Über die Zugehörigkeit des Werkes "El monte de las ánimas" von Gustavo Adolfo Bécquer zum Genre der Phantastik


Hausarbeit, 2016
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Die Phantastik
II.1 Die Phantastische Literatur gemaR des Metzler Lexikons der Literatur
II.2 Die Phantastik nach Uwe Durst
II.3 DieTheoriederPhantastiknachTzvetanTodorov
II.4 PhantastiknachCaillois

III. Die Phantastik in Gustavo Adolfo Becquers „El monte de las animas"

IV. Zusammenfassung

V. Bibliographie

I. Einleitung

Gustavo Adolfo Becquer wurde 1836 in Sevilla als Gustavo Adolfo Dominguez Bastida geboren.[1] [2] Nach dem Tod seiner Eltern im Abstand von funf Jahren, war er bereits mit 10 Jahren Vollwaise und kam in die Obhut seiner Taufpatin. Spater nahm Gustavo den Nachnamen seines Vaters Jose Dominguez Becquer an und kam so zu seinem weitaus bekannteren Namen Gutsavo Adolfo Becquer. Zunachst studierte er Literatur in seiner Heimatstadt Sevilla bevor er 1854 nach Madrid zieht und dort Libretti und Texte fur Zeitungen schrieb bevor er ab 1860 Redakteur des El Contemporaneo2 tatig war. Er starb 1870 in Madrid.[3] Becquer gilt als wichtigster Autor der Spatromantik.[4] [5] Zu seinen bekanntesten Werken zahlen die 1870 posthum veroffentlichten Rimas5 sowie die, zwischen 1858 und 1864 veroffentlichten Leyendas. Bei den Leyendas handelt es sich um 16 Erzahlungen und Prosagedichte die Becquer zunachst in verschiedenen Zeitungen und Journalen veroffentlichte.[6] Erst posthum 1871 wurden diese gesammelten Werke in einem Buch veroffentlicht.[7] [8] Aus diesen Leyendas stammt auch die von mir behandelte Legende ,,El monte de las animas" die am 7. Dezember 1861 erstmals im El Contemporaneo veroffentlich wurde.s Die Legende besteht aus einer kleinen Einleitung, drei Teilen sowie dem finalen Epilog. In der Einleitung erzahlt der fiktionale Autor, dass er die Legende des Geisterberges in Soria gehort habe und sich beim Niederschreiben dieser, in der Nacht vor Allerseelen, nun unwohl fuhlt.[9] Im ersten Teil der Legende befinden sich Beatriz und Alonso mit Gefolge zur Jagd auf dem Geisterberg. Da es sich um den Abend vor der noche de difuntos handelt, besteht Alonso darauf, vor Einbruch der Dammerung in die Stadt zuruckzureiten. Auf dem Weg in die Burg erzahlt Alonso seiner Cousine Beatriz von den Ereignissen, die sich in der Nacht vor Allerseelen zu Zeiten derTempler auf dem Monte de las animas zugetragen haben. Der damalige Konig lieR die Templer nach Soria kommen, um die Stadt gegen Eindringlinge zu schutzen. Dies krankte jedoch die ansassigen kastilischen Edelleute, da auch sie in der Lage gewesen waren, die Stadt zu verteidigen. Dieser entstandene Zwist zwischen den Adligen und den Templern fand seinen Hohepunkt, als die Adligen in dem von den Templern beanspruchten Gebiet, eine groRe, ihnen untersagte, Treibjagd abhalten wollten. Die Treibjagd wurde zu einer blutigen Schlacht zwischen Templern und Adligen, der Berg war ubersat mit den Leichen beider Parteien, sodass die Wolfe, die eigentlich gejagt werden sollten, ein Festmahl abhielten. Nachdem der Konig den Berg fur herrenlos erklart und man die Opfer auf dem Vorhof der Templer- Kapelle begraben hatte, uberlieR man die Anlage dem Verfall. Von dem Tag an, soll man in jeder Nacht auf Allerseelen das Glockchen der Kapelle von selbst schlagen horen, bevor die Geister derToten auferstehen und zwischen den Buschen umherirren begleitet vom Heulen der Wolfe. Am nachsten Tag fanden die Bewohner Sorias haufig die FuRabdrucke derToten im Schnee. Da die vorliegende Erzahlung an Allerheiligen stattfindet, empfiehlt Alonso vor Dammerungseinbruch in die Stadt Soria zuruckzukehren.[10] Im zweiten Abschnitt uberreicht Alonso, zuruck im Palacio de los condes de Alcudiel, ein Geschenk. Beatriz war von dieser Geste wenig angetan und eroffnete Alonso, dass er, um selbst auch ein Geschenk zu erhalten, sich dieses selbst vom Berg der Seelen holen musse. Es handelt sich dabei um die blaue Scharpe der Beatriz, welche diese bei der Jagd auf dem Berg der Seelen verloren hat. Er reitet trotz besseren Wissens und bereits eingetretener Dunkelheit auf den Geisterberg.[11] Beatriz durchlebt wahrenddessen im dritten Part eine von Angst und Panik gepragte Nacht. Sie hort Schritte in ihrem Zimmer, das Knarren des Bodens sowie das der Turen zu ihren Gemachern. Beatriz vernimmt im Schlaf den Glockenschlag um Mitternacht, gleichzeitigt ist ihr, als hatte zudem jemand in der Ferne ihren Namen gerufen. Als es endlich hell wird, kommt sie aus ihrem Bett heraus und findet die zerrissene, blutverschmierte Scharpe neben ihrem Bett. Beatriz erstarrt vor Angst und stirbt letztendlich an dem Horror. Sie wird von den Dienern in ihrem Gemach gefunden, als diese ihr von dem Tod des Alonso berichten wollten. Er wurde von Wolfen zerfleischt im Gebusch auf dem monte gefunden.[12] Im Epilog wird erzahlt, dass ein Jager, der sich in in der Allerseelennacht auf dem Berg verirrt hatte, grausames berichtet haben soll und bald darauf verstarb. Dieser Jager will gesehen haben, wie sich die Skelette im Vorhof der Kapelle erhoben haben und wie wilde Tiere einer schonen Frau hinterhergejagt seien. Diese leichenblasse Frau sei mit bloRen, blutigen FuRen und unter Angstschreien immer im Kreis um Alonsos Grabmal herumgefluchtet. Es war Beatriz.[13] [14] Manuel Garcia-Vino beschreibt diese Legende passend als ,,Dos leyendas, o una leyenda dentro de la leyenda"14 Nach ihm gibt es die eine Legende, die sich um die Geschehnisse von Beatriz und Alonso dreht und die Andere, die dazu dient diese Geschehnisse zu rechtfertigen und auf den Konflikt zwischen den Templern und den Adligen von Kastilien und den damit einhergehenden Hass anspielt.[15] In meiner vorliegenden Hausarbeit werde ich zunachst auf die Gattung der Phantastik eingehen und diverse Definitionsansatze bekannter Literaturwissenschaftler vorstellen, bevor ich mich der Analyse widme, ob El monte de las animas als ein Werk der Phantastik gesehen werden kann in wie fern die Erzahlstruktur zur Einordnung des Werkes in die Phantastik beitragt. Das letzte Kapitel der Arbeit bildet folglich die Schlussfolgerung.

II. Die Phantastik

Um eine Definition der Phantastik zu bilden, werde ich zunachst eine vereinfachte Definition des Metzler Lexikons der Literatur darlegen und anschlieRend verschiedene Theorien von Durst und Todorov sowie Caillois vorstellen. Beschaftigt man sich eingehender mit der Phantastik wird schnell klar, dass es keine eindeutige Definition der Gattung gibt. Es gibt zahlreiche Ansatze, Einschatzungen und Theorien, jedoch selten klare Definitionen.

II.1 Die Phantastische Literatur gemaR des Metzler Lexikons der Literatur

,,Als phantastische Literatur wird im eingeschrankten Sinne ein der Erzahlliteratur zugehoriges Genre bezeichnet, das einerseits hinsichtlich der erzahlten Welt auf die Normen der aufiertextuellen Wirklichkeit rekurriert, welche als Bezugssystem der intertextuell konzipierten Wirklichkeit zugrunde liegt und durch den Text entsprechend nachgebildet wird, und das andererseits zugleich eine Komponente integriert, die mit den Bedingungen der Normwirklichkeit nicht vereinbar ist. Die dargestellten unmoglichen Ereignisse erscheinen somit als prinzipiell unerklarlich, da der Text kein Argument zur Verfugung stellt, das eine Ruckfuhrung des Unmoglichen auf ein die dargestellten Ereignisse steuerndes Regelsystem erlauben wurde. Die narrativ installierte Widerspruchlichkeit lasst den paradoxalen Status des unmoglichen Ereignisses offen zutage treten; indem der Text dadurch die dargestellte (oder vorausgesetzte) Text-Wirklichkeit als heterogen, d.h. als Kontingent und unzusammenhangend, erscheinen lasst, lost er beim Lesepublikum wie bei den dargestellten Charakteren eine tiefgreifende Verunsicherung daruber aus, wie die dargestellten Ereignisse einzuordnen sind, und damit, wie die Wirklichkeit uberhaupt zu beurteilen ist."16 Folgt man dieser weitreichenden Definition ohne Einschrankungen, so konnen unzahlige Werke zum Genre der phantastischen Literatur gezahlt werden. Es ist nicht klar, ob antike Mythen, Schauergeschichten und Marchen ebenso zur phantastischen Literatur zahlen, wie Sagen oder die hier behandelte Legende. Da es dazu keine allgemeingultige Richtlinie gibt, kann dies nur schwer beantwortet werden. In den nachfolgenden Kapiteln werde ich nun differenziertere Theorien der Phantastik prasentieren. Zunachst werde ich auf die Phantastik nach Uwe Durst eingehen, gefolgt von derTheorie der Phantastik nach Tzvetan Todorov und der Phantastik nach Caillois.

II.2 Die Phantastik nach Uwe Durst

In seinem Werk „Theorie der phantastischen Literatur"[16] [17] beleuchtet der Literaturwissenschaftler Uwe Durst verschiedene Theorien der Phantastik. Er unterteilt die phantastische Literatur in zwei Gruppen: die Maximalistische und die Minimalistische Phantastik. Bei der maximalistischen Phantastik handelt es sich um alle erzahlenden Texte, in deren fiktiver Welt die Naturgesetze verletzt werden.[18] Da diese Definition sehr unspezifisch ist, kann sie weiter differenziert werden. Zum einen gibt es die historische Art des Maximalismus die „alle Texte [umfasst], in denen das Ubernaturliche in die [...] zeitgenossische Wirklichkeit einbricht."[19] Dies fuhrt dazu, dass „Texte ausgeklammert[werden], die durch eine erhebliche literaturhistorische Distanz von der Literatur des 18., 19. Und 20. Jahrhunderts getrennt sind."[20] Demgegenuber steht die ahistorische Art der maximalistischen Genredefinition die auf „zeitliche Beschrankung [verzichtet] und [...] von der heute gultigen naturwissenschaftlichen Sicht ausgeht."[21] Durst empfindet die maximalistische Schule als einen „truben Sumpf terminologischer Ungenauigkeiten und uberkommener theoretischer Vorstellungen."[22] Zudem sieht er den „ahistorischen Maximalismus als wissenschaftliche Bestimmung der phantastischen Literatur als indiskutabel an, da er zwangslaufig zu inoperablen Begrifflichkeiten fuhre."[23] Und auch der historische Ansatz des Maximalismus hat Mangel. So kritisiert Durst, dass er „sehr unterschiedliche Texte zu einem Genre zusammenfasst und innerhalb dieser Gruppe auf jede weitere Differenzierung verzichtet."[24] Dem gegenuber steht die minimalistische Art der Genredefinition welche auch Durst selber vertritt. Demnach ist das ubernaturliche„Geschehen [...] auf zweierlei Weisen erklarbar, namlich zum einen in Beibehaltung naturwissenschaftlicher Gesetze, d.h. als Folge naturlicher Umstande; zum anderen durch Ursachen, die zur Naturwissenschaft im Widerspruch stehen."[25] Die phantastische Literatur basiert auf dem ungelosten Streit zweier inkompatibler Erklarungsweisen."[26] Durst hat zudem ein Diagramm entwickelt, welches darauf abzielte, das Todorovs zu ersetzen. Es basiert auf der „konventionsbedingten Antipolie zwischen einer Normrealitat (regulares System R) und einer Abweichungsrealitat (wunderbares System W). Es bezeichnet das Spektrum narrativer Realitatssysteme und formuliert eine Deviationspoetik der erzahlten Welt. Das Phantastische liegt auf der Spektrumsmitte (Nichtsystem N)[27]:

Abb. 1: Das narrative Spektrum[28]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das regulare System R hat uberwiegend realistischen Charakter, wahrend das System W als wunderbar eingestuft werden kann.

[...]


[1] Wild, Dr. Gerhard: Spanische Literatur. Aus der Reihe Kindler Klassiker. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2015. S.59 (Wild 2015, S.)

[2] El Contemporaneo war eine spanische Zeitung mit Redaktionssitz in Madrid die 1860 von dem Bankier Jose de Salamanca als Parteiorgan der Partido Moderado gegrundet wurde und bis 1865 bestand. http://hemerotecadigital.bne.es/details.vm?q=id:0003463474

[3] Wild 2015, S. 59

[4] Wild 2015, S.59 f.

[5] Die Rimas sind von Becquer verfasste Gedichte, die „in Anlehnung an [...] Petrarcas Canzoniere [...] zu einer fiktiven Liebesgeschichte angeordnet [sind]." Vgl. Wild 2015, S. 60

[6] Becquer, Gustavo Adolfo: Leyendas. Edicion, Prologo y notas de Joan Estruch. Con un estudio prel. de Russell P. Sebold. Critica, Barcelona 1994. S. 3 (Becquer 1994, S.)

[7] Wild 2015, S. 59

[8] Garcia-Vino, Manuel: Mundo y trasmundode las leyendas de Becquer.Editorial Gredos, Madrid, 1970. S.83. (Garda-Vino, S.)

[9] Becquer 1994, S. 115

[10] Becquer 1994, S. 116-118

[11] ebd. S. 118-121

[12] ebd. S. 121-123

[13] ebd. S. 123 f.

[14] Garcia-Vino, S.83

[15] Garcia-Vino, S.84

[16] Schweikle, Gunther; Burdorf, Dieter et al.: Phantastische Literatur in: Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Stuttgart, J.B. Metzler Verlag. 2007 S.581

[17] Durst, Uwe: Theorie der phantastischen Literatur. A. Francke Verlag, Tubingen und Basel, 2001. (Durst 2001, S.)

[18] ebd. S. 27

[19] ebd. S. 29

[20] ebd. S. 29

[21] ebd. S. 27

[22] Durst 2001, S. 35

[23] ebd. S. 35

[24] ebd. S. 35

[25] ebd. S. 37

[26] ebd. S. 37

[27] ebd. S. 89

[28] ebd. S. 89

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Über die Zugehörigkeit des Werkes "El monte de las ánimas" von Gustavo Adolfo Bécquer zum Genre der Phantastik
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Einführung in die spanische Literaturwissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V429216
ISBN (eBook)
9783668725379
ISBN (Buch)
9783668725386
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hispanistik, Becquer, El monte de las ánimas, Gustavo Adolfo Becquer, Spanische Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Tamara Breitbart (Autor), 2016, Über die Zugehörigkeit des Werkes "El monte de las ánimas" von Gustavo Adolfo Bécquer zum Genre der Phantastik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429216

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