In der Geschichte der Film- und Medienwissenschaft haben sich verschiedene Strömungen der Analyse und theoretischen Reflexion medial vermittelter Emotionen entwickelt, die sich teilweise gegenseitig eher ausschließen, anstatt sich zu ergänzen. Die kognitive Filmtheorie ist eine vergleichsweise junge Tradition in der Filmwissenschaft, die Erkenntnisse aus der Kognitionspsychologie (auch kognitive Psychologie genannt) zur Qualifizierung von theoretischen Ansätzen und empirischen Befunden heranzieht. Die Kognitionspsychologie setzt sich vor allem mit der menschlichen Wahrnehmung, der Reizverarbeitung und jeglichen Denkprozessen, also hauptsächlich psychischen Vorgängen, auseinander.
Innerhalb der kognitiven Filmtheorie wurden zwei Ansätze zur Analyse filmisch vermittelter Emotionen entwickelt, mithilfe derer die Affizierung des Zuschauers5 systematisiert und konkretisiert werden kann. Dabei handelt es sich zum einen um Ed Tans Psychologial Affect Structure of the Feature Film, einem Modell zur Erfassung der Herkunft und der Dynamiken von Emotionen während der Betrachtung eines narrativen Films, und Greg Smiths Mood-Cue Approach to Filmic Emotion, einem theoretischen Ansatz, welcher das Verhältnis von Stimmung und Emotion hervorhebt.
Im Folgenden sollen diese beiden Ansätze vorgestellt und erörtert werden, um auf ihnen aufbauend das Evozieren der Emotion »Angst« beim Betrachter eines Horrorfilms zu veranschaulichen. In diesem Zusammenhang soll auch das theoretische Problem, wie Zuschauer auf fiktive Handlungen mit realen Gefühlen regieren können, thematisiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Filmisch vermittelte Emotionen in der kognitiven Filmtheorie
2.1. Ed S. Tans Psychologial Affect Structure of Feature Film
2.2. Greg M. Smiths Mood-Cue Approach to Filmic Emotion
3. Audiovisuell evozierte Angst
3.1. Horror als Genre
3.2. Fiktive Handlungen und reale Angst
3.3. Das Affekt-Management des Horrorfilms
4. Abschließende Bemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Grundlage der kognitiven Filmtheorie, wie Horrorfilme gezielt Emotionen beim Zuschauer evozieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie durch die systematische Anordnung narrativer Strukturen und den Einsatz spezifischer filmischer Stilmittel eine unheimliche Atmosphäre erzeugt wird, die beim Rezipienten reale Ängste auslöst, obwohl dieser sich der Fiktionalität des Gezeigten bewusst ist.
- Kognitive Filmtheorie und Emotionspsychologie
- Modelle zur Analyse filmisch vermittelter Emotionen (Ed S. Tan & Greg M. Smith)
- Die Rolle von Stimmung und Spannungserzeugung (Suspense, Surprise, Mystery)
- Das "Paradox of fiction": Umgang mit realen Gefühlen bei fiktiven Inhalten
- Affekt-Management im Horrorfilm durch emotion cues und emotion markers
Auszug aus dem Buch
3.3. Das Affekt-Management des Horrorfilms
Wenn Filme mit fiktiven Handlungen nun Wegweiser für unsere Fantasie darstellen und wir auf diese mit realen Emotionen reagieren, welche Strategien besitzt der Horrorfilm dann, um seine angsteinflößende Kraft zu entfalten?
Gemäß der kognitiven Emotionstheorie, die Ed S. Tan in seiner Affect Structure aufgreift, ist Angst die Reaktion auf ein Ereignis mit ungewissem, aber womöglich negativem Ergebnis, in einem Kontext, der als Bedrohungssituation zu bezeichnen ist. In seinem Modell stellt die Angst eine tonic emotion, die in der Substruktur Emotional Response angesiedelt ist, dar. Tonic emotions basieren zu großen Teilen auf Erwartungen und Rückblicken, die innerhalb der Emotional Meaning Strucutre ausgebildet werden. Somit resultiert die Angst sowohl aus der Kenntnis einer Bedrohung, die mit einem Ereignis eingeführt wurde und sich der Zuschauer durch Rückblicke immer wieder ins Bewusstsein ruft, als auch aus der Unkenntnis des Ausgangs dieser Bedrohungssituation. Hierzu ist die Anordnung der Ereignisse in der Narrational Textbase entscheidend. Die bereits erwähnten Strategien zur Spannungserzeugung, Suspense, Suprise, und Mystery, werden für gewöhnlich im Horrorfilm auf die Spitze getrieben, da die auslösenden Ereignisse sowie die Ergebnisse meist sehr drastisch sind, zum Beispiel in Form der Gefahr um das Leben der Protagonisten oder dem gewaltsamen, blutigen Tod einer Filmfigur. Während beim Melodrama der Zuschauer hofft, dass die Protagonistin die Liebe ihres Lebens doch wieder trifft, fürchtet sich der Zuschauer eines Horrorfilms davor, dass das Monster oder der Mörder gleich alle Protagonisten auf grausamste Weise tötet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Es wird die zentrale Rolle der Emotionen (insbesondere Angst) im Horror-Genre dargelegt und die Relevanz der kognitiven Filmtheorie für deren Analyse unter Einbezug der Kognitionspsychologie begründet.
2. Filmisch vermittelte Emotionen in der kognitiven Filmtheorie: Die Modelle von Ed S. Tan und Greg M. Smith werden vorgestellt, um zu systematisieren, wie narrative Strukturen und emotionale Hinweise (Cues/Markers) beim Zuschauer psychische Reaktionen auslösen.
3. Audiovisuell evozierte Angst: Die theoretischen Ansätze werden auf das Horror-Genre angewandt, wobei das "Paradox of fiction" diskutiert und das Zusammenspiel von narrativen sowie ästhetischen Strategien zur Spannungssteigerung erläutert wird.
4. Abschließende Bemerkung: Die Erkenntnisse werden synthetisiert und das Fazit gezogen, dass narrative Prinzipien und ästhetische Muster den Zuschauer gezielt in eine ängstliche Stimmung versetzen können.
Schlüsselwörter
Kognitive Filmtheorie, Horrorfilm, Emotion, Angst, Stimmung, Ed S. Tan, Greg M. Smith, Narrational Textbase, Suspense, Surprise, Mystery, Affekt-Management, Emotion Cues, Paradox of fiction, Rezeption
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Mechanismen, durch die Horrorfilme beim Zuschauer Emotionen, insbesondere Angst, hervorrufen, indem sie psychologische Konzepte auf narrative und filmische Strukturen anwendet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die kognitive Filmtheorie, die Analyse von Emotionsdynamiken während der Filmrezeption sowie die spezifische Genre-Logik des Horrorfilms.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu erklären, wie durch die gezielte Anordnung von Ereignissen und den Einsatz filmischer Stilmittel eine "angsteinflößende Kraft" entsteht, die reale Gefühle bei einem Publikum evoziert, das um die Fiktionalität der Ereignisse weiß.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt einen kognitiv-filmtheoretischen Ansatz. Hierbei werden die theoretischen Modelle von Ed S. Tan (Psychological Affect Structure) und Greg M. Smith (Mood-Cue Approach) als analytische Werkzeuge herangezogen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Modelle, die Definition des Horror-Genres, die Diskussion des "Paradox of fiction" und die Analyse der spezifischen Affekt-Management-Strategien im Horrorfilm.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Kognitive Filmtheorie, Emotion, Angst, Narrational Textbase, Mood-Cue Approach, Horror, Suspense und Affekt-Management.
Wie unterscheidet sich die Rolle von "phasischen" und "beständigen" Emotionen?
Beständige Emotionen (tonic emotions) wie Angst gründen auf Erwartungen und währen über längere Zeit. Phasische Emotionen wie Schock oder Ekel sind kurze, intensive Reaktionen auf einzelne Ereignisse innerhalb der Narration.
Was ist das sogenannte "Paradox of fiction"?
Es beschreibt das philosophische Problem, dass Menschen reale Emotionen (wie Angst) empfinden, während sie sich gleichzeitig bewusst sind, dass die gesehenen Handlungen fiktiv sind.
Welche Rolle spielen "emotion markers" im Horrorfilm?
Emotion markers sind affizierende Ereignisse, die oft wenig zur eigentlichen Narration beitragen, aber die unheimliche Atmosphäre verstärken und den Film eindeutig als Horrorfilm kennzeichnen (z.B. ein Schreckmoment durch einen Raben).
Was ist der wesentliche Unterschied zwischen den Ansätzen von Tan und Smith?
Während Ed S. Tan ein Modell zur systematischen Deskription der emotionalen Erfahrung des Zuschauers vorschlägt, fokussiert sich Greg M. Smith auf die filmische Struktur und die Prinzipien, die notwendig sind, um Stimmungen beim Publikum zu erzeugen.
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- Jasper Graeve (Author), 2017, Audiovisuelle Albträume. Wie der Horrorfilm aus kognitiv-filmtheoretischer Perspektive Angst evoziert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429192