Von der Normalfamilie zur Pluralisierung privater Lebensformen

Kann man von einer Destabilisierung der Normalfamilie heutzutage sprechen?


Seminararbeit, 2018

22 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Lebensformen und Familie

3. Familiendemographische Indikatoren und Trends
3.1 Die Geburtenentwicklung
3.2 Die Kinderlosigkeit
3.3 Die Ehe
3.4 Die Scheidung
3.5 Der Monopolverlust der Normalfamilie

4. Die Pluralisierung der Lebensformen
4.1 Nichteheliche Lebensgemeinschaften
4.2. Living-Apart-Together und Commuter-Ehen
4.3. Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften
4.4 Alleinerziehende
4.5 Patchwork-Familien
4.6 Alleinwohnende und Singles
4.7 Migrantenfamilien

5. Erklärungsversuche

6. Relativierung der Pluralisierungsthese

7. Fazit

8. Eigenständigkeitserklärung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jeder kennt sie, jeder hat seine eigenen Vorstellungen von ihr und eigene Erfahrungen mit ihr gemacht. Fast alle Menschen sind in einer aufgewachsen. Die Familie ist die primäre Sozialisationsinstanz. Was als eine Familie oder gar als eine „normale“ Familie verstanden wird, unterliegt dem historischen sowie kulturellen Wandel. Die Familie ist eine soziale Institution, die durch die kulturellen Bedingungen der jeweiligen Gesellschaft geformt wird (Schneider 2012: 97). Traditionell besteht sie aus Mutter, Vater und Kindern, die alle zusammen in einem Haushalt leben. Dieses traditionelle Verständnis einer Familie ist in der Gesellschaft weit verbreitet. Doch vor allem im Zuge des Wandels der Gesellschaft von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten, entwickelten sich manche Lebensformen, die von diesem konventionellen Verständnis abweichen. „D[ieser] Wandel hat die Familie fraglos verändert [...]“ (Schneider 2012: 91). Während einerseits die individuelle Freiheit gestiegen ist, da man unter Umständen zwischen den verschiedenen Lebensformen wählen kann, entstehen andererseits auch Unsicherheiten, Ängste und Risikos, da gewählt werden muss. Auch ist die Rede von „[...] schockierenden Entwicklungen [wie] [w]ilde[n] Ehen, Ehen ohne Trauschein […] [und] allein herumirrende[n] Elternteile[n] [...]“ (Beck 1990: 43 zitiert in Nave-Herz 2015: 13).

Diese Arbeit beschäftigt sich mit folgender Fragestellung: Kann man von einer Destabilisierung der Normalfamilie heutzutage sprechen? Um das zu beantworten, werden zunächst im folgenden Kapitel definitorische Fragen zu den Begriffen Lebensform und Familie beziehungsweise Normalfamilie geklärt. Daran anknüpfend werden im dritten Kapitel die Gründe und Ursachen für den Wandel der Familie aufgezeigt, bevor im vierten Kapitel die Heterogenität der Lebensformen mitsamt ihren verbreitetsten Modellen privater Lebensformen ausführlich dargestellt wird. Es folgen Erklärungsversuche zum Wandel der Lebensformen. Im Anschluss wird erörtert, inwiefern sich die These der Pluralisierung relativieren lässt. Letztendlich wird ein Fazit gezogen, das festhält, wie schwach oder stark die Normalfamilie in der heutigen Zeit destabilisiert ist.

2. Lebensformen und Familie

Lebensformen bezeichnen „[...] [relativ] stabile Familienmuster […] [der Bevölkerung], die alle Varianten der Privatheit mit oder ohne Kinder umfassen [...]“ (Meyer 2014: 414), welche allgemein mit Formen des Alleinlebens oder des Zusammenlebens irgendeiner Art und Weise beschrieben werden können (Konietzka/Kreyenfeld 2013: 258).

Vom Begriff Familie gibt es weder in Alltag, Recht oder Wissenschaft eine verbindliche Definition (Konietzka/Kreyenfeld 2013: 257). Ein Problem beim Definieren des Begriffs Familie ist es, „[...] die historische und kulturelle Vielfalt der Familienformen sowie deren Legitimationen und ideologischen Überfrachtungen […]“ (Meyer 2014: 413) zu beachten. Meyer definiert die Familie als „[...] eine nach [...] Generation differenzierte Kleingruppe mit einem wechselseitigen Kooperations- und Solidaritätsverhältnis, deren Gründung in allen Gesellschaften zeremoniell begangen wird [...]“ (Meyer 2014: 413) mit den Hauptaufgaben der Schutzgewährung und der Regulierung des Sexualverhaltens ihrer Mitglieder (Meyer 2014: 413). Die Funktionen lassen sich grob unterteilen in die Kategorien „biologische Reproduktion“, „Sozialisation“, „soziale Reproduktion“ und „Statuszuweisung“ (Burkart 2008: 144). Weiter ausgelegte Definitionen stellen die Reproduktion und Erziehung in den Fokus und formulieren: Familie ist da, wo Kinder aufwachsen (Schneider 2012: 97).

Ausgangspunkt dieser Arbeit ist die Kern- beziehungsweise die Normalfamilie. Darunter versteht man eine auf der Ehe gegründete Gemeinschaft von leiblichen heterosexuellen Eltern mit ihren Kindern. Sie ist geprägt von Privatheit und emotionalen sowie persönlich-intimen Beziehungen der Mitglieder, was durch die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnstätte im Zuge der Industrialisierung möglich wurde. Durch die damit nach außerhalb verlagerten Funktionen, die ehemals in der Familie geleistet werden mussten, wie zum Beispiel Teile der Erziehung und Ausbildung, entstand eine privatisierte Familie mit einer starken Emotionalisierung und Intimisierung ihrer Binnenverhältnisse (Meyer 2014: 413).

Zu unterscheiden ist zwischen der bürgerlichen Kernfamilie und der modernen Kernfamilie. Kennzeichnende Merkmale der bürgerlichen Kernfamilie sind ein gemeinsamer Haushalt, das lebenslange Führen der monogamen Ehe, dass der Mann der Haupternährer ist und dass der Haushalt genau zwei erwachsene Personen aufweist. Die Geschlechterrollen sind klar definiert. Während der Mann der Welt außerhalb des eigenen Hauses zugewiesen ist, findet die Frau ihre Zuständigkeit in der innerhäuslichen Welt als Mutter, Ehe- und Hausfrau. Im Zentrum dieser Familienform steht die „romantische Liebe“, die das Motiv zur Eheschließung ist. Auch die Erziehung der Kinder auf emotional-affektiver Ebene ist eine Kernfunktion der Normalfamilie. (Meyer 2014: 413 ff.)

Die moderne Kernfamilie hingegen basiert auf einer egalitären Rollengestaltung der Partner (Schneider 2012: 97). Beide Arten der Kernfamilie werden in dieser Arbeit als Normalfamilie bezeichnet.

Wandlungsprozesse in den 1950er und 1960er Jahren wie das Wirtschaftswunder und der Ausbau des Sozialsystems, die Familien aus unteren Schichten von finanziellen Notlagen befreiten, führten zu einer „[...] Etablierung und Generalisierung des kollektiv einheitlichen, bürgerlich eingefärbten Familientyps [Hervorhebung im Original]“ (Meyer 2014: 415). Bis in die 1960er Jahre, dem „Golden Age of Marriage“, war dieses Familienmodell eine „[...] kulturelle Selbstverständlichkeit [Hervorhebung im Original] und ein millionenfach fraglos gelebtes Grundmuster […]. [Es] galt der großen Bevölkerungsmehrheit als die einzig gesellschaftlich >richtige<, gleichsam >allein selig machende< Lebensform [...]“ (Meyer 2014: 416).

Rechtlichen Schutz und Förderung genießend, galt die Ehe als alleinige „[...] >Keimzelle< der Gesellschaft [...]“ (Peuckert 2012: 9). Lediglich fünf Prozent der Erwachsenen heirateten zu dieser Zeit nie. Lebensformen, die „alternativ“ waren, wurde in der Regel „[...] mit offenen oder verdeckten Sanktionen […]“ (Meyer 2014: 416) begegnet und galten nur als eine Art Notlösung. Von Lebensform der Ehe mit Kindern gab es nur wenige Ausnahmen, beispielsweise katholische Priester, Ordensleute und Frauen, welche bedingt durch den Männermangel nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Partner fanden. (Meyer 2014: 415 ff.)

3. Familiendemographische Indikatoren und Trends

Der alleinige Blick auf diese Familienform wird den heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen nicht gerecht. Andere Lebensformen treten zunehmend auf.

Unterteilen lassen diese sich in Lebensformen mit Kindern und Lebensformen ohne Kinder. Die mit Kinder werden immer selbstverständlicher als Familie bezeichnet, unabhängig davon, ob es sich bei den Kindern um Stief-, Pflege- oder Adoptionskinder handelt. Meyer definiert Familie vor diesem Hintergrund vereinfacht: „Familie findet so gesehen also […] überall dort statt, wo Kinder sind [...]“ (Meyer 2014: 414). Die privaten Lebensformen ohne Kinder treten zunehmend auf. Aufgrund ihrer familienähnlichen Merkmale wie Intimität und Geborgenheit sowie ihrer Häufigkeit des Vorkommens sind diese ein wesentlicher Bestandteil der Heterogenität der Lebensformen. Der Begriff „private Lebensformen“ ist als Überbegriff zu verstehen, dem die Familie und die familialen Lebensformen untergeordnet sind und umfasst somit alle Arten der Privatheit mit oder ohne Kinder. (Meyer 2014: 414)

Es gibt einige Faktoren, die eine Entwicklung der Destabilisierung der Normalfamilie belegen. In den folgenden Unterkapiteln werden Auswirkungen der Faktoren Geburtenentwicklung, Ehe und Heirat sowie Scheidungen hinsichtlich der Destabilisierung der Normalfamilie beziehungsweise dem Wandel der Familie aufgezeigt. Im Unterkapitel 3.5 wird ein Zwischenfazit zum Monopolverlust der Normalfamilie gezogen.

3.1 Die Geburtenentwicklung

Die Geburtenentwicklung ist der erste familiendemographische Indikator. Hier ist seit Mitte der 1960er Jahre ein eindeutiger Rückgang zu verzeichnen. 1966 hatte die Geburtenrate in Ost- sowie Westdeutschland ihren Höchststand von circa 2,5 Kindern pro Frau. Die Pille, welche bereits seit Anfang der 1960er Jahren zu erwerben war, wirkte sich erst ab dem Ende des gleichen Jahrzehntes negativ auf die Geburtenrate aus, nachdem die Rate sogar durch den wachsenden Wohlstand gestiegen war. Die Geburtenrate ist Anfang der 1960er Jahre durch die Pille nicht negativ beeinflusst worden. (Muschter/et al. 2015: 224)

Nach dem Nachkriegs-Babyboom von 1955 bis 1966 sank die durchschnittliche Geburtenziffer pro Frau innerhalb von circa 10 Jahren von 2,5 auf 1,4 und blieb, abgesehen von kleineren Schwankungen, weitgehend bis heute stabil. Seit 2012 ist ein leichter Geburtenanstieg zu verzeichnen, der 2015 mit 1,5 Kindern je Frau seinen Höhepunkt erreicht (Statistisches Bundesamt 2017: 8). Durch größtenteils sichere Verhütungsmethoden wurde die geplante Kinderanzahl beeinflussbar, was zur Stabilität dieser Quote beitrug. Dieser Geburtenrückgang ab Mitte der 1960er wird als „ zweite [ r ] demografische [ r ] Übergang [Hervorhebung im Original]“ (Höpflinger 1997: 42 zitiert in Meyer 2014: 416) bezeichnet[1], in welchem sich die Anzahl der Kinder an neue sozioökonomische Rahmenbedingungen im Zuge der Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft anpasste. (Meyer 2014: 416)

Weiterhin spielt hier auch die sinkende Zahl an Frauen zwischen 15 und 49 Jahren, also potenzielle Mütter, eine Rolle. Sie sank zwischen 1997 und 2010 um 1,3 Millionen. Durch das Nachrücken geburtenschwacher Jahrgänge ist hier keine gegenläufige Entwicklung in Sicht. Hinzukommend ist die für ideal erachtete Anzahl an Kinder in Deutschland mit 1,7 im Durchschnitt vergleichsweise gering. (Meyer 2014: 416)

3.2 Die Kinderlosigkeit

Ein weiterer Punkt ist die Kinderlosigkeit, die seit den 1980er Jahren fest etabliert ist. Häufig ist diese geplant. In anderen Fällen fehlt jeder dritten Frau und jedem zweiten Mann der ihrer Meinung nach richtige Partner und somit eine langfristig stabile Partnerschaft, um die Kinderwünsche auszuleben. Auch materielle Aspekte sind verantwortlich für Kinderlosigkeit. Darunter fallen neben der Hauptangst vieler Frauen vor verschlechterten Chancen im Beruf für beide Geschlechter „[...] die Sorge um den eigenen Lebensstandard, die Sicherheit des Arbeitsplatzes sowie die mit Kindern verbundenen Kosten als zentrale Barrieren einer Familiengründung [...]“ (Meyer 2014: 419).

Drei Formen von Kinderlosigkeit lassen sich demnach unterscheiden: Die erste Gruppe ist die der ungewollt Kinderlosen [Hervorhebung durch den Verfasser] aufgrund von Unfruchtbarkeit oder dem Fehlen des für geeignet erachteten Partners. Die zweite Gruppe der bewusst und gewollt Kinderlosen [Hervorhebung durch den Verfasser] folgt einer überlegten Entscheidung der grundsätzlichen Ablehnung des Eltern-Seins. Vor allem Frauen sehen im Leben ohne Kind zunehmend Vorteile wie das Mehr an Autonomie und Geschlechtergleichheit. Schätzungsweise beträgt der Anteil dieser Gruppe an der Gesamtbevölkerung bis zu zehn Prozent. Letztlich bleibt die Gruppe derjenigen, die sich hinsichtlich ihres Kinderwunsches unschlüssig [Hervorhebung durch den Verfasser] sind.

[...]


[1] Der „erste demographische Übergang“ markiert den Zeitraum von circa 1875 bis nach dem Ersten Weltkrieg, in dem sich die durchschnittliche Anzahl der Geburten einer Frau von fünf auf zwei reduzierte.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Von der Normalfamilie zur Pluralisierung privater Lebensformen
Untertitel
Kann man von einer Destabilisierung der Normalfamilie heutzutage sprechen?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V429199
ISBN (eBook)
9783668725478
ISBN (Buch)
9783668725485
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familie, normalfamilie, kernfamilie, destabilisierung, pluralisierung, private, lebensformen, geburtenentwicklung, kinderlosigkeit, ehe, scheidung, monopolverlust, living-apart-together, patchwork, migratentfamilien
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Von der Normalfamilie zur Pluralisierung privater Lebensformen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429199

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