Heimat und Fremde in deutschsprachiger Migrationsliteratur. Eine vergleichende Analyse der Ersten und Zweiten Generation


Magisterarbeit, 2007
105 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Der Heimatbegriff
1.1 Definition
1.2 Wenn Heimat fremd wird
1.3 Inklusion oder Exklusion in der neuen Heimat?
1.4 Identität
1.5 Heimat und Identität in Migrationsliteratur
1.6 Das Schreiben im dritten Raum

2. Migrationsliteratur - Definition

3. Rafik Scham¡
3.1 Heimat bei Rafik Schami
3.1.1 Sehnsucht nach der Heimat
3.1.2 Ideologisierung der Heimat
3.1.3 Sprachliche Merkmale und typische Bilder
3.1.4 Sprache als Heimat
3.1.5 Das ״perfekte“ Zusammenleben: Die Zirkusmetapher
3.2 Die Fremde bei Rafik Schami
3.2.1 Fremde als Bedrückung
3.2.2 Fremde als Bereicherung
3.2.3 Der Wandel von Fremde zu Heimat
3.3 Zwischenbilanz

4. Feridun Zaimoglu
4.1 Heimat der Zweiten Generation
4.2 Heimat bei Feridun Zaimoglu
4.2.1 Heimatlosigkeit
4.2.2 Doppelte Heimat
4.2.3 Heimat als Ort der Sehnsucht
4.2.4 Sprache als Ausdruck der doppelten Nichtzugehörigkeit?
4.3 Fremde bei Feridun Zaimoglu
4.3.1 Fremdes Vaterland
4.3.2 Fremdes Deutschland
4.3.3 Fremde als Chance
4.3.4 Anpassung
4.4 Leben zwischen Diesseits und Jenseits
4.5 Zwischenbilanz

5. Das Fremde in Deutschland
5.1 Faszination Fremde: Rafik Schamis Literatur
5.2 Fremdsein bedeutet beobachtet werden: die Zweite Generation
5.3 Textverstehen

Fazit

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Matrix

Abbildung 2: Die Bildung der dritten Identität

Abbildung 3: Das Helmatverständnis der Ersten Generation

Abbildung 4: Das Helmatverständnis der Zweiten Generation

Einleitung

Die Entscheidung, Gastarbeiter[1] aus südlichen Mittelmeerländern anzuwerben, hatte lang­fristig gesehen nicht nur Einfluss auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik, sondern - was 1955 noch niemand ahnte - die deutsche Gesellschaft wurde nachhaltig ״multikulturalisiert“. Das Leben der Migranten in Deutschland wurde zunehmend in der Öffentlichkeit diskutiert, bis sich auch die Migranten selbst an die Öffentlichkeit wagten. Die Migrationsliteratur, damals noch Gastarbeiterliteratur genannt, wurde geboren und etablierte sich auf dem deutschen Literaturmarkt. Migranten nicht deutscher Muttersprache schreiben deutsche Literatur und erheben somit Ansprüche auf die deutsche Literatursprache was nicht diskussionslos blieb: Die Gründung des ״Polynationalen Literatur- und Kunstvereins“, kurz PoLiKunst, diente da­zu, die Literatur der Migranten zu verbreiten und Akzeptanz zu schaffen. Im Laufe der Jahre wurde die Migrationsliteratur zu einem Genre, das kaum mehr aus der deutschen Literatur wegzudenken ist und das aktuell bleibt, denn Migration ist kein Phänomen der Nachkriegs­zeit, sondern ist ständig präsent - nicht zuletzt durch die zunehmende Globalisierung.

Die Zuwanderer und deren Kinder ״verpassen“ der deutschen Literatur einen neuen ״An- strich“ und bereichern diese um zahlreiche sprachliche und außersprachliche Eigentümlich­keiten.

Migrationsliteratur wurde geboren, um zum einen die Konflikte der Ausländer an die öffent­lichkeit zu bringen, zum anderen den eigenen Verlust der Heimat und das Leben in der Fremde zu verarbeiten.

Es muss unterschieden werden zwischen der Literatur der ״Ersten Generation“, also die Gastarbeiter und Migranten, die zwischen den fünfziger und siebziger Jahren immigrierten, und deren Kinder, die sog. ״Zweite Generation“, welche in Deutschland geboren wurden, bzw. im Kleinkindalter mit den Eltern einwanderten. In vorliegender Arbeit wird jeweils ein bedeutender Autor als Stellvertreter beider Generationen ausgewählt, Rafik Schami, der 1971 als Student nach Deutschland kam, und Feridun Zaimoglu dessen Eltern 1965 mit ihrem einjährigen Sohn immigrierten. Die Auswahl der Autoren beruht darauf, dass sich beide nicht nur als Schriftsteller behaupten konnten und sich auf dem Literaturmarkt etab­lierten, sondern beide engagieren sich neben ihrer literarischen Arbeit auch für Kulturver­mittlung und die Akzeptanz von Migranten und Migrantenkindern. Auftritte in Radio- und TV- Sendungen, Interviews und die Veröffentlichung wissenschaftlicher Essays dienen beiden Schriftstellern dazu, ihre Meinung öffentlich zu äußern und sich für Migranten und Migrati­onsliteratur einzusetzen. Die Frage nach Identität und Heimat stehen bei beiden somit vor­dergründig im Raum, was automatisch dazu führt, dass die Literatur nicht ausschließlich als fiktionale Literatur betrachtet werden kann. Vielmehr ist über die Werke hinaus eine Authen­tizität und eine sozialkritische Bedeutung festzustellen.

Die Erzählungen und Romane der beiden Autoren bieten eine breite Interpretationsfläche und zeigen anschaulich das Heimat- und Fremdeverständnis auf. Natürlich konnten nicht alle Werke der beiden Autoren behandelt werden - allein Schami veröffentlichte mehr als dreißig Erzählungen und Romane -, deshalb wurden exemplarisch einige Werke aus­gewählt, die sich sowohl in Form und Aufbau als auch im Erscheinungsjahr unterscheiden.

Der Aufbau dieser Arbeit ist so gewählt, dass zuerst die grundlegenden Begriffe definiert und anhand dieser Definition die Literatur beider Generationen analysiert wird. Da man da­von ausgeht, dass das Heimatverständnis beider Generationen sehr differenziert ausfällt, sollen im letzten Teil die Ansichten der Autoren gegenübergestellt und Unterschiede auf­geschlüsselt werden.

Während die Erste Generation ihre Heimat aus der Ferne betrachtet, bzw. unter Heimweh leidet, ist die Zweite Generation auf der Suche nach Heimat, da sie sich permanent zwi- sehen zwei Kulturen entscheiden muss: die Heimat der Eltern und dem Land, in dem sie aufgewachsen sind.

Doch was bedeutet eigentlich Heimat? Ist Heimat ein Ort oder ein Gefühl? Kann es mehre­re Heimaten geben, bzw. kann aus der Fremde Heimat werden? Diese Forschungsarbeit will zunächst diese grundlegenden Fragen klären, um anhand derer herauszufinden, wie die Autoren das Thema Heimat verarbeiten.

In Rafik Schamis Literatur ist das Heimatthema scheinbar permanent vorhanden. Schamis Werke können auf unterschiedliche Weise betrachtet werden, da sich seine Art zu schrei­ben im Laufe der Jahre verändert hat. Nun soll analysiert werden, wie das Heimatverständ­nis in Schamis Werken bearbeitet wird und ob sich im Laufe der Jahre ein Wandel voll­zogen hat. Möglicherweise empfindet er das, was zunächst fremd war, nun als Heimat. Anders verhält es sich beim zweiten Autor, Feridun Zaimoglu. Hier werden Heimat und Fremde zwar auch thematisiert, allerdings in einem weiteren Feld. Zaimoglu sieht sich stell­vertretend für die Zweite Generation und spricht die Zerrissenheit der Migrantenkinder an, die sich nirgendwo wirklich beheimatet und an jedem Ort fremd fühlen. Schon im Vorwort zu seinem Debütwerk ״Kanak Sprak“ verschließt sich Zaimoglu vor mitleidigen Unterstellungen einer Nichtzugehörigkeit und zeigt, dass die Zweite Generation als eigenständige Gruppe akzeptiert werden soll. Auf diese Behauptung aufbauend, soll anhand dieser Wissenschaft- lichen Arbeit die Frage beantwortet werden, wie die Zweite Generation Heimat betrachtet und ob dieses Heimatverständnis positiv oder negativ behaftet ist.

Zunächst soll das Heimatverständnis beider Autoren stellvertretend für deren Generation erarbeitet und analysiert werden. Darauf aufbauend soll dann die zentrale Frage dieser Ar­beit ״Wie unterscheidet sich das Heimatverständnis in der Literatur der Ersten und der Zweiten Generation?“ beantwortet werden.

Bei der Betrachtung von Migrationsliteratur ist es sinnvoll, die literaturwissenschaftliche Me­thode der Literatursoziologie heranzuziehen. Denn die Migrationsliteratur im Allgemeinen, wie auch im Speziellen (bezüglich der Betrachtung von Heimat und Fremde) entsteht aus einem sozialen Kontext heraus, denn Migrationsliteratur ist immer auch ״Ausdruck dominie­render sozialer Wert- und Normhaltungen [...] der zeitgenössischen Gesellschaft.“[2]. Sowohl die inhaltliche als auch die sprachliche Ebene der Migrationsliteratur sind Spiegel der ge­sellschaftlichen Aktualitäten und Gegebenheiten. Aufgrund dessen bietet Migrationsliteratur immer wieder Aktualität, da sie nicht (nur) fiktional ist, sondern auf Tatsachen der emotiona­len Erfahrungen der Autoren basiert. Kennzeichnend dafür ist auch die Verwendung von Soziolekten, was sowohl bei Rafik Schami, vielmehr jedoch bei Feridun Zaimoglus Literatur festzustellen ist.

Des Weiteren sind auch das Verständnis, das der Leser dem Werk entgegenbringt und das Verhältnis von Emittent zu Rezipient für die Betrachtung von Heimat in Migrationsliteratur von großer Bedeutung. An die Literatursoziologie knüpft die Rezeptionsgeschichte und - forschung an, welche in vorliegender wissenschaftlicher Arbeit allerdings nicht ausführlich behandelt werden kann. Vielmehr soll abschließend kurz die Bedeutung der Fremde in der Literatur (vom Standpunkt des deutschen Lesers aus) aufgegriffen werden. Die Migrations­literatur konfrontiert den deutschen Leser mit der Fremde. Anhand einiger Beispiele soll versucht werden, der Faszination der Fremde auf die Spur zu kommen und die Kombination aus Überfremdungsangst und Faszination zu entdecken. Denn, wie man sehen wird, ist nicht nur die Kulturvermittlung ursächlich für die multikulturelle Literatur, vielmehr stehen auch vermarktungsstrategische Gründe im Vordergrund. Auf Rezeptionsdokumente wie Statistiken, Kritiken etc. wird an dieser stelle (aufgrund der begrenzten Kapazität der Magis­terarbeit) verzichtet, vielmehr soll die Bedeutungsebene von Fremde genauer betrachtet werden.

Mit Hilfe der Erkenntnisse aus der Literatur der Ersten und Zweiten Generation sollen Un­terschiede in Betrachtungsweise und Verständnis von Heimat und Fremde herausgestellt werden.

1. Der Heimatbegriff 1.1 Definition

Eine konkrete Bedeutung des Begriffes ״Heimat“ ist schwer einzugrenzen, da sich Heimat nicht nur über die räumliche, sondern auch über die soziale Kategorie definiert. So versteht man unter Heimat nicht nur einen bestimmten Ort oder ein bestimmtes Gebiet, sondern auch die damit verbundenen Empfindungen, also die sozialen Aspekte wie Z.B. Traditionen, Bräuche und Gewohnheiten.[3] Dazu zählen auch die subjektiven Erfahrungen der Sinne, d.h. Gerüche, Farben (z.B. der Natur) oder Geräusche, die von Kultur zu Kultur verschieden sein können.

Bei der Betrachtung des Heimataspekts in der Literatur sowie im Allgemeinen muss unter­schieden werden zwischen den existierenden Elementen und den Emotionen, die erst nach Heimatverlust oder Entfremdung ausgelöst werden. Darunter versteht man sowohl existen­tielle Aspekte wie Z.B. ein Haus, eine Region, die Familie - speziell die Mutterfigur steht dabei oftmals stellvertretend für Heimat - als auch Emotionen, wie Z.B. Geborgenheit, Ver­trautheit, Anerkennung.[4]

Der räumliche Aspekt

In der Literatur des 18. Jahrhunderts wurde der Heimatbegriff meist mit ״Dorf“ und ״Land“ assoziiert, bildet also gleichsam den Gegenpol zur Stadt, was sich mit der damals zu­nehmenden Landflucht begründen lässt. Heimweh bedeutet in diesem Zusammenhang die Sehnsucht der abgewanderten Menschen nach dem vertrauten Landleben, also die Rück­besinnung in das bekannte Territorium.

Die kleinste Einheit im territorialen Heimatbegriff ist der Wohnraum, der zum Einen Ge­borgenheit bedeutet und zum Anderen auch die Abgrenzungsfunktion zum Fremden über­nimmt. Der Wohnraum bietet somit die Möglichkeit der Isolation vom Äußeren, also allem Fremden, was allerdings nach Bedarf aufgegeben werden kann. Gleichzeitig wahrt er das Innere, die Intimität. Die Intimität ist ein Stück der Identitätswahrung und bedeutet auch eine Abgrenzung von äußeren Einflüssen. Dies kann nur durch den Wohnraum geschehen, denn ״man kann die Heimat auswechseln, oder keine haben, aber man muss immer, gleichgültig wo, wohnen.“[5] Dieser Wohnraum stellt ein Netz von Gewohntem und Gewöhn- lichém dar und ist die Privatsphäre, die sich nicht ändert, wenn man es nicht selbst tut.

Der soziale Aspekt

Stabilisiert wird die territoriale Heimat durch den sozialen Aspekt. Das sind Sitten, Traditio­nen und Bräuche, durch die eine Gemeinschaft bzw. ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, dem sich der Mensch nur schwer entziehen kann. Diese Gemeinschaft gibt ihm emotiona­len Halt und Geborgenheit, dadurch entstehen Verbindungen und Beziehungen zu anderen Menschen, sei es in Freundschaften, Familien oder Vereinen. Diese Verbindungen basieren auf dem ״Bewusstsein von Zusammengehörigkeit“.[6]

Da sich das Gemeinschaftsgefühl nicht ausschließlich in einem großen Territorium wie ei­nem Dorf, einer Stadt oder gar einem ganzen Land abspielt, sondern im kleinsten, intimsten Ort beginnt, muss dieser Ort als Ursprung des sozialen Heimatgefühls genannt werden: die Familie. Hier lernt der Mensch zuerst Regeln, Traditionen, Bräuche und Sitten, die zwar an die Kultur des territorialen Umfeldes angepasst, aber dennoch individuell sind. Die Familie ist der Ausgangspunkt jedes Lebens, (fast) jeder wird in eine Familie hineingeboren, egal aus wie vielen Personen diese besteht, oder an welchem Ort sie sich befindet. Natürlich ist die Familie und die Häuslichkeit nur ein kleiner Teil einer größeren Gesellschaft oder eines größeren Kulturkreises, doch sie ist der Ausgangspunkt des heimatbezogenen Denkens. Man erkennt das daran, dass das Heimweh meist bei der Familie beginnt. Bevor das Dorf oder der Kirchturm vermisst wird, steht die Sehnsucht nach der Mutter oder der Kindheit, also der Zustand der Vollkommenheit oder Unbeschwertheit, im Vordergrund.

Das Individuum ist meist vom Zusammenspiel des räumlichen und sozialen Umfeldes ge­prägt, welches ein Gesamtbild von Heimat herzustellen vermag. Die Korrelation von Ort und Emotion schafft eine Ganzheit vom Heimatgefühl des Menschen. Das Sich-Orten an einem bestimmten Punkt dient als Ausgangslage weiterer Erfahrungen; an diesem bestimmten Ort finden emotionale Erfahrungen statt, über die letztlich die soziale Heimat definiert wird, was dann zur emotionalen Bindung des Menschen an seine Heimat führt. Fehlt nur einer der beiden Faktoren, das gewohnte territoriale Umfeld oder das soziale Umfeld, so ist das Hei­matbild des Menschen gestört.

Der Philosoph Vilém Flusser[7] differenziert zwischen der Heimat, in die man hineingeboren wird und Heimat, die man selbst wählt. Er definiert Heimat nicht über den territorialen, sondern über den sozialen Aspekt, den er, motiviert von seiner eigenen Lebensgeschichte[8], auf zwischenmenschliche Beziehungen aufbaut. Er erklärt dies anhand seiner Erfahrungen, die er gemacht hat und den Bindungen, die er eingegangen ist. ״Die Bindungen, die ich dort eingegangen bin, habe ich aufrechtzuerhalten, denn ich bin verantwortlich für meine [...] Mitmenschen, so wie sie verantwortlich für mich sind. [...] Nicht Brasilien ist meine Heimat, sondern ,Heimat’ sind für mich die Menschen, für die ich Verantwortung trage.“[9] Eindeutig wird hier Heimat über den menschlichen, sozialen Aspekt bestimmt, der unabhängig von Ort und Raum ist.

Für Flusser steht außer Frage, dass ein Mensch mehr als eine Heimat haben kann. Der Ausgangspunkt ist die Heimat, in die man hineingeboren wurde. Diese sozialen Ver­bindungen sind dem Menschen von Geburt an vorgegeben, man muss sich also damit identifizieren, während man sich eine zweite Heimat selbst aussuchen kann. Die Fähigkeit, soziale Kontakte selbst zu wählen, bedeutet Freiheit. Man löst somit die Fasern, die einen an die gezwungene Familienverwandtschaften binden und knüpft neue Verbindungen zu den Wahlverwandtschaften.[10]

Hier erkennt man, dass Heimat nicht unbedingt vordergründig mit Orten assoziiert werden muss, sondern der soziale Aspekt von größerer Wichtigkeit ist. Außer Frage steht, dass das Verhalten der Menschen an einem bestimmten Ort durch den Ort selbst und die damit zu­sammenhängenden Lebensumstände und der gemeinsamen Geschichte geprägt werden.

Heimat ist Utopie, ein Gefühl auf das man sich bezieht, wenn man der Heimat fremd ge­worden ist. Kaum jemand spricht von Heimat, wenn er sich in seiner Heimat befindet. Der Begriff kommt erst dann zum tragen, wenn man sich seiner Bindungen zur Tradition, zu einem Ort und seiner Herkunft bewusst wird oder sich danach sehnt.

Bernhard Schiink bestätigt dies und bezeichnet Heimat als Utopie, als Nichtort:

״So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat - letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie ei­ner. Heimat ist Nichtort [...]. Heimat ist Utopie.“[11]

Schiink spricht hier von einem abstrakten Ort, der im Zusammenhang mit Glück und Kind­heit eher als Zustand, denn als territorialer Ort zu verstehen ist. Erst Erinnerungen und Sehnsüchte, Z.B. an die unwiederbringliche Kindheit, machen einen Ort zur Heimat. Des­halb ist auch für jemanden, der sein ganzes Leben am selben Ort gelebt hat, ein Heimat­gefühl möglich, indem er sich auf Erinnerungen zurückbesinnt, die sein Leben geprägt haben. Nach Schiink ist Heimatgefühl also weniger Tradition, Sitten und Bräuche, wie sie

Bastian in den Vordergrund stellt, sondern Erinnerungen nach Vergangenem wie Kindheit, Familie, Glück und/oder die Sehnsucht nach Vergangenem oder Verlorenem.

Die Sehnsucht nach Heimat tritt erst im Exil auf, denn mit dem Verlust beginnt die Sehn­sucht. Schiink bezeichnet das Exil als ״Gegenbegriff zum Begriff der Heimat“[12], was nicht unbedingt negativ anzusehen ist. Er führt das Beispiel der Juden im Dritten Reich auf, die das Exil als Freiheit ansahen im Gegensatz zur Heimat, in der sie verfolgt wurden und un­erwünscht waren. ״Exil war Freiheit, Heimat war der Muff der Vertriebenen und ihrer Ver- bände“[13] Diese Aussage trifft vor allem auf die Juden zu, da sie schon immer über die Welt zerstreut lebten und bis vor sechzig Jahren noch keinen eigenen Staat hatten. Aber auch sämtliche andere Vertriebene, politische Flüchtlinge und Kriegsflüchtlinge sind davon be­troffen. Wenn das Leben in der Heimat nicht mehr möglich oder unerträglich wird, sei dies durch Vertreibung wie bei den Juden oder die unerträglich werdende Armut und Hoffnung der Gastarbeiter, so bleibt das Exil als einziger Ausweg und stellt gleichzeitig die Freiheit, das ״bessere Leben“ dar.

Genau wie Flusser sieht Schiink das Exil nicht negativ, sondern benutzt es als Metapher der Freiheit. Dennoch gibt es ״geheime Fasern“ oder bei Schiink ״Erinnerungen an Ver­gangenes“, was die Menschen trotz der Freiheit des Exils an die Heimat binden.

Heimat ist mehr als nur ein Ort oder ein Gefühl, Heimat schafft Stabilität, sowohl im Men­sehen, als auch einer Gesellschaft. Heimat ist das (fiktive) positive Gefühl, sie ist die Watte, in die der Mensch gepackt wird um sich von allem Übel abzuwenden.

1.2 Wenn Heimat fremd wird

״Was mich mit der Heimat verbindet ist der Verlust der Heimat“, sagt Gino Chiellino um die Motivation seines Schreibens zu erklären.[14] Die Fasern, die einen mit der Heimat ver­binden, können also reißen und die Heimat kann sich immer weiter entfernen. Der Migrationsautor Gino Chiellino spricht von Heimatverlust und Fremde, wenn er sein Her­kunftsland beschreibt. Er begründet den Verlust auf dieselbe Weise wie Flusser: die zer­reißenden Fäden zu Familie, Dorf und Erinnerungen. ״Als Heimatverlust verstehe ich we­niger den Gang in die Fremde als die Unmöglichkeit, sich weiterhin als Teil der Dorf­gemeinschaft oder sogar der eigenen Familie zu verstehen.“ Aufgrund der Emigration wird der Migrant von der (Dorf-)Gemeinschaft als nicht mehr zugehörig betrachtet, vielleicht wird ihm das Entfernen aus der Gemeinschaft sogar verübelt. Oft ist in der Migrationsliteratur zu lesen, dass Rückkehrer in der Heimat nicht mehr als ihresgleichen anerkannt und als ״Deutschländer“ betitelt werden.[15] Diese Kontroverse verstärkt die Isolation des Migranten und fördert das Gefühl des Heimatverlusts. Er wird mit der Zeit heimatlos, wenn er sich weder im Einwanderung- noch im Auswanderungsland beheimatet fühlt.

1.3 Inklusion oder Exklusion in der neuen Heimat?

Die Identität eines Menschen wird durch seine Heimat und der dort vorherrschenden Kultur geprägt. Nun entsteht die Frage nach der Vereinbarkeit der eigenen mit der fremden Kultur. Kann sich also ein Mensch eine zweite Heimat aufbauen? Eine Heimat zu haben würde ja bedeuten, dieselbe Kultur zu besitzen. Kann ein Migrant also integriert sein und gleichzeitig seine eigene Kultur wahren? Nach Samuel p. Huntington ist die Integration in einen ande­ren Kulturkreis durchaus möglich, da ״jeder Mensch mehrfache Identitäten [besitzt], die mit­einander im Wettstreit liegen.“[16] [17] Er meint damit, dass sich jeder über eine bestimmte Ver­wandtschaft, Ideologie, Parteizugehörigkeit, Bildung oder Kultur mit einem anderen Kultur­kreis oder einer anderen Gruppe über diese vereinzelten Gemeinsamkeiten identifizieren kann.

Auch Flusser ist der Meinung, dass es möglich ist, mehrere Heimaten zu besitzen, was schon damit begründet werden kann, dass sich Heimat nicht über einen Ort, sondern über soziale Kontakte, Erinnerungen und Gefühle definiert.

Da sich jeder Kulturkreis über spezifische Eigenschaften definiert, muss ein Migrant diese Eigenschaften erlernen, um in der Gemeinschaft existieren zu können, ansonsten wird er für immer Außenseiter bleiben. Flusser spricht dabei von Codes, die der Migrant in der Heimat der Fremden erlernen und entschlüsseln muss. Da die Gewohnheiten einer Ge­meinschaft aber unbewusst sind, muss er die Codes entschlüsseln, sie aber danach wieder 17

Somit ist es also möglich, mehrere Heimaten zu besitzen, man integriert sich durch diese Codes nicht nur in die neue Gesellschaft, es ist aufgrund der Entschlüsselung auch mög- lieh, neue Kontakte zu knüpfen, die wiederum zu neuen Heimatgefühlen werden.

1.4 Identität

Heimat und Identität des Menschen sind eng miteinander verknüpft, da die Identität eines Menschen in einem stabilen Umfeld geprägt wird. Die Intimität der Familie behütet den Menschen von Kind an und schafft eine Stabilität, die ihn sein Leben lang prägt. Von Tradi­tionen und Sitten geschürt, entsteht durch diese Stabilität dann die Identität. Innerhalb der kleinsten Einheit von Heimat, also der Familie (vgl. Kapitel 1.1), entsteht in den ersten Kin­derjahren die Identität eines Menschen, die sich bis zu seinem Erwachsenwerden voll­ständig ausgeprägt hat.

Beim Verlassen der Stabilität des Gewohnten kann die Identität ins Wanken kommen. Ein Mensch, der seine Heimat verlässt, verlässt das Eigene und geht in die Fremde, der seine Identität erst einmal standhalten muss. Ein Leben lang baute der erwachsene Mensch seine Identität auf, die er dann als Migrant verteidigen muss. Es gilt zu differenzieren, ob die Mig­ration in der Jugend oder als Erwachsener stattfindet, denn wer als Erwachsener in ein Land immigriert, hat bereits seine Identität ausgebildet.[18] Aufgrund dessen behält er seine geschaffene Identität bei, auch wenn Konflikte drohen. Das Innere kann nicht mehr zerstört werden, auch wenn er integriert ist, die Identität bleibt von äußeren Konflikten unberührt. Anders verhält sich dies bei der Zweiten Generation, vor allem bei denjenigen, die als Kin­der in die Fremde gekommen sind, da sie ihre Identität noch nicht vollständig aufbauen konnten. Die Stabilität und die kontinuierliche Existenz innerhalb eines vertrauten Ortes werden mit der Migration unterbrochen und führen zu Verunsicherung, gerade wenn sie auf eine Kultur treffen, die sich von ihrem bisherigen Leben stark unterscheidet. ״Je früher aus­ländische Kinder in die Fremde gehen müssen [...], desto größer sind ihre Schwierigkeiten, stabile Selbst-Strukturen aufzubauen und eine gesicherte Identität zu finden.“[19] Vom Zeit­punkt der Migration an prägt eine zweite Sprache und eine zweite Kultur das Leben der Kinder, sie ״sitzen zwischen den Stühlen“ und versuchen sich zu arrangieren. Es ist unver­meidlich, dass die zweite Kultur die Entwicklung der Identität beeinflusst, was vor allem dann problematisch wird, wenn sich beide Kulturen unterscheiden oder sogar wider­sprechen. Diese Bikulturalität führt laut Hamm zu einer ״lebenslangen Unsicherheit“.[20] Diese Unsicherheit resultiert nicht nur aus der Konfrontation mit der anderen Kultur, son­dern ist auch durch die entstandenen Konflikte mit den Eltern, die versuchen ihre Werte und Traditionen aufrecht zu erhalten, begründet. Die Erwartungen, die auf der Zweiten Genera­tion lasten, sind erheblich: Zum Einen wollen und müssen sie sich integrieren, zum Anderen stehen ihnen Erwartungen der Ersten Generation gegenüber, was sie beides oftmals nicht vereinen können. Die Beziehung zu den Eltern wird dadurch geschädigt, sie wenden sich von Ihnen ab, weil die erlernten Werte und Regeln mit einem Mal in der neuen Gesellschaft nicht mehr anwendbar sind und deshalb ihre Gültigkeit verlieren.[21]

Geprägt von zwei Kulturen, beheimatet in zwei Orten, entwickelt sich eine doppelte Identi­tät, zwischen der man sich hin und her gerissen fühlt. Doch kann man dabei überhaupt noch von doppelter Identität sprechen oder ist es eher Identitätsverlust? Fraglich ist auch, ob ein Mensch überhaupt mehrere Identitäten haben kann, oder ob sich durch die Orientie­rungslosigkeit nicht ein Verlust der existierenden Identität abzeichnet. Diese Fragen lassen sich beantworten, wenn man einer These Hamms folgt und Identität mit Sprache bzw. Spracherwerb gleichsetzt.

״Sprache wird zum Kristallisationspunkt. Sie ist vielen schreibenden Ausländern Symbol ihrer kulturellen Unzugehörigkeit. [...] Sprache, genauer: mangelhafte sprachliche Ausdrucksfähigkeit wird zum Trä­ger ethnischer und kultureller Identitätsschwierigkeit.“[22]

Zwei Sprachen zu haben, bedeutet demnach nicht nur den Verlust seiner Identität, sondern auch Verlust der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Man ist auf einmal fremd in der Fremde und fremd in der Heimat. Hamm folgert daraus: ״Zwei Sprachen zu haben heißt, letztlich keine Heimat zu haben und ausgeschlossen zu sein.“[23]

Hamm sagt hier deutlich, dass Sprache ein Symbol kultureller Zugehörigkeit sei. Doch da­bei muss man beachten, dass nicht die Sprache eine Kultur ausmacht, sondern die sozialen Aspekte, wie Religion, Moralverständnis, Traditionen etc., die innerhalb einer Gemeinschaft entstehen und weitergegeben werden. Sie prägen den Menschen und dessen Identität. Sprache ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann, die einem den Zutritt in eine andere Sprachgemeinschaft erlaubt, aber sie ist nicht unsere Identität die dem Sinne wie es die o. g. sozialen Aspekte sind. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zeichnet sich nicht nur über eine gemeinsame Sprache aus. Sprache ist vielmehr nur ein Merkmal einer Kultur: die deutsche Sprache steht stellvertretend für die deutsche Kultur. Auch eine Einheitssprache würde verschiedene Kulturen nicht vereinheitlichen, sondern wäre nur Mittel zur Ver­ständigung.

״Eine lingua franca [Hervorhebung im Original] ist eine Methode, um sprachliche und kulturelle Unterschiede zu überwinden, nicht um sie zu beseitigen. Sie ist ein Werkzeug zur Kommunikation, aber sie stiftet nicht Identität und Gemeinschaft.“[24]

Huntingtons These widerspricht der Aussage Hamms. Wäre dessen These richtig, so hat­ten alle Einwanderer zwei Identitäten und wären gleichzeitig heimatlos, da sie zwei Spra­chen sprechen. Dies kann aber nicht zutreffen, da oben bereits festgestellt wurde, dass ein Migrant mehrere Heimaten haben kann, da er sie über soziale Kontakte und Bindungen zu anderen Menschen herstellt. Sprache ist vielleicht das Werkzeug, um soziale Kontakte her­zustellen, sie ist aber nur der Anfang dessen, was unter Identität und Heimat verstanden wird.

Sprache in der Literatur ist dennoch ein wichtiges Mittel zur Abgrenzung verschiedener Gruppen voneinander. Dieses Mittel benutzt auch Feridun Zaimoglu, der die Identität der Zweiten Generation anhand ihrer Sprache verdeutlicht. In seinem ersten Roman versucht er seinem Leserpublikum die Denkweise und Lebensart der Zweiten Generation aufzuzeigen und benutzt dafür eine besondere Sprache, um die Identität der interviewten Personen zu verdeutlichen. Er schafft eine neue Ebene und konstruiert eine Sprache, die weder türkisch, noch deutsch ist: die ״Kanak Sprak“, die ״Kanakensprache“. Mit dieser einheitlichen Spra­che, die sich die Zweite Generation angeeignet hat, grenzen sich die Gastarbeiterkinder bewusst von der Herkunftssprache und der deutschen Sprache ab. Die neue ״dritte Identi- tat“, die ihre innere Identitätskrise, die Zerrissenheit zwischen zwei Sprachen und zwei Kul­turen widerspiegelt, wird anhand dieser ״Kanakensprache“ akzentuiert (vgl. Kapitel 4.5).

1.5 Heimat und Identität in Miarationsliteratur

Die Motivation des Schreibens der Migrationsliteratur resultiert oft aus den Umständen des Lebens in der Fremde und dem Heimatverlust.[25]

Die Betrachtung der Heimat in der Migrationsliteratur ist so facettenreich wie die Autoren selbst. Die Sichtweise auf Herkunftsland in Einwanderungsland ist begründet durch die je­wellige Biographie des Autors, seine Erfahrungen in Deutschland, die Erfahrungen im Her­kunftsland und die Motive des Auswanderns. Während einige Autoren an der Kulturver­mittlung interessiert sind, stellen andere die Sehnsucht nach der Heimat in den Vorder­grund. Die Bewältigung des Heimatverlusts hängt stark mit der Integration in der Fremde zusammen: Fällt die Integration in das neue soziale Umfeld leicht, so ist auch der Verlust der Heimat einfacher zu bewältigen. Hier spielen die erwähnten sozialen Bindungen wieder eine Rolle, die Flusser als ausschlaggebendes Detail im Integrationsprozess und im Prozess des ״Heimatwerdens“ sieht. Vor allem in der Gastarbeiterliteratur der siebziger Jahre überwiegen Betroffenheit und Heimweh (meist nach der daheim gebliebenen Ehe­frau, den Kindern, aber auch der Mutter) den positiven Gedanken in der Fremde. In der frühen Migrationsliteratur bleibt Fremde meist Fremde und lässt sich nicht zur Heimat ver­wandeln. Die Erfahrung, in Deutschland nicht dazu zu gehören und deshalb kein Heimat­gefühl für das neue Land entwickeln zu können, steigert die Enttäuschung der Migranten und führt schließlich auch oft zu Verstärkung des Heimwehs und die Rückbesinnung in die alte Heimat, wo man sein Glück zu finden erhofft. Die Sehnsucht nach dem unerreichten Glück, das einst in Deutschland, nun wieder im Herkunftsland erwartet wird, ist nur das Festhalten an der Hoffnung.

Heimat ist Fiktion, sie wird oft ideologisiert und stellt die tröstende Zuflucht der Gedanken und Ausdruck ungestillter Sehnsucht dar. Mit dem Heimweh scheint aber der Grund des Auswanderns vergessen zu sein, die Heimat wird ideologisiert, so wie vorher die Fremde ideologisiert wurde. In der Realität herrscht in den Herkunftsländern Armut, wirtschaftliche Rückständigkeit und daraus resultierende Arbeitslosigkeit - all das waren Gründe auszu­wandern, die Heimat hinter sich zu lassen und in Deutschland das versprochenen neue Glück und den versprochenen Wohlstand zu erlangen. Doch die Auswanderungsgründe sind im Zustand des Heimwehs schnell vergessen, man erinnert sich nur noch an die schö­nen Seiten, an die Geborgenheit der gewohnten Umgebung und der gewohnten Men- sehen.[26]

Betrachtet man die deutschen Zustände zu dieser Zeit, so ist das nicht verwunderlich. Die Einwanderungspolitik ist noch nicht ausgereift, die Arbeiter sind meist in unkomfortablen Wohnheimen untergebracht und der Ausländerhass unter den Deutschen steigt zunehmend um dann in den neunziger Jahren den Höhepunkt zu erreichen. Die Ablehnung von vielen Deutschen und das Desinteresse an der anderen Kultur prägen nicht nur die Immigranten selbst, es schlägt sich verständlicherweise auch in deren Literatur nieder.

Die Ideologisierung der Heimat wird verstärkt, was zur Rückbesinnung auf Tradition, Bräu­che und Sitten führt, sozusagen als Trost oder fiktive Flucht in die Heimat. Das Neben­einander von Heimat und Fremde lässt Parallelwelten entstehen, unter denen gerade die Einwandererkinder leiden, denn sie müssen aus beiden Traditionen heraus ihre Identität bilden. Das Schreiben als therapeutische Maßnahme zur Überwindung des Gefühls des Heimatverlusts ist bei der Zweiten Generation weniger ausgeprägt als bei der Ersten. Ihre ״therapeutische Maßnahme“ besteht vielmehr darin, ihre doppelte Identität zu verarbeiten. Hamm geht sogar so weit, dass er behauptet, die Ausländerfeindlichkeit, die Migranten in ihren Werken thematisieren, sei nur ein projiziertes Feindbild, das zur Bewältigung der inne­ren Identitätskrise geschaffen werde.[27] Die äußeren Konflikte werden nur durch die innere Krise und Zerrissenheit hervorgehoben. ״Die Ausländerfeindlichkeit ist insofern nur Anlaß, die Identitätsschwierigkeiten darzustellen, nicht aber deren Ursache.“[28]

1.6 Das Schreiben im dritten Raum

Nach Karen Jóisten[29] ist die Heimat ein Raum, mit dem der Mensch in Beziehung steht und von welchem aus er sich ortet und orientiert. Der Raum Heimat ist demnach Ausgangs­punkt für alle Beziehungen des Menschen, sowohl innerhalb dieses Raumes (als Bindun­gen zu diesem Ort), als auch außerhalb, also dem ״Sich ausrichten“ nach den Orten außer­halb des Raumes. Ausgangspunkt allen menschlichen Handelns und Denken ist demnach die Heimat, mit der der Mensch vollständig verbunden ist.[30]

In Kontext der Diskussion um Heimat und Fremde muss der besondere dritte Raum[31] be­achtet werden, der sich im Dasein zwischen dem Eigenen und dem Fremden aufgetan hat. Der Migrant existiert nach Homi Bhabha in einem Zwischenraum zwischen dem Eigenem und dem Fremden und wird dadurch zum hybriden Subjekt. Chiellino beschreibt diesen Raum als verursacht vom bikulturellen Raum- und Zeit-Verständnis, welches sich aufgrund der doppelten Identität und der doppelten Kultur etabliert. ״Da Vergangenheit und Zukunft unterschiedlichen Kulturräumen zugeordnet werden, geraten Raum und Zeit aus dem Gleichgewicht und erhalten unterschiedliche Stellenwerte.“[32] Die Autoren befinden sich an einem speziellen Ort, wenn sie schreiben, dieser Ort ist weder Heimat noch Fremde, son­dern eine Synthese beider Orte, welche eine bi- oder multikulturelle Einheit von Heimat und Fremde und somit eine Verbindung verschiedener Kulturen darstellt.

2. Migrationsliteratur - Definition

Die Grundlage aller Untersuchungen ist die Begriffsdefinition. Wichtig ist dies vor allem des­halb, weil sich die Wissenschaft in der Definition von ״Migrationsliteratur“ nicht unbedingt einig ist. Es ist weniger wichtig, ob Migrationsliteratur, Immigrationsliteratur oder Betroffen­heitsliteratur die ethisch richtige Bezeichnung für diese Literaturgattung und vor allem für die Autoren ist - die Wissenschaft streitet darüber und es scheint, als hätte jeder, der die­ses Thema bereits untersucht hat, einen alternativen Begriff gefunden. Viel wichtiger ist, die Autoren, die Themen und die Motive zusammenfassend kategorisieren zu können. Migrationsliteratur bedeutet deutsche Literatur von Autoren nichtdeutscher Muttersprache, wobei es sich um eine scheinbar alles umfassende knappe Definition handelt, die allerdings einen großen Interpretationsspielraum zulässt. Die Problematik besteht darin, dass hier die Gastarbeiterliteratur der ersten stunde genauso gemeint ist wie die Literatur der Zweiten Generation: die Gastarbeiterkinder, die in Deutschland aufgewachsen sind. Wo also die Grenzen ziehen? In der Literaturwissenschaft haben sich im Laufe der Zeit mehrere Definitionen zu Migrationsliteratur gebildet. Ulrike Reeg[33] nimmt keine exakte Trennung von Thematik und Biographie vor, sie befürwortet eine breite Definition von Migrationsliteratur und klassifiziert alle schreibenden Ausländer (auch die der Zweiten Generation) als Migrationsliteraten, egal zu welchem Thema sie schreiben. Heidi Rösch[34] dagegen grenzt den Begriff ein und differenziert zwischen ״Migrantenliteratur“ und ״Migrationsliteratur“. Migrantenliteratur meint die Literatur von Migranten generell. Migrationsliteratur dagegen grenzt die Migrantenliteratur ein, da sie nur die Literatur bezeichnet, die die Migration selbst thematisiert. Daraus folgt, dass Literatur, die zwar von Migranten geschrieben wurde, die Migration selbst aber nicht thematisiert, nicht zum Genre Migrationsliteratur gezählt werden kann. Rösch ist der Meinung, dass über die Zugehörigkeit zu Migrationsliteratur nicht die Autorenbiographie entscheidet, sondern das Thema und die Erzählperspektive.[35]

Meines Erachtens spielt sowohl Biographie des Autors als auch die Thematik eine große Rolle, denn die Motivation des Schreibens und das Thema eines Werkes basieren auf den Erlebnissen des Autors. Aus diesem Grund tendiere ich zur These Röschs und sehe die Literatur als Migrationsliteratur an, die die Migrationsproblematik thematisiert, davon un­abhängig ist, welcher Generation der Autor angehört. Beide Generationen, ob immigrierter Gastarbeiter oder in Deutschland geborene Gastarbeiterkinder, leben mit Konflikten, die aus der Migration resultieren und schreiben diese Konflikte nieder. Ein Autor, der nicht über

Migrationsprozesse schreibt, sollte nicht zu Migrationsliteraten gezählt werden - vor allem nicht in der Zweiten Generation. Anders gesagt: Es sollte die Literatur als Migrationsliteratur gelten, die die Migration thematisiert, ungeachtet Alter, Herkunft und Generation des Au­tors.

Aus der Sicht der Literaturwissenschaft ist dies dennoch kritisch, denn keine andere Litera­tur wird ausschließlich an der Thematik klassifiziert. In diesem Fall muss eine Ausnahme gemacht und Faktoren wie Herkunft, Thema und Motiv des Schreibens zur Kategorisierung herangezogen werden.

Doch auch diese These ist problematisch, denn außer dem Migrationsthema, das bei jedem Autor anders verarbeitet wird, haben die Migrationsliteraten nichts gemeinsam. Es lässt sich kaum ein einheitlicher Kern in den Texten finden, da sich die Migrationsliteratur (gerade die der Anfangszeit) nicht über sich selbst, sondern extern über politische und soziale Kate­gorien definiert. Die Autoren bestimmen sich also über eine kleine Gemeinsamkeit ihrer unterschiedlichen Lebensläufe, nämlich die Immigration in die BRD und die daraus resultierenden Erfahrungen, die allerdings auch wieder subjektiv und verschieden sind.

Es müssen also mehrere Bedingungen erfüllt werden, um als Migrationsautor und -literatur zu gelten: der Migrationshintergrund des Autors, ob dieser die Motivation des Schreibens darstellt und das behandelte Thema im Werk.

Während die Erste Generation vorrangig mit der Eingliederung und dem Heimweh zu kämp­fen hat, macht sich die Zweite und mittlerweile auch Dritte Generation auf Identitätssuche. Sie versuchen ihre doppelte Identität, die Wurzeln auf der einen und das Leben in Deutsch­land auf der anderen Seite verzweifelt miteinander zu vereinen. Die Sehnsüchte und Er­fahrungen prägen die Migrationsliteratur stark, fast jeder Autor schreibt über die Problematik des Fremdseins. Die ersten Migrationsautoren wollten ihre Lebensart und ihre Gefühle aufzeigen und damit die Gastarbeiter aus der eigenen Position heraus beleuchten. Das war in den sechziger Jahren. Heute, mehr als fünfzig Jahre nach den ersten Anwerbe- vertragen, ist das Gastarbeiterthema nicht mehr aktuell. In dieser Zeit stehen vielmehr die nächsten Generationen in der Diskussion zur Integrationspolitik, denn die Männer, die einst als Gastarbeiter gekommen sind, haben bereits das Rentenalter erreicht, nicht mehr sie suchen das Verständnis der Deutschen, sondern deren Kinder.

Das Resultat der Kategorisierung der Migrationsliteratur ist das Ignorieren des ästhetischen Aspektes. Immacolata Amodeo[36] schreibt dazu: ״Wenn jedoch das Kriterium, das diese Li­teraturen von anderen Literaturen unterscheidet, die Betroffenheit wäre, dann dürften sie nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten beurteilt werden.“[37] Das würde den Verlust des literarisch Anspruchsvollen bedeuten und die Literatur auf deren Inhalt oder sozial­moralische Gesellschaftsverpflichtung reduzieren. Der Anspruch, den viele Autoren als Schriftsteller an sich selbst haben, würde somit ignoriert werden. Es scheint dadurch so, als erfülle die Literatur der Betroffenheit und auch die Migrationsliteratur der neusten Zeit damit immer noch in erster Linie eine soziale Verpflichtung (nämlich das Protestieren gegen die Zustände in der Bevölkerung), als die ästhetische Kategorie. Die Schriftsteller wehren sich seit Jahren gegen diese Kategorisierung, und wollen als den Deutschen gleichberechtigte Dichter anerkannt werden.

Das Paradoxe an der gesamten Migrationsliteratur - hauptsächlich die der Ersten Genera­tion - ist, dass einerseits die schlechte Situation angeprangert, die Deutschen als aus­länderfeindlich und die Immigranten von Heimweh gebeutelt dargestellt werden. Die Auto­ren wollen aber gleichzeitig auf einen ״Mitleidsbonus“[38] verzichten und die Schönheit ihrer Literatur ganz unabhängig von der Thematik voll anerkannt wissen. Gerade in den siebziger und achtziger Jahren, als sich die Gastarbeiterliteratur etablierte, mussten sie sich bei Ver­legern und Leserschaft durchsetzen, wollten sich darstellen, gleichzeitig aber auf jede Son­derbehandlung verzichten. Deutlich wird das in einer Äußerung Rafik Schamis:

״Oft wird unsere Literatur entweder mit Samthandschuhen oder mit eiserner Zange angefaßt. Die Samthandschuhe sind mit Mitleid ge­tränkt und lassen deshalb die Hände über die Oberfläche dieser Lite­ratur gleiten. Die Zange dagegen zerquetscht auch die schönsten Märchen, Novellen, Gedichte, so daß nur wenig von dem Saft ihrer Inhalte zum Vorschein kommt. (...) Unsere Literatur hat keinen Mit­leidsbonus nötig.“[39]

Der Widerspruch liegt in Rafik Schami selbst: Einige Jahre zuvor hat er sich zusammen mit Franco Biondi eindeutig für den Begriff ״Betroffenheitsliteratur“ eingesetzt und diesen Begriff auch etabliert.[40] Der Begriff der Betroffenheit meint hier nicht ausschließlich die Literatur der betroffenen Migranten, sondern gleichzeitig auch die Literatur, die aus Betroffenheit über die Situation von Arbeitsmigranten geschrieben wurde.[41] Mit der Einführung dieses Begriffs haben sich die Autoren selbst einer Kategorie zugeschrieben, die sie in ihrem Schaffen e­her eingrenzt, denn die Thematik übersteigt selten das ״Schicksal des Gastarbeiters“ und die ״Sehnsucht nach [der] Heimat, die in der Isolation der Fremde widerspruchslose, idylli- sehe Züge bekommt, da der Gastarbeiter im neuen Land keine Heimat findet“.[42]

Die Zweite Generation hält dagegen und versucht sich von der Betroffenheit loszulösen. Feridun Zaimoglu schreibt im Vorwort seines ״Kanak Sprak“:

״Eine weinerliche, sich anbiedernde und öffentlich geförderte ,Gast- arbeiterliteratur’ verbreitet seit Ende der 70er Jahren die Legende vom ,armen, aber herzensguten Türken Ali’. Sie verfaßt eine ,Müll- kutscher-Prosa’, die den Kanaken auf die Opferrolle festlegt. Die ,besseren Deutschen’ sind von diesen Ergüssen ,betroffen’, weil sie vor falscher Authentizität triefen, ihnen ,den Spiegel Vorhalten’, und feiern jeden sprachlichen Schnitzer als poetische Bereicherung ihrer ,Mutterzunge’.“[43]

Mit diesem Zitat wird sehr genau deutlich, wie unangebracht der Begriff Betroffenheits­literatur im Zusammenhang mit Migrationsliteratur geworden ist. Die Zweite Generation schreibt nicht mehr vordergründig um Anerkennung zu finden, um ihre Situation mitzuteilen, wie es die Erste Generation tat, sondern um des Schreibens Willen.

Migrationsliteratur ist keineswegs nur ein Phänomen der Gastarbeiter und deren Kinder, sondern zieht sich weiterhin durch die deutsche (Literatur-) Geschichte, denn Einwanderer wird es in dem sogenannten ״Einwanderungsland Deutschland“ immer geben und darunter werden auch Schriftsteller sein. Schriftsteller, die in den letzten Jahren in den deutsch­sprachigen Raum immigrierten, sind zum Beispiel Dimetré Dinev, oder Wladimir Kaminer, die beide 1990 nach Österreich bzw. Deutschland einwanderten. Auch die Forschung zu Migrationsliteratur ist nicht völlig verstummt: In kürzlich erschienen Sammelbänden (wie Z.B. Jamal Tuschicks ״Morgen Land“), Forschungsarbeiten (״Literatur und Migration“, herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold) und auch in Zeitschriften (Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur, Heft 96, 2004) ist das Migrationsliteraturthema noch immer aktuell. Ebenso fand 2006 eine Tagung statt mit dem Titel ״Höhenflüge - Literatur und Migration in Europa“ initiiert vom Kulturamt und Kulturbüro der Städte Mannheim und Ludwigshafen. Diese Präsenz liegt nicht zuletzt auch daran, dass Integrationspolitik und Migration auch in Gesellschaft und Politik ständig diskutierte Themen sind.

3. Rafik Schami

Der Autor und Märchenerzähler Rafik Schami wurde 1946 in Syrien, Damaskus geboren und ist dort aufgewachsen. Schon früh schrieb er Märchen und Geschichten, die in einer Schulzeitung veröffentlicht wurden, und zeigte sein künstlerisches Engagement mit der Gründung eines Dialekt-Theaters für Analphabeten und der redaktionellen Leitung der lite­rarischen Wandzeitung ״Al-Muntak“, bis diese von der Militärregierung zensiert und schließ­lieh verboten wurde. 1971 emigrierte er dann nach Süddeutschland, wo er als Student der Chemie schließlich 1979 promovierte. Schon zu Beginn seines Aufenthalts in Deutschland schrieb Schami, der mit richtigem Namen Suheil Fadel heißt, Erzählungen, die er zunächst aus der arabischen Sprache übersetzte, später dann direkt auf deutsch verfasste. Zusammen mit Franco Biondi war Rafik Schami Mitbegründer der PoLiKunst-Bewegung (״polynationaler Literatur- und Kunstverein“) und Mitherausgeber der Reihe ״Südwind- Gast­arbeiterdeutsch“, die sich für die Migrationsliteratur (damals ״Literatur der Betroffenheit“ genannte Literatur von Ausländern] und deren Anerkennung auf dem deutschen Literatur­markt einsetzten. Schami wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem erhielt er den Adelbert-von Chamisso-Preis.[44]

Er schreibt seit über dreißig Jahren Erzählungen, Märchen, Fabeln und Kurzgeschichten, die sowohl für Erwachsene, als auch für Kinder bestimmt sind. Mittlerweile sind über 25 Werke auf dem Markt. Auf seinen Lesereisen trägt er stets - nach dem Vorbild der arabi­schen Märchenerzähler - seine Geschichten in mündlicher Erzählform vor.

3.1 Heimat bei Rafik Schami

„Meine Heimat ist dort, wo meine Frau, mein Sohn und meine Kindheit leben, in Syrien und Deutschland. Mein Herz ist eine Schwalbe.[145]

Dass Heimat wandelbar ist, bzw. es mehrere Heimaten geben kann, wurde bereits an ande­rer Stelle festgestellt. Dem Gefühl eine Heimat zu haben geht ein langer Entstehungs- und Erkenntnisprozess voraus, der von individuellen und intimen Faktoren geprägt ist, die dazu beitragen ob sich eine Person an einem Ort beheimatet fühlt oder nicht. Die Migration und das Leben im Exil, wie es Rafik Schami nennt, implizieren Erfahrungen und soziale Bindun­gen, auf die das Verständnis von Fremde und Heimat basiert, d. h. eine Person hat be­stimmte Auffassungen von Heimat, je nach dem welche Gefühle sie für einen bestimmten Ort aufbringt.

Am oben aufgeführten Zitat Rafik Schamis lässt sich dessen Verständnis von Heimat deut­lieh erkennen, doch es betrifft nur den Schriftsteller als Person, im Folgenden ist die Frage des Einflusses auf die Literatur zu klären. Migrationsliteratur ist aus dem sozialen Kontext heraus entstanden, d. h. sie thematisiert nicht nur die sozialen, politischen oder persön- liehen Missstände, sondern ist aus diesen Umständen heraus entstanden, ist also gleich­zeitig eine Art Tatsachenbericht, aufgrund dessen man den Kontext eng mit der Literatur verknüpft sehen muss. Daraus folgt, dass sich die Wandlung des Heimatverständnisses des Autors auch in seiner Literatur niedergeschlagen haben müsste.

Um das Gesamtwerk Schamis auf den Heimatbegriff hin untersuchen zu können, müssen die einzelnen Werke ihrem Inhalt entsprechend kategorisiert werden. Mansur Bavar teilt Schamis Literatur in fantastische und realistische Werke, was ich aber vor dem Hintergrund dieser Arbeit als weniger sinnvoll erachte, als die Werke mit latenter Migrationsthematik und Werke offensichtlicher Migrationsthematik zu unterscheiden. Unter Werke mit latenter Migrationsthematik fallen alle Märchen, Erzählungen, Romane und Fabeln, die auch der Kategorie der fantastischen Werke nach Bavar zuzuordnen sind. Mit dieser Literatur will der Autor in erster Linie unterhalten, das Migrationsthema ist in den Märchen und Erzählungen nicht von primärer Wichtigkeit, es weicht größtenteils den orientalisch-märchenhaften Stof­fen und ist nur bei genauerer Betrachtung und im Kontext der Biografie des Autors zu er­kennen.

Zu den Werken mit offensichtlicher Migrationsthematik zählt die Literatur, die in die Kate­gorie der typischen Gastarbeiterliteratur fällt, die politische Hintergründe hat, die Migration thematisiert und die gesellschaftlichen Missstände aufzudecken versucht - hierbei handelt[45] es sich vor allem um Kurzgeschichten, die in den achtziger Jahren im Band ״Die Sehnsucht fährt schwarz“ veröffentlicht wurden. Weitere, später erschienene Werke sind ״Gesammelte Olivenkerne aus dem Tagebuch der Fremde“ (1997) und ״Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick“ (2006), in denen der Autor Heimat und Fremde thematisiert und die deutsche und arabische Kultur gegenüberstellt. Diese beiden Werke sind autobiografisch geprägt, da Schami in Ich-Form (seine) Erlebnisse erzählt. Als Autobiografie sind diese Werke wohl trotzdem nicht anzusehen, da Schami zwar seine Meinung über bestimmte Sachverhalte preisgibt, die Behauptungen aber nicht nachgewiesen werden können.

Heimat und Fremde sind in diesen beiden Kategorien sehr unterschiedlich geschildert, was zum Einen mit der Zeit der Entstehung und zum Anderen mit dem Motiv des Schreibens zusammenhängt. Die realistischen Werke Schamis begründen sich auf die Bewegung der Gastarbeiter- bzw. Betroffenheitsliteratur, welche die deutsche Bevölkerung ansprechen und die politischen und gesellschaftlichen Missstände aufzeigen will, wobei nahezu alle Prosa schreibenden Migrationsautoren ähnliche Stoffe in ihren Werken aufweisen: Der von Heimweh geplagte Gastarbeiter, der in Deutschland nicht akzeptiert wird, ist auf der Suche nach einer Linderung seines seelischen Schmerzes. Er verkörpert somit die Menschlichkeit, die die Deutschen - geblendet vom Ausländerhass und Vorurteilen - angeblich übersehen. Mit Hilfe dieses sich immer wiederholenden Musters werden Heimat und Fremde teilweise latent, teilweise offensichtlich aber durchgehend thematisiert. Heimat tritt sowohl innerhalb der beiden Kategorien, als auch im Vergleich zueinander sehr unterschiedlich auf. Im Fol­genden sollen nun diese Differenzen herausgestellt und begründet werden.

3.1.1 Sehnsucht nach der Heimat

Schamis Sicht der Heimat änderte sich im Laufe der Jahre, was sich auch in seinen Werken deutlich erkennen lässt. Das Grundmuster ist zwar gleich geblieben, doch die Tatsache des Heimatverlusts erfährt eine Modifikation vom Negativen ins Positive. In seinen realistischen Werken, vor allem im Band ״Die Sehnsucht fährt schwarz“, wird der Verlust der Heimat be­klagt, das Heimweh erscheint als tiefer Schmerz, der nicht überwindbar scheint. Hier impli­ziert die Existenz in der Fremde auch immer die Sehnsucht nach der Heimat. In fantasti­schen Werken allerdings erscheint das Heimatbild als ein glückliches, positives Bild, von dem es sich lohnt, die Handlung der Geschichten dort hin zu verlagern. Er hat den Heimat­verlust also positiv und kreativ genutzt, was nicht zuletzt daran liegen mag, dass das Exis­tieren in der Fremde mit den Jahren vielleicht angenehmer wurde und er sich durch soziale Bindungen und gesellschaftliche Integration mehr und mehr eine zweite Heimat aufbauen konnte.

״Andalusien liegt vor der Tür“[46]

Die Sehnsucht nach der Heimat und der Schmerz des Heimatverlusts werden besonders in der Kurzgeschichte ״Andalusien liegt vor der Tür“ behandelt. In dieser Geschichte geht es um einen jungen Spanier, der eine Maschine erfindet, die ihn in seine Heimat hineinver­setzen kann. Der Gastarbeiter Juan lebt in einer Dachwohnung in Mannheim, der Stadt in der er auch als Elektrotechniker arbeitet. In seiner Zweizimmerwohnung, die er ״Werkstatt“ nennt, repariert er kostenlos alte Fernsehgeräte und Radios für seine Nachbarn und Be­kannte. Als sich Juan mit seinen Freunden eines Tages darüber unterhält, dass es eine Pille gegen Heimweh geben sollte, fasst er den Entschluss eine Maschine zu bauen, die seine Wünsche erfüllen und ihn in seine Heimat Andalusien versetzen kann. Juan arbeitet monatelang an der Maschine und schottet sich immer mehr von seinem Freundeskreis und der Welt ab, bis die Maschine fertig gestellt ist. Sie funktioniert tatsächlich: Wenn er auf den Startknopf drückt und sich dabei seine Heimat vorstellt, sieht er die Landschaft, sein Dorf und sogar seine Mutter, wie sie sich mit seiner Schwester unterhält. Er bemerkt die Ver­änderungen, die während seiner Abwesenheit eingetreten sind. Als er seinen Freunden Francisco und Ramon von der Maschine erzählt, schenken die ihm zuerst keinen Glauben, doch Ramon will unbedingt herausfinden ob die Maschine auch bei ihm funktioniert. Als Juan ihm das Gerät vorführt, seinem Freund allerdings verbietet sie zu benutzen, schleicht sich der wütende Ramon eines Abends in Juans Wohnung um die Maschine selbst zu testen. Da diese nur die Wünsche und Gedanken ablesen und widerspiegeln kann, sieht Ramon das, was er seit Monaten befürchtet: Seine Frau geht mit einem anderen Mann fremd, der die Kinder schlägt und Ramon beschimpft. Ramon ist verzweifelt und die Traumwelt mischt sich mit der Realität. Als Juan in seine Wohnung zurückkommt und den aufgelösten Ramon vorfindet, geht dieser auf Juan los und erschlägt ihn, weil er in seinem Freund den Nebenbuhlerseiner Frau sieht.

Auf den ersten Blick stehen Heimat und das Heimweh im Vordergrund der Geschichte, doch bei genauerem Hinsehen versucht der Protagonist mit seiner Flucht in die Heimat die Probleme in der Fremde zu überspielen. Er verdrängt sein Dasein zu Gunsten von Trau­men, was daran zu erkennen ist, dass er seine Freizeit dem Bau des Gerätes opfert, was auf Kosten der sozialen Kontakte zu seinen Freunden geht. Umso mehr klammert er sich an die sozialen Bindungen zu seiner Heimat, seiner Mutter und seiner Schwester, was zwangsweise zu einer Isolation führt, da er sein Dasein nicht auf die Realität, sondern auf Fiktionen begründet. Er bewegt sich zwischen den Welten und kann in der Realität, z. B. in seiner Firma, keinen vollen Einsatz mehr bringen, da er nur noch für das Gefühl lebt, das ihm das Heimatbild schafft. Der Autor setzt seine Figur sozusagen unter Drogen: die Droge

Heimat, die einen Moment Glückseligkeit verursacht aber immer fern von der Realität bleibt. Heimat und Heimweh befinden sich auf einer Ebene und sind fast nicht voneinander zu trennen.

Spricht Schami hier von Heimat, so meint er stets die Vereinigung der sozialen und territori­alen Heimat. Die Gastarbeiter sehnen sich nach den Familien, den Ehefrauen, Kindern, Müttern und Geschwistern, trotzdem spielt die territoriale Heimat eine ungewöhnlich große Rolle in dieser Geschichte: Schon der Titel zeigt die Wichtigkeit der spanischen Provinz Andalusien, die Gastarbeiter sprechen in der Kneipe von der Schönheit Spaniens und als Juan zum ersten Mal die Maschine testet, ist die Landschaft Andalusiens das Erste, was er sieht.

Von innerer Zerrissenheit geplagt und zwischen den Räumen gefangen gibt es für diese Figuren keinen Ausweg. Aufgrund der Armut, die in Spanien herrscht und des scheinbar unerträglichen Heimwehs, das die Gastarbeiter in der Fremde plagt, können sie hier und dort nicht existieren, sie sind gefangen in einer Welt, die unerträglich scheint. Die voll­kommene Zufriedenheit bietet sich den Gastarbeitern in dieser Geschichte nicht, da in ihrem Bewusstsein die Antagonismen Armut und Wohlstand, Heimat und Fremde, Familie und Einsamkeit keine Lösung bieten.

Besonders betroffen ist die Figur Ramon, die aufgrund der inneren Zerrissenheit nie eine vollkommene Zufriedenheit erreichen kann, da es für sie keine Alternative als die vor­handene Situation als Migrant gibt.

Die Sehnsucht nach der sozialen Heimat wird vom Autor sehr stark herausgestellt, jedoch bietet er keine Lösung für das Problem an. Die scheinbare Rettung, die Maschine gegen Heimweh, ist nur auf den ersten Blick eine hilfreiche Erfindung, schließlich bringt sie doch ein negatives Ende für die Freundschaft und das Leben der Gastarbeiter. Schami zeigt auf diese Weise, dass es nichts auf der Welt gibt - nicht einmal im Traum - was die Existenz in der Fremde erleichtert.

[...]


[1] Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit werden in dieser Arbeit ausschließlich männliche Bezeichnungen, wie Migrant, Gastarbeiter, Leser, Autor usw. verwendet, die sowohl die weibliche als auch die männliche Be­Zeichnung der Personen umfasst.

[2] Baasner, Rainer/Zens, Maria: Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. Eine Einführung. 2. über­arbeitete u. erweiterte Aufl., Berlin 2001, s. 228.

[3] Vgl. Bastian, Andrea: Der Heimat-Begriff. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung in verschiedenen Funkt¡- onsbereichen der deutschen Sprache. Tübingen 1995, s. 25.

[4] Vgl. Bastian, Heimat-Begriff, s. 43.

[5] Flusser, Vilém: Bodenlos: eine philosophische Autobiographie. Bensheim 1992, s. 260.

[6] Vgl. Bastian, Heimat-Begriff, s. 42.

[7] Flusser: Bodenlos, s. 252 f.

[8] Vilém Flusser wurde 1920 in Prag geboren. Auf der Flucht vor den Nazis emigrierte er erst nach London, einige Jahre später dann nach Brasilien. Nach fast zwanzig Jahren kehrte er zurück nach Europa, wo er zuerst in Frankreich, später in Deutschland lebte. (Vgl. Brockhaus multimedial 2006 premium)

[9] Flusser, Bodenlos, s. 260.

[10] Vgl. Flusser, Bodenlos, s. 257.

[11] Schiink, Bernhard: Fleimatals Utopie. Frankfurt am Main 2000, s. 32.

[12] Schlink, Heimat als Utopie, s. 5

[13] Ebd., s. 14f.

[14] In: Ackermann, Irmgard/ Weinrich, Harald: Eine nicht nur deutsche Literatur. Zur Standortbestimmung der ״Ausländerliteratur“. Munchen 1986, s. 13.

[15] z. B. in Zaimoglu, Feridun: Liebesmale Scharlachrot. Der Deutschtürke Serdar mach Urlaub in der Türkei, wo er von seinem Freund Baba mit ״Deutschländer“ angesprochen wird (S. 104). Oder in: Tekinay, Alev: Langer Urlaub, in: Die Deutschprüfung. Erzählungen. Frankfurt a. M. 1989. Eine Türkin macht Urlaub in der Türkei, ihrem Flerkunftsland, und wird von Marktschreiern auf deutsch angesprochen. Denen muss sie erklären, dass sie eigentlich eine Landsmännin und keine Deutsche ist. (S. 133).

[16] Fluntington, Samuel p.: Kampf der Kulturen. Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. (Spiegel Editi­on) Flamburg 2006, s. 198.

[17] Flusser, S.253 f.

[18] Vgl. Hamm, Horst: Fremdgegangen literatur. Würzburg 1988, s. 887

[19] Ebd., S. 90.

[20] Ebd. S.91.

[21] Vgl. Ebd., S.95.

[22] Ebd., s. 99.

[23] Ebd., S.100.

[24] Huntington, Kampf der Kulturen, S.85.

[25] Vgl. Ackermann/Weinrich, Eine nicht nur deutsche Literatur, s.22ff.

[26] Vgl. Hamm, Fremdgegangen - freigeschrieben, s. 55 ff.

[27] Vgl. Ebd., s. 96.

[28] Ebd., S.96.

[29] Karen Jóisten: Philosophie der Heimat - Heimat der Philosophie. Berlin 2003.

[30] Vgl. Ebd., s. 54 ff.

[31] Vgl. Bhabha, Homi к.: Die Verortung der Kultur. Deutsche Übersetzung von Michael Schiffmann und Jürgen Freudl. Tübingen 2000, s. 55ff.

[32] Chielino, Carmine (Hg): Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch. Stuttgart und Weimar 2000, s. 53.

[33] Reeg, Reeg Ulrike: Schreiben in der Fremde. Literatur nationaler Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland. Essen 1988.

[34] Rösch, Heidi: Migrationsliteratur im kulturellen Diskurs. Berlin 1998.

[35] Ebd., s. 2.

[36] Amodeo, Immacolata: ,Die Heimat heißt Babylon’. Zur Literatur ausländischer Autoren in der Bundesrepublik, Opladen 1996.

[37] Ebd., s. 31.

[38] Vgl. Schami, Rafik: Eine Literatur zwischen Minderheit und Mehrheit. In: Ackermann/Weinrich: Eine nicht nur

deutsche Literatur, s. 58.

[39] Ebd.M

[40] Vgl. Biondi/Schami: Literatur der Betroffenheit. In: Schaffernicht, Christian: Zuhause in der Fremde. Ein Aus­länder-Lesebuch. Reinbek bei Hamburg 1984, s. 136 ff.

[41] Vgl. Rösch: Migrationsliteratur im kulturellen Diskurs, s. 22.

[42] Vgl Biondi/Schami, Literatur der Betroffenheit, s. 137.

[43] Zaimoglu, Feridun: Kanak Sprak, s. 12. ״Kanak“ steht stellvertretend für die Zweite Generation der Gast­arbeiten

[44] Alle biografischen Angaben wurden Jooß, Erich (Hg)/ Schami, Rafik: Damals dort und heute hier, über Fremdsein. Wien 1998 und Rösch, Heidi: Migrationsliteratur im interkulturellen Kontext. Eine didaktische Studie zur Literatur von Aras ören, Aysel Özkan, Franco Biondi und Rafik Schami, Frankfurti992 entnommen.

[45] Jooß/ Schami, Damals dort und heute hier, S.28.

[46] Nach Angaben des Autors ist der Text 1979 entstanden, publiziert wurde er 1988 im Band: Die Sehnsucht fährt schwarz. Geschichten aus der Fremde. 4. Aufl., München 1993.

Ende der Leseprobe aus 105 Seiten

Details

Titel
Heimat und Fremde in deutschsprachiger Migrationsliteratur. Eine vergleichende Analyse der Ersten und Zweiten Generation
Hochschule
Universität Mannheim
Autor
Jahr
2007
Seiten
105
Katalognummer
V429052
ISBN (eBook)
9783668728622
ISBN (Buch)
9783668728639
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heimat, fremde, migrationsliteratur, eine, analyse, ersten, zweiten, generation, Sprache, Literatur, Migration
Arbeit zitieren
Franziska Herrmann (Autor), 2007, Heimat und Fremde in deutschsprachiger Migrationsliteratur. Eine vergleichende Analyse der Ersten und Zweiten Generation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429052

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