Diese Arbeit versucht die Frage, wie sich synästhetische Erfahrungen auf das künstlerische Schaffen auswirken, philosophisch zu beantworten. Besagter Prozess lässt sich dabei etwa mithilfe des Werkes Heideggerscher Provenienz beschreiben. Die Arbeit versucht darüber hinaus zu zeigen, dass dies außerdem in Anlehnung an eine ganz andere Gedankenwelt möglich ist, nämlich an die, die sich im frühen radikalen Surrealismus literarisch in Bretons erstem surrealistischem Manifest ausdrückt.
Die Arbeit stellt somit zwei sehr unterschiedliche Konzeptionen nebeneinander, womit auch dem Umstand Rechnung getragen wird, dass der künstlerische Prozess kaum als notwendiges Geschehen gefasst werden kann, sondern Entscheidungen des Künstlers impliziert. In diesem Sinne ist Heideggers Kunsttheorie eher an der Auseinandersetzung mit dem Material orientiert, während Bretons Surrealismus auf das Bewusstsein, bzw. die noch unbewussten angrenzenden Bezirke der Psyche, fokussiert (s. Kap. 3).
Die Arbeit interpretiert die beiden Autoren, Heidegger und Breton, offensichtlich auch, eben anhand ihrer eigenständigen Fragestellung. Breton kommt hier ihrem Urteil zufolge dem Impetus der Empirie sehr viel näher als Heidegger (s. Kap. 2.2), was wiederum die Diskussion mit der neurophysiologischen Forschung ermöglichen könnte.
In beiden Interpretationen lässt sich die neurophysiologische Synästhesie als ein Übergang zu etwas Allgemeinem verstehen, zu einer allgemein menschlichen Möglichkeit. Diese Vorstellung ist keineswegs weit hergeholt. Wir sehen ja, dass etwa Drogen das Phänomen hervorrufen können. Wir könnten auch Meditationstechniken auf diesen Effekt hin analysieren und untersuchen. Synästhesie ist - gewissermaßen im Grenzfall - schließlich noch als Foucaultsche Selbsttechnologie begreifbar, mit oder ohne Drogen; etwas jedenfalls, das sozial gelernt werden könnte: Synästhesie als Wahrnehmungstechnologie.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Imitatio
2.1 Entbergung des Seins
2.2 Automatismus der Psyche
3 Zur Rolle des Bewusstseins
4 Romantik
5 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von synästhetischen Erfahrungen zum künstlerischen Schaffensprozess aus einer philosophischen Perspektive. Dabei wird hinterfragt, wie sich die Verbindung von Wahrnehmung und Kreation durch die Anwendung der Ansätze von Martin Heidegger und André Breton interpretieren lässt.
- Philosophische Einordnung der Synästhesie in der Wahrnehmungstheorie
- Analyse des künstlerischen Prozesses nach Heidegger (Bezug zum Sein und Material)
- Untersuchung des psychischen Automatismus nach Breton (Surrealismus)
- Diskussion der Rolle des Bewusstseins im kreativen Akt
- Hinterfragung der Verknüpfung von Synästhesie und Romantik-Konzepten
Auszug aus dem Buch
Entbergung des Seins
Nur in einem sehr allgemeinen Rahmen lässt sich unsere Fragestellung überhaupt stellen, da sie sowohl die Wahrnehmung als auch den Schaffensprozess umfasst. Ihr klassischer allgemeiner Rahmen ist offensichtlich das Theorem von der Kunst als der Imitatio der Natur. Bei Heidegger ist hierbei nun Natur nicht mehr durch Schönheit substituiert, sondern als Wahrheit hypostasiert:
„Das Kunstwerk eröffnet auf seine Weise das Sein des Seienden. Im Werk geschieht diese Eröffnung, d. h. das Entbergen, d. h. die Wahrheit des Seienden. Im Kunstwerk hat sich die Wahrheit des Seienden ins Werk gesetzt. Die Kunst ist das Sich-ins-Werk-Setzen der Wahrheit.“
Der Anspruch an die Imitatio bleibt also klassisch, wird fast noch absoluter. Eine gewisse Leichtigkeit zeitigt allerdings der Umstand, dass die Kunst sich selbst ins Werk setzt. Sie ist ein Ereignis, Einer der Modi gewissermaßen, in dem das Sein des Seienden sich eröffnet. Werk und Künstler sind darin gleich ursprünglich Ursprung des jeweils anderen. Rezeption wiederum ist dem Werk gleich ursprünglich wie seine Kreierung. Der Ursprung des Kunstwerkes ist demnach nichts anderes als das Dasein selbst, wenn dieses seine Eigentlichkeit wahrnimmt sicherlich nur, d.h. wenn sich ihm das Sein des Seienden entbirgt, weil das Seiende an sich unendlich fraglich geworden ist - warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts? - In der Wahrheit eines Daseins, dem die umfassende Fraglichkeit aufgebrochen ist, können sich Maler und Betrachter eines Gemäldes beispielsweise dann treffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Phänomen der Synästhesie aus neurophysiologischer Sicht und Darlegung der philosophischen Forschungsfrage hinsichtlich des künstlerischen Schaffens.
2 Imitatio: Untersuchung des Rahmens der künstlerischen Imitatio durch eine Gegenüberstellung von Heideggers Ontologie und Bretons surrealistischem Ansatz.
2.1 Entbergung des Seins: Analyse der künstlerischen Kreation als Entbergung des Seins im Sinne Heideggers, bei der das Material als Zeug oder Werk in Erscheinung tritt.
2.2 Automatismus der Psyche: Darstellung des Surrealismus als psychischer Automatismus nach Breton, der den Traum als Zugang zu einer höheren Realität nutzt.
3 Zur Rolle des Bewusstseins: Erörterung der untergeordneten Rolle des bewussten Handelns bei Breton und des supra-personalen Charakters der Kunst bei Heidegger.
4 Romantik: Kritische Reflexion der "Romantik"-Zuschreibung in Bezug auf sowohl die philosophischen als auch die neurologischen Interpretationsmodelle der Synästhesie.
5 Fazit und Ausblick: Zusammenfassung der Ergebnisse und Positionierung der Arbeit als Beitrag zur Entstigmatisierung der Synästhesie.
Schlüsselwörter
Synästhesie, Kunsttheorie, Martin Heidegger, André Breton, Surrealismus, Wahrnehmung, Kreativität, Dasein, Seinsvergessenheit, Imitatio, Bewusstsein, Automatismus, Physis, Ontologie, Neurophysiologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht philosophisch, wie synästhetische Erfahrungen den künstlerischen Gestaltungsprozess beeinflussen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Wahrnehmungstheorie, der philosophischen Ästhetik nach Heidegger und dem surrealistischen Automatismus nach Breton.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Rolle der Synästhesie in der Kunst philosophisch zu bestimmen, ohne sie auf ein rein pathologisches Phänomen zu reduzieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse und komparative Interpretation existierender Konzepte von Heidegger und Breton.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der "Imitatio" (Entbergung des Seins vs. psychischer Automatismus) sowie eine Untersuchung zur Bedeutung des Bewusstseins und einer möglichen "Romantisierung" des Synästhesie-Begriffs.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Synästhesie, Seinsvergessenheit, psychischer Automatismus, Surrealismus, Dasein und künstlerische Kreativität.
Inwiefern unterscheidet sich der Ansatz von Heidegger von dem Bretons?
Während Heidegger den künstlerischen Prozess als Entbergung des Seins durch Auseinandersetzung mit dem Material sieht, fokussiert Breton auf den psychischen Automatismus und die unbewussten Bezirke der Psyche.
Wie bewertet der Autor das Konzept der Romantik in diesem Zusammenhang?
Der Autor hinterfragt kritisch, ob die Zuweisung einer privilegierten Stellung für Synästhetiker in der Kunst eine unzulässige Romantisierung darstellt, die den alltäglichen Charakter dieser Wahrnehmungsform verkennt.
- Arbeit zitieren
- Marcel Pilgermann (Autor:in), 2015, Synästhesie und Kreation. Ein Beitrag zur Philosophie der Wahrnehmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429044