebstahl eine gesetzeswidrige Tat darstellt. Diese hätte durch einen Kauf vermieden werden können. Georg Bendemann jedoch scheint sich nicht über das Gesetz gegen welches er verstoßen haben soll im Klaren zu sein. Bei dieser Ausgangslage lässt sich die Erscheinungsform der Schuld in Kafkas Urteil gut erkennen. Diese ist nämlich gegeben, ohne dass das Gesetz bekannt wird, gegen welches verstoßen wird.[14] Trotz dem, dass er das Gesetz gegen das er verstoßen haben soll nicht kennt, akzeptiert der Protagonist Georg Bendemann den Schuldspruch seines Vaters. Wie bereits erwähnt ist die Schuld die Voraussetzung einer Bestrafung, dafür muss das Gesetz jedoch bekannt sein. Hätte der Protagonist jedoch offensichtlich gegen das Gesetz verstoßen, so wäre dies dem Leser als auch ihm selbst vermutlich direkt bekannt gewesen. Allerdings wird eine andere Form der Schuld nach Sokel folgendermaßen definiert. Demnach liegt Schuld

„[…] in der Selbsttäuschung, in der falschen Unterscheidung zwischen dem höheren, eigentlichen aber unbestimmten Gesetz und den ihm angeblich untergeordneten Machtfiguren, die aber das einzig sichtbare Zeichen des Gesetzes bilden.“[15]

Nach dieser Interpretation von Schuld bedeutet es also, dass sich jemand, ohne jegliche Kritik zu üben, sich der Macht einer anderen Person unterordnet. Hierfür muss die andere Person jedoch als jemand anerkannt werden, der einen höheren Rang als man selbst innehat. Dieses unbestimmte Gesetz lässt sich nur schwer greifbar machen, jedoch hat es den Anschein als ob es gerade dabei in der Beziehung zwischen Georg und seinem Vater greift. Georg nimmt den Schuldspruch des Vaters kritiklos an, obwohl er nicht weiß, gegen welches Gesetz er verstoßen haben soll. Für die weitere Behandlung dieses Werkes wird also diese Definition von Schuld genutzt, da sie passender für den Kontext erscheint.

Definiert man den Begriff der Schuld, so kann man den Begriff der Unschuld nicht außen vorlassen. Da es nicht erwiesen ist, ob und womit sich der Protagonist schuldig gemacht hat erscheint eine kurze Definition der Unschuld als notwendig. Dem Duden nach wird Unschuld simpel als „das Freisein von Schuld an etwas“[16] definiert. Kurz gesagt beschreibt es also das genaue Gegenteil der Schuld. Auch die Unschuld ist an das Gesetz geknüpft. Diese ist so ein wichtiger Faktor, dass sie sogar in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 der Vereinten Nationen aufgenommen wurde. Dort heißt es im Artikel 11:

„Jeder, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, hat das Recht, als unschuldig zu gelten, solange seine Schuld nicht in einem öffentlichen Verfahren, in dem er alle für seine Verteidigung notwendigen Garantien gehabt hat, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.“[17]

Zur Zeit der Entstehung von Kafkas „Das Urteil“ waren diese Rechte jedoch noch nicht definiert, geschweige denn gab es die Vereinten Nationen. Nach diesem elementaren Menschenrecht hätte Georg Bendemann theoretisch gar nicht verurteilt werden dürfen. Zunächst einmal, weil er weder über ein öffentliches Verfahren verfügte, des Weiteren auch nur dann, wenn ein Gesetz vorhanden gewesen wäre, was seine Schuld hätte nachweisen können. Allerdings greift diese Theorie nur bedingt, da es sich in diesem Werk Kafkas um eine Interaktion zwischen Vater und Sohn handelt und Georg Bendemann von seinem Vater und nicht vom Staat angeklagt wurde. Trotz alledem wurde zumindest sein Recht auf die sogenannte Unschuldsvermutung verletzt, da er selbst nicht genau greifen kann, wofür er eigentlich angeklagt wird und sich somit auch nicht adäquat verteidigen kann. Wird jedoch davon ausgegangen, dass die Definition von Schuld an eine höhere Macht geknüpft ist, wie bereits erläutert, so muss in diesem Kontext auch die Unschuld an ebenjene Person geknüpft sein. In dem Falle von Georg Bendemann ist diese Machtfigur des unbestimmten Gesetzes sein Vater. Dies wird jedoch an späterer Stelle eingehender behandelt.

Zu guter Letzt wird noch die Begrifflichkeit des Schuldgefühls definiert. Hierfür sind viele Interpretationen vertreten, aus denen ausgewählt werden kann. Im Kontext auf Kafka und „Das Urteil“ ist es interessant, die Definition nach Freud zu betrachten. Interessant dahingehend, dass sich Kafka mit der Psychoanalyse nach Freud beschäftigte[18] als auch, dass er während des Schreibens an seiner Erzählung an Freud dachte[19]. Nach ebenjenem resultieren Schuldgefühle daraus, dass eine Angst vor Autorität besteht und somit eine Spannung zwischen dem strengen „Über- Ich“ und dem diesen unterlegenen „Ich“ verdeutlicht wird.[20] Dies wäre eventuell eine valide Erklärung dafür, warum Georg den Schuldspruch seines Vaters widerstandslos hinnimmt. Er beugt sich aus Angst vor der Autorität des Vaters seinem Urteil. Eine weitere Definition besagt jedoch, dass Schuldgefühle als deutliche Mahnung des Gewissens gesehen werden können.[21] Dies würde jedoch bedeuten, dass der Protagonist bewusst wahrnimmt, was seine Verfehlung darstellt. Dann müsste er diese Verfehlung für sich selbst als falsch anerkannt haben, damit sein Gewissen als Mahnung fungieren kann.

Es zeigt sich also, dass es viele verschiedene Definitionen für die Begriffe Schuld, Unschuld und den Begriff des Schuldgefühls gibt. Die Schwierigkeit besteht darin, ebenjene zu finden, welche in den Kontext des Werkes passen und diesen am besten beschreibt bzw. wiedergibt. In den nachfolgenden Kapiteln wird die Thematik eingehender behandelt und die hier angerissenen Deutungsversuche anhand von verschiedenen Textbeispielen aus „Das Urteil“ vertieft.

4. Die Frage nach der Schuld in Kafkas „Das Urteil“

Kafkas Erzählung „Das Urteil“ entspricht in ihrem Aufbau den Gesetzen des Dramas. Sowohl die Einheit der Zeit, der Handlung als auch des Ortes sind vorhanden.[22] Um sich der Frage nach der Schuld zu widmen, erscheint es sinnvoll den Text unter verschiedenen Gesichtspunkten getrennt voneinander zu betrachten. Die Exposition und die Steigerung der Erzählung werden hier als eine Verhandlung angesehen, die Peripetie als eine auf die Verhandlung folgende Verurteilung und die darauffolgende Katastrophe als der Vollzug. Die einzelnen Schritte einer Gerichtsverhandlung in welche der Text unterteilt wird werden in den nachfolgenden Kapiteln erläutert und hinsichtlich nach der Frage von Schuld analysiert. Begründet wird diese Aufteilung darin, da die Frage im Raum steht, wie kann ohne ein bekanntes Gesetz gegen welches offensichtlich verstoßen wird, als auch ohne ein wirkliches Gericht oder gar eines Richters ein Urteilsspruch gefällt werden? Erscheinen Richter und Gericht sowie das Gesetz in einer anderen Art und Weise in dieser Erzählung? Welche Schuld wird als Grundlage für das Urteil herangezogen und wen betrifft ebenjene Schuld? Dies sind Fragen, welche im Nachfolgenden geklärt werden und in einem Fazit zusammengefasst werden sollen.

4.1. Die Verhandlung

Anhand des Textes wird an dieser Stelle erläutert wie es dazu kommt, dass Georg Bendemann überhaupt von seinem Vater angeklagt wird und in den letzten Zügen der Erzählung gar verurteilt wird. In der Exposition der hier untersuchten Erzählung schreibt der Protagonist Georg Bendemann einen Brief, an einen sich im Ausland befindenden Freund.[23] Die Grundstimmung erscheint friedlich und idyllisch, es handelt sich um einen „Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr“[24]. Inhalt des Briefes ist die Nachricht, dass er, Georg, bald heiraten werde. Der Brief zeichnet ein Bild von Georg Bendemann als einen jungen, erfolgreichen Kaufmann, welcher auch privat durch die Heirat mit Frieda Brandenfeld erfolgreich erscheint. Seit dem Tod seiner Mutter hatte Georg im Geschäft seines Vaters mit „größerer Entschlossenheit angepackt“[25] Der Vater hingegen schien sich immer mehr zurück zu ziehen. Allerdings wird nicht offenbart, ob er nicht von seinem eigenen Sohn mehr und mehr aus dem Geschäft verdrängt wurde.[26] Georg selbst begründet seinen Erfolg mit glücklichen Zufällen, wobei er jedoch schon den Gedanken hegt, dass sein Vater ihn vor dem Tode der Mutter unterdrückt hatte und Georg sich durch seinen Rückzug freier entfalten kann.[27] Dem gegenüber steht der Freund, welcher sich im fernen St. Petersburg befindet. Durch eine erlebte Rede Georgs erfährt man, dass besagter Freund ein Geschäft in Russland betreibe, welches zunächst erfolgreich zu sein schien. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch bleibt der Erfolg aus und das Geschäft stockt seit einem geraumen Zeitpunkt.[28] Auch scheint der Freund, dessen Namen man im Übrigen nie erfährt, krank zu sein. Da er außerdem kaum Kontakt zu seinen Landsleuten oder Einheimische hat sieht es ganz so aus, als ob er Junggeselle bleiben würde.[29] Der Freund erscheint durch seine Krankheit, die soziale Isolation und durch den ausbleibenden Erfolg als das Gegenteil von Georg Bendemann. Im Verlauf der Überlegungen Georgs kommt zu Tage, warum dieser Bedenken hegt, seinem Freund von der bevorstehenden Hochzeit zu berichten. Er und sein Freund haben sich nicht nur räumlich voneinander wegbewegt, sondern auch aus ökonomischer, erotischer und sozialer Sicht.[30] Die Distanz zwischen den Beiden würde somit durch den Bericht der bevorstehenden Hochzeit vermutlich noch vergrößert werden. Die Beschreibung der Situation des Freundes in Russland erweckt den Eindruck, als würde es sich um eine auktoriale Erzählperspektive handeln, allerdings handelt es sich um die Gedanken Georgs. Es besteht also keine Objektivität, vielmehr wird ein Bild der Wirklichkeit gezeichnet, welches jedoch einzig und allein der subjektiven Wahrnehmung des Protagonisten unterliegt. Das scheinbar Objektive wird relativiert durch die Reflexivität Georg Bendemanns.[31] Der Leser muss sich an dieser Stelle ganz auf die Beschreibung Georg Bendemanns verlassen. Der Brief stellt an dieser Stelle ein Mittel der Reflexion dar. Dur ihn als Medium wird die Vorgeschichte transparent und die Exposition beginnt mit ihm und endet auch mit ihm, indem Georg ihn einsteckt und sein helles, lichtdurchflutetes Zimmer verlässt.[32]

[...]


[1] Vgl. Jahraus: Das Urteil. In: Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg.: Bettina von Jagow, Oliver Jahrhaus. Göttingen 2008, S.408

[2] Koch, Müller, Pasley: Franz Kafka. Tagebücher. 3 Bände. Frankfurt a.M. 1990, S. 460f.

[3] Vgl. Jahraus: Das Urteil. In: Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg.: Bettina von Jagow, Oliver Jahrhaus. Göttingen 2008, S. 409

[4] Ebd.

[5] Koch, Müller, Pasley: Franz Kafka. Tagebücher. 3 Bände. Frankfurt a.M. 1990, S. 491

[6] Born, Heller: Franz Kafka. Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit. Frankfurt a.M. 1967, S. 156

[7] Ebd., S. 250

[8] Vgl. Jahraus: Das Urteil. In: Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg.: Bettina von Jagow, Oliver Jahrhaus. Göttingen 2008, S. 411

[9] Vgl. Jahraus: Das Urteil. In: Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg.: Bettina von Jagow, Oliver Jahrhaus. Göttingen 2008, S.410f.

[10] Vgl. Weber: Das Urteil. In: Interpretationen zu Franz Kafka. Das Urteil. Die Verwandlung. Ein Landarzt. Kleine Prosastücke. Hrsg.: Rupert Hirschenauer. Albrecht Weber. München 1968, S. 11

[11] Vgl. ebd., S. 13

[12] Duden Recht A-Z. Fachlexikon für Studium, Ausbildung und Beruf. Berlin 2015. Zitiert nach: www.bpb.de/nachschlagen/lexika/recht-a-z/163979/schuld (Letzter Zugriff: 21.03.2018 14:00)

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. Sokel: Schuldig oder Subversiv? Zur Schuldproblematik bei Kafka. In: Das Schuldproblem bei Franz Kafka. Hrsg. v. Wolfgang Kraus und Norbert Winkler. Schriftenreihe der Franz-Kafka-Gesellschaft, Bd.6. Wien 1995, S. 1

[15] Schuldig oder Subversiv? Zur Schuldproblematik bei Kafka. In: Das Schuldproblem bei Franz Kafka. Hrsg. v. Wolfgang Kraus und Norbert Winkler. Schriftenreihe der Franz-Kafka-Gesellschaft, Bd.6. Wien 1995, S. 7

[16] https://www.duden.de/rechtschreibung/Unschuld (Letzter Zugriff: 24.03.2017 18:05)

[17] http://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf (Letzter Zugriff: 24.03.2018 18:20)

[18] Vgl. Sussman: Kafka und die Psychoanalyse. In: Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg.: Bettina von Jagow, Oliver Jahraus. Göttingen 2008, S. 353ff.

[19] Vgl. Koch, Müller, Pasley: Franz Kafka. Tagebücher. 3 Bände. Frankfurt a.M. 1990, S. 460f.

[20] Vgl. Ohne Autor: Schuld. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 8. Hrsg.: Karlfried Gründer, Joachim Ritter. Basel 1992, S. 1460

[21] Vgl. Ohne Autor: Schuldgefühl. In: Dorsch Psychologisches Wörterbuch. Hrsg.: Hartmut O. Häcker, Kurt-Hermann Stapf. Bern 1998, S. 766

[22] Vgl. Ecker: Franz Kafka. Das Urteil, Vor dem Gesetz, Ein Hungerkünstler. Interpretation und didaktische Hinweise. Hollfeld 1976, S. 43

[23] Vgl. Franz Kafka: Das Urteil. In: Die Erzählungen. Drucke zu Lebzeiten. Aus dem Nachlaß. Hrsg.: Dieter Lamping, Sandra Poppe. Düsseldorf 2008, S. 32

[24] Ebd.

[25] Ebd. S. 34

[26] Vgl. Jahraus: Das Urteil. In: Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg.: Bettina von Jagow, Oliver Jahrhaus. Göttingen 2008, S. 411

[27] Vgl. Anm. 23, S. 34

[28] Vgl. Anm. 23, S. 32

[29] Vgl. Ebd.

[30] Vgl. Jahraus: Das Urteil. In: Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg.: Bettina von Jagow, Oliver Jahrhaus. Göttingen 2008, S. 411f.

[31] Vgl. Ritzer: Das Urteil. In: Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg.: Bernd Auerochs, Manfred Engel. Stuttgart, Weimar 2010, S. 155

[32] Vgl. Weber: Das Urteil. In: Interpretationen zu Franz Kafka. Das Urteil. Die Verwandlung. Ein Landarzt. Kleine Prosastücke. Hrsg.: Rupert Hirschenauer. Albrecht Weber. München 1968, S. 26

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Schuld in Franz Kafkas "Das Urteil"
Autor
Jahr
2018
Seiten
26
Katalognummer
V429034
ISBN (eBook)
9783668727526
ISBN (Buch)
9783668727533
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
motiv, schuld, franz, kafkas, urteil
Arbeit zitieren
Anna Kaminski (Autor), 2018, Das Motiv der Schuld in Franz Kafkas "Das Urteil", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429034

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