Die Sprechakttheorie nach Austin und Searle


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Sprechakttheorie
1.1 Austins Idee
1.2 Die Weiterentwicklung durch Searle

2. Searles Theorie der Sprechakte
2.1 Die Klassifikation der Illokutionsakte
2.2 Die Struktur illokutionärer Akte

3. Searles Konzept intentionaler Zustände

4. Verbindungen zwischen Sprechakten und intentionalen Zuständen

5. Das Problem der Bedeutung:

„Wie kommt man von der Physik zur Semantik?“

6. Intentionalität als Basis für Sprechakte:

„Wie kommt man vom Besitz intentionaler Zustände zum Vollzug konventional realisierter illokutionärer Akte?“

7. Bibliographie

1. Sprechakttheorie

Die Sprechakttheorie hat ihren Ursprung in der englischen Ordinary Language Philosophy. „Die Vertreter dieses philosophischen Ansatzes gehen davon aus, daß die traditionelle Philosophie an einer unklaren, überzüchteten und damit letztlich bedeutungslosen Sprache krankt.“[1] Aus diesem Grund konzentrierten sie sich darauf, das faktische Funktionieren der natürlichen Alltagssprache zu beschreiben. Als Begründer dieser Theorie gilt John L. Austin, der Anfang der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts die Idee entwickelte, dass wir mit bestimmten Äußerungen zugleich eine Handlung vollziehen, dass wir handeln, indem wir sprechen. Diesen Gedanken griff John R. Searle in der Folge auf und entwickelte Austins Theorie in entscheidenden Punkten weiter. Heute gilt er als einer der wichtigsten Wegbereiter und Vertreter der Sprechakttheorie.

Kernpunkt der Untersuchungen Searles ist die Auseinandersetzung mit der, wie er sie nennt, „gotthaften Form des Wortzaubers“[2]: gewisse Arten von Sprechakten, können nämlich bestimmte Sachverhalte dadurch herbeiführen, dass sie diese als herbeigeführt repräsentieren. „Wir können so zwar keine Eier braten, aber immerhin Sitzungen vertagen, zurücktreten, Brautleute zu Mann und Frau machen und Krieg erklären.“[3]

Der Handlungscharakter sprachlicher Äußerungen steht im Mittelpunkt der Sprechakttheorie. Ihr Hauptaugenmerk gilt dem Gebrauch von sprachlichen Formen in der Kommunikation. Wann immer wir kommunizieren sind wir bestrebt mit Hilfe eines Sprechaktes etwas mitzuteilen, darin liegt der Grund warum wir Sprache benutzen. Niemand sagt etwas, nur um Laute zu produzieren.

Die Theorie der Sprechakte konnte sich als eine eigenständige Teildisziplin der Linguistik etablieren.[4] Heute beschäftigt sie sich vor allem mit der Analyse der Bedingungen des Gelingens und Misslingens von Sprechakten und dem Zusammenhang von Äußerungen in einer bestimmten grammatischen Form mit dem Vollzug von Sprechhandlungstypen.

1.1 Austins Idee

John Austin stellte seine Theorie der Sprechakte Anfang der fünfziger Jahre in Vorlesungen an verschiedenen englischen und amerikanischen Universitäten der Öffentlichkeit vor. Nach seinem Tod entstand aus seinen Unterlagen und verschiedenen Mitschriften „How to do things with words“[5]. In seiner Theorie der Sprechakte geht es Austin darum zu zeigen, dass sich eine Analyse der Sprache nicht auf Sätze beschränken darf, die einen Sachverhalt beschreiben oder eine Tatsache behaupten und damit entweder wahr oder falsch sind. Vielmehr erfüllt die Sprache auch die Funktion Handlungen auszuführen. Äußerungen, wie ‚ Ich verspreche pünktlich zu sein.’ nennt Austin performativ, im Gegensatz zu konstativen, wie ‚ Es schneit.’. Um zu zeigen worin der Unterschied zwischen performativen und konstativen Äußerungen besteht untersuchte Austin, „was es alles bedeuten kann, daß etwas Sagen etwas Tun heißt; daß man etwas tut, indem man etwas sagt; ja daß man dadurch, daß man etwas sagt, etwas tut.“[6]

Die gesamte Sprechhandlung „»etwas zu sagen«“[7], als vollständige Einheit der Rede, nennt Austin, „den Vollzug eines lokutionären Aktes“[8]. Dieser lokutionäre Akt setzt sich aus drei Teilakten zusammen.[9] Der

phonetische Akt besteht aus dem Hervorbringen gewisser Geräusche. Der phatische Akt ist die Äußerung gewisser Worte, die einem bestimmten Wortschatz angehören, einer gewissen Grammatik folgen und eine bestimmte Intonation haben. Im rhetischen Akt werden diese Vokabeln verwendet um „über etwas mehr oder weniger genau Festgelegtes zu reden und darüber etwas mehr oder weniger genau Bestimmtes zu sagen.“[10] Demnach werden hier Sinn und Referenz festgelegt, welche, nach Austin, zusammen die Bedeutung ausmachen.

Das Produkt des phatischen Akts ist das Phem, eine sprachliche Einheit, deren typischer Fehler es ist, keine Bedeutung zu haben. Das Rhem, als das Produkt eines rhetischen Akts ist eine Einheit der Rede und „sein typischer Fehler ist, vage, leer, unklar und so weiter zu sein.“[11]

Neben dem Vollzug eines lokutionären Akts, beinhaltet laut Austin jeder Akt des Sprechens, „außer vielleicht eine bloße Exklamation wie Verflixt ! oder Au !“, auch den Vollzug eines illokutionären Akts. Dieser wird vollzogen, „indem man etwas sagt“[12]. Welcher Illokutionsakt vorliegt, wird dadurch bestimmt, wie ein Sprecher die Lokution gebraucht; stellt der Sprecher zum Beispiel eine Frage, informiert oder warnt er, oder äußert er eine Absicht. Die Funktion, welche die Sprache beim Vollzug eines Illokutionsakts hat, bezeichnet Austin als Illokutionskraft. Dabei ist ihm „die Unterscheidung zwischen Illokutionskraft und Bedeutung [...] genauso wichtig wie die zwischen Sinn und Referenz innerhalb der Bedeutung.“[13]

Neben dem Lokutionsakt, dass wir etwas sagen, und dem Illokutionsakt, indem wir etwas sagen, unterscheidet Austin außerdem den Perlokutionsakt. Dieser kommt „dadurch zustande, daß wir etwas sagen“[14]. Ein Sprechakt ist perlokutionär, insofern er „gewisse Wirkungen auf die Gefühle, Gedanken oder Handlungen des oder der Zuhörer, des Sprechers oder anderer Personen“[15] ausübt. Fast jeder Perlokutionsakt kann, wenn die Umstände speziell genug sind, absichtlich oder unabsichtlich mittels jeder beliebigen Äußerung ausgelöst werden. Doch zum einen ist die Zahl, der durch eine bestimmte Äußerung vollziehbaren Illokutionsakte, durch die Konvention der Illokutionskraft beschränkt, zum anderen gehört es notwendigerweise auch immer zum Vollzug eines Illokutionsakts, dass man verstanden wird.[16]

Austin löste mit seiner Theorie der Sprechakte eine umfangreiche Debatte aus. Viele Sprachphilosophen beschäftigten sich mit dieser Idee. Eine tatsächliche Weiterentwicklung erfuhr die Sprechakttheorie aber vor allem durch John R. Searle.

1.2 Die Weiterentwicklung durch Searle

John Searle baute auf Austins Gedanken auf, er übernahm die Idee, dass mit Worten auch gehandelt wird und dass jede sprachliche Äußerung, jeder Sprechakt, neben einer begrifflichen, propositionalen Seite auch eine performative Seite aufweist. Darum ist die Grundeinheit der sprachlichen Kommunikation nicht, „wie allgemein angenommen wurde, das Symbol, das Wort oder der Satz, [...] sondern die Produktion oder Hervorbringung des Symbols oder Wortes oder Satzes im Vollzug des Sprechaktes.“[17]

Die Trennung zwischen der Untersuchung von Satzbedeutung und Sprechakten hält Searle für unangemessen, da jeder Satz, der eine Bedeutung hat, aufgrund seiner Bedeutung verwendet werden kann, um einen Sprechakt zu vollziehen, und da jeder mögliche Sprechakt im Prinzip als Satz oder Reihe von Sätzen formuliert werden kann. Es handelt sich „bei der Untersuchung der Bedeutung von Sätzen und bei der Untersuchung der Sprechakte nicht um zwei voneinander unabhängige Untersuchungen, sondern um eine Untersuchung unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten.“[18]

Bei seinem Anliegen eine Theorie der Sprache zu entwickeln beschränkte er sich nicht nur auf die Analyse von Sprechakten, sondern er beschäftigte sich auch eingehend mit dem Problem der Intentionalität und intentionalen Zustände, denn so Searle:

„Das Vermögen von Sprechakten, Gegenstände und Sachverhalte in der Welt zu repräsentieren, ist eine Erweiterung des biologisch fundamentaleren Vermögens des Geistes (bzw. Hirns), den Organismus mit Hilfe von Geisteszuständen wie Überzeugungen und Wünschen, insbesondere aber mittels Handlung und Wahrnehmung zur Welt in Beziehung zu setzen. [...] Aus diesen Gründen verlangt jede vollständige Theorie des Sprechens und der Sprache auch eine Theorie darüber, wie der Geist bzw. das Hirn den Organismus zur Wirklichkeit in Beziehung setzt.“[19]

Im folgenden soll sowohl seine Sprechaktanalyse, als auch seine Darstellung zur Intentionalität näher betrachtet werden.

2. Searles Theorie der Sprechakte?

„Die Produktion oder Hervorbringung eines Satzzeichens unter bestimmten Bedingungen stellt einen Sprechakt dar, und Sprechakte (bestimmter, später zu erklärender Art) sind die grundlegenden oder kleinsten Einheiten der sprachlichen Kommunikation.“[20] Mit jedem Sprechakt vollzieht ein Sprecher, laut Searle, gleichzeitig verschiedene Akte[21]:

Erstens umfasst jeder Sprechakt einen Äußerungsakt, denn er geht einher mit der Äußerung von Worten oder Sätzen. Zweitens enthält jeder Sprechakt einen Bezug der Wörter auf bestimmte Objekte, also Referenz

und Prädikation. Dieser Propositionsakt ist eine Aussage über die Welt, die wahr oder falsch sein kann. Drittens wird ein illokutionärer Akt vollzogen, indem der Sprecher etwas behauptet, fragt, befiehlt, verspricht usw. Der illokutionäre Akt ist die Redeabsicht oder die Intention eines Sprechers, eine kommunikative Wirkung auf den Hörer auszuüben. Ob der illokutionäre Akt glückt, hängt davon ab, ob der Angesprochene die Intention des Sprechers, das heißt die intendierte Funktion des Sprechaktes erkennt oder nicht. Während Äußerungsakte also einfach in der Äußerung von Wortreihen bestehen, sind illokutionäre und propositionale Akte „dadurch charakterisiert, daß Wörter im Satzzusammenhang, in bestimmten Kontexten, unter bestimmten Bedingungen und mit bestimmten Intentionen geäußert werden.“[22]

[...]


[1] Hindelang, Götz: Einführung in die Sprechakttheorie. Tübingen 1983. (Germanistische Arbeitshefte 27), S. 1.

[2] Searle, John R.: Intentionalität: Eine Abhandlung zur Philosophie des Geistes. Frankfurt a. M. 1987, S. 222.

[3] Ebd., S. 222f.

[4] Vgl.: Hartmann, Dirk: Konstruktive Sprechakttheorie. In: Preyer, G., Maria Ulkan und Alexander Ulfig. (Hrsg.): Intention – Bedeutung – Kommunikation. Kognitive und handlungstheoretische Grundlagen der Sprachtheorie. Opladen 1997, S. 228.

[5] Austin, John L.: How to do things with words. Oxford 1962. Deutsche Bearbeitung von E. v. Savigny: Zur Theorie der Sprechakte. Stuttgart 1979.

[6] Ebd., S. 112.

[7] Ebd., S. 112.

[8] Ebd., S. 112.

[9] Vgl.: ebd., S. 112f.

[10] Ebd., S. 113.

[11] Ebd.; S. 115.

[12] Ebd., S. 117.

[13] Cohen, L. J.: Sprechakte. In: Kußmaul, P. (Hrsg.): Sprechakttheorie: Ein Reader. Wiesbaden 1980. (Schwerpunkte Linguistik und Kommunikationswissenschaft, Bd. 17), S. 11.

[14] Austin, John L.: How to do things with words. Oxford 1962. Deutsche Bearbeitung von E. v. Savigny: Zur Theorie der Sprechakte. Stuttgart 1979, S. 126.

[15] Ebd., S. 118.

[16] Vgl.: Cohen, L. J.: Sprechakte. In: Kußmaul, P. (Hrsg.): Sprechakttheorie: Ein Reader. Wiesbaden 1980. (Schwerpunkte Linguistik und Kommunikationswissenschaft, Bd. 17), S. 12.

[17] Searle John R.: Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay. Frankfurt a.M. 1983. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 458), S. 30.

[18] Ebd., S. 33.

[19] Searle, , John R.: Intentionalität: Eine Abhandlung zur Philosophie des Geistes. Frankfurt a. M. 1987, S. 9.

[20] Searle John R.: Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay. Frankfurt a.M. 1983. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 458), S. 30.

[21] Vgl.: ebd., S. 40f.

[22] Ebd., S. 41f.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Sprechakttheorie nach Austin und Searle
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Veranstaltung
Intentionalität und Sprache
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V42914
ISBN (eBook)
9783638408288
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprechakttheorie, Austin, Searle, Intentionalität, Sprache
Arbeit zitieren
Carolin Damm (Autor), 2005, Die Sprechakttheorie nach Austin und Searle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42914

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