Die Epoche des Sturm und Drang als Gegenstand des Literaturunterrichts

Entwurf eines Stundenmodells zur Einführung der Epoche in der 11. Klasse der gymnasialen Oberstufe


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
29 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Lehrplanbezug

II) Sachanalyse

III) Didaktische Analyse
3.1 Umsetzung der didaktischen Leitlinien für den Literaturunterricht
3.2 Lernziele für die Unterrichtsstunde
3.3 Vorüberlegungen bezüglich der Methoden und Medienauswahl

IV) Unterrichtsverlauf

V) Artikulationsschema

VI) Materialien
M 1 OHP-Folie Einstieg:
M 2 Arbeitsblatt:
Gruppe 1:
M 3/1 Die griechische Sagengestalt Prometheus
M 3/2 Johann Wolfgang von Goethe: Prometheus (1774)
Gruppe 2:
M 4/1 Die griechische Sagengestalt Ganymed
M 4/2 Johann Wolfgang von Goethe: Ganymed (1774)
M 4/3 Johann Wolfgang von Goethe: Prometheus (1774)
Gruppe 3:
M 5/1 Literaturwissenschaftliche Einführung
M 5/2 Schematische Epochendarstellung
Gruppe 4:
M 6/1 Friedrich Schiller: Kabale und Liebe (1784)

VII) Quellen- und Literaturverzeichnis

I) Lehrplanbezug

Der hier vorliegende Unterrichtsentwurf ist als Doppelstunde für die 11. Klasse des bayeri- sehen Gymnasiums konzipiert. Aufgrund der Lehrplanvorgaben[1] ist die Epoche des Sturm und Drang, welche Gegenstand des hier vorgestellten Unterrichtsentwurfes ist, in dieser Jahrgangsstufe zu behandeln. Dabei wird vor allem die Differenzierung zu der parallel verlaufenden Strömung der Aufklärung berücksichtigt. Diese Forderung soll durch einen Rückgriff auf die bereits behandelte Epoche der Aufklärung umgesetzt werden. Kontinuí- täten und Unterschiede werden den Schülern daher durch einen Epochenvergleich beson­ders deutlich gemacht. Eine Auswahl verschiedener Textarten und Gattungen, die durch die Schüler in 4 Gruppen erarbeitet werden, bewirkt einen breit gefächerten Einblick in das Weltbild dieser Strömung. Die Texte werden von den Schülern selbst anhand einiger Leit­fragen erarbeitet, wodurch der Forderung nach ״zunehmend selbstständigem“ Arbeiten Rechnung getragen wird. Die Auswahl der zu bearbeitenden Texte umfasst sowohl Primär­als auch Sekundärliteratur, wodurch die Schüler einen multiperspektivischen Zugriff auf die Inhalte, Merkmale und Eigenheiten der Epoche erhalten. Anhand der Sachtexte sind die Schüler befähigt, das gezielte Exzerpieren von Informationen aus einem literaturwis­senschaftlichen Text zu üben. Auf der Gegenseite arbeiten die anderen Gruppen mit lyri- sehen und dramatischen Primärtexten der Strömung. Aufgrund dieser vielfältigen Textauswahl wird die Lehrplanvorgabe berücksichtigt, die Epoche aus der Sicht verschie­dener Gattungen - besonders Sachtext, Drama und Lyrik - zu untersuchen. Durch die Prä­sentation der Ergebnisse der Gruppenarbeit müssen die Schüler zudem ״begründet Stellung zu den dargestellten Themen [...] und der zum Ausdruck kommenden Weitsicht“[2] bezie­hen, was nebenbei auch die Präsentationskompetenz schult. Die Stunde endet schließlich mit einer affektiven Aktualisierung des Themas, wodurch den Schülern ein Anknüpfungs­punkt an die eigene lebensweltliche Situation geboten wird.

Daraus ergibt sich, dass anhand dieser Unterrichtsstunde bereits eine Vielzahl der Lehr­Planvorgaben für den Epochenunterricht zum Thema Sturm und Drang berücksichtigt wer­den können.

II) Sachanalvse

Bei der fachlichen Analyse der Literaturepoche des Sturm und Drang fallt zunächst auf, dass ganz besonders bei dieser Strömung eine zeitlich klare Abgrenzung schwer fallt. Jedes der fachwissenschaftlichen Einführungswerke wählt eine andere zeitliche Begrenzung. Besonders eine Endmarkierung zu finden, erscheint schwierig. Die schillerschen Dramen bilden jedoch in den meisten Darstellungen den Abschluss der Epoche.[3] Für das Unter­richtskonzept wurde die Eingrenzung von 1765 bis 1780/4 gewählt.[4] Des weiteren ist der Sturm und Drang eine Epoche, die auch immer im Zusammenhang und Vergleich mit der Epoche der Aufklärung und der Empfindsamkeit betrachtet wird. Diese drei literarischen Strömungen können - diese Auffassung vertritt seit den 1960er Jahren auch die Literatur- wissenschaft[5] - nur durch den Vergleich miteinander sinnvoll verstanden und abgegrenzt werden. Aus diesem Grund widmen sich literaturwissenschaftliche Abhandlungen in den meisten Fällen mindestens zweien dieser Epochen in ein und demselben Band. Diese Her­angehensweise, welche zudem lehrplankonform ist (vgl. I), soll sich auch im Unterricht widerspiegeln.[6] Dabei muss besonders darauf geachtet werden, dass entgegen der Ausie- gung älterer Schulbücher und Einführungswerke eine pauschalisierende Abgrenzung der Rationalität der Aufklärung von der Emotionalität des Sturm und Drang vermieden wird.[7] Diese beiden Epochen, die zeitlich parallel zu einander verliefen, weisen neben grundle­genden Differenzen zugleich einige deutliche Kontinuitäten auf. Die jungen Dichter des Sturm und Drang griffen bei ihrem literarischen Konzept auf bereits bestehende Ansätze und Anschauungen aus der geistigen Strömung zurück, die heute als Aufklärung bezeich­net wird. Die Vorstellung der Gleichzeitigkeit von Epochen - das sich überlappende Epo­chenmodell - lässt sich also anhand von Aufklärung sowie Sturm und Drang besonders gut verdeutlichen.

Bei der Auswahl der Texte war besonders darauf zu achten, dass diese trotz ihrer Kürze die wesentlichen Charakteristika der Epoche verständlich zum Ausdruck bringen. Die Wahl von Goethes Gedichtduo Prometheus und Ganymed, das um 1774 entstand, ist bedingt durch die Gegensätzlichkeit der beiden Texte. Beide verwenden antike Sagengestalten, um ihre Inhalte zu transportieren. Während im Prometheus der schöpferische Geniegedanke besonders betont wird, so stehen im Ganymed die uneingeschränkten Emotionen im Vor­dergrund, die so weit reichen, das Versmaß aufzuheben. Beide Texte bilden einen Gegen­pol zueinander, doch ergänzen sie sich dadurch zu einer notwendigen Gesamtanschauung.[8] Bereits Goethe bestand stets darauf, beide Texte immer zusammen zu veröffentlichen.

Als dramatischer Text wurden ein Auszug aus der fünften Szene des 1. Aktes und ein Ab­schnitt aus der vierten Szene des 3. Aktes von Schillers bürgerlichem Trauerspiel ״Kabale und Liebe“ gewählt. Es äußert als Novum seiner Zeit scharfe Kritik an den sozialen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten im ausgehenden 18. Jahrhundert. Schiller dekonstruiert in seinem Stück das Göttliche und ersetzt es durch Konflikte innerhalb des Ständesystems.[9] Beide gewählten Auszüge verdeutlichen das innerständische Dilemma, in dem sich die Emotionen der Liebenden verfangen haben, besonders deutlich. Der Dramenauszug betont vor allem den zeithistorischen Rahmen der Epoche und wurde deshalb gewählt.

Die Wahl eines literaturwissenschaftlichen Textes fiel auf die Einführung von Matthias Buschmeier und Kai Kauffinann, deren kurze Einführung in die Epoche, die am Beginn ihres Werkes[10] steht, einen sehr gelungenen Einstieg in die Theorie leistet. Der Text klärt vor allem die Hintergründe, die durch die Primärtexte nicht ergründet werden können. So wird beispielsweise Friedrich Maximilian Klingers Werk ״Sturm und Drang“ (urspr. ״Wirrwarr“) als namensgebend für die Epoche genannt. Weiterhin leistet der Text die Problematisierung von Epochengrenzen.

Ergänzend dazu soll durch die schematische Epochendarstellung von Reinhard Linden- hahn[11] die Gleichzeitigkeit von Epochen besonders übersichtlich veranschaulicht werden. Er berücksichtigt in seinem Zeitstrahlmodell von 1730 bis 1810 die maßgeblichen Werke einer jeden Epoche und grenzt anhand dieser die Strömungen voneinander ab, zeigt aber vor allem ihren zueinander parallelen Verlauf ab. Ebenfalls visualisiert er, dass viele Dich­ter nicht nur im Sinne einer Strömung aktiv waren, sondern dass sie sich entwickelt haben, wodurch ihr Gesamtwerk nicht einer einzigen Epoche zuzuschreiben ist. In Kombination mit dem Einführungstext von Buschmeier/Kauffmann kann so der Einblick vermittelt wer­den, dass Epochen und deren zeitliche Begrenzung ein durch die Literaturwissenschaft im Nachhinein angefertigtes Konstrukt ist, das der Verständigung und Orientierung dient.

Die möglichen Ergebnisse der Schüler zu den Aufgaben wurden in beispielhaften fiktiven Antworten in Material M 2 antizipiert.

III) Didaktische Analyse

3.1 Umsetzung der didaktischen Leitlinien fìir den Literaturunterricht

Zunächst soll heraus gesteht werden, inwiefern die hier vorgestellte Unterrichtsstunde den Leitlinien und Forderungen eines modemen Literaturunterrichts genügt.

Zunächst einmal wird den Schülern anhand der Sachtexte und der schematischen Epo­chendarstellung veranschaulicht, dass Epochen ein wissenschaftliches Konstrukt sind, das der Untergliedemng von und der Verständigung über Literatur dient. Diese Epochengren­zen können auf unterschiedliche Begründungen zurückzuführen sein (kulturell, literarisch, historisch, sozial) und sind damit nicht einheitlich. Fernerhin werden Epochen als einander überlappende Strömungen dargesteht, die nicht chronologisch aufeinander folgen, sondem einander wechselseitig beeinflussen. Dies kann durch den Zusammenhang zwischen Auf- klämng sowie Sturm und Drang besonders eindrucksvoll gelingen, da die Charakteristika der Aufklärung bereits als bekannt vorausgesetzt werden können und somit ein erkenntnis­bringender Vergleich mit dem Sturm und Drang möglich ist.

Die ausgewählten Primärtexte hingegen ermöglichen den Schülern ein unvoreingenomme­nes Erfahren und Erforschen einer neuen Epoche. In Arbeitsgmppen sollen die Schüler, nur durch Leitfragen unterstützt, eigene Erfahmngen an den Texten machen und daraus ihre Ergebnisse ableiten. Die Fragen zielen nicht auf vorgefertigte Epochenmerkmale ab, sondern helfen den Schülern lediglich, einen Zugang zu den Texten zu finden und geben Ansätze für die Inhalte der Präsentation vor. In der anschließenden Sichemngsphase ist von der Lehrkraft besonders darauf zu achten, die Schülerantworten möglichst unverändert aufzunehmen und nicht hinsichtlich kanonisierter Epochenmerkmale umzuformulieren, da dies den induktiven Zugang zunichte machen würde.

Den Abschluss der Stunde soll eine affektive produktionsorientierte Aufgabenstellung bil­den, die den Schülern den Einblick in das Denken und Fühlen der Stürmer und Dränger näher bringen soll. Die Reflexion über eine eigene Phase des Sturm durch die Schüler kann das Verständnis für das Umdenken von der Aufklärung hin zum Sturm und Drang erleich- tem und erklären, wodurch sich Epochen - die geistigen Vorstellungen einer Zeit - wan­dein. Durch die aufstrebenden jungen Dichter und Denker der 1770er Jahre wandelte sich auch der literarische Charakter. Die erarbeiteten Motive, Denkweisen und Gefühle können den Schülern durch die Aktualisierung näher gebracht werden, sodass durch die Möglich­keit, darüber zu reflektieren, ein besseres Verständnis für literarisches Schaffen und das Entstehen geistig-literarischer Strömungen bewirkt wird. Mithilfe eines Vergleiches ihrer eigenen Wahrnehmung mit derjenigen von Mitschülern werden den Schülern Gemeinsam­keiten deutlich, die auch in der Literatur ausschlaggebend sind für das sich Herausbilden textübergreifender Merkmale, die von verschiedenen Autoren einer Zeit rezipiert wurden.

3.2 Lemziele fìir die Unterrichtsstunde

Da die Stunde den Übergang zwischen der Aufklärung, die bereits behandelt wurde und dem Sturm und Drang ist, werden bereits erarbeitete Merkmale der Aufklärung als bekannt vorausgesetzt. Mittels des Vergleiches des bereits Bekannten mit einer neuen Epoche sol­len die Schüler aber nun ihr bisheriges Wissen über die Aufklärung wiederholen und festi­gen.

Nach der selbstständigen Erarbeitung der Wesenszüge der neuen Epoche sollen die Schüler lernen, zwei Strömungen miteinander zu vergleichen, Parallelen zu entdecken sowie Inno­vationen herauszustellen. Die erarbeiteten Merkmale sollen dabei durch die Schüler auf eigenständige Art und Weise formuliert werden. Weiterhin leistet der Vergleich der beiden Epochen den Einblick in die Gleichzeitigkeit von literarischen Strömungen, die auf diese Weise von den Schülern erfasst werden soll. Epochen werden dadurch als ineinandergrei­fende und sich gegenseitig beeinflussende Strömungen begriffen, die offene Grenzen auf­weisen. Es wird verdeutlicht, dass Texte durchaus Merkmale zweier oder mehrerer Epo­chen tragen können, wodurch die Einsicht in die Gleichzeitigkeit und den Übergang von Epochen noch einmal unterstrichen wird.[12] Es soll veranschaulicht werden, dass Litera­turepochen nachträgliche Konstrukte sind, die aufgrund ähnlicher, autorenübergreifender Merkmale, Texte einer Epoche zuordnen.

Die Schüler sollen neben dem Vergleich mit der Aufklärung natürlich in erster Linie die wesentlichen Grundgedanken des Sturm und Drang erarbeiten und aus multiperspektivi­scher Sicht betrachten lernen. Dies kann durch die Auswahl zweier bekannter Gedichte und eines Dramenauszuges gewährleistet werden. Weiterhin wird den Schülern durch ei­nen Sachtext und eine Epochendarstellung ein Einblick in literaturwissenschaftliche Theo­rie vermittelt.

Zudem üben die Schüler das weitgehend selbstständige Exzerpieren relevanter Informatio­nen aus Sachtexten oder die eigenständige Interpretation und Analyse von Primärtexten. In einem weiteren Schritt sollen sie diese neu gewonnenen Aspekte bündeln und zu Thesen ausarbeiten, die eine Präsentation der Ergebnisse ermöglichen.

Die Stunde endet mit einer Aktualisierung des Erarbeiteten. Dieser affektive Stundenab­Schluss soll es den Schülern möglich machen, ihre eigenen Erfahrungen mit den geistigen Vorstellungen des Sturm und Drang zu vergleichen und auf diese Weise einen Zugriff auf die Literatur der Epoche und einen Einblick in das Weltbild der Zeit zu erhalten.

Somit deckt diese Unterrichtsstunde besonders kognitive und instrumentelle, durch die Aktualisierung aber auch ein affektives Lemziel ab.

3.3 Vorüberlegungen bezüglich der Methoden und Medienauswahl

Die Unterrichtsstunde basiert darauf, dass sie direkt an die letzte Stunde der Sequenz zur Strömung der Aufklärung anschließt, so dass die erlernten Inhalte den Schülern noch ge­läufig sind. Auf diese Weise bietet sich ein kontrastiver Einstieg an, der den Sturm und Drang zunächst als ambivalentes Gegenstück zur Aufklärung inszeniert. Dies geschieht durch ein auf dem OHP projiziertes Zitat Immanuel Kants, dem eine Aussage Johann Georg Hammans entgegen gestellt wird (Material Ml). Während Kant den Verstand - die ratio - betont, so stellt Hamman - als Vertreter des Sturm und Drang - diesem die Emotion als zu bevorzugende Variante gegenüber. Dieser zunächst absolut erscheinende Gegensatz, der bei den Schülern den Eindruck erwecken soll und wird, dass die beiden Epochen sich gegenseitig ausschließende Pole darstellen, soll gegen Ende der Stunde durch einen kon­trastiven Vergleich abgemildert und relativiert werden.

Daran anschließend sollen die Schüler in Partnerarbeit die zentralen Merkmale der Aufklä­rung noch einmal sammeln und auf dem durch die Lehrkraft bereit gestellten Arbeitsblatt M 2[13] fixieren. Dafür stehen den Schülern sämtliche Unterlagen aus der abgeschlossenen Sequenz zur Aufklärung zur Verfügung. Dieses Arbeitsblatt dient in der 2. Sicherungspha­se der Gegenüberstellung mit den neu erarbeiteten Charakteristika des Sturm und Drang. Mithilfe der beiden Spalten können in einem weiteren Schritt die Gegensätze und die Pa­rallelen optisch verdeutlicht werden. Die Formulierung eines Fazits ist ebenfalls auf M 2 vorgesehen.

Um einen möglichst multiperspektivischen Zugriff auf die neue Epoche gestalten zu kön­nen, bildet eine Gruppenarbeitsphase in 4 Expertengruppen den Schwerpunkt der Stunde. Die Gruppen untersuchen jeweils anhand ihnen zugeteiher Materialien (M3-M6), besonde­re Aspekte der Epoche. Die Wahl der verschiedenen Texte wurde bereits hinreichend be­gründet. Ziel dieser Arbeitsphase ist es, dass die Gruppen anhand einiger Leitfragen[14] zent­rale Aspekte ihres Textes selbstständig erschließen. Jede Gruppe hat drei bis fünf Fragen zu beantworten. Diese Anzahl mag zunächst angesichts der Zeit zu hoch erscheinen, doch ist sie durch die Auswahl von nur 4 Expertengruppen zu erklären.[15] Wäre die Anzahl der Gruppen größer, so wäre eine Präsentation der Ergebnisse nicht möglich.

In einer weiteren Sicherungsphase werden die Resultate in 5-minütigen Vorträgen thesen­artig präsentiert.[16] Auf diese Weise profitiert die ganze Klasse von den Erkenntnissen jeder Gruppe. Um die Präsentationen ansprechend gestalten zu können, stehen den Gruppen die zentralen Inhalte (M3/2, M4/2, M5/2 und M6) immer auch als OHP-Folie zur Verfügung. Dadurch haben die Schüler die Möglichkeit, Textstellen hervorzuheben und Schlüsselzitate zu betonen. Außerdem können und sollen natürlich die übrigen medialen Möglichkeiten des Klassenzimmers genutzt werden. Die Ergebnisse der Präsentationen werden durch die Schüler eigenständig mitgeschrieben.

Die 2. Sicherungsphase basiert erneut auf dem Arbeitsblatt M 2, welches nach Abschluss der Präsentationen die Merkmale beider Epochen in 2 Spalten beinhaltet. Die Gegenüber­Stellung der Charakteristika erlaubt es den Schülern nun, die ursprüngliche Auffassung von absoluter Polarität der beiden Epochen zu relativieren, indem Parallelen sichtbar gemacht werden. Dafür eignen sich beispielsweise Pfeile, die Kontinuitäten zwischen den beiden Strömungen grün und Gegensätze rot markieren. Die Innovationen des Sturm und Drang bleiben dabei unmarkiert, was sie als Novum hervorhebt. Abschließend bietet das Arbeits­blatt noch den Platz, um ein Fazit bezüglich der Epocheneingrenzung im Allgemeinen und im Speziellen zu vermerken. Bei allen Formulierungen soll, wie bereits erwähnt, der Wort­laut der Schüler weitestgehend übernommen werden, um nicht vorgefertigte Epochen­merkmale fernab der erarbeiteten Schülerleistungen zu vermitteln.

IV) Unterrichtsverlauf

Der Einstieg in die Doppelstunde gelingt auf extrinsische Art und Weise, indem der den Schülern bekannte Wahlspruch der Aufklärung ״Sapere aude“ (Immanuel Kant) mit einem ihnen unbekannten Zitat Johann Georg Hammans kontrastiert wird. Während die Schüler Zeit haben zu lesen, verteilt die Lehrkraft bereits das Arbeitsblatt M 2. Anschließend leitet die Lehrkraft in das Thema ein, indem sie darauf verweist, dass in den letzten Unterrichts­stunden die Epoche der Aufklärung besprochen wurde. ״Wie allen bekannt ist dauerte die Aufklärung bis etwa 1795 an, was jedoch nicht bedeutet, dass es vor dem Ende des 18. Jahrhunderts keine weiteren Strömungen gegeben hat. Vielmehr entwickelten sich parallel zur Aufklärung weitere Literaturepochen. Wir wollen uns heute mit der Strömung beschäf­tigen, die vor allem durch ihre jungen Dichter und Denker und deren teils revolutionäre Vorstellungen geprägt ist: dem Sturm und Drang. Unser Ziel wird es heute sein, diese neue Epoche in ihren grundlegenden Merkmalen zu erarbeiten und zu verstehen, um in einem weiteren Schritt untersuchen zu können, inwiefern sich der Sturm und Drang von der uns bereits bekannten Aufklärung abhebt.“[17]

Jetzt kann die Frage nach dem Gegensatz der beiden Zitate gestellt werden. Die Schüler werden schnell die Polarität zwischen Verstand und Gefühl erkennen. Diese beiden zentra­len Begriffe werden alsdann auf M 2 fixiert. Sie bilden die Basis für das Fazit der Stunde, das diesen absoluten Gegensatz relativieren wird.

Nun sollen die Schüler in Partnerarbeit noch einmal die charakteristischen Wesenszüge der Aufklärung anhand ihrer Unterlagen sammeln und in der linken Spalte des Arbeitsblattes M 2 thesenartig fixieren.

In einer daran anschließenden Sicherungsphase werden die Antworten der Schüler in ei­nem Unterrichtsgespräch aufgegriffen und von der Lehrkraft auf einer OHP-Folie des Ar­beitsblattes M 2 gesammelt, so dass die Schüler ihre Ergebnisse ergänzen und gegebenen­falls korrigieren können.

Ausgehend von dieser Wiederholung knüpft der Lehrer nun die Überleitung zur Einfüh­rung der neuen Epoche. ״Wir wissen jetzt bereits eine Menge über die Aufklärung und haben anhand der beiden Zitate festgestellt, dass es wohl grundlegende Differenzen zum Sturm und Drang geben muss. Um aber die literarische Strömung dieser Zeit besser ver­stehen zu können, teilen wir uns nun in vier Expertengruppen auf, die sich anhand unter-

[...]


[1] http://www.isb-gym8-lehrplan.de/contentserv/3.1.neu/g8.de/index.php?StoryID=26211

[2] Ebd.

[3] Die Räuber erschien 1781, Fiesco 1783 und Kabale und Liebe 1784.

[4] Die Entscheidung ist darin begründet, dass Schillers Drama Kabale imd Liebe den Abschluss seiner Schaf­fensperiode dieser Epoche markiert.

[5] Vgl. Buschmeier, Matthias; Kauffmann, Kai (Hrsg.): Sturm und Drang. Epoche, Autoren, Werke, Darm­Stadt 2013, s. 7ff.

[6] Vgl. dazu: Buschmeier, Matthias; Kauffmann, Kai: Einführung in die Literatur des Sturm und Drang imd der Weimarer Klassik, Darmstadt 2010.

Kaiser, Gerhard: Aufklärung. Empfindsamkeit. Sturm imd Drang, Tübingen 20076.

Sauder, Gerhard (Hrsg.): Theorie der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, Stuttgart 2003.

[7] Vgl. Kaiser 2007, s. 177f.

[8] Vgl. Kaiser 2007, s. 200f.

[9] Vgl.Kaiser 2007, s. 287ff.

[10] Buschmeier, Kauffinann 2010, s. 7.

[11] Lindenhahn, Reinhard: Sturm und Drang - Texte, Übungen, Berlin 1996. (Auf der Rückseite des Covers ab gedruckt.)

[12] Dies wird vor allem durch die Darstellung M 5/2 geleistet, in der Goethe und Schiller als Autoren des Sturm und Drang und der Klassik auftauchen, zum anderen aber auch durch die erarbeiteten, auf M 2 fixier­ten, Kontinuitäten zwischen Aufklärung und Stium und Drang.

[13] Das Arbeitsblatt enthält zu Beginn nur die schematische Einteilung in die beiden Epochen, die mit ״Auf- klärung“ und ״Sturm imd Drang" überschrieben sind. Die antizipierten, fiktiven Schülerantworten wurden in kursiver Schrift dargestellt. Alternativ kann diese Aufteilung auch für einen Tafelanschrieb verwendet wer­den.

[14] Die Leitfragen dienen der Orientierung und geben einen Ansatz für die Herangehensweise an den Text vor. Die Schüler erarbeiten anhand der präzise formulierten Arbeitsaufträge selbstständig die Merkmale des Tex­tes.

[15] Diese wird den Schülern ausdrücklich nahegelegt und ist auf jeder Arbeitsanweisung noch einmal ver­merkt.

[16] Jede Gruppe findet auf ihren Materialien eine eindeutige Zielvorgabe für das Ergebnis der Gruppenarbeit. Siehe M 3, M 4, M 5, M 6. Dies verhindert Unklarheiten und ermöglicht den Schülern ein zielgerichtetes Arbeiten.

[17] Die Gelenkstellen imd Arbeitsaufträge sind weitestgehend in direkter Rede formuliert, um sie eindeutig ausdrücken zu können.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Epoche des Sturm und Drang als Gegenstand des Literaturunterrichts
Untertitel
Entwurf eines Stundenmodells zur Einführung der Epoche in der 11. Klasse der gymnasialen Oberstufe
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
29
Katalognummer
V429181
ISBN (eBook)
9783668727847
ISBN (Buch)
9783668727854
Dateigröße
2708 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sturm und Drang, Goethe, Schiller, Prometheus, Ganymed, Genie, Didaktik, Deutschdidaktik, Literaturrunterricht, Literaturdidaktik, Lernziele, Epoche, Epochenunterricht, Konstruktcharakter, Gruppenarbeit, Selbsttätiges Lernen
Arbeit zitieren
Cornelius Eder (Autor), 2014, Die Epoche des Sturm und Drang als Gegenstand des Literaturunterrichts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429181

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