Die antisemitische Prägung der Zensur von "Anders als die Anderen" (1919)


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Vorgeschichte
2.1. Richard Oswald und Magnus Hirschfeld
2.2. Die Welle der »Sitten- und Aufklärungsfilme«

3. Von der Premiere bis zum Verbot
3.1. Die ersten Vorführungen
3.2. Die Zunahme der Proteste
3.3. Die Rolle des Prof. Dr. Karl Brunners
3.4. Die Wiedereinführung der Filmzensur und das Verbot von Anders als die anderen

4. Der verschollene Film

5. Abschließende Bemerkung

1. Einleitung

Auch wenn die Wahl des Filmtitels im Jahre 1919 vermutlich hauptsächlich thematisch begründet war, entspricht der Titel aus heutiger, filmhistorischer Perspektive auf verschiedensten Ebenen dem Film und seiner Geschichte. Denn Anders als die anderen von Richard Oswald war nicht nur der erste Film, der das Thema Homosexualität und den damit zusammenhängenden Paragraphen 175 offen und vor allem kritisch behandelte[1], sondern auch derjenige, der in dem einzigartigen Zeitfenster ohne Filmzensur zu Beginn der Weimarer Republik (November 1918 bis Juni 1920) vermutlich für das meiste Aufsehen sorgte. Gleichzeitig war der Skandal um den Film einer der Hauptursachen für die Wiedereinführung der Filmzensur in der Weimarer Republik im Jahre 1920[2].

Umso mehr überrascht es, dass der Film heute fast in Vergessenheit geraten ist; nur einzelne Filmhistoriker haben sich mit der Materie intensiv beschäftigt. Dies mag vor allem daran liegen, dass nach dem Verbot des Filmes im Jahre 1920 nur noch wenige Menschen den Film in der Originalversion zu sehen bekamen[3]. Jahrzehntelang galt der Film als vollständig verschollen, bis Anfang der 1970er Jahre ein bereits 1928 exportiertes, 40-minütiges Fragment des Films aus der Sowjet-Union in die westliche Welt gelangte[4]. Die circa 90 Minuten lange Originalversion gilt jedoch bis heute als verschollen.[5]

Der Film handelt von dem homosexuellen Geigenvirtuosen Paul Körner, der sich in seinen Schüler Kurt Sivers verliebt. Der Betrüger Franz Bollek erfährt davon und erpresst den Geigenspieler aufgrund des Paragraphen 175, welcher daraufhin verzweifelt und Rat beim Sexualforscher, gespielt von Magnus Hirschfeld, sucht. Dessen Belehrung, dass Homosexualität keine Krankheit, sondern eine natürliche Veranlagung sei, kann Paul nicht vor Franz Bollek schützen; schließlich zeigen sie sich gegenseitig an. Paul Körner erhält zwar eine milde Strafe, erfährt aber von seiner Umwelt so starke Ablehnung, dass er nur noch im Selbstmord einen Ausweg sieht.

Den größten Beitrag an Forschung zu dem Film hat wohl James D. Steakley, Dozent für deutsche Kulturwissenschaften an der Universität von Wisconsin, mit seiner Arbeit »Cinema and censorship in the Weimar Republic: The case of Anders als die Anderen«[6] geleistet. In dieser fokussiert er sich auf die von Magnus Hirschfeld angetriebene Bewegung der Emanzipation von Homosexuellen und der Einordnung des Films in diesem Kontext. Er rekonstruiert die Zensurgeschichte zwar, deutet jedoch wichtige Gegebenheiten, wie zum Beispiel antisemitische Tendenzen im öffentlichen Diskurs um den Film, nur an.

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf den öffentlichen Diskurs und die daraus resultierende Zensur von Anders als die anderen und versucht bestimmte Tendenzen, Positionen und Verflechtungen darin hervorzuheben. Die Ergebnisse können als Ergänzungen und vertiefende Erkenntnisse zu James D. Steakleys Arbeit verstanden werden.

2. Die Vorgeschichte

2.1. Richard Oswald und Magnus Hirschfeld

Richard Oswald, geboren am 5. November 1880 in Wien als Sohn eines strenggläubigen Juden, begann seine Karriere am Theater, bevor er sich dem Film widmete.[7] Sein Film Das Eiserne Kreuz, ein Anti-Kriegs-Film, fiel bereits 1914 kurz nach der Veröffentlichung der Zensur zum Opfer.[8] Ab 1916 begann er mit der Produktion zahlreicher Aufklärungsfilme, die in Zusammenarbeit mit dem Sexualforscher Magnus Hirschfeld entstanden. Mit den in den Filmen behandelten Themen brach er damals herrschende Tabus, was sowohl zu Lob, aber auch zu vielen Anfeindungen, oft antisemitischer Natur, führte.[9]

Magnus Hirschfeld, geboren am 14. Mai 1868 in Kolberg, studierte Medizin in Straßburg, München und Berlin. 1897 gründete er das Wissenschaftlich-Humanitäre-Kommitee, dessen Hauptanliegen die Abschaffung des Paragraphen 175 war. Hirschfeld war der Auffassung, dass Homosexualität keine Krankheit, sondern eine natürliche Varianz der menschlichen Sexualität darstellt.[10] Er lernte Oswald bei den Arbeiten zur Es WERDE Licht !-Reihe kennen und schrieb am Drehbuch für Anders als die anderen mit.[11] In dem Film spielt Hirschfeld sich selbst; die Premiere sowie weitere Vorführungen begleitete er mit Erläuterungen[12].

2.2. Die Welle der »Sitten- und Aufklärungsfilme«

Der erste Weltkrieg hatte die deutsche Bevölkerung mit Geschlechtskrankheiten wie Syphilis überschwemmt, so dass sich sowohl Mediziner als auch Filmemacher dazu veranlasst sahen, Aufklärungs- oder besser Belehrungsfilme zu drehen. Ein Film dieser Zeit, Wesen und Gefahren der Geschlechtskrankheiten, wurde von der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten in Auftrag gegeben. Jedoch erwiesen sich solche Filme als wenig erfolgreich, weil die sachliche und der herrschenden Moral entsprechende Darstellung kein größeres Publikum generieren konnte.[13]

Richard Oswald war einer der Ersten, die es verstanden, sachliche Informationen mit einer spannenden Dramaturgie zu verbinden.[14] Bereits 1916 drehte er in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten den ersten Teil der Es WERDE Licht !-Reihe, in der Tabuthemen wie Geschlechtskrankheiten, Abtreibung oder Prostitution behandelt werden.[15]

Als am 12. November 1918 der Rat der Volksbeanftragten verkündete: »Eine Zensur findet nicht statt. Die Theaterzensur wird aufgehoben.«[16], wurde der Filmmarkt der Weimarer Republik von Aufklärungs- und Sittenfilmen, welche, um kommerziellen Erfolg zu erzielen, die Aufklärungsabsicht hauptsächlich als Tarnmantel für die Erregung der niederen Triebe des Publikums nutzten, überschwemmt.[1718] ׳ Dies führte dazu, dass konservative Politiker, christliche Gruppierungen, aber auch Frauenverbände begannen gegen diese Welle an Filmen und für die Wiedereinführung der Filmzensur in der Weimarer Republik zu demonstrieren.[19] Hauptverantwortlich für dieses Dilemma wurde der Pionier dieses Genre, Richard Oswald, gemacht, obwohl seine Filme in Zusammenarbeit mit medizinischen Institutionen entstanden und der Aufklärungsaspekt meist stark überwog.[20]

3. Von der Premiere bis zum Verbot 3.1. Die ersten Vorführungen

Am 24. Mai 1919 wurde Anders als die anderen im Apollo-Theater in Berlin während einer Sondervorführung vor Vertretern der Presse und geladenem Publikum uraufgeführt[21] [22] Einige Quellen datieren die Premiere auf den 28. Mai 1919[23] /[24], jedoch erscheint in diesem Fall die Datierung, die aus Hirschfelds zeitgenössischem Dokument, der 19. Ausgabe des Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, stammt, vertrauenswürdiger. Der Autor B. E. Lüthge schrieb am 31. Mai 1919 in der ersten Ausgabe des Film-Kuriers über die Premiere:

»Die Aufführung vor ‘geladenem Publikum’ war eine Sensation. Aus zwei Gründen: erstens des Themas wegen und zweitens - des Publikums wegen. [...] Es wurde zur großen Versammlung der ‘anderen ’. Die merkwürdig vielen Frauen, die vermutlich Pikanterien witterten, wurden enttäuscht, ln der Minderzahl, wurde man belehrt, dass man das alles nicht einmal amüsant finden dürfe, geschweige denn unnatürlich oder gar verdammenswert. So war die ganze Stimmung also eine höchst - ja, ich weiß nicht, wie ich sagen soll.«[25]

Fortan lief der Film für einige Wochen in Berlin im Prinzeß-Theater[26], welches später in Richard-Oswald-Lichtspiele umbenannt wurde[27], bis er in weiteren Kinos in Berlin und in anderen deutschen Städten vorgeführt wurde[28]. Die in Hirschfelds Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen abgedruckten Pressestimmen zu Anders als die anderen und Briefe an Hirschfeld zeugen davon, dass ein beachtlicher Teil des Publikums den Film positiv aufnahm; vor allem Oswalds Regie, das Schauspiel von Conrad Veidt und Reinhold Schünzel, die dezente Darstellung des heiklen Themas sowie den Film an sich als Beitrag zur Bewegung der Homosexuellen wurden in den Rezensionen und den weiteren Schriften hervorgehoben.[29]

Bereits kurz nach der Uraufführung ertönten jedoch auch kritische Stimmen aus konservativen Kreisen und es kam zu Protesten während Vorführungen des Films sowie vor einigen Kinos.[30] Richard Oswald sah sich deshalb bereits wenige Wochen nach der Premiere dazu veranlasst für den Film-Kurier den Artikel »Zensur oder Selbstsucht« zu schreiben, in dem er die Wiedereinführung der Filmzensur erörtert.[31] Der am 19. Juni 1919 veröffentliche Zeitungsartikel enthält eine lange Liste zeitgenössischer Aufklärungs-/Sexualf11me, die laut Oswald deutlich unsittlichere und reißerischere Inhalte haben sollen als Anders als die ANDEREN, jedoch von der Öffentlichkeit weniger angeprangert werden als sein eigener Film; stattdessen werde er sogar von Filmfabrikanten, die teilweise an den von ihm aufgelisteten Filmen beteiligt waren, dafür beschuldigt, dass aufgrund des durch seine Aufklärungsfilme entstandenen Aufruhrs nun die Wiedereinführung der Filmzensur drohe.[32] An die Liste anschließend resümiert Oswald: »Die ganze Sache erinnert mich lebhaft an die alte Geschichte vom Dieb, der um sich selbst vor seinen Verfolgern zu schützen, )Haltet den Dieb!< ruft.« Tatsächlich entstanden, wie bereits erwähnt, in dem Zeitfenster ohne Filmzensur etliche Aufklärungs- beziehungsweise »Schundfilme«, die dafür sorgten, dass Sittlichkeitsvereine, konservative Politiker und insbesondere die Kinematographische Reformpartei die Wiedereinführung der Zensur forderten.[33] Jedoch wurde Anders als die ANDEREN in der öffentlichen Wahrnehmung zum Sündenbock gemacht, er galt als der problematischste Aufklärungsfilm beziehungsweise als »Schundfilm« par excellence. Ob das daran lag, dass er als einziger Film dieser Strömung die homosexuelle Liebe anstatt der heterosexuellen thematisierte, ist anzunehmen, da die Darstellung der homosexuellen Sexualität in Anders als die anderen deutlich dezenter erfolgte, als die Darstellung der heterosexuellen Sexualität in anderen zeitgenössischen Filmen[34].

Am 13. Juli 1919 griff der Film-Kurier in dem Artikel »Homosexualität und Judentum - Die neue Hetzmethode gegen die Aufklärungsfilme«[35] die Berliner Tageszeitung Deutsche Zeitung an, die in einem Zeitungsartikel über Vorfälle während einer Vorführung von Anders ALS DIE ANDEREN in einem Berliner Kino berichtete.[36] Die Deutsche Zeitung, welche der Film-Kurier als das »[...] widerlichste und tiefstehende unter den alldeutschen Berliner Tageblättern, [...]«[37] bezeichnet, erzählt von einer Vorführung des Films, bei der es zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen sei. Beim ersten Auftritt von Paul Körner und seinem Schüler Kurt Sivers, der als »[...] )Prachtexemplar der jüdischen Rassec [...]«[38] bezeichnet wurde, sei es zu Empörung im Publikum gekommen. Es wurde geschrien und gepfiffen. Während der Szene im Tanzlokal wurde dann mehrfach aus dem Publikum gerufen: »[...] )Sollen wir Deutschen uns denn von den Juden verseuchen lassen?< [...]«[39]. Während ein Teil des jüdischen Publikums einige Besucher beruhigen und belehren konnte, verließ ein großer Teil die Vorführung. Der Autor Walter Friedmann betont, dass der Vorfall zeige, dass die Hetze gegen Juden eine neue Qualität angenommen habe. [40] Anhand dieses Ereignis lässt sich erkennen, dass sich in die Kontroverse um Anders als die anderen, die anfangs von der Empörung konservativer und stark religiöser Personen geprägt war, antisemitische Stimmen mischten. So wird die Situation auch in Hirschfelds Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen geschildert: »[...] es kam sogar in mehreren Theatern zu lärmenden Kundgebungen gegen die Filmaufführung, aber die ersteren kamen von seiten einiger Sittlichkeitsfanatiker, [...], und die letztere war von alldeutscher und antisemitischer Seite herbeigeführt, welche den Film als Vorwand für Einruhestiftungen benutzten.«[41]

3.2. Die Zunahme der Proteste

Elm den Beschwerden und Anfeindungen entgegen zu treten, veranstalteten Richard Oswald und Magnus Hirschfeld am 17. Juli 1919 eine Sondervorführung des Film zusammen mit einer Protestkundgebung im Prinzeß-Theater, zu welcher Wissenschaftler und Schriftsteller eingeladen wurden.[42] Das Berliner Tageblatt schreibt am folgenden Tag über die Vorführung, dass der Film einer der wenigen Aufklärungsfilme sei, die einen ethischen Charakter besitzen, und bestätigt, dass die Proteste gegen den Film weniger von Sittlichkeitsverbänden oder ähnlichem stammen, sondern eher von antisemitischen und völkischen Hetzern.[43]

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die antisemitische Prägung der Zensur von "Anders als die Anderen" (1919)
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V429190
ISBN (eBook)
9783668736146
ISBN (Buch)
9783668736153
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
prägung, zensur, anders, anderen
Arbeit zitieren
Jasper Graeve (Autor), 2017, Die antisemitische Prägung der Zensur von "Anders als die Anderen" (1919), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429190

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